Brian Josephson (geb. 1940) – der lebende Nobelpreisträger, der psi-Forschung verteidigt

Veröffentlicht am 2026-05-16 · 11 Min. Lesezeit

Brian David Josephson (geboren 1940 in Cardiff, Wales) ist der wohl jüngste Physik-Nobelpreisträger der Geschichte: Mit 22 Jahren sagte er als Doktorand am Trinity College Cambridge das voraus, was heute weltweit als Josephson-Effekt bekannt ist – ein Quanten-Tunnel-Phänomen zwischen zwei Supraleitern, das die technische Grundlage von SQUID-Magnetometern, Quantencomputer-Bausteinen und zahlreichen Hochpräzisions-Messgeräten bildet. 1973, mit 33 Jahren, erhielt er dafür den Nobelpreis für Physik. Was im populären Wissenschaftsbild fast immer fehlt: Ab den 1970er Jahren wurde Josephson öffentlich zu einem der wichtigsten akademischen Verteidiger der parapsychologischen und Bewusstseins-Forschung. Er ist – soweit überschaubar – der einzige lebende Physik-Nobelpreisträger, der diese Position öffentlich vertritt. Und er ist nie zurückgewichen.

Wer ist Brian Josephson?

Josephson wurde 1940 in Cardiff als Sohn eines walisischen Mittelschicht-Paares geboren. Er besuchte die Cardiff High School, ging mit einem Stipendium nach Trinity College Cambridge, schloss das Mathematik-Tripos mit Bestnote ab, wechselte ins Physik-Tripos und begann 1960 seine Promotion am Cavendish Laboratory – jenem Institut, das wir bereits aus den Porträts von Lord Rayleigh und J. J. Thomson kennen.

Ab 1962 war er Fellow von Trinity College, ab 1974 Reader, ab 1974 Professor of Physics in Cambridge. Heute ist er Emeritus Professor, weiterhin am Cavendish ansässig, weiterhin Fellow von Trinity. Geadelt wurde er nicht – ungewöhnlich für einen britischen Nobelpreisträger, möglicherweise eine Folge seiner umstrittenen späteren Aktivitäten.

Der Josephson-Effekt (1962)

Im Frühjahr 1962, Josephson war 22 Jahre alt und im zweiten Promotionsjahr, sagte er theoretisch ein bis dahin unbekanntes Quanten-Tunnel-Phänomen voraus: Zwischen zwei Supraleitern, die durch eine sehr dünne, nicht supraleitende Schicht (typischerweise einige Nanometer Isolator) getrennt sind, fließt unter bestimmten Bedingungen ein Suprastrom ohne anliegende Spannung – einzig durch die quantenmechanische Phasenkohärenz der beiden Supraleiter. Bei angelegter Gleichspannung tritt ein hochfrequenter Wechselstrom auf, dessen Frequenz exakt durch elementare Konstanten festgelegt ist.

Die Vorhersage erschien 1962 in Physics Letters, der experimentelle Nachweis folgte schon 1963 durch Philip Anderson und John Rowell bei den Bell Labs. Die Anwendungen sind heute fundamental:

  • SQUID (Superconducting Quantum Interference Devices) – die empfindlichsten Magnetometer überhaupt, Standard in der Magnetoenzephalographie (MEG) der Hirnforschung.
  • Spannungs-Standards – seit 1990 ist das Volt international über den AC-Josephson-Effekt definiert.
  • Quantencomputer – die meisten supraleitenden Qubits (IBM, Google) basieren auf Josephson-Junctions.

1973 wurde Josephson zusammen mit Leo Esaki und Ivar Giaever mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Er war zu diesem Zeitpunkt 33 Jahre alt – einer der jüngsten Physik-Nobelpreisträger der Geschichte.

Die Wende: Bewusstseinsforschung und Meditation (ab 1971)

Schon vor dem Nobelpreis hatte Josephson begonnen, sich mit Bewusstseinsforschung auseinanderzusetzen. Ab 1971 praktizierte er Transzendentale Meditation, besuchte mehrwöchige Meditations-Retreats und engagierte sich öffentlich in der TM-Bewegung um Maharishi Mahesh Yogi. Er begründete dies ausdrücklich nicht religiös, sondern wissenschaftlich: Meditation eröffne empirisch zugängliche Bewusstseins-Zustände, die in der konventionellen Neurowissenschaft nicht abgebildet seien.

Parallel begann er sich für die experimentelle parapsychologische Forschung zu interessieren – die Linie, die wir auf dieser Seite über J. B. Rhine in Duke und das PEAR-Programm in Princeton ausführlich behandeln. Josephson sah in dieser Linie ein ernsthaftes Forschungsfeld, das zu Unrecht aus dem akademischen Mainstream gedrängt worden war.

Das „Mind-Matter Unification Project" am Cavendish

Mitte der 1990er Jahre richtete Josephson am Cavendish Laboratory das Mind-Matter Unification Project ein. Es ist kein klassisches experimentelles Forschungsprogramm mit Personal und Drittmitteln, sondern eher eine theoretische Initiative – Josephson selbst als Hauptforscher, gelegentliche Kooperationen, eine eigene Webseite am Cavendish-Server. Das erklärte Ziel: einen theoretischen Rahmen entwickeln, in dem Materie und Bewusstsein nicht zwei getrennte Bereiche, sondern Aspekte eines einheitlich beschreibbaren Phänomens sind.

Methodisch greift Josephson dabei auf Biosemiotik (das Konzept, dass biologische Systeme grundlegend zeichenverarbeitende Systeme sind), auf Quanten-Informations-Theorie und auf nichtlineare Dynamik zurück. Inhaltlich ist seine Position konsistent: Wenn Bewusstsein eine fundamentale, nicht nur emergente Eigenschaft der Wirklichkeit ist, dann sind psi-Phänomene wie Telepathie oder Präkognition nicht „übernatürlich", sondern noch unverstandene Aspekte derselben Physik, die wir bereits in Teilen kennen. Diese Position fügt sich strukturell in die Linie ein, die wir bei Pauli (Quanten-Nicht-Lokalität, unus mundus), Einstein („erweiterte Physik nötig") und Lodge (Äther als gemeinsames Medium) bereits beobachtet haben.

2001: Der Royal-Mail-Vorfall

Zum 100-jährigen Jubiläum des Nobelpreises gab die britische Royal Mail im Oktober 2001 eine Serie von Sonderbriefmarken heraus, jede mit einem Begleitheftchen, in dem britische Nobelpreisträger kurz aus ihrem Fach schreiben sollten. Josephson, der die Physik-Briefmarke begleitete, schrieb sinngemäß: Die Quanten-Informations-Theorie könnte zur Erklärung von Phänomenen führen, die die konventionelle Wissenschaft noch nicht versteht – „etwa Telepathie".

Die Reaktion war heftig. Der Oxforder Quantenphysiker David Deutsch nannte den Beitrag in The Observer öffentlich „utter rubbish" – „völligen Quatsch". Mehrere namhafte Physiker forderten von der Royal Mail eine Distanzierung. Josephson selbst trat in mehreren Interviews ruhig nach: er habe keine Behauptung aufgestellt, dass Telepathie bewiesen sei, sondern lediglich auf eine theoretische Möglichkeit verwiesen, die die heutige Quanten-Informations-Theorie offen lasse. Er hat den Satz nicht zurückgenommen.

Weitere Kontroversen: kalte Fusion, Wassergedächtnis

Josephson hat über die Jahre mehrere Positionen vertreten, die der Mainstream-Physik unbequem sind: Sympathie für die kalt-fusions-Forschung (Fleischmann/Pons 1989 und Nachfolger), öffentliche Unterstützung des „Wassergedächtnis"-Konzepts von Jacques Benveniste, Engagement im Umfeld der Society for Scientific Exploration. Die Mainstream-Reaktion war jeweils kritisch bis polemisch. Bemerkenswert ist aber, dass Josephson weiterhin Trinity-Fellow, Cambridge-Emeritus und Nobelpreisträger ist – sein Nobel-Werk bleibt unangefochten. Die Trennung zwischen seiner unbestrittenen Junior-Arbeit (1962) und seinen umstrittenen Senior-Positionen ist nie überzeugend hergestellt worden.

„Die heutige Quanten-Informationstheorie deutet darauf hin, dass es Phänomene geben kann, die in der konventionellen Physik bisher nicht beschrieben sind – darunter Phänomene wie die Telepathie. Es ist Aufgabe der Wissenschaft, das zu untersuchen, nicht es aus weltanschaulichen Gründen auszuschließen."
— Sinngemäße Wiedergabe der Position Brian Josephsons aus dem Royal-Mail-Briefchen 2001 und nachfolgenden Interviews

Reaktion des Physik-Mainstreams

Josephsons Position ist im akademischen Physikbetrieb minoritär. Sie wird nicht ignoriert – dafür ist seine wissenschaftliche Reputation zu groß – aber sie wird scharf kritisiert. Die übliche Linie der Kritiker (Deutsch, Stenger, später auch öffentliche Skeptiker-Gruppen) ist: Josephson sei Opfer der „Nobel-Krankheit", des Phänomens, dass alternde Nobelpreisträger gelegentlich abenteuerliche Theorien außerhalb ihres Fachs vertreten. Beispiele wie Linus Pauling (Vitamin C) oder Kary Mullis (HIV-AIDS-Skepsis) werden bemüht.

Diese Lesart ist polemisch tauglich, sachlich aber schwach. Erstens war Josephsons Interesse an Bewusstseins-Themen schon vor dem Nobelpreis vorhanden. Zweitens ist seine Position theoretisch detailliert, nicht pauschal. Drittens stellt er sich ausdrücklich nicht außerhalb der Physik, sondern beruft sich auf etablierte Konzepte wie Quanten-Informationstheorie und Nicht-Lokalität. Die Diskussion ist also weniger eine wissenschaftliche als eine soziologische – eine Frage dessen, was im akademischen Diskurs sagbar ist und was nicht.

Was bleibt

  • Maximale Reputation, gegenwärtige Stimme. Anders als die übrigen Personen in unserer Reihe (Kepler bis Pauli) ist Josephson lebend, aktiv und im akademischen Apparat (Trinity, Cavendish) verankert. Wer das Argument „die Wissenschaft hat das längst widerlegt" hört, kann mit Josephson ein lebendes Gegenbeispiel benennen.
  • Klare theoretische Linie. Mind-Matter-Unifikation über Quanten-Informationstheorie und Biosemiotik – methodisch anschlussfähig an Pauli, Einstein und an die PEAR-Experimente mit Quantenrauschen.
  • Standhaftigkeit über Jahrzehnte. Vom TM-Engagement der 1970er über das Mind-Matter Project der 1990er bis zum Royal-Mail-Vorfall 2001 und den späteren Kontroversen hat Josephson keine seiner umstrittenen Positionen zurückgenommen. Diese Beharrlichkeit ist im heutigen Wissenschaftsbetrieb außergewöhnlich.
  • Lehrstück über akademische Toleranz. Dass Cambridge und Trinity College Josephson als Emeritus und Fellow behalten haben, zeigt, dass auch im 21. Jahrhundert Spitzen-Institutionen einen Spitzenforscher nicht für seine umstrittenen Positionen ausschließen, solange sein Hauptwerk solide ist. Diese Toleranz ist nicht überall selbstverständlich.

Josephson gehört in die historische Linie, die wir auf dieser Seite verfolgen: Kepler, Crookes, die Curies, Lodge, Rayleigh, J. J. Thomson, Jung, Pauli, Einstein, Rhine, PEAR. Er ist der Einzige unter ihnen, der heute lebt. Solange er das tut, ist die Behauptung, „seriöse Physik" und psi-Forschung schlössen sich aus, durch seine bloße Existenz widerlegt.

Quellen

  • B. D. Josephson: Possible new effects in superconductive tunnelling. Physics Letters, Vol. 1 (1962), S. 251–253 – die ursprüngliche Vorhersage des Josephson-Effekts.
  • B. D. Josephson: The Discovery of Tunnelling Supercurrents. Nobel-Vortrag, Stockholm 1973 (Reviews of Modern Physics, Vol. 46, 1974).
  • Mind-Matter Unification Project, Cavendish Laboratory, University of Cambridge – Projektseite und Publikationsliste online (tcm.phy.cam.ac.uk/~bdj10).
  • Royal Mail Nobel Centenary Booklet: Britain's Nobel Laureates – Physics. London 2001 – mit Josephsons Beitrag.
  • Robert Matthews: Royal Mail's Nobel Guru in Telepathy Row. The Observer, 30. September 2001 – mit David Deutschs Reaktion.
  • Brian Josephson & Fotini Pallikari-Viras: Biological Utilisation of Quantum NonLocality. Foundations of Physics, Vol. 21 (1991), S. 197–207.
  • Wikipedia/Encyclopædia Britannica: Brian David Josephson – für die biographischen Standarddaten.