C. G. Jung und die Mediumschaft – von Helly Preiswerk zur Tiefenpsychologie

Veröffentlicht am 2026-05-15 · 11 Min. Lesezeit

Carl Gustav Jung (1875–1961) war kein nachträglicher Esoteriker. Seine gesamte psychiatrische Karriere begann mit der akribischen Beobachtung einer 15-jährigen Mediumin: seiner Cousine Helene „Helly" Preiswerk. Aus den Sitzungsprotokollen wurde 1902 seine Basler Doktorarbeit – und aus deren Befunden später die Theorie der Komplexe, des kollektiven Unbewussten und der Archetypen. Ohne Mediumschaft, sagte Jung selbst, gäbe es die Analytische Psychologie in ihrer heutigen Form nicht.

Eine Familie an der Grenze zur Geisterwelt

Jung wuchs in einer Familie auf, in der das Paranormale Alltag war. Seine Mutter Emilie Preiswerk berichtete von nächtlichen Geisterbesuchen. Ihr Vater Samuel Preiswerk – Theologieprofessor und Antistes der Basler reformierten Kirche – war so überzeugt von der Realität spiritueller Erscheinungen, dass die kleine Emilie sich als Kind hinter ihn setzen musste, während er seine Predigten schrieb: damit der Teufel ihm nicht über die Schulter schauen könne. Diese Atmosphäre prägte den jungen Carl Gustav lange, bevor er einen einzigen Patienten gesehen hatte.

Zwei unerklärliche Vorfälle im Elternhaus (1898)

Im Sommer 1898, Jung war 23 und Medizinstudent in Basel, erlebte er zuhause zwei Vorfälle, die ihn wissenschaftlich nicht mehr losließen. Ein massiver, alter Esstisch sprang mit einem lauten Knall durch die ganze Platte hindurch – ohne erkennbaren Anlass, ohne Temperatursprung. Wenige Wochen später zerbarst ein Brotmesser im verschlossenen Schrank in mehrere, sauber getrennte Stücke. Jung ließ das Messer von einem Werkzeugmacher untersuchen; die Antwort lautete, eine konventionelle Erklärung gebe es nicht. Diese beiden Poltergeist-Vorfälle, wie er sie selbst nannte, waren der unmittelbare Anstoß, sich dem Thema medizinisch-wissenschaftlich zu nähern.

Die Séancen mit Helly Preiswerk (1894–1899)

Jung initiierte ab Mitte der 1890er Jahre einen kleinen Sitzungs-Kreis im Familienumfeld: Gläserrücken, Tischrücken, später Trance. Im Zentrum stand seine Cousine mütterlicherseits, Helene Preiswerk – „Helly", bei Beginn etwa 15 Jahre alt. Jung war kein passiver Beobachter. Er protokollierte mit der Akribie eines Mediziners, dokumentierte Stimmen, Trance-Persönlichkeiten und Inhalte, ließ andere Beobachter dazukommen.

Helly sprach in Trance als eine reifere, würdevolle Frau, die sich selbst „Ivenes" nannte – mit anderem Wortschatz, anderer Diktion und einer Familiengeschichte, die mit Hellys bürgerlichem Alltag wenig zu tun hatte. Daneben traten weitere Trance-Persönlichkeiten auf, manche mit eigenen Stimmen und biographischen Details. Genau diese Beobachtung – dass eine einzige Person mehrere kohärente, in sich geschlossene Persönlichkeiten manifestieren kann – wurde später Jungs lebenslanges Forschungsmotiv.

Die Dissertation 1902

Aus diesen Protokollen wurde 1902 Jungs medizinische Doktorarbeit an der Universität Basel: Zur Psychologie und Pathologie sogenannter occulter Phänomene. Im selben Jahr trat er seine Stelle in der Psychiatrischen Klinik Burghölzli unter Eugen Bleuler an. Aus Diskretionsgründen anonymisierte er Helly als „Fräulein S. W." und veränderte familiengeschichtliche Details, um ihre Identität in der überschaubaren Basler Gesellschaft zu schützen.

Methodisch ist die Arbeit erstaunlich modern: Sitzungs-Datum, beobachtetes Phänomen, Inhalt, Hypothese – Spalte für Spalte. Inhaltlich war die Dissertation ein Bruch mit zwei Lagern gleichzeitig.

Was Jung dort beobachtete – und wie er es deutete

Gegen die klassischen Spiritisten: Jung behauptete nicht, dass die Stimmen aus Hellys Trance authentische Verstorbene seien. Gegen die rein materialistische Psychiatrie seiner Zeit: Er behauptete aber auch nicht, dass es Schwindel sei. Was sich in der Trance manifestierte, las er als autonome Teil-Persönlichkeiten der eigenen Psyche – „Komplexe", die so eigenständig, so geschlossen und manchmal so reifer auftraten, dass sie sich für die Beteiligten anfühlen mussten wie Geister.

Das war die Geburtsstunde mehrerer späterer Konzepte:

  • Der Komplex-Begriff als zentrale Einheit der Tiefenpsychologie.
  • Die „mythopoetische" Kraft des Unbewussten – die These, dass die Psyche eigenständige Figuren erschaffen kann.
  • In Embryonalform: die spätere Theorie des kollektiven Unbewussten und der Archetypen (Anima, Animus, Schatten, Selbst).
„Die Geister, die ein Medium zu hören meint, sind in Wirklichkeit autonome Teilseelen des eigenen Unbewussten – aber das macht sie nicht weniger real."

1913 ff.: Jung wird zum eigenen Medium

Nach dem Bruch mit Sigmund Freud (1913) führte Jung eine intensive Phase von Selbstexperimenten durch: bewusst herbeigerufene innere Bilder, Stimmen, Dialoge. Aus diesen Sitzungen mit sich selbst entstanden die Gestalten, die seine späten Werke prägen – Philemon, Salome, Elia. Sonu Shamdasani, der Herausgeber des Roten Buches (Liber Novus, 2009), liest diese Phase als unmittelbare Fortsetzung der Helly-Protokolle: Jung machte jetzt selbst, was er der Cousine zwei Jahrzehnte zuvor protokolliert hatte – nur dass er bei vollem Bewusstsein blieb und das Verfahren später aktive Imagination nannte. Das Rote Buch ist die kalligrafisch und malerisch ausgearbeitete Fassung dieser inneren Reisen.

1916: Die „Septem Sermones ad Mortuos"

Im Januar 1916 berichtete Jung von einer eigentümlichen Atmosphäre in seinem Haus in Küsnacht. Es sei „voller Geister" gewesen, die ganze Familie habe es gespürt, Türen hätten geschlagen, eine drückende Spannung habe alle Räume erfüllt. Erst als Jung sich hingesetzt und zu schreiben begonnen habe, sei die Atmosphäre verschwunden. Das Resultat waren die Septem Sermones ad Mortuos – „Sieben Reden an die Toten", ein gnostischer Text in altsprachlicher Diktion. Jung hat das Ereignis später selbst als reale paranormale Erfahrung beschrieben, nicht als Bild oder Allegorie.

Die spätere Haltung: gemessene Offenheit

Jung blieb sein Leben lang sorgfältig zweigleisig. Öffentlich erklärte er paranormale Phänomene meist psychologisch: als „Exteriorisierungen" unbewusster Komplexe, als Manifestationen des kollektiven Unbewussten. Privat schrieb er später, er habe so viele paranormale Phänomene erlebt, dass er „von ihrer Realität überzeugt" sei – nur sei der wissenschaftliche Beweis schwer zu führen.

Die späte Theorie der Synchronizität (gemeinsam mit dem Physiker Wolfgang Pauli ab Ende der 1940er Jahre entwickelt) ist Jungs Versuch, diese Spannung in einen begrifflichen Rahmen zu fassen: nicht-kausale, aber sinnhafte Zusammenhänge zwischen Psyche und Welt. Sie ist eine konsequente Verlängerung der Linie, die er 1902 mit Helly Preiswerk eröffnet hatte.

Die Kritik der Familie

1975 erschien das Buch C. G. Jungs Medium. Die Geschichte der Helly Preiswerk von Stefanie Zumstein-Preiswerk – einer Verwandten. Die Kernkritik: Jung habe die spiritistische Seite seiner Cousine zu schnell pathologisiert, die Bedeutung der Phänomene zu früh in ein psychologisches Modell überführt und Helly damit auch persönlich beschädigt. In der überschaubaren Basler Gesellschaft galt sie nach Erscheinen der Dissertation als „die Geisteskranke aus der Verwandtschaft". Helly Preiswerk starb 1911 mit nur 30 Jahren. Diese Kritik gehört zum Bild; ohne sie ist Jungs Verhältnis zur Mediumschaft nicht vollständig erzählt.

Warum Jung für die Mediumschaft wichtig ist

  • Akademische Anerkennung als Forschungsgegenstand. Mit Jung wurde Mediumschaft im deutschsprachigen Raum erstmals systematisch an einer medizinischen Fakultät behandelt – nicht als Esoterik, sondern als Datenmaterial.
  • Brücke statt Frontlinie. Jung blieb zwischen Spiritismus und Materialismus stehen und hat damit die Sprache geschaffen, in der man heute überhaupt über das Thema reden kann: Komplex, Archetyp, Synchronizität, kollektives Unbewusstes.
  • Tiefenpsychologie aus dem Séance-Protokoll. Ohne Helly Preiswerk keine Analytische Psychologie in ihrer heutigen Form. Jung selbst hat das wiederholt gesagt.
  • Anschluss an spätere Forschung. Die Linie führt von Jung weiter zur experimentellen Forschung der Gegenwart – siehe unsere Beiträge zu Gary Schwartz / VERITAS, Julie Beischel / Windbridge und der Tressoldi-Meta-Analyse.

Wer den biographischen Rahmen breiter verstehen will, findet ihn in unserem Beitrag zur Mediumschaft in der Schweiz – dort steht Jung neben Paracelsus und der alten alpinen Heiltradition als der akademische Brückenkopf des 20. Jahrhunderts.

Quellen

  • C. G. Jung: Zur Psychologie und Pathologie sogenannter occulter Phänomene. Dissertation, Universität Basel 1902 (online verfügbar).
  • C. G. Jung: Erinnerungen, Träume, Gedanken. Aufgezeichnet und herausgegeben von Aniela Jaffé, Rascher Verlag, Zürich 1962 – darin u. a. der Bericht über die Vorfälle von 1898 und die Sermones-Episode 1916.
  • C. G. Jung: Liber Novus. Das Rote Buch. Hrsg. und kommentiert von Sonu Shamdasani, W. W. Norton / Patmos 2009.
  • Stefanie Zumstein-Preiswerk: C. G. Jungs Medium. Die Geschichte der Helly Preiswerk. Kindler, München 1975.
  • Sonu Shamdasani: Jung and the Making of Modern Psychology. The Dream of a Science. Cambridge University Press, 2003.