Max Planck – Begründer der Quantenphysik und das Bewusstsein als Fundament

Veröffentlicht am 2026-05-21 · 13 Min. Lesezeit

Max Planck (1858–1947) gilt als Begründer der Quantenphysik. Sein Wirkungsquantum h, formuliert am 14. Dezember 1900, ist die fundamentale Konstante der modernen Physik; 1918 erhielt er dafür den Nobelpreis. Im deutschen Schulbuch ist Planck mit dem Strahlungsgesetz, der Quantenhypothese und dem Übergang vom kontinuierlichen zum gequantelten Energieaustausch präsent. Was im Schulbuch praktisch nicht vorkommt, ist die zweite Seite seines Werks: ein Nobelpreisträger, der in einem ausführlichen Interview im Observer am 25. Januar 1931 sagt „I regard consciousness as fundamental. I regard matter as derivative from consciousness", der 1937 im Baltikum einen Vortrag Religion und Naturwissenschaft hält, dessen Druckschrift in mehreren Auflagen erscheint, und der als praktizierender Lutheraner über Jahrzehnte als Kirchenältester der Berlin-Grunewald-Gemeinde wirkt. Diese Hälfte der Biographie ist gut dokumentiert, oft zitiert und über die akademische Physikgeschichte hinaus diskutiert – im Schul-Kanon der Naturwissenschaft fehlt sie systematisch.

Wer war Planck?

Max Karl Ernst Ludwig Planck wurde am 23. April 1858 in Kiel geboren, in eine Familie protestantischer Juristen und Theologen. Sein Vater Wilhelm Planck war Professor für Jurisprudenz, der Großvater theologischer Vermittlungstheologe an der Universität Göttingen. Diese doppelte Tradition – rechtsstaatliche Strenge und protestantische Theologie – hat Planck sein Leben lang geprägt. Er studierte ab 1874 in München und ab 1877 in Berlin, hörte Helmholtz und Kirchhoff, promovierte 1879 in München mit einer Arbeit zum zweiten Hauptsatz der Wärmelehre. 1889 wurde er Nachfolger Kirchhoffs auf dem Lehrstuhl für theoretische Physik in Berlin, den er bis 1928 innehatte.

Zwischen Oktober und Dezember 1900 fand Planck die nach ihm benannte Strahlungsformel, indem er die postulierte, dass die Energieabgabe schwarzer Körper nur in diskreten Portionen erfolgen kann. Die Konstante h – heute „Plancksches Wirkungsquantum" – ist eine der wenigen wirklich fundamentalen Konstanten der Physik. Was Planck zunächst als formalen Trick verstand, wurde durch Einstein (Photoelektrischer Effekt 1905) und Bohr (Atommodell 1913) zur Grundlage der modernen Quantenphysik. Den Nobelpreis erhielt Planck 1918, im Jahr nach der Veröffentlichung seines berühmten autobiographischen Vortrags Die Entstehung und bisherige Entwicklung der Quantentheorie.

Profil-Übersicht: Max Planck

Lebensdaten23. April 1858 (Kiel) bis 4. Oktober 1947 (Göttingen)
Im SchulbuchQuantenhypothese 1900, Plancksche Strahlungsformel, Wirkungsquantum h, Nobelpreis 1918
Nicht im SchulbuchThe Observer 1931 („consciousness as fundamental"), Religion und Naturwissenschaft 1937, Kirchenältester Berlin-Grunewald
Akademische ÄmterLehrstuhl Berlin 1889–1928, Sekretär der Preußischen Akademie 1912–1938, Präsident der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft 1930–1937
KonfessionLutheraner; aktiver Gemeindeältester über Jahrzehnte

Was im Schulbuch steht: das Wirkungsquantum 1900

Plancks Strahlungsformel löste das damals akut ungelöste Problem der spektralen Energieverteilung des schwarzen Körpers. Die zuvor gültigen Formeln (Rayleigh-Jeans im langwelligen, Wien im kurzwelligen Bereich) widersprachen sich für mittlere Wellenlängen. Planck rang monatelang mit der mathematischen Konstruktion und kam in der Sitzung der Deutschen Physikalischen Gesellschaft am 14. Dezember 1900 zu der Formel, die sich erst rechtfertigen ließ, wenn man die Energieabgabe als gequantelt annahm. Das Wirkungsquantum h hat den Wert 6,626 · 10⁻³⁴ J·s und ist heute eine der definierenden Konstanten des internationalen Einheitensystems (SI-Revision 2019).

Die akademische Folgegeschichte ist Lehrbuch-Stoff: Einstein erklärt 1905 den Photoelektrischen Effekt mit Lichtquanten und erhält dafür 1921 den Nobelpreis; Bohr modelliert 1913 das Wasserstoffatom mit gequantelten Bahnen; Heisenberg, Schrödinger und Dirac entwickeln in den 1920er Jahren die volle Quantenmechanik. Planck selbst blieb gegenüber der probabilistischen Kopenhagener Deutung skeptisch – er wünschte sich eine kausal-realistische Interpretation und stand darin Einstein näher als Bohr. In den deutschen Schulbüchern findet sich diese Linie – Quantenhypothese, Atommodelle, Wellenmechanik – sehr verlässlich.

Was im Schulbuch nicht steht: Bewusstsein als Fundament

Am 25. Januar 1931 erscheint im Londoner Observer ein Interview mit Max Planck, geführt von dem Wissenschaftsjournalisten und Physik-Vermittler J. W. N. Sullivan. Sullivan führte über mehrere Jahre eine Interview-Serie mit führenden Naturwissenschaftlern, in der er nicht die Forschungsergebnisse, sondern die philosophische Haltung dahinter ansprach. Auf die Frage, ob Bewusstsein durch Materie und ihre Gesetze erklärbar sei, antwortet Planck wörtlich:

„No. I regard consciousness as fundamental. I regard matter as derivative from consciousness. We cannot get behind consciousness. Everything that we talk about, everything that we regard as existing, postulates consciousness."
— Max Planck, The Observer, 25. Januar 1931

Auf Deutsch ungefähr: „Nein. Ich betrachte das Bewusstsein als fundamental. Ich betrachte die Materie als ein Derivat des Bewusstseins. Wir können nicht hinter das Bewusstsein zurückgehen. Alles, worüber wir sprechen, alles, was wir als existierend ansehen, setzt Bewusstsein voraus."

Das Interview ist primärquellig im Observer-Archiv vom 25. Januar 1931 belegt und in der Wikiquote-Datenbank sowie in zahlreichen wissenschaftshistorischen Sekundärwerken referenziert. Es ist kein Versehen, keine spätere apokryphe Zuschreibung und kein aus dem Kontext gerissenes Zitat: Es ist eine bewusst gegebene Antwort eines damals 73-jährigen Nobelpreisträgers auf eine ihm gestellte Grundsatzfrage. Die Aussage „Bewusstsein ist fundamental, Materie ist davon abgeleitet" ist – in der Strenge, mit der Planck sie hier vorträgt – eine ausdrücklich idealistische Ontologie aus dem Mund des Begründers der modernen Quantenphysik.

Religion und Naturwissenschaft, Baltikum Mai 1937

Im Mai 1937 hält Planck im Baltikum (in Dorpat, dem heutigen Tartu in Estland, sowie in Riga) den Vortrag Religion und Naturwissenschaft. Die Druckschrift erscheint 1938 bei Johann Ambrosius Barth in Leipzig und in den folgenden Jahren in mehreren Auflagen; sie ist in der Deutschen Digitalen Bibliothek katalogisiert. Der Vortrag ist Plancks ausführlichste systematische Auseinandersetzung mit der Verhältnisbestimmung von Religion und Naturwissenschaft. Der zentrale Gedanke:

„Sowohl die Religion als auch die Naturwissenschaft brauchen für ihre Tätigkeit den Glauben an Gott; für jene steht Er am Anfang, für diese am Ende alles Denkens. Für jene bedeutet Er die Grundlage, für diese die Krone des Weltgebäudes."
— Max Planck, Religion und Naturwissenschaft, Vortrag im Baltikum, Mai 1937 (Druck: Barth, Leipzig 1938)

Planck argumentiert nicht apologetisch und nicht reduktionistisch. Sein Punkt ist analytisch: Religion und Naturwissenschaft arbeiten an verschiedenen Enden derselben Wirklichkeitsfrage, beide stoßen jeweils an die Seite, von der die andere ausgeht. Die Naturwissenschaft beginnt bei der erfahrbaren Wirklichkeit und kommt – nach Plancks Lesart – am Ende ihrer Strenge an eine Ordnung, die selbst nicht mehr Gegenstand der Naturwissenschaft sein kann. Die Religion beginnt an dieser Ordnung und arbeitet sich von dort in die Welt vor. Beide brauchen das, was die andere ist, ohne dass sie sich gegenseitig ersetzen können.

Dass dieser Vortrag 1937 stattfindet – im Jahr, in dem Planck als 79-Jähriger gezwungen wird, sein Präsidentenamt der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft niederzulegen, weil er sich geweigert hatte, jüdische Mitarbeiter ohne Widerstand zu entlassen – ist nicht beiläufig. Planck spricht hier mit der Autorität dessen, der seine Position auch unter politischem Druck behauptet.

Persönliche Tragödien und der Glaube

Plancks religiöse Position ist nicht akademische Theorie, sondern lebensgeprägte Haltung. Über die Jahre verlor er praktisch alle seine Kinder vor sich selbst: seine erste Frau Marie stirbt 1909 an Tuberkulose; Sohn Karl fällt 1916 bei Verdun; Tochter Grete stirbt 1917 im Wochenbett kurz nach der Geburt ihres ersten Kindes; Tochter Emma stirbt 1919 ebenfalls im Wochenbett, wenige Tage nach ihrem ersten Kind – eine fast unfassbare Wiederholung. 1945, im hohen Alter von 87 Jahren, wird sein Sohn Erwin Planck nach der Beteiligung am Stauffenberg-Kreis vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und am 23. Januar 1945 in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Planck überlebt seinen letzten Sohn um zwei Jahre und stirbt am 4. Oktober 1947 in Göttingen.

In seinen Briefen und in der posthum veröffentlichten Wissenschaftlichen Selbstbiographie beschreibt Planck den Glauben als das, was ihm durch diese Reihe von Verlusten getragen hat. Er war über Jahrzehnte aktiver Gemeindeältester der evangelischen Gemeinde in Berlin-Grunewald und hielt diese Funktion ausdrücklich nicht als Privatsache, sondern als öffentliche Aussage – ein amtierender Lehrstuhlinhaber und späterer Präsident der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, der parallel Kirchenältester in der Hauptstadtgemeinde ist.

Das problematische Florenz-Zitat 1944

Eine kurze Anmerkung zu einem in spirituellen Kreisen sehr beliebten Zitat, das Planck in einem angeblichen Vortrag Das Wesen der Materie in Florenz 1944 zugeschrieben wird – mit dem berühmten Satz, hinter der Materie müsse man „einen bewussten, intelligenten Geist annehmen". Das [Max-Planck-Archiv der MPG selbst hat dieses Zitat öffentlich als zweifelhaft eingeordnet](https://www.archiv-berlin.mpg.de/201046/Max-Planck-und-ein-zweifelhaftes-Zitat): Es liegt nur ein undatiertes, unsigniertes Typoskript ohne saubere Provenienz vor, eine echte Quellenkette fehlt. Inhaltlich passt das Zitat zu Plancks dokumentiertem Denken; quellenkritisch ist es jedoch nicht belastbar. Wir verwenden es deshalb in diesem Beitrag nicht als Beleg – die Observer-Antwort von 1931 und der Religion und Naturwissenschaft-Vortrag von 1937 sagen das Wesentliche, und sie sind quellenkritisch sauber.

Pattern-Anschluss

Planck gehört strukturell zur Nach-1906-Generation des Patterns, das wir in unserer Reihe Das 1906er Pattern beschrieben haben. Anders als Schrödinger oder Heisenberg ist er allerdings zu Beginn dieses Fensters bereits ein etablierter Spitzennaturwissenschaftler (Jahrgang 1858) – das heißt, er macht den Wechsel zur post-1906-Konstellation als bereits gemachter Mann mit, mit der Souveränität eines auf Lebenszeit etablierten Lehrstuhlinhabers, der nicht mehr Karriere machen muss. Genau diese Position erlaubt ihm 1931 die Observer-Antwort und 1937 den Baltikum-Vortrag.

Sein Fall illustriert das Pattern aus einer interessanten Schräge: Es ist nicht so, dass nach 1906 kein Spitzennaturwissenschaftler mehr über Bewusstsein und Religion redet. Planck tut es, Heisenberg tut es, Schrödinger tut es. Was sich verschiebt, ist das institutionelle Schicksal dieser Aussagen. Plancks Quantenhypothese kommt in den Lehrplan. Seine Observer-Antwort kommt nicht. Sein Religion und Naturwissenschaft-Vortrag, der zu seinen Lebzeiten in vier Auflagen erschien, ist heute in keinem deutschen Schulbuch zitiert. Die Filterung wirkt nicht auf die Aussage selbst (die ist gesagt), sondern auf die Transmission. Das ist genau das Muster, das wir in unserem Beitrag zur preußischen Schulpflicht als Curriculum-Filterung beschrieben haben.

Was bleibt

  • Begründer der Quantenphysik. Planck ist nicht ein Nobelpreisträger unter vielen – er ist die Quelle der gesamten quantentheoretischen Linie, die 1900 mit seiner Strahlungsformel beginnt.
  • Bewusstsein als fundamental. Seine Observer-Antwort von 1931 ist eines der klarsten Statements eines Spitzennaturwissenschaftlers für eine bewusstseins-fundamentale Ontologie überhaupt. Sie ist quellenkritisch sauber und gut dokumentiert.
  • Religion und Naturwissenschaft 1937. Der Baltikum-Vortrag entwickelt das Verhältnis von Glauben und Wissenschaft systematisch und ist als Druckschrift mehrfach aufgelegt – ein Primärtext, kein Hörensagen.
  • Lebensgeprägte Haltung. Die Reihe der persönlichen Verluste (vier Kinder, eine Ehefrau, ein hingerichteter Sohn) macht Plancks religiöse Position zur biographisch getragenen Haltung, nicht zur akademischen Theorie.
  • Filterung nicht der Aussage, sondern der Transmission. Die zweite Hälfte Plancks ist im akademischen Werk und in der Briefkultur erhalten. Sie verschwindet nicht durch Zensur, sondern durch die institutionelle Pfadabhängigkeit, mit der spätere Lehrpläne nur die quantentheoretische Hälfte tradieren.

Quellen