Es gibt eine wiederkehrende Frage in der Geschichte der medialen Forschung: Warum bleibt sie bis heute akademisch und öffentlich randständig – obwohl die Studienlage, wie wir sie in dieser Reihe von Schwartz über Beischel bis zur Meta-Analyse von Tressoldi besprechen, eigentlich solide ist? Eine wiederkehrende Vermutung lautet: Mediale Wahrnehmung könnte für Mächtige unbequem sein. Wer durchschaut wird, möchte eher nicht durchschaut werden. Diese These ist groß und schnell zu groß. Aber es gibt zwei dokumentierte historische Stränge, die zeigen, dass mediale Forschung mehrfach in den Blick staatlicher und akademischer Macht geraten ist – und zwar mit nüchtern überprüfbarer Aktenlage.
1. Helen Duncan und das Witchcraft-Urteil 1944
Im November 1941 hielt die schottische Mediumin Helen Duncan in Portsmouth eine Séance ab. Die Mutter eines vermissten Marinesoldaten war anwesend. Helen Duncan teilte ihr mit, ihr Sohn sei tot – und nannte das Schiff: HMS Barham. Das Problem: Die Versenkung der HMS Barham im Mittelmeer war zu diesem Zeitpunkt streng geheim. Nur die Familien der Gefallenen waren vertraulich informiert worden. Öffentlich bekanntgegeben wurde der Untergang erst Ende Januar 1942. Die britische Marine wurde aufmerksam.
Drei Jahre später, im Januar 1944 – wenige Monate vor dem Beginn der alliierten Invasion in der Normandie –, wurde Helen Duncan bei einer Séance verhaftet. Angeklagt wurde sie unter dem Witchcraft Act von 1735, einem mehr als 200 Jahre alten Hexerei-Gesetz. Die Marine fürchtete laut Aktenlage, sie könnte Details der bevorstehenden D-Day-Pläne preisgeben. Helen Duncan wurde zu neun Monaten Haft verurteilt und war damit die letzte Person in Großbritannien, die unter dem Witchcraft Act von 1735 ins Gefängnis kam.
Bemerkenswert ist die Reaktion Winston Churchills. In einem Brief an Innenminister Herbert Morrison nannte Churchill den Prozess „obsolete tomfoolery" – obsolete Albernheit. Selbst dem Kriegspremier war peinlich, was hier in seinem Land im Kriegsjahr verhandelt wurde. 1951 wurde der Witchcraft Act 1735 endgültig abgeschafft und durch den Fraudulent Mediums Act ersetzt. Aber Helen Duncans posthume Begnadigung ist bis heute nicht erfolgt: Petitionen wurden 2001, 2008 und 2012 vom Schottischen Parlament abgelehnt.
Was dieser Fall dokumentiert, ist nicht weniger als bemerkenswert: Ein moderner Staat hat in Kriegszeiten ein 200 Jahre altes Hexerei-Gesetz reaktiviert, um eine Mediumin aus dem Verkehr zu ziehen, deren mediale Genauigkeit als militärisches Sicherheitsrisiko eingestuft wurde. Mehr Beleg für „dieser Staat hat Mediumschaft ernst genug genommen, um sie zu bekämpfen" lässt sich kaum vorstellen.
2. Das CIA-Stargate-Programm: 23 Jahre, dann 12 Millionen Seiten
Auf der anderen Seite des Atlantiks – und auf der anderen Seite der Bewertung – lief von 1972 bis 1995 ein US-Programm, das nicht versuchte, Medien zu unterdrücken, sondern sie für Geheimdienstzwecke zu nutzen. Das Programm trug nacheinander die Codenamen Gondola Wish, Grill Flame, Center Lane, Sun Streak und schließlich Star Gate. Beteiligt waren CIA, DIA, Army Intelligence – und das renommierte Stanford Research Institute (SRI) unter den Physikern Russell Targ und Harold Puthoff.
Die Methode hieß Remote Viewing: Auswählte Personen wurden gebeten, mit nichts als geographischen Koordinaten (oder noch weniger) Informationen über Orte, Personen oder Objekte zu liefern, die sie auf normalem Weg nicht kennen konnten. Berichtet wurden – etwa durch den ehemaligen Programm-Direktor Edwin May und durch Joe McMoneagle – wiederholt operative Erfolge: das Auffinden eines abgestürzten sowjetischen Bombers in Afrika, Hinweise zu Geiseln, Beobachtungen sowjetischer Anlagen.
1995 wurde das Programm offiziell beendet. Die Begründung lautete, ein vom Kongress beauftragter Bericht der American Institutes for Research habe Remote Viewing als operativ unbrauchbar bewertet. Hinter dieser Schließung wartete jedoch eine Tatsache, die erst 2017 sichtbar wurde: Die CIA gab unter dem Druck einer Klagewelle rund 12 Millionen Seiten Akten frei – heute komplett im CIA Reading Room einsehbar.
Wenn das Programm wirklich wertlos gewesen wäre – warum hat es 23 Jahre lang Mittel bekommen, über fünf US-Präsidentschaften hinweg, im Wettbewerb mit parallelen Programmen in der Sowjetunion und China?
Diese Frage ist offen. Sie ist aber genau deshalb relevant, weil die Existenz des Programms nicht mehr bestreitbar ist. Wer heute behauptet, mediale bzw. psi-Wahrnehmung sei wissenschaftlich erledigt, übersieht: Der größte Geheimdienst der westlichen Welt hat über zwei Jahrzehnte das Gegenteil ernst genommen. Vergleichbare Programme sind aus der Sowjetunion (über die Russian Academy of Sciences) und aus China dokumentiert.
Eine Anschlussfrage drängt sich auf: 1995 war das offizielle Ende von Stargate – aber war es auch das Ende der Arbeit? Parallel zur Schließung sind zivile Strukturen entstanden, die genau für solche Aufgaben weiter zur Verfügung stehen. Die deutsche Hellseherin Birgit Fischer berichtet, wie sie als geprüftes Mitglied der „Find Me Group" an Vermisstenfällen mitgearbeitet hat, die unter anderem von US-Behörden beauftragt wurden. Eine Auslagerung an private oder gemeinnützige Organisationen hat dabei einen praktischen Nebeneffekt: Sie umgeht die Dokumentationspflichten, die ein staatliches Programm wie Stargate – etwa über FOIA-Anfragen – einholen würden. Ob das ein bewusstes Modell ist oder einfach eine Folge des Endes des offiziellen Programms, sei dahingestellt; festzuhalten ist, dass die Tätigkeit selbst nicht aufgehört hat.
3. Akademische Marginalisierung: Andreas Sommers Rekonstruktion
Der zweite Strang ist subtiler – und vielleicht gerade deshalb folgenreicher. Der in Cambridge tätige Wissenschaftshistoriker Andreas Sommer hat in seiner mit dem Wellcome Trust geförderten Dissertation (UCL 2013, ausgezeichnet von der International Union of History and Philosophy of Science and Technology) im Detail rekonstruiert, wie Mediumsforschung im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert aus der akademischen Psychologie vertrieben wurde – und zwar nicht primär aus wissenschaftlichen, sondern aus weltanschaulichen Gründen.
Eine zentrale Episode in Sommers Arbeit: William James, der Begründer der amerikanischen akademischen Psychologie, verstand sich selbst als psychischer Forscher. Er untersuchte u. a. das Medium Leonora Piper über Jahre hinweg und kam zu vorsichtig positiven Befunden. Sein Schüler Hugo Münsterberg dagegen führte 1909 eine in der Inszenierung sehr öffentlichkeitswirksame „Entlarvung" der italienischen Mediumin Eusapia Palladino durch. Sommer zeigt: Diese Entlarvung war methodisch fragwürdig – sie diente vor allem als Distanzierungsritual, mit dem die junge Disziplin Psychologie sich von ihrer Mediumsforschungs-Wurzel löste, um institutionell anschlussfähig zu werden.
Sommers These in einer Zeile:
„The idea that parapsychology is unscientific or pseudoscientific arose in the 19th century from political, philosophical, and religious concerns rather than scientific work."
Mit anderen Worten: Die heutige akademische Geringschätzung mediumistischer Forschung ist weniger das Ergebnis schlechter Daten als das Ergebnis einer institutionellen Weichenstellung im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert.
4. Cardeña 2018: Auch heute noch
Wer denkt, das sei alles längst überwunden, irrt. Etzel Cardeña, Inhaber des Thorsen-Lehrstuhls für Psychologie an der Universität Lund (Schweden), publizierte 2018 im American Psychologist – dem Flaggschiff-Journal der American Psychological Association – einen Übersichtsartikel mit dem nüchternen Titel „The experimental evidence for parapsychological phenomena: A review".
Der Befund:
„The evidence for psi is comparable to that for established phenomena in psychology and other disciplines, although there is no consensual understanding of them." – Cardeña, 2018
Bemerkenswert war nicht nur das Ergebnis. Bemerkenswert war auch das, was Cardeña später öffentlich sagte: Von seinen mehr als 300 wissenschaftlichen Veröffentlichungen sei dieser eine Aufsatz der am schwierigsten zu publizierende seiner gesamten Karriere gewesen. Es ist 2018 – nicht 1909 – und der Widerstand ist noch da.
Was folgt daraus?
Beide Stränge sind dokumentiert. Beide stehen unabhängig voneinander. Sie ergeben zusammen kein Bild einer koordinierten Verschwörung – das wäre eine Überdeutung. Sie ergeben aber sehr wohl das Bild einer wiederkehrenden institutionellen Unbequemlichkeit:
- Ein Staat hat eine Mediumin als Sicherheitsrisiko behandelt (Helen Duncan, 1944).
- Ein anderer Staat hat über 23 Jahre erhebliche Mittel in die operative Nutzung medialer Wahrnehmung investiert (Stargate, 1972–1995).
- Eine ganze akademische Disziplin hat sich im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert aus weltanschaulichen Gründen von der Mediumsforschung abgegrenzt (Sommer).
- Diese Abgrenzung wirkt heute noch – sichtbar daran, dass eine methodisch saubere Übersicht im wichtigsten Psychologie-Journal nur unter erheblichem Widerstand zu publizieren war (Cardeña, 2018).
Was daraus nicht folgt: dass es einen Plan gäbe, mediale Forschung zu unterdrücken. Was daraus aber sehr wohl folgt: Wer heute hört, „mediale Forschung sei doch längst wissenschaftlich erledigt", sollte mindestens stutzig werden. Die Geschichte zeigt, dass diese Behauptung weniger aus den Daten kommt als aus den Institutionen, die sie tragen.
Die ehrliche Frage – ob mediale Forschung zu wenig gefördert wird, weil sie schwach ist, oder ob sie schwach erscheint, weil sie zu wenig gefördert wird – ist mit der Stargate-Akte und der Cardeña-Erfahrung nicht beantwortet. Aber sie steht ehrlicher im Raum, als ein einfaches „die Wissenschaft hat doch geprüft" suggerieren würde.
Quellen:
• Malcolm Gaskill, Hellish Nell: Last of Britain's Witches, Fourth Estate 2001 (wissenschaftliche Standard-Biografie zum Fall Helen Duncan).
• Jim Schnabel, Remote Viewers: The Secret History of America's Psychic Spies, Dell 1997.
• Russell Targ & Harold Puthoff, Mind-Reach: Scientists Look at Psychic Ability, Delacorte 1977.
• Andreas Sommer, Psychical research and the origins of American psychology: Hugo Münsterberg, William James and Eusapia Palladino, History of the Human Sciences 25/2 (2012). Plus: Forbidden Histories (laufendes Forschungsprojekt).
• Etzel Cardeña, The experimental evidence for parapsychological phenomena: A review, American Psychologist 73/5 (2018).
• CIA Reading Room: Star Gate Collection – ~12 Millionen Seiten freigegebenes Material, 2017.
• Wikipedia: Helen Duncan.
• Wikipedia: Stargate Project.
Die wissenschaftlichen Studien, deren Sichtbarkeit dieser Beitrag thematisiert, findest Du in unseren Beiträgen zu Gary Schwartz und VERITAS, Julie Beischel und Windbridge, der Glasgow-Studie von Roy & Robertson und der Meta-Analyse von Tressoldi.
