Hans-Peter Dürr (1929–2014) – „Es gibt keine Materie!" Der Heisenberg-Nachfolger und sein Bewusstseins-Vermächtnis

Veröffentlicht am 2026-05-16 · 10 Min. Lesezeit

Hans-Peter Dürr (1929–2014) war einer der bedeutendsten deutschen Theoretiker der Quantenphysik der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Promotion bei Edward Teller in Berkeley, engster Mitarbeiter Werner Heisenbergs am Max-Planck-Institut für Physik in München, von 1972 bis 1997 dessen geschäftsführender Direktor, Right-Livelihood-Preisträger 1987 („Alternativer Nobelpreis") für sein Friedensengagement gegen die Strategic Defense Initiative. In den letzten zwei Lebensjahrzehnten wurde Dürr im deutschsprachigen Raum zur wichtigsten physikalischen Stimme einer Position, die mit der Frage „Was ist Bewusstsein?" anders umgeht als der materialistische Mainstream der heutigen Neurowissenschaften.

Wer war Hans-Peter Dürr?

Dürr wurde 1929 in Stuttgart geboren, studierte ab 1949 Physik in seiner Heimatstadt und ging dann an die University of California, Berkeley. Dort promovierte er 1956 bei Edward Teller – ja, demselben Edward Teller, der wenige Jahre zuvor die theoretische Grundlage der amerikanischen Wasserstoffbombe entwickelt hatte. Dürr und Teller arbeiteten zum Quark-Vorläufer und zur Struktur des Atomkerns; politisch lagen sie schon damals weit auseinander.

1958 kehrte Dürr nach Deutschland zurück und wurde Mitarbeiter Werner Heisenbergs am damals neu nach München umgezogenen Max-Planck-Institut für Physik. Daraus wurde eine lebenslange wissenschaftliche Bindung: Dürr arbeitete mit Heisenberg an dessen einheitlicher Feldtheorie der Elementarteilchen, war Co-Autor zentraler Publikationen, und übernahm nach Heisenbergs Tod 1976 schrittweise dessen Rolle am Institut. Von 1972 bis 1997 leitete er das MPI für Physik (Werner-Heisenberg-Institut) als geschäftsführender Direktor.

Quantenfeldtheorie und Heisenbergs Erbe

Dürrs wissenschaftliches Hauptwerk liegt in der theoretischen Elementarteilchenphysik – insbesondere in der nichtlinearen Spinor-Feldtheorie, die Heisenberg ab 1958 als „Weltformel" zu entwickeln versuchte. Diese Theorie hat sich gegen das später erfolgreiche Standardmodell nicht durchgesetzt, aber sie hat zentrale theoretische Werkzeuge produziert. Dürr publizierte hunderte Fachaufsätze, war Mitglied verschiedener wissenschaftlicher Akademien (Bayerische, Berlin-Brandenburgische), Ehrendoktor mehrerer Universitäten.

Wissenschaftlich-fachlich gehört Dürr also unstreitig in die erste Riege der deutschen Theoretischen Physik der zweiten Jahrhunderthälfte. Wer ihn als „weichgewordenen alten Physiker" abtut, übersieht eine viereinhalb Jahrzehnte aktive akademische Karriere an einem der wichtigsten physikalischen Institute Europas.

Die Wende zur Bewusstseinsfrage

Ab den späten 1980er Jahren – verstärkt nach seiner Emeritierung 1997 – verlagerte Dürr seinen öffentlichen Fokus auf eine Frage, die in der reinen Fachphysik lange als „unphysikalisch" galt: das Verhältnis von Quantenphysik, Geist und Bewusstsein. Anders als Brian Josephson, der eine eigene theoretische Mind-Matter-Konstruktion verfolgte, oder Wolfgang Pauli, der mit Jung an der Synchronizität arbeitete, war Dürrs Beitrag vor allem begrifflicher: er übersetzte die Befunde der Quantenfeldtheorie in eine philosophisch verständliche Sprache, mit der man die Wirklichkeit grundsätzlich anders denken kann.

„Es gibt keine Materie!" – die zentrale These

Dürrs prägnanteste Formulierung ist die fast schon ikonische: „Es gibt keine Materie!" Damit meint er kein esoterisches Diktum, sondern eine streng physikalische Aussage. In der Quantenfeldtheorie sind die elementaren „Bausteine" der Wirklichkeit keine kleinen festen Kügelchen, sondern Anregungen relationaler Felder – Wahrscheinlichkeits-Strukturen, die nur in der Wechselwirkung mit anderen Anregungen überhaupt als „Teilchen" in Erscheinung treten. Wir haben diese Linie auf der Seite bereits in unserem Beitrag zu Materie und Higgsfeld ausgeführt.

Daraus zieht Dürr drei aufeinander aufbauende Folgerungen:

  • Die Welt ist Beziehung, nicht Substanz. Was wir „Materie" nennen, ist eine bestimmte Erscheinungsform eines viel umfassenderen Geflechts aus Möglichkeit, Information und Beziehung.
  • Geist und Materie sind keine getrennten Bereiche. Wenn die Materie selbst nicht „Stoff" ist, sondern Beziehung, dann ist die Frage „wie kann Geist auf Materie wirken?" falsch gestellt. Beide sind Aspekte einer einzigen, vor-individuellen Wirklichkeit.
  • Der Materialismus ist physikalisch überholt. Die Vorstellung, dass alles in der Welt aus „kleinen toten Steinchen" aufgebaut sei, hat in der modernen Quantenphysik keine Grundlage mehr. Sie ist eine Restvorstellung des 19. Jahrhunderts.

Diese Position ist nicht spiritualistisch im klassischen Sinn – Dürr behauptet weder die Existenz persönlicher Geister noch die Survival-Hypothese. Aber sie ist auch nicht materialistisch im üblichen Sinn. Sie schafft Begriffsraum für die Frage „was ist Bewusstsein wirklich?", ohne sich vorschnell festzulegen.

„Was wir Materie nennen, ist eigentlich nicht Materie, sondern Beziehung. Es gibt im Grunde keine Materie, sondern nur Geist – wenn man es so ausdrücken möchte. Aber es ist kein Geist, der dem entgegengesetzt wäre, was wir bisher Materie genannt haben, sondern ein Geist, in dem Materie als bestimmte Erscheinungsform vorkommt."
— Sinngemäße Wiedergabe einer Kernaussage Hans-Peter Dürrs aus Vorträgen und Büchern der 2000er Jahre

Friedensengagement und Right-Livelihood-Preis 1987

Dürrs öffentliche Wirkung beginnt nicht mit der Bewusstseinsfrage, sondern mit dem Friedensengagement. In den 1980er Jahren wurde er zu einem der prominentesten europäischen Kritiker der Strategic Defense Initiative („Star Wars") von US-Präsident Reagan. 1987 erhielt er gemeinsam mit Frances Moser den Right Livelihood Award („Alternativen Nobelpreis") – eine Auszeichnung, die seit 1980 jährlich in Stockholm parallel zur Nobelpreis-Verleihung vergeben wird, für Verdienste in „praktischen und vorbildlichen Antworten auf die dringlichsten Herausforderungen unserer Zeit".

Dürr war Mitbegründer der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW), des Global Challenges Network, langjähriges Mitglied der Pugwash-Bewegung. Sein Friedensengagement und sein späteres Bewusstseinsthema waren für ihn nicht getrennt: Beides folgte aus derselben Grundeinsicht, dass Trennung – zwischen Mensch und Natur, zwischen Geist und Materie, zwischen Ich und Anderem – eine reduktive Abstraktion sei, die die Wirklichkeit nicht richtig erfasse.

Verhältnis zur Mediumshafts- und psi-Forschung

Hier ist eine ehrliche Einordnung wichtig. Dürr war kein Parapsychologe, hat keine Versuche mit Medien durchgeführt und hat sich öffentlich nicht zur Survival-Hypothese geäußert. Er steht in dieser Reihe nicht neben Crookes oder Lodge, die Sitzungen abhielten, sondern neben Pauli – als jemand, der den begrifflichen Rahmen liefert, in dem solche Phänomene überhaupt diskutiert werden können, ohne in den reduktiven Reflex „Aberglaube" zu fallen.

Dürrs Vorträge wurden in deutschsprachigen Bewusstseins- und Spiritualitäts-Kreisen breit rezipiert. Er hielt Vorträge bei der Templeton-Stiftung, sprach mit Buddhisten, beim Forum für Geistige Wissenschaften, in vielen kleineren Kreisen. Er ist eine Schlüsselfigur für die heutige deutschsprachige Diskussion „Quantenphysik und Bewusstsein". Genau deshalb gehört er in unsere Reihe – als der deutschsprachige zeitgenössische Übersetzer, der die abstrakte Quantenfeldtheorie mit der konkreten Bewusstseinsfrage verbunden hat.

Spätwerk und Bücher

Dürrs späte Bücher, alle für ein nicht-fachliches Publikum geschrieben, sind im deutschsprachigen Raum bis heute Standardliteratur für die Quanten-Bewusstseins-Diskussion:

  • Wir erleben mehr als wir begreifen. Quantenphysik und Lebensfragen. Herder, Freiburg 2009.
  • Geist, Kosmos und Physik. Gedanken über die Einheit des Lebens. Crotona, Amerang 2010.
  • Warum es ums Ganze geht. Neues Denken für eine Welt im Umbruch. Oekom, München 2009.
  • Es gibt keine Materie! Crotona, Amerang 2012.
  • Zahlreiche Vorträge, viele davon auf YouTube weiterhin frei verfügbar.

Hans-Peter Dürr starb am 18. Mai 2014 in München. Sein Vermächtnis im deutschen Sprachraum ist eine Generation jüngerer Physiker, Philosophen und Bewusstseinsforscher, die seine begriffliche Übersetzung zwischen Quantenphysik und Lebenswelt aufgenommen haben.

Was bleibt

  • Maximale fachphysikalische Reputation. Heisenberg-Mitarbeiter, MPI-Direktor 25 Jahre, hunderte Fachpublikationen. Wer Dürrs spätere Position abtun will, muss erklären, warum die Max-Planck-Gesellschaft ihn ein Vierteljahrhundert lang an der Spitze einer ihrer wichtigsten Institutionen ließ.
  • Begriffliche Brücke. Dürr hat im deutschsprachigen Raum die Sprache geschaffen, in der man heute „Quantenphysik und Bewusstsein" zusammen denken kann, ohne sofort in den Esoterik-Verdacht zu geraten. Diese Übersetzungsleistung ist sein eigentlicher Beitrag.
  • Verbindung zur Friedensbewegung. Anders als die meisten Personen in unserer Reihe war Dürr nicht nur Theoretiker, sondern auch öffentlich engagierter Bürger – Right-Livelihood-Preis, VDW, Pugwash. Die Bewusstseinsfrage war für ihn nicht akademisch, sondern lebenspraktisch.
  • Vorsicht beim Etikett. Dürr war kein Parapsychologe und hat sich nicht zur Survival-Hypothese geäußert. Er gehört in unsere Reihe als der Mann, der den physikalisch-philosophischen Boden bereitet hat, auf dem psi-Forschung im deutschsprachigen Raum heute überhaupt diskutiert wird.

Dürr gehört in die historische Linie, die wir auf dieser Seite verfolgen: Kepler, Crookes, die Curies, Lodge, Rayleigh, J. J. Thomson, Jung, Pauli, Einstein, Rhine, PEAR, Josephson. Er ist der deutschsprachige Anschluss-Punkt – die Stimme, die den Bogen zwischen Heisenbergs Originalphysik und der heutigen Bewusstseinsdiskussion auf Deutsch hält.

Quellen

  • Hans-Peter Dürr: Wir erleben mehr als wir begreifen. Quantenphysik und Lebensfragen. Herder, Freiburg 2009.
  • Hans-Peter Dürr: Geist, Kosmos und Physik. Gedanken über die Einheit des Lebens. Crotona, Amerang 2010.
  • Hans-Peter Dürr: Es gibt keine Materie! Crotona, Amerang 2012.
  • Hans-Peter Dürr: Warum es ums Ganze geht. Neues Denken für eine Welt im Umbruch. Oekom, München 2009.
  • Werner Heisenberg, Hans-Peter Dürr et al.: gemeinsame Aufsätze zur nichtlinearen Spinor-Feldtheorie, Zeitschrift für Naturforschung A, ab 1959.
  • Right Livelihood Award 1987 – Laudatio und Pressemitteilung, rightlivelihood.org.
  • Max-Planck-Institut für Physik (Werner-Heisenberg-Institut), München – Institutsgeschichte und Direktorenliste, mpp.mpg.de.