Wenn man die Wissenschaftsgeschichte des Westens von 1571 bis heute durchgeht und systematisch fragt: Konnte ein Spitzen-Naturwissenschaftler öffentlich über das Bewusstsein, über metaphysische Tiefenstrukturen, über mediale oder paranormale Phänomene sprechen, ohne dass das seine Reputation beschädigte? – dann zeigt sich ein eigentümliches Muster. Bis ungefähr 1906 lautete die Antwort durchgängig ja; nach 1906 lautet sie ebenso durchgängig nein. Der Wechsel ist nicht durch eine neue experimentelle Datenlage erzwungen – die Mediumforschung war vor 1906 nicht „besser" als nach 1906, und die Quantenphysik des 20. Jahrhunderts hat die alten Fragen nicht gelöst, sondern in den Bewusstseins-Vordergrund gerückt. Der Wechsel ist institutionell. Er hat ein erstaunlich enges historisches Fenster (1906–1910), eine identifizierbare Schlüsselszene (Hugo Münsterbergs Palladino-Entlarvung 1909 als Distanzierungsritual der amerikanischen Psychologie von ihrer eigenen psychical-research-Wurzel) und eine bis heute wirksame Folgegeschichte. Dieser Beitrag fasst die zwölf Portraits unserer Reihe zu einer These zusammen: Das 1906er Pattern ist real, gut dokumentiert, nicht durch Daten erzwungen, und es wirkt fort.
Davor: vier Jahrhunderte einer anderen Wissenschaft (1571–1907)
Von Kepler bis Kelvin und William James konnten Spitzen-Naturwissenschaftler über fast vier Jahrhunderte hinweg ihre Physik, ihre Chemie, ihre Astronomie oder ihre Psychologie offen mit theologischen, alchemistischen, mediumistischen oder allgemein metaphysischen Bezügen verbinden, ohne dass eine der beiden Seiten institutionell beschädigt wurde. Sieben Fälle exemplarisch:
Kepler (1571–1630)
Hofastrologe in Prag bei Rudolf II. und später bei Wallenstein, Verfasser von rund 800 Horoskopen, Theoretiker einer reformierten geometrischen Astrologie (Tertius interveniens 1610), Verteidiger seiner Mutter im Hexenprozess von Leonberg (1615–1621). Und nebenbei: Entdecker der drei Planetengesetze. Im Selbstverständnis Keplers war beides ein Werk. Wolfgang Pauli hat 1952 die platonisch-archetypische Grundlage des keplerschen Programms im Detail rekonstruiert. [ausführliches Portrait]
Boyle (1627–1691)
Mitgründer der Royal Society, Autor des Boyleschen Gesetzes und der Sceptical Chymist. Zugleich: aktiver Alchemist im Brief-Netzwerk Newtons (Princeton-Studie Lawrence Principe, 1998), Sponsor mehrerer Bibelübersetzungen, Stifter der Boyle Lectures – einer christlich-apologetischen Vortragsreihe, die seit 1692 läuft und 2026 in ihr 334. Jahr geht. Erstaunlich: Ein Gründer der bedeutendsten Wissenschaftsakademie Europas hat sein Vermögen testamentarisch in Apologetik investiert. Im Standardbild der Chemiegeschichte erscheint das nicht. [ausführliches Portrait]
Newton (1642–1727)
Rund eine Million Wörter zur Alchemie und mehrere Millionen zur antitrinitarischen Theologie – mehr als zur Physik. Cambridge und die Royal Society haben diese Schriften nach seinem Tod 200 Jahre lang als not fit to be printed weggeschlossen. Erst die Sotheby's-Auktion 1936 (Keynes für die Alchemie, Yahuda für die Theologie) und Keynes' 1946er Vortrag „Newton, the Man" brachten sie zurück. Wichtig: Die Annahme einer Fernwirkung über den leeren Raum – das Herzstück der Principia – war für die cartesianische Mechanik unannehmbar; Newtons drei Jahrzehnte alchemistischer Arbeit hatten ihm das geistige Terrain dafür bereitet (Dobbs, The Janus Faces of Genius, 1991). Das Gravitationsgesetz ist nicht trotz Newtons Alchemie entstanden, sondern in einem Geist, der durch die Alchemie für unsichtbare, mathematisch beschreibbare Fernwirkungen geöffnet war. [ausführliches Portrait]
Faraday (1791–1867)
Entdecker der elektromagnetischen Induktion, Begründer des Feldbegriffs. Zugleich: dreimal Ältester der streng-biblizistischen Sandemanianer-Gemeinde in London. Seine Suche nach der Einheit der Naturkräfte (Elektrizität ↔ Magnetismus ↔ Licht ↔ Gravitation) war theologisch motiviert: Wenn der Schöpfer einer ist, muss die Schöpfung einheitlich sein. Geoffrey Cantor hat 1991 in der maßgeblichen wissenschaftshistorischen Monographie diese Verbindung detailliert nachgewiesen. Faraday lehnte 1853 ausdrücklich die Mitarbeit an chemischen Waffen für den Krim-Krieg ab; das ist Pflichtenethik direkt aus dem Glauben. [ausführliches Portrait]
Maxwell (1831–1879)
Erster Cavendish-Professor in Cambridge, Vater der Elektrodynamik. Lebenslang bekennender Presbyterianer der schottischen Free Church. Sein Encyclopaedia-Britannica-Artikel Atom (1875) argumentierte die kosmische Identität atomarer Spektren ausdrücklich als Schöpfungsbeweis. Sein Eranus-Vortrag 1873 wandte sich öffentlich gegen den mechanistischen Determinismus mit einem frühen Chaos-Argument. Maxwell verstand die Naturgesetze als Gedanken Gottes; die nach ihm benannten Gleichungen sind in dieser Lesart das experimentelle Aufspüren einer göttlichen Harmonie. Maxwells Dämon (1867/71) hat als Erster gezeigt, dass Information physikalisch real ist und dass Geist (Wahrnehmung, Speicherung, Entscheidung) eine direkte thermodynamische Wirkung hat – eine Linie, die zu Wigner, Beck-Eccles und Penrose-Hameroff führt. [ausführliches Portrait]
Kelvin (1824–1907)
Begründer der absoluten Temperaturskala, Mit-Formulierer des Zweiten Hauptsatzes, Royal-Society-Präsident 1890–1895, Adelsstand 1892, neben Newton in Westminster Abbey beigesetzt. Lebenslang aktiv in der Free Church of Scotland. Hielt 1903, mit 79 Jahren, an University College London einen vielbeachteten öffentlichen Vortrag gegen den naturwissenschaftlichen Materialismus („There is an unknown thing put before us in science. (…) We are absolutely forced by science to admit and to believe with absolute confidence in a Directive Power."). Vize-Präsident des christlich-apologetischen Victoria Institute. Wäre dieser Vortrag eine Generation später gehalten worden, hätte er Kelvin die Reputation gekostet. [ausführliches Portrait]
William James (1842–1910)
Begründer der amerikanischen akademischen Psychologie (Principles of Psychology 1890), Harvard-Professor 1872–1907. Zugleich: zweimal Präsident der britischen Society for Psychical Research (1894/95), Mitgründer der American Society for Psychical Research 1885, über 25 Jahre Hauptuntersucher der Bostoner Mediumin Leonora Piper – seinem berühmten „white crow". Sein Vermächtnis-Aufsatz The Final Impressions of a Psychical Researcher (American Magazine, Oktober 1909) endet mit der erstaunlichen Aussage, individuelle Bewusstseine seien wie „Inseln im Meer, deren Wurzeln sich im Dunklen verbinden" – einer Vorwegnahme der späteren post-1906-Positionen. [ausführliches Portrait]
Diese sieben Männer haben über vier Jahrhunderte hinweg an den jeweils prestigeträchtigsten Akademien der Welt (Royal Society, Pontifical Academy, Harvard, Glasgow, Cambridge, Trinity College Dublin) gewirkt. Ihre Arbeit ist im Schulbuch der Physik, Chemie und Psychologie heute Standard. Ihre andere Hälfte – Astrologie, Alchemie, Antitrinitarismus, Sandemanianismus, Schöpfungstheologie, Anti-Materialismus, Mediumforschung – ist aus dem Standardbild des 21. Jahrhunderts editorial gestrichen, ohne dass eine neue Datenlage diese Streichung erzwingt. Die ältere Selbstverständlichkeit ist verschwunden. Wann ist sie verschwunden?
Das enge Fenster: 1906–1910
Der Wechsel hat ein bemerkenswert enges historisches Datum-Fenster. Vier Ereignisse stechen heraus:
April 1906: Pierre Curies Tod in Paris
Pierre und Marie Curie hatten zwischen 1905 und 1906 in Paris am Institut Général Psychologique an einer Reihe ungewöhnlich sorgfältiger Sitzungen mit der italienischen Mediumin Eusapia Palladino teilgenommen. Pierre schrieb in einem Brief vom 24. Juli 1905 an den Physiker Louis Georges Gouy von „einem ganzen Gebiet neuer Tatsachen und physikalischer Zustände des Raumes". In einem seiner letzten Briefe an denselben Korrespondenten, nur wenige Tage vor seinem Tod im April 1906, zog er das wissenschaftliche Fazit:
„Diese Phänomene existieren wirklich, und es ist mir nicht mehr möglich, an ihnen zu zweifeln. (…) Hier liegt nach meiner Auffassung ein ganzer Bereich völlig neuer Tatsachen und physikalischer Zustände des Raumes vor, von denen wir keine Vorstellung haben."
— Pierre Curie an Georges Gouy, April 1906 (wenige Tage vor seinem Unfalltod), zitiert in der Psi Encyclopedia der Society for Psychical Research.
Pierre Curie bereitete in jenen Tagen eine systematische Publikation der Palladino-Befunde vor. Sein Tod am 19. April 1906 – ein paradigmatischer Verkehrsunfall mit einem Pferdefuhrwerk auf der Rue Dauphine in Paris – ist medizinisch und unfallhistorisch plausibel (Pierre Curie war durch chronische Strahlenkrankheit geschwächt). Wichtig ist die historische Wirkung, nicht eine Spekulation über die Ursache: Mit Curies Tod verliert die kontinentaleuropäische psi-Forschung ihren prominentesten lebenden Nobelpreisträger-Fürsprecher zu dem Moment, an dem er von „interessiert" in „systematische Publikationsabsicht" gewechselt war – belegt nicht durch Spekulation, sondern durch den eigenhändigen Brief weniger Tage zuvor. Marie distanzierte sich danach allmählich von dem Themenfeld. [ausführliches Portrait]
Dezember 1907: Lord Kelvin in Largs
Kelvin stirbt am 17. Dezember 1907 in seinem Landhaus bei Largs, 83 Jahre alt. Sein Begräbnis in Westminster Abbey neben Newton war eines der größten wissenschaftlichen Staatsbegräbnisse des frühen 20. Jahrhunderts. Mit ihm verlässt der prominenteste öffentlich theistisch sprechende britische Physik-Patriarch die Bühne. Die UCL-Rede von 1903 („Directive Power") wäre, hätte ein Lebender mit Kelvins Statur sie 1920 gehalten, eine andere Sache geworden.
1909: Münsterbergs Palladino-Entlarvung – die Schlüsselszene
Im Winter 1909, in New York und Boston, inszeniert Hugo Münsterberg (1863–1916) – William James' eigener, von ihm 1892 nach Harvard berufener und über zehn Jahre lang protegierter deutscher Schüler – eine öffentliche „Entlarvung" Eusapia Palladinos als Betrügerin. Der wissenschaftshistorische Befund (Andreas Sommer, History of the Human Sciences 25/2, 2012, basierend auf seiner UCL-Dissertation 2013) ist klar: Die Münsterbergsche Inszenierung war methodisch fragwürdig – wesentliche Kontrollen fehlten, Palladino wurde unter Bedingungen geprüft, in denen sie selbst zuvor nie produktiv gewesen war, und Münsterberg hatte am Inszenierungs-Charakter selbst persönlich-strategisches Interesse. Aber sie war politisch erfolgreich. Münsterberg lieferte der amerikanischen akademischen Psychologie das öffentliche Distanzierungs-Ritual, das ihre institutionelle Abkopplung von der psychical-research-Wurzel symbolisch markierte.
Das ist die methodisch klarste verfügbare Mikro-Studie des 1906er Patterns. Der Bruch ist nicht durch eine neue experimentelle Lage erzwungen; er ist von einem konkret benennbaren Akteur, mit nachprüfbaren methodischen Schwächen, aus einer institutionellen Eigeninteressen-Lage heraus durchgesetzt worden. Und – das macht es biographisch besonders eindringlich – er ist durch den eigenen Schüler des Mannes durchgesetzt worden, der die andere Tradition verkörperte. Sohn gegen Vater. Andreas Sommers Rekonstruktion ist hier zentral: ohne sie wäre der Bruch eine vage zeitgeschichtliche Beobachtung; mit ihr ist er ein dokumentiertes institutionelles Ereignis. [Hintergrund in Mediumschaft und Macht]
August 1910: William James in Chocorua
William James stirbt am 26. August 1910 in seinem Sommerhaus in Chocorua, New Hampshire, an Herzleiden, 68 Jahre alt. Er hat das Münsterberg-Spektakel in den letzten zehn Lebensmonaten erlebt und in Briefen kommentiert. Sein Vermächtnis-Aufsatz vom Oktober 1909 ist auch eine indirekte Antwort darauf. Mit seinem Tod ist das amerikanische Fenster geschlossen.
Was das Fenster zusammenhält
Innerhalb von vier Jahren und vier Monaten – April 1906 bis August 1910 – verlassen die drei wichtigsten Brückenfiguren zwischen Spitzen-Naturwissenschaft und nicht-materialistischer Wirklichkeitsbeschreibung die Bühne (Curie, Kelvin, James), und das wirksamste institutionelle Distanzierungsritual wird in Harvard und New York durch James' eigenen Schüler vollzogen. Die ältere Generation kann diese Verbindung biographisch nicht mehr verteidigen; die nächste Generation kann sie institutionell nicht mehr aufnehmen. Das ist das 1906er Pattern in seiner historischen Konzentration.
Nach 1906: drei Mechanismen der Marginalisierung
Nach 1906 verschwindet die ältere Selbstverständlichkeit der Verbindung von Spitzenforschung und Bewusstseinsforschung nicht auf einmal. Sie verschwindet in drei verschiedenen, gut unterscheidbaren Formen, je nach Generation und Disziplin.
Mechanismus 1: Editorial-trennende Rezeption
Der Wissenschaftler publiziert weiterhin offen. Aber die akademische Rezeption trennt sein Werk in zwei Hälften: „die echte Physik" einerseits, „die spätere Philosophie" oder „das private Spätwerk" andererseits. Die Hälften werden von verschiedenen Disziplinen rezipiert; in den Physik-Lehrbüchern erscheint nur die erste. Klassisch: Schrödinger (What is Life? 1944 und Mind and Matter 1958 erscheinen bei Cambridge University Press, werden aber von der Vedanta-Hälfte abgetrennt rezipiert), Bohm (Hidden Variables 1952 und implicate order 1980 werden vom Aharonov-Bohm-Effekt 1959 abgetrennt), Eccles (Nobel-Synapsen-Werk und Beck-Eccles-Quantenmodell PNAS 1992 werden voneinander getrennt). Plus Planck als Pivot-Fall der gesamten Reihe: das Wirkungsquantum 1900 steht im Lehrbuch, das Observer-Interview vom 25. Januar 1931 („I regard consciousness as fundamental") und der Baltikum-Vortrag Religion und Naturwissenschaft 1937 (Druckschrift bei Barth Leipzig in vier Auflagen) werden nur in religions- und wissenschaftsphilosophischen Spezialspuren rezipiert. Planck zeigt, dass das Pattern auf der Empfangsseite der Wissenschaftskommunikation operiert – auf Curriculum, Lehrbuch, Standardzitation –, nicht auf der Produktionsseite. Er hat seine Position öffentlich gesagt; sie wurde nur nicht transportiert.
Mechanismus 2: Bagatellisierung der Reichweite
Die metaphysische Hälfte wird nicht editorial entfernt. Sie wird im Kanon mit-zitiert – aber ihre Reichweite wird systematisch dimmer interpretiert. Klassisch: Heisenberg (die platonische Form-Lesart der Elementarteilchen wird als „rhetorische Figur" gelesen, die zentrale Ordnung als „literarische Metapher"), Penrose (Orch-OR ist seit 1996 peer-reviewed publiziert und seit 2014 experimentell teilweise gestützt – wird im Mainstream als „Penroses spekulative Nebenarbeit" gerahmt, obwohl der Mann 2020 den Physik-Nobel bekommen hat). Die Texte sind da; die Schubkraft der Texte wird gedimmt.
Mechanismus 3: Privatraum und Code-Sprache
Der Wissenschaftler entwickelt für die Öffentlichkeit ein Code-Vokabular und behält die offenere Sprache der Briefkorrespondenz vor. Klassisch: C. G. Jung (das „kollektive Unbewusste" und „Synchronizität" sind öffentliche Code-Begriffe für das, was er im privaten Briefwechsel mit Pauli ausdrücklicher behandelt), Pauli (der unus mundus erscheint erst in dem von Karl von Meyenn herausgegebenen Briefwerk 1979–2005 in voller Breite), Wigner (das Bewusstseins-Argument bleibt auf wenige zentrale Aufsätze beschränkt), Dürr (öffentlich klar erst in den letzten zwei Lebensjahrzehnten), Josephson (Cavendish-Forschungsprogramm „Mind-Matter Unification" mit Royal-Mail-Skandal 2001).
Eine vierte, härtere Variante: direkte institutionelle Aktion
In Ausnahmefällen wirkt der Mechanismus nicht editorial, sondern unmittelbar institutionell: Förderung wird gestrichen, Stellen werden verloren, das Strafrecht wird aktiviert. Walter von Lucadou verliert 2019 die Förderung der Parapsychologischen Beratungsstelle in Freiburg (Rückforderung 247.600 Euro, vom Verwaltungsgericht Freiburg 2023 vollumfänglich aufgehoben). David Bohm verliert 1951 nach Verweigerung der HUAC-Aussage seine Princeton-Stelle (drei Jahrzehnte fachliche Marginalisierung, parallel zur McCarthy-Karriere-Vernichtung). Helen Duncan wird 1944 in Großbritannien noch unter dem Witchcraft Act von 1735 verurteilt – das letzte derartige Urteil der britischen Justizgeschichte (siehe Mediumschaft und Macht).
Was es nicht ist
Es ist nicht eine Verschwörung
An keiner Stelle dieser Pattern-Reihe steht ein koordiniertes Vorgehen. Münsterberg 1909 in New York, das deutsche Kultusministerium 2019 in Stuttgart, J. Edgar Hoovers FBI 1949 in Washington, die anonymen Peer-Reviewer am American Psychologist 2018 sind nicht miteinander verbunden. Das Pattern ist nicht geplant; es ist eine institutionelle Pfadabhängigkeit, die einmal in Gang gesetzt sich selbst reproduziert. Die Reihe argumentiert nicht für eine Verschwörung, sondern gegen die Behauptung, der heutige Mainstream-Konsens sei rein datengetrieben.
Es ist nicht religiöser Bias
Die Reihe ist deshalb mehrheitlich theistisch-christlich besetzt, weil das im westlichen Wissenschaftskontext 1571–1907 die selbstverständliche Sprache war. Aber sie ist nicht religiös definiert. Drei klare Gegenbeispiele: Penrose (Atheist/Agnostiker, mathematischer Platoniker, Quanten-Bewusstseins-Theoretiker), Schrödinger (vedischer Hindu-Advaita-Position, nicht christlich), Bohm (jüdischer Familienhintergrund, drei Jahrzehnte mit Krishnamurti, säkulare Hidden-Variables-Position). Die gemeinsame Klammer der Reihe ist nicht ein konfessionelles Bekenntnis. Sie ist die Verweigerung der materialistischen Reduktion – auch in ihrer säkular-mathematischen Form.
Es ist nicht durch neue Daten erzwungen
Mehrere unabhängige Befunde stehen heute öffentlich auf dem Tisch, die das Mainstream-Bild nicht stützen:
- Etzel Cardeña publizierte 2018 im American Psychologist (Flaggschiff-Journal der APA) die Übersichtsarbeit „The experimental evidence for parapsychological phenomena: A review" mit dem Befund, die Evidenz sei mit der für etablierte psychologische Phänomene vergleichbar. Cardeña hat öffentlich gesagt, dieser eine Aufsatz sei der am schwierigsten zu publizierende seiner mehr als 300-Veröffentlichungen-Karriere gewesen. Das ist Publikationswiderstand, nicht Datenlücke.
- Bohmsche Mechanik ist seit den 1990er Jahren als mathematisch saubere, mit allen experimentellen Ergebnissen verträgliche Interpretation der Quantenmechanik anerkannt (Dürr, Goldstein, Zanghì). Die loopholefreien Bell-Experimente ab 2015 haben die Position weiter gestärkt.
- Hameroff-Mikrotubuli-Befunde (Bandyopadhyay 2014, Anästhesie-Studien 2022–2025) haben Tegmarks 2000er Dekohärenz-Einwand gegen Orch-OR teilweise entkräftet.
- Die Rutherford-Korrektur von Kelvins Erdalter-Argument 1904 ist ein Lehrstück: Kelvins Schluss war innerhalb seiner Datenlage methodisch sauber; die fehlende Variable (radioaktive Wärme) war seinerzeit unbekannt. Die spätere Korrektur entwertete die Methode nicht – sie zeigte nur, dass das Datenset unvollständig war. Diese epistemologische Demut sollte jeder „die Daten sind doch eindeutig"-Argumentation entgegengehalten werden.
- Penroses Nobelpreis 2020 ist die institutionelle Anerkennung eines lebenden Physikers, der seit 30 Jahren öffentlich eine Quanten-Theorie des Bewusstseins vertritt. Die Orch-OR-Hälfte seines Werks wird im Nobelpreis-Vortrag 2020 nicht offiziell mit-geehrt, aber die wissenschaftliche Statur des Vertreters ist nicht abstreitbar.
Was es ist: institutionelle Pfadabhängigkeit
Das Pattern ist am genauesten als institutionelle Pfadabhängigkeit zu beschreiben. Eine kleine Anzahl personell-konkreter Weichenstellungen zwischen 1906 und 1910 hat eine Spur in die Institutionen gelegt; jede nachfolgende Generation hat diese Spur durch ihre redaktionellen, kuratorischen und peer-review-Entscheidungen reproduziert. Andreas Sommer hat das in seiner UCL-Dissertation 2013 als „politische, philosophische und religiöse Sorgen, nicht wissenschaftliche Arbeit" rekonstruiert. Das ist nicht eine Verschwörung, aber es ist auch nicht „die Daten haben es gezeigt".
Mit dieser Beschreibung lässt sich die historische Frage klar formulieren: Wie wäre die heutige Bewusstseinsforschung beschaffen, wenn die Institutionen die ältere Tradition nicht abgebrochen hätten? Welche Forschungslinien wären inzwischen routiniert wissenschaftlich bearbeitet, die heute Hobbyforscher- und Außenseiter-Status haben? Welche Befunde wären inzwischen experimentell verfestigt, die heute als „kontrovers" rangiert werden? Wir wissen es nicht. Aber die historische Evidenz erlaubt die Frage zu stellen, ohne in Verschwörungsdenken oder Wissenschaftsfeindlichkeit zu verfallen.
Heute: das Pattern wirkt weiter
Die These dieses Beitrags ist nicht, dass das Pattern eine Episode war. Die These ist, dass es bis ins 21. Jahrhundert weiterwirkt – mit demselben Mix aus den vier Mechanismen. Vier zeitgenössische Belegfälle:
- 2018: Cardeña im American Psychologist. Ein methodisch sauber arbeitender Lund-Professor mit einem Thorsen-Lehrstuhl liefert eine Mainstream-Übersicht. Publiziert mit größtem Widerstand. Mechanismus: Publikationsbarriere.
- 2019: Lucadou-Förderung gestrichen. Die einzige staatlich geförderte deutschsprachige Parapsychologie-Beratungsstelle (über 30 Jahre, jährlich ~83.000 €) wird durch eine interministerielle Arbeitsgruppe stillgelegt; 247.600 € Rückforderung folgen 2021. Verwaltungsgericht Freiburg hebt 2023 alle Rückforderungsbescheide vollumfänglich auf. Mechanismus: direkte institutionelle Aktion. [Lucadou-Portrait]
- 2020: Penrose-Nobelpreis. Auszeichnung für die Singularitäten-Theoreme – mit ausdrücklicher Aussparung der Orch-OR-Hälfte. Penrose nimmt den Preis öffentlich an, ohne die Orch-OR-Position aufzugeben. Mechanismus: Bagatellisierung der Reichweite. [Penrose-Portrait]
- Bohmsche-Mechanik-Renaissance ab 1990er. Dürr, Goldstein, Zanghì führen die mathematische Bohm-Mechanik als seriöses Forschungsprogramm. Bohms implicate order und seine Krishnamurti-Dialoge werden weiter editorial getrennt rezipiert. Mechanismus: editorial-trennende Rezeption.
Das Pattern ist nicht überwunden, aber es zeigt Risse. Die methodologische Sichtbarkeit der Bewusstseinsforschung im 21. Jahrhundert ist eine andere als 1960 – und sie nähert sich, ohne dass es so genannt wird, der Situation an, die William James 1900 für selbstverständlich hielt.
Was folgt daraus?
Dieser Beitrag möchte nicht die Wissenschaftsgeschichte umschreiben. Er möchte zwei Lese-Empfehlungen abgeben:
- Erstens: Lies die historischen Figuren im Original, nicht im Lehrbuch. Kepler ohne den Tertius interveniens, Newton ohne die Theologie und Alchemie, Maxwell ohne den Atom-Artikel von 1875 und den Eranus-Vortrag 1873, Faraday ohne die Sandemanianer-Predigten, Kelvin ohne die 1903er UCL-Rede, William James ohne die Final Impressions 1909 sind editorial verkürzte Konstruktionen. Die Originale sind heute alle online oder in kritischen Editionen verfügbar.
- Zweitens: Lass „nicht-Mainstream-Konsens" nicht als „widerlegt" missverstehen. Cardeñas 2018-Arbeit ist nicht widerlegt, sie wurde mit Mühe publiziert. Orch-OR ist nicht widerlegt, sie wird marginalisiert. Bohms Hidden Variables sind nicht widerlegt, sie wurden vier Jahrzehnte nicht rezipiert. Die Behauptung „das ist doch alles erledigt" ist nicht eine Aussage über die Datenlage, sondern eine Aussage über die institutionelle Rezeption. Das sind verschiedene Dinge.
Das 1906er Pattern ist real. Es ist gut dokumentiert. Es ist nicht durch Daten erzwungen. Es wirkt weiter. Und es ist – das ist die methodisch wichtigste Pointe der ganzen Reihe – an seinem Anfang konkret in einer biographischen Mikro-Studie nachweisbar: an Hugo Münsterbergs Inszenierung gegen Eusapia Palladino in New York und Boston 1909, gerade rechtzeitig, um die institutionelle Distanzierung der akademischen Psychologie von der Tradition ihres eigenen Gründers William James zu vollziehen, einen Monat vor dessen Vermächtnis-Aufsatz und zehn Monate vor seinem Tod. Wenn das die Geschichte ist, dann ist die Frage, ob es wissenschaftlich seriös ist, sich heute mit Bewusstsein, Mediumschaft, Nahtoderfahrung, Quanten-Mind-Brain-Interaktion und ähnlichen Themen zu beschäftigen, eine institutionsgeschichtlich beantwortbare Frage – und nicht eine, die mit einem reflexhaften „das ist doch alles längst widerlegt" erledigt wäre.
Die Reihe im Überblick
Dieser Beitrag stützt sich auf zwölf vorgängige Portrait-Blogs der Reihe:
- Vor 1906 (sechs Fälle): Kepler · Boyle · Newton · Faraday · Maxwell · Kelvin
- Brückenfall: William James
- 1906er Watershed: Curie/Palladino · Mediumschaft und Macht (Münsterberg, Sommer)
- Nach 1906 – editorial getrennt rezipiert: Schrödinger · Bohm · Eccles · Planck
- Nach 1906 – in der Reichweite bagatellisiert: Heisenberg · Penrose
- Nach 1906 – Privatraum und Code-Sprache: Jung · Pauli · Wigner · Dürr · Josephson
- Direkte institutionelle Aktion (Gegenwart): Lucadou (2019)
- Kanonische Gegenfigur (ungefiltert, weil keine Bewusstseins-/Religionsseite): Dirac
Quellen
- Andreas Sommer: Crossing the Boundaries of Belief. Geographies of Knowledge between Psychical Research and Psychology, 1860s–1930s. PhD diss., University College London 2013 – die maßgebliche wissenschaftshistorische Rekonstruktion der institutionellen Trennung.
- Andreas Sommer: Psychical research and the origins of American psychology: Hugo Münsterberg, William James and Eusapia Palladino. History of the Human Sciences 25/2, 2012, S. 23–44 – die Detail-Studie zur Münsterberg-Inszenierung 1909.
- Etzel Cardeña: The experimental evidence for parapsychological phenomena: A review. American Psychologist 73/5, 2018 – die Mainstream-Übersichtsarbeit.
- Geoffrey Cantor: Michael Faraday: Sandemanian and Scientist. Macmillan 1991.
- Betty Jo Teeter Dobbs: The Janus Faces of Genius. The Role of Alchemy in Newton's Thought. Cambridge University Press 1991.
- Lawrence M. Principe: The Aspiring Adept. Robert Boyle and His Alchemical Quest. Princeton University Press 1998.
- Crosbie Smith & M. Norton Wise: Energy and Empire. A Biographical Study of Lord Kelvin. Cambridge University Press 1989.
- Walter Moore: Schrödinger. Life and Thought. Cambridge University Press 1989.
- F. David Peat: Infinite Potential. The Life and Times of David Bohm. Addison-Wesley 1997.
- Robert D. Richardson: William James. In the Maelstrom of American Modernism. Houghton Mifflin 2006.
- John Hedley Brooke: Science and Religion. Some Historical Perspectives. Cambridge University Press 1991.
- Peter J. Bowler: Reconciling Science and Religion. The Debate in Early-Twentieth-Century Britain. University of Chicago Press 2001.
- Hauptquellen jeweils im Originalblog dokumentiert (Querverweise oben).
