Werner Heisenberg – die zentrale Ordnung und das metaphysische Programm hinter der Quantenmechanik

Veröffentlicht am 2026-05-18 · 13 Min. Lesezeit

Werner Heisenberg (1901–1976) ist im Schulbuch der Mann der Unschärferelation, der Begründer der Matrizenmechanik und – als jüngster Vertreter der ersten Quanten-Generation neben Bohr, Born, Pauli und Dirac – einer der intellektuellen Architekten der modernen Physik. Was im Schulbuch etwas, aber selten in voller Tiefe steht: Heisenberg hat über fast fünf Jahrzehnte eine ausgearbeitete metaphysische Physik-Lesart entwickelt, in deren Mittelpunkt der Begriff der zentralen Ordnung steht – einer fundamentalen Wirklichkeitsebene, die als gemeinsame Quelle physikalischer Gesetzlichkeit, mathematischer Form und ethisch-ästhetischer Wahrheit gedacht ist. Sein autobiographisches Hauptwerk Der Teil und das Ganze (Piper 1969) und die späteren Reden-Sammlungen Schritte über Grenzen (1971) und Tradition in der Wissenschaft (1977 posthum) verdichten dieses Programm in einer Sprache, die ausdrücklich auf Platon, auf Bacon, auf Eckhart und auf die christlich-philosophische Tradition Bezug nimmt. Heisenberg ist in unserer Reihe der Fall, in dem die metaphysische Hälfte am sichtbarsten geblieben ist – und in dem trotzdem die Reichweite dieser Hälfte konsequent als „späte Philosophie eines Physikers" verharmlost wird.

Wer war Heisenberg?

Geboren am 5. Dezember 1901 in Würzburg als Sohn des klassischen Philologen August Heisenberg, der wenige Jahre später Professor für mittel- und neugriechische Philologie an der Universität München wurde. Heisenbergs intellektuelle Atmosphäre war von Anfang an doppelt: einerseits die strenge Münchener mathematische Schule (Sommerfeld), andererseits das humanistisch-gräzistische Elternhaus. Heisenberg hat in seinen Erinnerungen mehrfach betont, dass er die Timaios-Lektüre auf einem Münchener Hausdach im Jahr 1919 – als 17-Jähriger, unter dem Eindruck der Räterepublik – als prägende Lebenserfahrung empfand. Diese Doppelheit (mathematische Strenge plus platonische Schau) durchzieht sein gesamtes Werk.

Promotion bei Arnold Sommerfeld in München 1923, Habilitation bei Max Born in Göttingen 1924, Privatdozent bei Bohr in Kopenhagen 1924–1927. Ab 1927, mit 25 Jahren, ordentlicher Professor in Leipzig – jüngste deutsche Berufung dieser Art. 1932 Nobelpreis Physik. Ab 1942 Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physik in Berlin, ab 1946 (nach Umbenennung in Max-Planck-Institut und Verlegung nach Göttingen) bis 1958 ebendort, dann ab 1958 Direktor des MPI für Physik und Astrophysik in München bis zur Emeritierung 1970. Heisenberg starb am 1. Februar 1976 in München.

Helgoland 1925: der Durchbruch zur Matrizenmechanik

Im Frühsommer 1925, von schwerem Heuschnupfen gezeichnet, zog sich Heisenberg auf die Nordsee-Insel Helgoland zurück. In wenigen Wochen entstand dort die Matrizenmechanik – die erste mathematisch geschlossene Formulierung der Quantenmechanik. Heisenberg hat den Durchbruch in Der Teil und das Ganze später in einer fast literarischen Szene geschildert: er habe nachts an einer Felsklippe gestanden und gespürt, dass „durch die Außenseite der Atomphänomene hindurch ein Grund von eigentümlicher innerer Schönheit hervortrat (…) und ich war fast schwindlig bei dem Gedanken, daß ich jetzt diese Fülle mathematischer Strukturen ausarbeiten sollte, die die Natur dort vor mir ausgebreitet hatte." Die mystisch-ästhetische Färbung der Selbsterzählung ist Programm: Für Heisenberg war die mathematische Struktur kein Werkzeug, das man der Natur überstülpt, sondern eine vorgefundene Ordnung, die gesehen wird.

1927 die Unschärferelation Δx · Δp ≥ ℏ/2 – jene zentrale Aussage der Quantenmechanik, dass Ort und Impuls eines Teilchens nicht gleichzeitig beliebig genau bestimmt sein können. Die Unschärferelation hat sowohl epistemologische als auch ontologische Lesarten; Heisenbergs eigene Position blieb zeitlebens ontologisch: Die Unschärfe ist nicht ein Defizit unserer Messung, sondern eine Eigenschaft der Wirklichkeit selbst.

Die Kriegszeit – ein notwendiger Vermerk

Heisenberg blieb in der NS-Zeit in Deutschland, übernahm 1942 die wissenschaftliche Leitung des Uranvereins (des deutschen Atomprogramms) und wurde dafür nach dem Krieg sechs Monate von den britischen Alliierten in Farm Hall interniert. Die später freigegebenen Farm Hall Transcripts sind die wichtigste Quelle zu seinem tatsächlichen Wissen über die Bombe. Sein Besuch bei Bohr in Kopenhagen 1941 ist seit der Veröffentlichung der nicht abgeschickten Bohr-Briefe 2002 besser dokumentiert, aber in der Deutung weiter umstritten (das Theaterstück Copenhagen von Michael Frayn 1998 hat die Frage in der Öffentlichkeit gehalten). Das ist nicht der Gegenstand dieses Beitrags, gehört aber zur Biographie und sei explizit erwähnt: Heisenbergs philosophisches Werk ist ohne diesen historischen Kontext nicht zu lesen.

Platonische Grundvoraussetzung

Heisenbergs zentrale philosophische These ist seit den 1930er Jahren konsistent und seit den späten 1950er Jahren öffentlich ausformuliert: Die fundamentalen Bausteine der Materie sind nicht „kleinste Teilchen", sondern mathematische Formen. Er beruft sich ausdrücklich auf Platons Dialog Timaios, in dem die Elementarbausteine als geometrische Körper (regelmäßige Polyeder) gedacht werden. Heisenberg liest die moderne Quantenfeldtheorie – insbesondere seine eigene späte „Weltformel" von 1958, die nichtlineare einheitliche Feldtheorie – als historische Bestätigung dieser platonischen Grundintuition. In seinem Vortrag Schritte über Grenzen (1971) und in dem Aufsatz Die Plancksche Entdeckung und die philosophischen Grundfragen der Atomlehre (1958) heißt es ausdrücklich: Die Elementarteilchen unserer Physik sind in dem Sinne Formen, in dem Platon von Formen sprach.

Diese platonische Lesart ist nicht eine Spätentwicklung. Sie ist die Voraussetzung. Heisenberg hat in Der Teil und das Ganze dargestellt, dass schon 1919 – im Münchener Räterepublik-Sommer – die Lektüre des Timaios seine Entscheidung für die theoretische Physik mit motiviert hat. Wer von ihm nur die Unschärferelation lernt, hat den Ausgangspunkt der gesamten Konstruktion nicht.

Physik und Philosophie (1958): die Gifford Lectures

1955/56 hielt Heisenberg an der schottischen University of St Andrews die Gifford Lectures – dieselbe Tradition, in der vor ihm William James, Henri Bergson, Alfred North Whitehead, Niels Bohr und nach ihm John Eccles sprachen. Die Vorträge erschienen 1958 bei Harper unter dem Titel Physics and Philosophy. The Revolution in Modern Science, deutsch 1959 als Physik und Philosophie bei Hirzel. Das Buch ist die kompakteste verfügbare Darstellung von Heisenbergs philosophischer Position.

Die zentralen Thesen:

  • Der klassische Materialismus – „die Welt besteht aus kleinen Stücken Materie in Raum und Zeit" – ist durch die Quantenmechanik definitiv widerlegt. Die Welt besteht nicht aus solchen Stücken, weder begrifflich noch experimentell.
  • Was an die Stelle der Materie tritt, sind mathematische Strukturen, die sich in Beobachtungs-Kontexten in verschiedenen, einander komplementären Weisen manifestieren.
  • Die ontologische Lage der Elementarteilchen entspricht nicht der Aristotelischen Materie, sondern der platonischen Form. Heisenberg sagt das wörtlich.
  • Die Sprache der klassischen Physik ist für die Quantenebene unzulänglich. Wir brauchen einen neuen Begriffsapparat, der von den älteren ontologischen Traditionen, einschließlich der antiken Philosophie und der religiösen Sprachen, mit-gespeist werden muss.

Der Teil und das Ganze (1969): die zentrale Ordnung

1969 publizierte Heisenberg im Piper-Verlag München sein autobiographisch-philosophisches Hauptwerk: Der Teil und das Ganze. Gespräche im Umkreis der Atomphysik. Es handelt sich um eine literarische Rekonstruktion zwanzig zentraler Gespräche, die Heisenberg im Laufe seines Lebens mit Bohr, Pauli, Einstein, Dirac, Schrödinger und anderen geführt hatte – jeweils auf der Höhe der damaligen physikalischen Frage. Das Buch ist kein Memoirenwerk im üblichen Sinn; es ist ein philosophisches Argument in Dialog-Form, in der Tradition Platons.

Das berühmteste Kapitel ist Kapitel 17, Diskussionen über die Beziehung zwischen Naturwissenschaft und Religion. Heisenberg rekonstruiert hier eine nächtliche Diskussion in Brüssel während der Solvay-Konferenz 1927 zwischen sich selbst, Wolfgang Pauli und Paul Dirac. Dirac vertritt darin den strengen Naturalismus („Religion ist eine Sammlung von Aberglauben"); Pauli – ironisch, witzig, in Form, aber methodisch genau – verteidigt die strukturelle Notwendigkeit einer religiösen Sprache zur Bezeichnung dessen, was die Naturwissenschaft methodisch ausklammern muss. Heisenberg selbst tritt als dritter Sprecher hinzu und führt das Konzept ein, das den Rest seines Werks tragen wird: die zentrale Ordnung der Dinge.

„Wenn wir nun einen Augenblick erörtern, was wir uns mit dem Namen ‚Gott' bezeichnen sollen, so können wir hier (…) immerhin zu der Auffassung gelangen, daß die zentrale Ordnung, von der man dabei spricht, in jedem Fall wirksam an der Welt teilhat und daß der Mensch ihr nicht ohne weiteres entrinnen kann."
— W. Heisenberg, Der Teil und das Ganze, Piper, München 1969, Kap. 17.

Die zentrale Ordnung ist nicht ein abgesetzter zusätzlicher Gegenstand neben den physikalischen Strukturen. Sie ist – nach Heisenbergs Konzeption – jene Wirklichkeitsebene, aus der die mathematischen Naturgesetze ebenso hervorgehen wie die ethischen und ästhetischen Maßstäbe. Heisenberg verwendet den Begriff Gott sparsam und vorsichtig, weil er die theologischen Konnotationen nicht vorschnell vorgeben will; aber er sagt mehrfach explizit, dass das, was die religiöse Sprache mit „Gott" bezeichnet, in seiner methodischen Lesart der zentralen Ordnung entspricht. Es ist nicht „der erste Beweger" der Aristotelischen Naturphilosophie, sondern eher die platonische Idee des Guten – die Quelle, in der Sein und Erkennen, Materie und Form zusammenkommen.

Das Bacon-Bonmot

Mehrere Heisenberg-Texte zitieren ein Bonmot, das er ausdrücklich Francis Bacon zuschreibt, das aber später auch Heisenberg selbst attribuiert wird (in der populären Sammlung gelegentlich fälschlich):

„Der erste Trunk aus dem Becher der Naturwissenschaft macht atheistisch; aber auf dem Grund des Bechers wartet Gott."
— Heisenberg, Der Teil und das Ganze, Kap. 17, in Paraphrase nach Francis Bacon, Of Atheism (1601): „A little philosophy inclineth man's mind to atheism, but depth in philosophy bringeth men's minds about to religion."

Heisenberg benutzt das Wort als Selbstcharakterisierung seines wissenschaftlichen Werdegangs: Die ersten Erfolge der modernen Physik – Quantenmechanik, Unschärferelation – legten eine entzauberte, „atheistisch" formulierbare Welt nahe. Die tiefere Lektüre derselben Theorien aber – Komplementarität, Beobachterproblem, die platonische Form-Lesart der Elementarteilchen – führt Heisenbergs Auffassung nach gerade umgekehrt zu einer offenen metaphysischen Frage zurück, die in der religiösen Sprache der Tradition besser artikuliert ist als in der reduktionistischen Sprache des 19. Jahrhunderts.

Ordnung der Wirklichkeit (geschrieben 1942, posthum 1989)

Eine besondere Stellung hat ein Manuskript, das Heisenberg 1942 in der schlimmsten Phase des Zweiten Weltkriegs für seine Familie verfasste: Ordnung der Wirklichkeit. Heisenberg legte das Werk in seiner Schreibtischschublade ab. Erst 1989, dreizehn Jahre nach seinem Tod, wurde es bei Piper publiziert. Das Manuskript entwirft eine vollständige Schichtenlehre der Wirklichkeit: physikalisch-anorganische Schicht, biologische Schicht, psychisch-seelische Schicht, geistig-religiöse Schicht – jede Schicht ist eine eigene legitime Beschreibungs-Ebene, keine ist auf eine andere reduzierbar.

Diese Schichtenlehre ist sehr ähnlich der späteren Drei-Welten-Ontologie von Karl Popper und John Eccles in The Self and Its Brain (1977), erscheint aber drei Jahrzehnte früher. Heisenberg hat das Manuskript nie selbst publiziert; die Familie hat es erst nach seinem Tod freigegeben. Damit dokumentiert Ordnung der Wirklichkeit exemplarisch das Pattern unserer Reihe: ein metaphysisches Hauptdokument eines Top-Physikers, das er zu Lebzeiten nicht öffentlich machen wollte – wahrscheinlich aus institutioneller Vorsicht.

Pauli – der dauernde Gesprächspartner

Die metaphysische Linie Heisenbergs lässt sich nicht ohne Wolfgang Pauli denken. Heisenberg und Pauli kannten sich seit dem Münchener Doktorat 1923, blieben über vierzig Jahre Briefpartner. Die Heisenberg-Pauli-Briefe (kritisch ediert von Karl von Meyenn, drei Bände 1979–2005) sind eines der wichtigsten Quellenkorpora für die Geschichte der Quantenmechanik und für deren metaphysische Tiefenschicht. Pauli ist auch derjenige, der das Wort zentrale Ordnung aus dem Bacon-Kontext in die Brüsseler 1927er-Diskussion einbringt – Heisenberg übernimmt es von ihm.

Heisenberg und Pauli haben sich in ihren Positionen weiterentwickelt: Pauli zur Jungschen Tiefenpsychologie und zum unus-mundus-Konzept (gemeinsam mit Jung 1952), Heisenberg zur platonischen Lesart und zur Schichtenlehre. Aber sie haben über Jahrzehnte denselben Untersuchungsraum geteilt. Wer Heisenberg ohne Pauli liest – oder umgekehrt – verfehlt die historische Lage.

Hans-Peter Dürr – der Nachfolger

Heisenbergs engster Mitarbeiter und schließlicher Nachfolger als geschäftsführender Direktor des MPI in München war Hans-Peter Dürr (1929–2014). Dürr hat in den letzten zwei Jahrzehnten seines Lebens die metaphysische Heisenberg-Linie öffentlich expliziter weitergeführt als Heisenberg selbst es getan hatte. Seine späten Bücher (Crotona, Herder) und seine populären Vorträge unter dem Stichwort „Es gibt keine Materie!" sind eine Fortschreibung von Heisenbergs platonischer Lesart der Elementarteilchen in eine an breitere Publika gerichtete Sprache. Heisenbergs metaphysisches Programm hat damit eine Generationen-Linie, die bis ins 21. Jahrhundert reicht.

Position im Pattern

Heisenberg unterscheidet sich von den anderen post-1906-Fällen unserer Reihe in einer wichtigen Hinsicht: Seine philosophischen Schriften werden im Standard-Heisenberg-Bild nicht weggelassen, sondern eingeordnet. In den meisten Physik-Geschichten erscheint Der Teil und das Ganze als bekanntes Werk; in Universitätsseminaren zur Wissenschaftsphilosophie wird es regelmäßig gelesen; das Bacon-Bonmot kennt jeder Physiker. Insofern ist Heisenberg in der Reihe der „weniger verdrängten" Fälle.

Die Marginalisierung erfolgt subtiler – durch Bagatellisierung der Reichweite:

  • Die platonische Form-Lesart der Elementarteilchen, eine ontologische Hauptthese, wird oft als „rhetorische Figur" oder „pythagoreische Reminiszenz" behandelt – nicht als ernsthafte Ontologie.
  • Der Begriff der zentralen Ordnung wird als „literarische Metapher" behandelt – nicht als methodischer Vorschlag, eine real wirksame Schicht der Wirklichkeit zu benennen.
  • Die Schichtenlehre der Ordnung der Wirklichkeit (1942/1989) wird als „theologisches Privatwerk" behandelt – nicht als systematische Antwort auf die Frage, wie verschiedene Beschreibungsebenen zueinander stehen.
  • Heisenbergs explizite religiöse Sprache wird als „kulturelle Höflichkeit" gegenüber der Tradition gedeutet – nicht als Aussage über Wirklichkeit.

Damit ist Heisenberg unser Beispielfall für die dritte Marginalisierungs-Variante (nach „Stricken aus dem Schulbuch" wie bei Maxwell und „editorial getrennt rezipiert" wie bei Schrödinger): die Bagatellisierung der Reichweite. Die Texte sind da, sie werden zitiert, sie werden in Anthologien aufgenommen – aber ihre eigentliche Schubkraft wird in der populären und akademischen Rezeption systematisch dimmer gedreht. Wer den ungedimmten Heisenberg lesen will, muss Der Teil und das Ganze, Schritte über Grenzen und Ordnung der Wirklichkeit selbst zur Hand nehmen.

Was bleibt

  • Platonische Lesart der Quantenmechanik. Heisenbergs These, die fundamentalen Bausteine seien Formen, nicht Teilchen, ist die ontologische Konsequenz, zu der er aus seiner eigenen Physik gelangt. Sie ist nicht aus dem Lehrbuch heraus widerlegt; sie ist aus dem Lehrbuch heraus selten ausgesprochen.
  • Zentrale Ordnung. Heisenbergs Begriff bezeichnet die gemeinsame Quelle physikalischer, ethischer und ästhetischer Wahrheit. Er ist ungewöhnlich für einen Top-Physiker des 20. Jahrhunderts und gehört in dieselbe Begriffsfamilie wie Paulis unus mundus, Schrödingers Singular-Bewusstsein und Bohms implicate order.
  • Ordnung der Wirklichkeit. Das 1942 geschriebene, erst 1989 publizierte Manuskript ist Heisenbergs systematischste metaphysische Schrift. Es verdient eine eigene Lektüre, unabhängig von Der Teil und das Ganze.
  • Bacon-Bonmot. „Der erste Trunk macht atheistisch; auf dem Grunde wartet Gott." Heisenberg verwendet das Wort wörtlich als Selbstcharakterisierung seines eigenen wissenschaftlichen Werdegangs. Es ist nicht koketter Schmuck, sondern Programm.
  • Position in der Pattern-Reihe. Heisenberg ist der „weniger verdrängte" Fall – aber nicht „nicht verdrängt". Die Marginalisierung erfolgt durch Bagatellisierung statt durch Auslassung. Damit ergänzt er die Reihe um eine dritte Variante neben „Schulbuch-Lücke" (Maxwell, Kelvin) und „editoriale Trennung" (Schrödinger, Bohm, Eccles). Mehr zum institutionellen Hintergrund in unserem Beitrag Mediumschaft und Macht.

Heisenberg einzubeziehen heißt nicht, die Unschärferelation oder die Matrizenmechanik anders zu beurteilen. Es heißt, sie in dem metaphysischen Rahmen zu lesen, in dem ihr Urheber sie eingebettet hat – einem Rahmen, in dem die fundamentalen Strukturen der Materie als platonische Formen verstanden werden und in dem die Gesetze der Physik mit den Gesetzen der Ethik und der Ästhetik aus einer gemeinsamen zentralen Ordnung hervorgehen. Wer diese Tiefenschicht in der Lektüre mit zurückbringt, liest den historischen Heisenberg – einen Physiker, dem es ernsthaft um die Wiederherstellung des platonischen Erbes in der modernen Naturwissenschaft ging und der das in einer Form ausgesprochen hat, deren Sichtbarkeit das Schulbuch des 20. und 21. Jahrhunderts dimmt, ohne sie zu löschen.

Quellen

  • Werner Heisenberg: Der Teil und das Ganze. Gespräche im Umkreis der Atomphysik. Piper, München 1969 (zahlreiche Auflagen; Standardausgabe der autobiographisch-philosophischen Hauptwerks).
  • Werner Heisenberg: Physik und Philosophie. Hirzel, Stuttgart 1959 (englische Original-Edition: Physics and Philosophy. The Revolution in Modern Science, Harper, New York 1958 – die Gifford Lectures von 1955/56 in St Andrews).
  • Werner Heisenberg: Schritte über Grenzen. Gesammelte Reden und Aufsätze. Piper, München 1971 (erweiterte Auflage 1973).
  • Werner Heisenberg: Tradition in der Wissenschaft. Reden und Aufsätze. Piper, München 1977 (posthum).
  • Werner Heisenberg: Quantentheorie und Philosophie. Vorlesungen und Aufsätze. Hrsg. Jürgen Busche, Reclam, Stuttgart 1979 (posthum).
  • Werner Heisenberg: Ordnung der Wirklichkeit. Piper, München 1989 (Manuskript 1942, posthum).
  • Karl von Meyenn (Hrsg.): Wolfgang Pauli. Wissenschaftlicher Briefwechsel mit Bohr, Einstein, Heisenberg u. a.. 4 Bände, Springer, Berlin 1979–2005 – kritische Gesamtedition.
  • David C. Cassidy: Uncertainty. The Life and Science of Werner Heisenberg. W. H. Freeman, New York 1992 – die wissenschaftshistorische Standardbiographie.
  • Carl Friedrich von Weizsäcker: Aufbau der Physik. Hanser, München 1985 – philosophisches Hauptwerk seines engsten Schülers, mit zahlreichen Heisenberg-Auseinandersetzungen.
  • Werner Heisenberg: Physik und Religion. Was ist und was sein soll, Gesammelte Werke / Collected Works C-I. Hrsg. W. Blum, H.-P. Dürr, H. Rechenberg, Piper / Springer 1984ff.
  • Operation Epsilon: The Farm Hall Transcripts. Hrsg. Charles Frank, University of California Press 1993 – die freigegebenen Transkripte der Internierung 1945.