Walter von Lucadou – Spukgeschichten und Wahrträume aus der Freiburger Beratungspraxis

Veröffentlicht am 2026-05-17 · 17 Min. Lesezeit

Walter von Lucadou (geb. 1945, Physiker und Psychologe) ist seit den späten 1980er Jahren Leiter der Parapsychologischen Beratungsstelle in Freiburg und über Jahrzehnte der wichtigste Schüler und Praxis-Nachfolger von Hans Bender. Anders als Bender, der vor allem über das öffentlich-akademische Auftreten bekannt wurde, hat Lucadou über Jahrzehnte eine Eigenschaft entwickelt, die ihn in der deutschsprachigen Medienlandschaft unverwechselbar macht: Er erzählt Fälle. In TV-Auftritten, Vorträgen und seinen Büchern Psyche und Chaos (1995) und Spuk! (2018) tauchen immer wieder dieselben Geschichten auf – anonymisiert, weil aus seiner Beratungspraxis, aber in den Erzählmustern unverwechselbar. Zehn davon, im Folgenden.

Was an der Beratungsstelle ankommt

Die Freiburger Beratungsstelle, die Lucadou 1989 als eigenständige Einrichtung gegründet hat, bietet kostenlose telefonische und persönliche Beratung für Menschen, die mit ungewöhnlichen Erfahrungen nicht zurechtkommen. Zwischen 2000 und 4000 Anrufe und Anfragen kommen pro Jahr an – Spuk-Erlebnisse, präkognitive Träume, Stimmen, Erscheinungen, „Zeichen" von Verstorbenen, technische Anomalien rund um bestimmte Personen. Lucadou und sein kleines Team protokollieren, fragen nach, suchen Muster, fahren bei Bedarf raus.

Die folgenden Geschichten stammen aus seinen Vorträgen, Büchern und TV-Auftritten der letzten Jahrzehnte. Sie sind, wie bei Beratungsfällen üblich, anonymisiert; die Erzählmuster aber sind Lucadou-typisch und wiederholen sich.

Spukfälle

Die Kegelbahn, die sich nachts selbst spielte

Der Pächter einer Kegelbahn-Anlage ruft in Freiburg an. Seit Wochen passiert nachts, wenn die Bahn längst abgeschlossen und leer ist, das, was nicht sein darf: Die vollautomatischen Kegel-Aufstellanlagen fahren von allein an. Motoren laufen, Aufsetz-Mechaniken klacken, Lichter blinken, die elektronische Zähltafel addiert Spielstände – obwohl niemand da ist. Die Wartungstechniker der Anlagen-Firma finden keinen technischen Fehler. Der Pächter wird langsam verzweifelt; allein der Stromverbrauch geht ins Geld.

Lucadou fährt hin, hört zu, schaut sich um. Statt nach physikalischen Erklärungen für die elektronischen Anomalien zu suchen, fragt er nach den Menschen: Wer ist hier abends regelmäßig allein? Es stellt sich heraus, dass eine junge Reinigungskraft die Bahn nachts allein putzt, völlig auf sich allein gestellt, in einer ihr selbst nicht bewussten Lebenskrise – die sie aber niemandem zeigt. Als Lucadou behutsam ein Gespräch mit ihr einleitet und sie psychologische Unterstützung bekommt, hört der „Spuk" auf der Kegelbahn von einem Tag auf den anderen auf.

Die OP-Saal-Monitore

Ein Chefarzt einer Klinik wendet sich an Lucadou. In einem bestimmten OP-Saal seines Hauses spielen die hochmodernen Monitore regelmäßig verrückt: Herzfrequenz-Anzeigen flackern, EKG-Werte springen sprunghaft, der Computer der Anästhesie meldet wechselnde, nicht plausibel zu deutende Werte. Aber: immer nur, sobald ein ganz bestimmter, hochangesehener Chirurg den Saal betritt. Die Servicetechniker der Medizinfirma tauschen Geräte, Kabel, Bildschirme. Erfolglos. Der Chirurg ist verzweifelt; er fürchtet um seinen Ruf.

Lucadou setzt sich mit dem Chirurgen zusammen. Kurz zuvor war diesem ein Behandlungsfehler unterlaufen, der für den Patienten glimpflich ausging, ihn selbst aber innerlich nicht losgelassen hatte. Er war hochkompetent, hochangesehen – aber hatte gleichzeitig panische Angst, an genau dieser Stelle wieder zu versagen. Eine Verbindung zwischen diesem inneren Druck und den Geräten lässt sich nicht „technisch" beweisen. Aber als die psychische Situation entlastet wird, beruhigen sich die Geräte.

Beide Fälle gehören in dieselbe Klasse wie der berühmteste deutsche Spuk-Fall überhaupt: das Anwaltsbüro in Rosenheim 1967/68, bei dem die 19-jährige Auszubildende Annemarie Schaberl als Fokus-Person identifiziert wurde – eine Untersuchung, die Lucadous Lehrer Hans Bender geleitet hat (ausführlich in unserem Bender-Porträt). Bei Lucadou ist das Muster immer dasselbe: junge Person + Konflikt + technische Umgebung + heftige Phänomene + Auflösung, sobald der Konflikt entlastet ist.

Die Bilder, die von der Wand sprangen

Eine ältere Dame ruft völlig verzweifelt in Freiburg an. In ihrem Wohnzimmer fallen reihenweise gerahmte Ahnengemälde und Familienfotos von den Wänden. Das Unheimliche: Die Haken bleiben fest in der Wand sitzen, die Schnüre, an denen die Bilder hingen, sind nicht gerissen. Es ist, als hebe eine unsichtbare Hand die Bilder einfach vom Haken und werfe sie zu Boden.

Lucadou fährt hin und untersucht die Familiendynamik. Die Dame lebt seit kurzem mit ihrer erwachsenen Tochter unter einem Dach. Die Tochter hat sich gerade scheiden lassen, fühlt sich als Versagerin und wird von der dominanten Mutter ständig unterschwellig kritisiert. Die Tochter schluckt den gesamten Ärger hinunter, um keinen offenen Streit zu provozieren. Sobald in der Beratung der Konflikt benannt und Luft aus dem Druckkessel gelassen wird, hören die Bilder auf, von den Wänden zu kommen. Lucadou nutzt diesen Fall gern, um eine zentrale These der Freiburger Praxis zu illustrieren: Poltergeist-Phänomene hängen fast immer mit unterdrückten, oft generationenübergreifenden psychosozialen Spannungen zusammen. Die Symbolik des Falls – ausgerechnet die Ahnenbilder fallen – ist Lucadou nicht entgangen.

Das Bett, das von selbst zu brennen anfing

Ein junges Paar meldet sich, weil in der Wohnung unerklärliche Brände ausbrechen. Es fängt harmlos an mit kokelnden Handtüchern im Bad und gipfelt darin, dass die Bettdecke im Schlafzimmer plötzlich Feuer fängt, obwohl niemand geraucht hat und niemand im Raum ist. Die Feuerwehr steht vor einem Rätsel und vermutet bereits Brandstiftung durch einen der Partner.

Lucadou stellt bei der Erhebung fest, dass die Brände immer in der Nähe des 14-jährigen Sohnes der Frau aus erster Ehe passieren. Der Junge ist mitten in einer extrem rebellischen Pubertät, fühlt sich vom neuen Stiefvater an den Rand gedrängt und leidet unter massiven, unartikulierten Wutausbrüchen. Sobald die Familie psychotherapeutische Unterstützung annimmt und dem Jungen ein eigener Platz im neuen Familiengefüge zugestanden wird, hören die Brände auf. Der Fall gehört zu den selteneren, in denen die Phänomenologie tatsächlich physikalische Energie freisetzt – Hitze, gelegentlich elektrische Entladungen – und damit gefährlich werden kann. Lucadou betont in solchen Fällen, dass eine seriöse Beratung immer parallel mit der Feuerwehr und gegebenenfalls klinischen Psychologen arbeitet.

Die Standuhr in der Sterbenacht

Ein Mann meldet sich am Tag nach dem Tod seines Vaters. Die alte Standuhr seines Vaters – ein massives Stück mit Pendel und Schlagwerk, seit Jahren defekt und nachweislich nicht reparabel – hatte in der Nacht zuvor plötzlich angefangen zu schlagen. Mehrfach, mit voller Lautstärke. Danach blieb sie wieder stehen, genauso defekt wie zuvor. Am Morgen kommt der Anruf aus dem Krankenhaus: Der Vater ist in der Nacht gestorben – exakt zu jener Stunde, in der die Standuhr geschlagen hatte.

Solche „Sterbezeichen" – stehengebliebene Uhren, die plötzlich wieder laufen oder umgekehrt, Bilder, die zu Boden fallen, Lampen, die im selben Moment durchbrennen – gehören zu den häufigsten Anrufgründen an der Freiburger Beratungsstelle. Lucadou hat über die Jahrzehnte hunderte solcher Berichte protokolliert. Das Muster ist konstant: enge emotionale Bindung zwischen dem Sterbenden und dem (oft schlafenden, nichts ahnenden) Empfänger; ein einzelnes, klar zeitlich markiertes Ereignis; danach kein weiteres Phänomen.

Wahrträume

Die brennende Wiege

Eine junge Mutter wacht mitten in der Nacht schweißgebadet auf. Sie hat eben geträumt, dass die Wiege ihres Säuglings im Nebenzimmer in Flammen steht. Der Traum war nicht „irgendein" Albtraum – er war so unmittelbar, dass sie die Hitze auf der Haut spürte und glaubte, den Rauch in der Nase zu haben. Sie rennt panisch ins Nebenzimmer. Das Baby schläft friedlich. Aber: Der elektrische Heizstrahler über der Wiege summt verdächtig, die Drähte im Inneren glühen bereits rot, das Kunststoffgehäuse beginnt zu schmelzen. Wenige Minuten später wäre das Gerät in Flammen aufgegangen.

Lucadou erzählt diese Geschichte regelmäßig, um auf eine Eigenschaft präkognitiver Träume aufmerksam zu machen, die in seinen Daten immer wiederkehrt: Wahrträume kündigen meistens akute Gefahren an, die mit nahen Bezugspersonen zu tun haben. Sie sind selten neutral. Sie haben in der Regel eine Schutz-Funktion, und sie kommen dann, wenn ein Eingreifen noch möglich ist.

Der Autounfall, den niemand verstehen kann

Eine Frau in den Vierzigern beschreibt in Freiburg einen Traum, der sie nicht losgelassen hat: Sie sieht eine Landstraße, eine scharfe Kurve, einen roten Sportwagen, der die Kontrolle verliert und in den Graben fliegt; der Fahrer liegt verletzt am Straßenrand. Sie kennt den Fahrer nicht, sieht aber sein Gesicht genau.

Zwei Tage später fährt sie eine ihr unbekannte Strecke, die sie wegen eines familiären Anlasses nehmen muss. Plötzlich überholt sie ein roter Sportwagen. Sie erkennt die Kurve aus ihrem Traum. Der Wagen vor ihr verliert die Kontrolle und überschlägt sich. Als sie aussteigt, um zu helfen, blickt sie in das Gesicht des verunglückten Mannes – jenes Gesicht, das sie zwei Nächte zuvor im Traum gesehen hatte.

Lucadou erzählt diesen Fall, um eine zweite, oft beobachtete Eigenschaft präkognitiver Träume zu illustrieren: Sie betreffen häufig zukünftige eigene Wahrnehmungen, nicht abstrakte Ereignisse. Die Frau hat nicht „den Unfall" gesehen, sondern ihr eigenes Sehen des Unfalls. Der Traum ist keine Übertragung eines Ereignisses, sondern eine Vorwegnahme einer späteren eigenen Erfahrung. Das ist methodisch interessant, weil es eine ältere Vorstellung von „Telepathie über die Zeit" durch eine subtilere Beschreibung ersetzt.

Die fremde Hand und die Autopanne

Ein Mann träumt nachts, dass er auf einer einsamen Landstraße mitten im Wald mit dem Auto liegen bleibt. Im Traum steigt er aus, öffnet die Motorhaube und blickt ratlos auf den Motor – er hat keinerlei Ahnung von Autos. Plötzlich taucht aus dem Nichts eine fremde, tätowierte Hand auf, die zielsicher nach einem bestimmten blauen Kabel greift, es feststeckt, und der Motor läuft wieder. Der Traum ist so intensiv, dass er sich das Muster des Tattoos genau einprägt.

Drei Wochen später fährt der Mann tatsächlich durch ein abgelegenes Waldstück. Prompt streikt der Motor. Er rollt rechts ran, steigt aus, öffnet die Motorhaube – exakt wie im Traum – und starrt verzweifelt auf die Maschine. In diesem Moment hält ein alter Transporter hinter ihm. Ein freundlicher Mechaniker steigt aus, sagt: „Lass mich mal sehen" – und als er in den Motorraum greift, sieht der Mann das markante Tattoo auf dessen Unterarm. Der Mechaniker drückt ein loses, blaues Zündkabel fest, und der Wagen springt wieder an.

Lucadou erzählt diesen Fall, weil er besonders deutlich macht, was er an Wahrträumen für theoretisch sperrig hält: Der Traum liefert eine konkrete technische Lösung, für die das wache, rationale Bewusstsein des Mannes überhaupt keine Grundlage hat. Der Träumer weiß nichts von Zündkabeln, und er hat den Mechaniker, dem er Wochen später begegnen wird, nie zuvor gesehen. Trotzdem ist das ganze Szenario vorab da – inklusive eines Details (Tattoo) ohne jede praktische Funktion, aber mit klarer Identifikationsfunktion im Moment des Wiedererkennens.

Der Traum vom verpassten Flieger

Ein Geschäftsmann, der beruflich extrem viel fliegt, träumt in der Nacht vor einer wichtigen Asien-Reise, dass sein Wecker nicht klingelt. Im Traum hetzt er völlig verschwitzt zum Flughafen, sieht die Maschine gerade abheben und stellt fest, dass er seinen wichtigsten Koffer mit den Verträgen zu Hause vergessen hat. Der Traum fühlt sich so real an, dass er panisch aufwacht. Er kontrolliert sofort seinen Wecker – der ist perfekt gestellt. Am nächsten Morgen läuft alles nach Plan. Er denkt schon erleichtert: nur ein normaler Angsttraum.

Doch am Flughafen angekommen, gibt es ein totales Chaos: Der Flug hat wegen eines technischen Defekts am Triebwerk sechs Stunden Verspätung. Als er die Wartezeit nutzen will, um in seine Unterlagen zu schauen, trifft ihn der Schlag: Der Koffer mit den Verträgen steht tatsächlich noch zu Hause im Flur. Er hat genug Zeit, mit dem Taxi zurückzufahren und ihn zu holen.

Lucadou erzählt diesen Fall, um eine dritte Eigenschaft präkognitiver Träume sichtbar zu machen: Wahrträume kündigen nicht immer Katastrophen an. Häufig sind sie kleine, fast banale Rettungen des Alltags – und sie zeigen eine eigentümliche Struktur des Zeitgefühls. Im Traum verschmelzen zwei Ereignisse, die in der Wirklichkeit getrennt sind: das Versagen des Weckers (das nicht eintritt) und das Vergessen des Koffers (das eintritt). Die emotionale Substanz – Panik vor dem Verlust – ist korrekt antizipiert; die kausalen Details liegen in einer anderen Reihenfolge als am Ende real eintretend. Lucadou nutzt das gern als Hinweis darauf, dass Wahrträume keine kleinen Filme aus der Zukunft sind, sondern eher gefühlsmäßige Annäherungen, die das Bewusstsein in eine narrative Form gießt.

Aberfan 1966 – das berühmteste präkognitive Cluster

Wenn Lucadou Wahrträume erklärt, kommt er fast immer auf einen historischen Fall zu sprechen, der weit über sein eigenes Material hinausreicht: das walisische Bergwerksdorf Aberfan. Am Morgen des 21. Oktober 1966 rutschte eine durchnässte Kohlehalde den Hang hinunter und begrub die Pantglas Junior School. 144 Menschen starben, davon 116 Kinder.

Der englische Psychiater Dr. John Barker reiste nach der Katastrophe nach Aberfan und sammelte Berichte von Menschen, die vor dem Unglück geträumt oder vorgeahnt hatten, was geschehen würde. Über siebzig solcher Berichte wurden protokolliert und nach Möglichkeit zeitlich verifiziert (Personen, denen der Träumende den Traum vor dem Ereignis erzählt hatte). Der wohl bewegendste Fall: die neunjährige Eryl Mai Jones, die ihrer Mutter am Morgen des 21. Oktober erzählte, sie habe geträumt, dass „etwas Schwarzes über die Schule kommt"; sie habe keine Angst zu sterben. Sie starb wenige Stunden später beim Hangrutsch. Barker publizierte den Fall 1967 im Journal of the SPR; er war Anstoß zur Gründung der British Premonitions Bureau.

Aberfan ist für Lucadou eines der methodisch wichtigsten historischen Argumente, dass Wahrträume in Häufungen vor Großereignissen auftreten – ein Befund, der sich später bei 9/11, Tsunami 2004 und anderen Katastrophen wiederholt hat.

Förderung gestrichen – Gericht gibt der Beratungsstelle recht

Mehr als drei Jahrzehnte lang wurde die Freiburger Beratungsstelle vom Land Baden-Württemberg über ihren Trägerverein, die Wissenschaftliche Gesellschaft zur Förderung der Parapsychologie (WGFP), institutionell gefördert; zuletzt mit rund 83.000 Euro pro Jahr. Im Frühjahr 2019 empfahl eine interministerielle Arbeitsgruppe, die Stelle in Richtung Sekten- und Psychogruppen-Beratung umzuorientieren. Lucadou lehnte ab: Anfragen zu „neuen religiösen Gruppen" hatten in der Beratungspraxis schon immer nur einen Anteil von etwa zwei Prozent, eine Umorientierung wäre faktisch eine Zweckentfremdung gewesen. Ende 2019 stellte das Kultusministerium die Förderung ein.

Es blieb nicht bei der Streichung. Im März 2021 forderte das Land den größten Teil der bewilligten Mittel der Jahre 2013–2019 zurück – insgesamt 247.600 Euro – mit der Begründung, der eigentliche Förderzweck (Sekten-Beratung) sei nicht erfüllt und der Verein habe Rücklagen gebildet. Die WGFP klagte vor dem Verwaltungsgericht Freiburg. Am 3. Juli 2023 gab das Gericht der Klage vollumfänglich statt und hob sämtliche Rückforderungsbescheide auf: Die WGFP habe schutzwürdig auf die einmal bewilligten Bescheide vertrauen dürfen, zumal das Geld längst für laufende Betriebskosten verbraucht war. Das Ministerium legte keine Berufung ein; das Urteil ist seit dem 3. Oktober 2023 rechtskräftig.

Erstaunlich an dem ganzen Vorgang ist weniger das Urteil – das in der Sache eindeutig war – als die Größenordnungen, um die hier gestritten wurde. Die deutsche Forschungsförderung gibt für die wissenschaftliche Untersuchung außergewöhnlicher menschlicher Erfahrungen, einem Feld, das allein in Freiburg über Jahrzehnte hunderttausende Fallberichte aus dem deutschsprachigen Raum angesammelt hat, ohnehin nur Bruchteile dessen aus, was vergleichbare klinisch-psychologische Beratungsstellen erhalten. Ausgerechnet diese kleine Förderung erst zu streichen und dann zurückzufordern – während weiterhin tausende Hilfesuchende pro Jahr in Freiburg anrufen – ist auch bei nüchterner Lesart ein bemerkenswerter Vorgang. Die Beratungsstelle arbeitet seither weitgehend ehrenamtlich und finanziert sich über Spenden.

Der zeitliche Kontext ist dabei nicht uninteressant. Wenige Monate zuvor, 2018, war im American Psychologist – dem Flaggschiff-Journal der American Psychological Association – Etzel Cardeñas Übersichtsarbeit erschienen, die zum nüchternen Befund kam, die experimentelle Evidenz für psi sei mit der für etablierte Phänomene in Psychologie und anderen Disziplinen vergleichbar. Cardeña selbst hat später öffentlich gesagt, dieser eine Aufsatz sei der am schwierigsten zu publizierende seiner gesamten Karriere gewesen. Im Frühjahr 2019, in dem ersten Jahr nach diesem ungewöhnlich sichtbaren Wieder-Auftauchen des Forschungsfeldes in einem APA-Journal, empfahl die interministerielle Arbeitsgruppe in Baden-Württemberg, die Freiburger Stelle „umzuorientieren". Eine Kausalität wäre eine Überdeutung. Aber das Muster – nicht Widerlegung, sondern stille institutionelle Abwicklung mit einer Begründung, die das Verwaltungsgericht später als nicht tragfähig kassiert hat – fügt sich in eine längere Geschichte ein, die wir an anderer Stelle nachgezeichnet haben: vom Witchcraft Act gegen Helen Duncan 1944 über die Schließung des CIA-Stargate-Programms 1995 bis zu Cardeñas Publikationswiderstand 2018. Kein Plan, aber ein wiederkehrendes Bild.

Was Lucadou systematisch macht

Lucadou ist kein „Geistjäger". Er versteht sich als Psychologe und Physiker, der ungewöhnliche Erfahrungen mit denselben methodischen Mitteln behandelt wie jedes andere klinisch-psychologische Material: zuhören, dokumentieren, Muster suchen, normalisieren wo möglich, beratend begleiten wo es um die Belastung der Betroffenen geht. Sein theoretischer Rahmen – das „Modell der Pragmatischen Information" – ist hier nur am Rand wichtig. Wichtiger ist der praktische Befund: ungewöhnliche Erfahrungen kommen in deutschsprachigen Haushalten regelmäßig vor, sie treten in klar erkennbaren Mustern auf, und sie sind in den meisten Fällen psychologisch begleitbar.

Damit setzt Lucadou direkt die Arbeit von Hans Bender fort, in einer Form, die das öffentliche Gesicht der ernsthaften deutschsprachigen psi-Forschung im 21. Jahrhundert geprägt hat. Wer die Geschichten hört, die in einer Lucadou-Vorlesung erzählt werden, hat danach ein anderes Verhältnis zur Frage: gibt es solche Phänomene? Die Antwort ist immer dieselbe: Sie kommen vor, und es ist Aufgabe der Wissenschaft, sie ernst zu nehmen, nicht sie wegzuerklären.

Quellen

  • Walter von Lucadou: Psyche und Chaos. Theorien der Parapsychologie. Insel, Frankfurt 1995 (mehrere Auflagen).
  • Walter von Lucadou: Spuk! Phänomene, die wir nicht erklären können. Komplett-Media, Grünwald 2018.
  • Walter von Lucadou: Hans in Luck. The Currency of Evidence in Parapsychology. Journal of Parapsychology 70/1, 2006.
  • Walter von Lucadou: The Model of Pragmatic Information (MPI). European Journal of Parapsychology, Vol. 11 (1995).
  • John Barker: Premonitions of the Aberfan Disaster. Journal of the Society for Psychical Research, Vol. 44, 1967 – die ursprüngliche Aberfan-Sammlung.
  • Parapsychologische Beratungsstelle Freiburg – Website und Jahresberichte (parapsychologische-beratungsstelle.de).
  • Stuttgarter Zeitung: „Parapsychologische Beratungsstelle: ‚Geisterjäger' klagt erfolgreich gegen das Land", Bericht zum Urteil des Verwaltungsgerichts Freiburg vom 3. Juli 2023 – jährliche Förderung ca. 80.000 Euro, Streichung Ende 2019.
  • chilli Freiburg Stadtmagazin: „Geisterjäger geht vor Gericht: Parapsychologische Beratungsstelle soll 250.000 Euro zurückzahlen" – Hintergrund zur Rückforderung der WGFP-Fördergelder 2013–2019.
  • Grenzwissenschaft-Aktuell: „Verwaltungsgericht bestätigt Klage der Parapsychologischen Beratungsstelle gegen Ministerium für Kultus, Jugend und Sport von Baden-Württemberg" (Oktober 2023) – Rechtskraft des Urteils seit 3. Oktober 2023.
  • Zahlreiche Vorträge Walter von Lucadous auf YouTube (Veranstaltungen u. a. der Telepolis-Reihe, der GfG, von Universitäten und Privatveranstaltern).