1903 erhielten Pierre Curie (1859–1906) und Marie Curie (1867–1934) zusammen mit Henri Becquerel den Nobelpreis für Physik – für die Entdeckung der Radioaktivität. Zwei Jahre später, ab dem Sommer 1905, nahmen beide in Paris an einer Reihe von Sitzungen mit der italienischen physikalischen Mediumin Eusapia Palladino teil. Pierre war über Monate aktiv beteiligt und schrieb in einem heute berühmten Brief, hier öffne sich „ein ganzes Gebiet neuer Tatsachen". Am 19. April 1906 starb er an den Folgen eines Verkehrsunfalls in der Rue Dauphine. Marie nahm noch eine Weile weiter teil, distanzierte sich dann aber. Die Curie–Palladino-Episode gehört zu den ungewöhnlichsten und am wenigsten erzählten Kapiteln der Geschichte der modernen Atomphysik.
Eusapia Palladino
Eusapia Maria Carolina Palladino (1854–1918) wurde in Minervino Murge in Apulien geboren, verlor früh ihre Eltern und blieb zeitlebens Analphabetin. Ab den 1880er Jahren wurden ihre Trance-Sitzungen mit physikalischen Phänomenen bekannt: Tische, die sich aus eigenem Antrieb hoben, „Klopflaute" ohne erkennbare Quelle, Berührungen durch unsichtbare Hände, gelegentlich Halbmaterialisationen menschlicher Hand- und Gesichtszüge.
Palladino wurde im Verlauf ihres Lebens von einer Reihe wissenschaftlicher Kommissionen untersucht: 1888 von Cesare Lombroso in Neapel, 1892 von der Mailänder Kommission (Lombroso, der Astronom Giovanni Schiaparelli, Carl du Prel, Alexander Aksakov u. a.), 1895 von der Society for Psychical Research in Cambridge, 1908 von einer SPR-Kommission in Neapel (Carrington, Feilding, Baggally) und 1909/10 in New York. Der Befund ist – ehrlich gesagt – widersprüchlich. Mehrfach wurde sie beim Schummeln ertappt, wenn die Kontrollen lockerten (Manipulation mit einem freien Fuß, kleine Tricks am Vorhang). Andererseits notierten dieselben Investigatoren bei strenger Kontrolle Phänomene, die sie nicht erklären konnten. Sie ist damit weder ein klarer Betrugsfall noch ein „reines" Medium, sondern ein methodisch sehr kompliziertes historisches Datum.
Der Pariser Untersuchungs-Kreis am Institut Général Psychologique
Anfang des 20. Jahrhunderts gehörte Paris zu den wissenschaftlich aktivsten Städten Europas zur Untersuchung medialer Phänomene. Treibende Kraft war der Physiologe und spätere Nobelpreisträger (Medizin 1913) Charles Richet, der den Begriff „Ektoplasma" prägen sollte. Zusammen mit den Astronomen Camille Flammarion und Jacques Bergonié sowie mit den Curies organisierte Richet ab Juni 1905 eine Serie von Sitzungen mit Palladino am Institut Général Psychologique (IGP) in der Avenue de l'Observatoire.
Über die folgenden drei Jahre fanden mindestens 43 Sitzungen statt, der Großteil noch vor Pierre Curies Tod. Das Versuchsprotokoll war ungewöhnlich streng für die Zeit: Palladino wurde von zwei Investigatoren gleichzeitig an Händen und Füßen kontrolliert, ihre Bewegungen wurden notiert, häufig mit Photoaufnahmen dokumentiert. Der abschließende Bericht des IGP erschien 1908 im hauseigenen Bulletin und beschrieb die Befunde vorsichtig, aber nicht abwiegelnd: ein Teil der Phänomene ließ sich konventionell nicht erklären.
Pierre Curies aktive Rolle
Pierre Curie war nicht passiver Beobachter, sondern Mit-Versuchsleiter. Er entwarf Kontroll-Mechanismen, dokumentierte die Sitzungen detailliert, diskutierte Methodenfragen mit Richet. In seinen Briefen an seinen engsten Freund, den Physiker Louis Georges Gouy, lassen sich seine wachsende Faszination und seine wachsenden Bedenken parallel verfolgen.
Der berühmteste dieser Briefe stammt vom 24. Juli 1905. Pierre schreibt darin, nach mehreren Sitzungen mit Palladino:
„Es gibt hier, meiner Meinung nach, ein ganzes Gebiet neuer Tatsachen und physikalischer Zustände des Raumes, von denen wir keine Vorstellung haben."
— Pierre Curie an Louis Georges Gouy, 24. Juli 1905 (Original französisch: „Il y a là, à mon avis, tout un domaine de faits et d'états physiques de l'espace dont nous n'avons aucune notion.")
Dieser Satz ist methodisch genauer als er auf den ersten Blick wirkt. Pierre redet nicht von „Geistern". Er redet von physikalischen Zuständen des Raumes – also einem möglichen, noch unbekannten physikalischen Phänomen. Genau dieselbe Position findet sich Jahrzehnte später bei Albert Einstein wieder: „Wenn die Daten halten, brauchen wir eine erweiterte Physik."
Marie Curie als Teilnehmerin
Marie Curie war seltener anwesend als ihr Mann, aber sie war anwesend. Sie ist mehrfach in den Sitzungsprotokollen erwähnt, einmal sogar als unmittelbare Hand-Kontrolleurin Palladinos. Ihre eigene Position war von Anfang an reservierter als die von Pierre. Sie war als Experimentalphysikerin geprägt durch die radikale methodische Strenge, die für die Radioaktivitätsforschung notwendig war – sie sah sehr klar, wie schwer Palladinos Bedingungen kontrollierbar waren.
Pierres Tod 1906 – die Untersuchung wird unterbrochen
Am Nachmittag des 19. April 1906 überquerte Pierre Curie bei strömendem Regen die Rue Dauphine im 6. Pariser Arrondissement, glitt aus und stürzte zwischen die Räder eines schweren, von zwei Pferden gezogenen Fuhrwerks, das militärische Ausrüstung transportierte. Das Hinterrad zerquetschte ihm den Schädel. Er war 46 Jahre alt.
Nur fünf Tage vor seinem Tod, am 14. April 1906, hatte Pierre an Gouy einen weiteren Brief geschrieben, in dem er die Palladino-Arbeit zusammenfasst – nüchterner als 1905, mit klaren Hinweisen auf Widersprüche in den Daten, aber weiter mit dem Plan, eine systematische Publikation vorzubereiten. Diese Publikation hat er nie geschrieben. Mit seinem Tod brach die Pariser Untersuchungslinie ein. Richet führte die Sitzungen weiter, aber ohne das physikalische Schwergewicht Pierre Curies.
Marie Curies spätere Distanzierung
Marie nahm noch eine Weile an weiteren Sitzungen teil – die letzten datieren von 1907/08. Dann zog sie sich aus dem Thema zurück. In ihrer (1923 verfassten) Biografie Pierres erwähnt sie die Palladino-Episode nur knapp und distanziert. 1911 erhielt sie ihren zweiten Nobelpreis (Chemie, für Polonium und Radium). Ihre wissenschaftliche Karriere blieb von diesem Punkt an strikt auf Radioaktivität konzentriert.
Die Distanzierung ist nachvollziehbar. Erstens fielen Palladinos New Yorker Sitzungen 1909/10 mit klaren Betrugs-Befunden negativ auf. Zweitens war Marie als alleinerziehende Mutter und einzige Frau in einem feindlichen Wissenschaftsbetrieb auf maximale Reputation angewiesen; ein öffentliches Engagement für ein umstrittenes Thema hätte sie sich nicht leisten können. Drittens war ihre eigene methodische Skepsis von Anfang an größer als Pierres.
Was bleibt
- Ein gemeinsamer Nobelpreis im Untersuchungs-Saal. Pierre und Marie Curie waren auf dem Höhepunkt ihres wissenschaftlichen Ansehens, als sie Palladinos Sitzungen besuchten. Das ist nicht „Esoterik am Rand", sondern Spitzenphysik im Labor-Modus – mit allen methodischen Werkzeugen, die die damalige Wissenschaft hatte.
- Pierre Curies Formulierung. „Ein ganzes Gebiet neuer Tatsachen und physikalischer Zustände des Raumes, von denen wir keine Vorstellung haben." Das ist – Jahrzehnte vor Pauli und Einstein – die saubere wissenschaftliche Reaktion auf reale Phänomene, die nicht in den vorhandenen Rahmen passen.
- Ein historisches „Was wäre wenn". Pierre Curie hatte einen physikalischen Forschungsplan zu Palladino. Hätte er ihn nach dem 19. April 1906 ausführen können, wäre die Geschichte der Beziehung zwischen Physik und Paranormalem mit großer Wahrscheinlichkeit anders verlaufen.
- Palladinos schwieriger Status. Der Fall zeigt, warum die mediale Forschung methodisch so hart sein muss: Mit derselben Person können in derselben Sitzung Betrugsversuche und nicht erklärbare Phänomene auftreten. Das hat die spätere, methodisch strengere Forschung von Rhine bis Beischel erst notwendig gemacht.
Die Curies gehören in die historische Linie, die wir auf dieser Seite verfolgen: Kepler, Jung, Pauli, Einstein, Rhine, PEAR. Die Vorstellung, der „seriöse" Naturwissenschaftler des 20. Jahrhunderts habe das Paranormale weggewischt, ist historisch falsch. Pierre Curie hat es ernst genommen – und ist daran nicht gescheitert, sondern gestorben.
Quellen
- Pierre Curie: Briefe an Louis Georges Gouy, 1905/06 – publiziert in: Anna Hurwic, Pierre Curie. Flammarion / EDP Sciences, Paris 1995 (englisch: Pierre Curie, EDP Sciences 2003).
- Marie Curie: Pierre Curie. Macmillan, New York 1923 / deutsche Ausgabe Insel.
- Institut Général Psychologique: Rapport sur les séances d'Eusapia Paladino. Bulletin de l'Institut Général Psychologique, Paris 1908.
- Hereward Carrington: Eusapia Palladino and Her Phenomena. Werner Laurie, London 1909 – primäre Beobachter-Quelle, aber parteilich.
- Carlos S. Alvarado: Eusapia Palladino. An autobiographical essay. Journal of Scientific Exploration, 2011 – moderne quellenkritische Aufarbeitung.
- Susan Quinn: Marie Curie. A Life. Simon & Schuster, New York 1995 (deutsch: Marie Curie. Eine Biographie, Insel 1999).
- Barbara Goldsmith: Obsessive Genius. The Inner World of Marie Curie. Norton, New York 2005.
