Robert Boyle – Vater der Chemie, Alchemist und Stifter der Boyle Lectures

Veröffentlicht am 2026-05-18 · 12 Min. Lesezeit

Robert Boyle (1627–1691) ist im Schulbuch der Begründer der modernen Chemie, Verfasser der Sceptical Chymist (1661), Autor des berühmten Boyleschen Gesetzes (1662) und Mitgründer der Royal Society. Was Boyle daneben war, steht zwar – anders als bei Faraday oder Maxwell – in besseren wissenschaftshistorischen Werken durchaus genannt, doch in der Schulchemie und in den meisten Übersichtsdarstellungen praktisch unsichtbar: ein lebenslang aktiver Alchemist im Brief-Netzwerk mit Isaac Newton, ein produktiver theologischer Autor mit über zwanzig Schriften über die Vereinbarkeit von Naturphilosophie und christlichem Glauben, Sponsor mehrerer Bibelübersetzungen – und vor allem Stifter der Boyle Lectures, einer testamentarisch angeordneten Vortragsreihe, die seit 1692 christliche Apologetik gegen Atheismus betreibt und 2026 in ihr 334. Jahr geht.

Wer war Boyle?

Geboren am 25. Januar 1627 in Lismore Castle, Irland, als vierzehntes von fünfzehn Kindern des 1. Earl of Cork – nach zeitgenössischen Schätzungen einer der reichsten Männer Großbritanniens. Diese Herkunft hat Boyle materiell unabhängig gemacht: Er hat zeitlebens nie eine akademische Stelle oder ein Amt angenommen, sondern aus eigenem Vermögen privat geforscht. Schulzeit am Eton College ab 1635, dann ab 1639 Reisen mit Hauslehrer durch Frankreich, die Schweiz und Italien.

Nach der Rückkehr 1644 (während des englischen Bürgerkriegs) lebte Boyle in Stalbridge, Dorset, dann ab 1655 in Oxford, schließlich ab 1668 dauerhaft in London im Haus seiner Schwester Lady Ranelagh am Pall Mall. Er heiratete nie; mit seiner Schwester teilte er Haushalt und intellektuelles Leben über zwanzig Jahre. Er starb am 31. Dezember 1691 in London, eine Woche nach Lady Ranelagh, und wurde in St. Martin-in-the-Fields beigesetzt. (Die Kirche wurde später abgerissen; sein Grab ging dabei verloren.)

Die Bekehrung in Genf 1640

Eine biographische Schlüsselszene: Im Sommer 1640 zog während eines Aufenthalts in Genf ein heftiges Gewitter auf. Der dreizehnjährige Boyle erlebte einen so heftigen Blitzeinschlag in der Nähe, dass er später schrieb, er habe geglaubt, das Jüngste Gericht sei angebrochen. In dieser Nacht – nach eigenem Bericht in der Autobiographie – legte er Gott ein Versprechen ab, sein Leben dessen Dienst zu widmen, falls er die Nacht überlebe. Er überlebte. Diese Episode markiert in der Boyle-Forschung den Beginn dessen, was Michael Hunter scrupulosity genannt hat – eine fast übergenaue, lebenslange religiöse Selbstprüfung, die jede Boyle-Biographie strukturieren muss.

Anders als bei der „zweiten Bekehrung" Maxwells 1853 ist Boyles Genfer Erfahrung keine Erweckung im erweckungschristlichen Sinn, sondern ein Versprechen. Boyle lebte den Rest seines Lebens in dem Bewusstsein, dieses Versprechen einzulösen – und seine wissenschaftliche, theologische und mäzenatische Arbeit gehört in diese eine Linie.

The Sceptical Chymist (1661)

1661, mit 34 Jahren, publizierte Boyle das Werk, mit dem er heute in jedem Chemie-Lehrbuch erscheint: The Sceptical Chymist, ein als Dialog gestalteter Angriff auf die zeitgenössischen Element-Theorien. Boyle weist sowohl die aristotelischen vier Elemente (Erde, Wasser, Feuer, Luft) als auch die paracelsischen drei Prinzipien (Schwefel, Quecksilber, Salz) als empirisch unhaltbar zurück. Stattdessen schlägt er vor, das Element experimentell-operativ zu definieren: als das, was sich durch chemische Operationen nicht weiter zerlegen lässt. Diese Operativ-Definition ist die direkte Vorform der modernen chemischen Elementdefinition, die hundertfünfzig Jahre später bei Lavoisier wiederkehrt.

Was im Schulbuch nicht steht: The Sceptical Chymist ist keine Abrechnung mit der Alchemie als ganzer, sondern mit ihren schlechten Theoretikern. Boyle hat zeitlebens an der Möglichkeit der Transmutation (Verwandlung unedler Metalle in Gold) festgehalten und sie selbst experimentell verfolgt – siehe unten. Der heutige Eindruck, The Sceptical Chymist sei die Geburtsurkunde einer von der Alchemie sauber geschiedenen modernen Chemie, ist eine Rückprojektion des 19. Jahrhunderts.

Das Boylesche Gesetz und das Vakuumexperiment

1662 publizierte Boyle in der zweiten Auflage seiner Schrift New Experiments Physico-Mechanical, Touching the Spring of the Air das nach ihm benannte Gesetz: Bei konstanter Temperatur ist das Produkt aus Druck und Volumen einer gegebenen Gasmenge konstant (p × V = const). Möglich gemacht hatten dies die Experimente mit der von Boyle und seinem Assistenten Robert Hooke gebauten Vakuumpumpe ab 1659 – einer Weiterentwicklung des Otto-von-Guericke-Geräts. Die Boylesche Pumpe wurde zum öffentlichen Labor-Vorzeigeprojekt der frühen Royal Society. Mit ihr untersuchte Boyle Geräusche im Vakuum, das Verhalten von Tieren bei reduziertem Luftdruck, die Verbrennung in Luft – die Grundlagen dessen, was später als Gas-Physik und Lungen-Physiologie ausdifferenziert wird.

Mitgründer der Royal Society 1660

Boyle gehörte zur Gruppe von Naturphilosophen – um John Wilkins, Christopher Wren, Robert Hooke, William Petty –, aus deren Treffen 1660 die Royal Society of London hervorging, formell konstituiert 1662 durch königliche Charta von Karl II. Boyle wurde Council-Mitglied, lehnte aber 1680 die Wahl zum Präsidenten ab – aus dem für ihn typischen Skrupel, er könne den Eid, den dieses Amt nominell verlangte, nicht ablegen, ohne sein theologisches Gewissen zu belasten (er hielt Eide, soweit irgend möglich, für vermeidbar, im Anschluss an Mt 5,34–37).

Boyle der Alchemist – Lawrence Principes Rekonstruktion 1998

Diese Seite Boyles wurde im 19. und 20. Jahrhundert systematisch heruntergespielt. Erst die wissenschaftshistorischen Arbeiten von Lawrence M. Principe ab den 1990er Jahren haben das volle Bild rekonstruiert. Sein Buch The Aspiring Adept. Robert Boyle and His Alchemical Quest (Princeton 1998) wertet hunderte handschriftlicher Boyle-Manuskripte aus, die jahrhundertelang nur kursorisch gelesen worden waren.

Boyles alchemistisches Programm umfasste:

  • aktive Suche nach dem philosophischen Stein, dokumentiert in mindestens drei längeren Arbeitsphasen.
  • Korrespondenz mit alchemistischen Adepten in ganz Europa, oft unter Pseudonymen und mit verschlüsselten Rezepten.
  • 1678 die anonyme Publikation Of a Degradation of Gold made by an Anti-Elixir – Boyle berichtet, einen Stein erhalten zu haben, der Gold in ein unedles Metall verwandelt. Er deutet dies als Beleg für die prinzipielle Realität der Transmutation in beide Richtungen.
  • aktive Lobby-Arbeit im englischen Parlament 1689 für die Aufhebung des Act against Multipliers von 1404 (Heinrich IV.), der die alchemistische Goldherstellung unter Todesstrafe gestellt hatte. Boyles Intervention war erfolgreich – das Gesetz wurde 1689 aufgehoben. Damit konnte er, und konnte auch Newton, alchemistische Versuche legal durchführen.
  • Korrespondenz mit Isaac Newton über alchemistische Versuche. Newton selbst hat einige Stunden vor Boyles Tod 1691 versucht, sich um den Nachlass seiner alchemistischen Manuskripte zu bemühen.

Principes Befund: Boyles Alchemie war nicht ein peinlicher Anhang seiner Chemie, sondern integraler Teil seiner Naturphilosophie. Er sah in der Transmutation einen experimentellen Zugang zu der Frage, ob die Materie aus einer einheitlichen Substanz besteht, die in verschiedene Formen gebracht werden kann – exakt dieselbe Frage, die Newton mit seinen alchemistischen Versuchen verfolgte. Die spätere Trennung „seriöse Chemie hier, peinliche Alchemie dort" ist eine Konstruktion des 19. Jahrhunderts, die das historische Bild verzerrt.

Boyle der Theologe

Parallel zu seiner naturphilosophischen Arbeit verfasste Boyle über sein gesamtes Leben hinweg theologische Schriften. Eine knappe Auswahl:

  • Some Considerations Touching the Style of the H. Scriptures (1661) – sein erstes ausführliches theologisches Buch; eine Verteidigung der literarischen Eigenart der Bibel gegen rationalistische Kritik.
  • The Excellency of Theology Compared with Natural Philosophy (1674) – das berühmte Argument: die Naturphilosophie ist eine vorzügliche Beschäftigung, aber sie steht der Theologie nach, weil ihr Gegenstand (die geschaffene Welt) dem Gegenstand der Theologie (dem Schöpfer) nach Würde nachsteht.
  • A Free Enquiry into the Vulgarly Received Notion of Nature (1686) – eine Kritik daran, von „Natur" als selbständigem Subjekt zu sprechen („die Natur tut", „die Natur erfindet"); für Boyle ist „Natur" nur ein Sammelbegriff für Gottes Wirken.
  • The Christian Virtuoso (1690/91) – sein theologisches Hauptwerk: ein Manifest, dass Naturphilosophie und christlicher Glaube nicht nur vereinbar sind, sondern einander stützen. Ein virtuoso ist im viktorianischen Sinn ein ernsthaft beschäftigter Naturforscher; Boyle zeigt, warum ein solcher Mann gerade kein Atheist sein kann.
  • Mehrere Schriften zu Engelchristologie, zu Wundern, zur Frage nach der Auferstehung, zum Verständnis der Heiligen Schrift.

Hinzu kam die mäzenatische Aktivität: Boyle finanzierte Bibelübersetzungen ins Irische, Walisische, Türkische, Malaiische und – über John Eliot – ins Massachusett (Algonquian). Er lernte Hebräisch, Aramäisch und Syrisch, um die Heilige Schrift in den Originalsprachen lesen zu können.

Die Boyle Lectures (1692 – heute)

Die institutionell wirkungsmächtigste Tat Boyles steht in seinem Testament. In einem Kodizill vom 28. Dezember 1691, drei Tage vor seinem Tod, ordnete Boyle die Einrichtung einer Vortragsreihe an: 50 Pfund jährlich aus seinem Vermögen für einen Geistlichen, der acht Predigten pro Jahr halten sollte, zur Verteidigung des Christentums „gegen notorische Ungläubige, nämlich Atheisten, Theisten [d. h. Deisten], Heiden, Juden und Mahometaner".

Der erste Boyle-Lecturer 1692 war Richard Bentley, der die Newtonsche Physik in seinen Vorträgen A Confutation of Atheism apologetisch nutzte und in der Vorbereitung im November und Dezember 1692 jene vier berühmten Briefe an Newton schrieb, in denen er Newton zur theologischen Auslegung der Principia befragte. Newtons Antworten – die Bentley letters – sind heute eine zentrale Quelle für Newtons Theologie. Ohne die Boyle Lectures gäbe es diese Briefe nicht.

Weitere bedeutende Boyle-Lecturer: Samuel Clarke (1704–05, später Newtons enger Korrespondent), William Derham, Joseph Butler. Die Reihe wurde im 19. Jahrhundert phasenweise unterbrochen, im 20. Jahrhundert ruhend gestellt und 2004 unter Michael Welker und John Hedley Brooke an der St Mary-le-Bow Kirche in London neu aufgenommen. Heutige Boyle-Lecturer waren u. a. Alister McGrath, Simon Conway Morris, Sarah Coakley, John Polkinghorne, Denis Alexander – allesamt Naturwissenschaftler bzw. Theologen mit naturwissenschaftlichem Hintergrund.

Das ist die wahrscheinlich am längsten ununterbrochen wirkende christlich-apologetische Vortragsreihe der Welt. Sie ist im 21. Jahrhundert immer noch aktiv. Wie viele Schulbuch-Chemie-Texte erwähnen das?

Boyles Position in unserer Reihe

Boyle hat in der Geschichte der Geschichtsklitterung eine etwas andere Stellung als Kepler, Newton, Faraday und Maxwell. Seine christliche Frömmigkeit ist in Standardbiographien nicht völlig getilgt – sie wird mit-erwähnt. Aber zwei andere Hälften sind systematisch verdrängt:

  • Die alchemistische Hälfte. Bis Principe 1998 war Boyle in der Chemiegeschichtsschreibung der saubere Begründer einer modernen, von der Alchemie geschiedenen Chemie. Das ist historisch falsch und seither dokumentiert widerlegt. In Schulbüchern hat sich diese Korrektur noch nicht durchgesetzt.
  • Die institutionelle Hälfte. Die Boyle Lectures – seit 332 Jahren laufende Apologetik im Auftrag eines der Gründerväter der Royal Society – sind in der Standard-Darstellung der Royal-Society-Geschichte ein Randthema. In Wirklichkeit sind sie eine programmatische Setzung: Der Mitgründer der prestigeträchtigsten Wissenschaftsakademie Europas hat sein eigenes Geld in eine christlich-apologetische Vortragsreihe investiert, und diese Reihe läuft heute noch.

Das Profil ist also: Boyle ist nicht der „verschwiegene Theologe" wie Faraday oder Maxwell. Er ist der „verschwiegene Alchemist und Apologetik-Stifter". Damit zeigt er einen weiteren Mechanismus institutioneller Geschichtskorrektur: nicht alles wird weggelassen, sondern das, was sich nicht in das saubere säkulare Narrativ einer modernen, neutralen Naturwissenschaft einfügt.

Was bleibt

  • Die Chemie hatte keine saubere Geburtsstunde. Boyle, der heute als Vater der modernen Chemie gilt, war zugleich aktiver Alchemist und gehörte demselben Brief-Netzwerk an wie Newton. Die Trennlinie zwischen Chemie und Alchemie ist eine spätere, nachträgliche Setzung.
  • Naturphilosophie und Theologie waren bei Boyle kein Kompromiss. Über zwanzig Bücher Naturphilosophie und mehr als ein Dutzend theologische Werke aus einer Hand sind kein „neben dem Beruf"; sie sind ein einheitliches Forschungsprogramm, in dem die Welt als Schöpfung methodisch ernst genommen wird.
  • Die Boyle Lectures dokumentieren die ursprüngliche Selbstverständlichkeit. Dass ein Gründer der Royal Society sein Vermögen einer christlich-apologetischen Vortragsreihe vermacht, war 1691 nicht ungewöhnlich – es war erwartbar. Diese Erwartbarkeit verschwindet im Lauf des 18. und 19. Jahrhunderts und ist nach 1906 nicht mehr darstellbar.
  • Pattern-Linie. Mit Boyle haben wir den fünften klassischen Fall in unserer Reihe: Kepler (Astrologie), Boyle (Alchemie + Apologetik-Stiftung), Newton (Alchemie + Antitrinitarismus), Faraday (Sandemanianer + Feldidee), Maxwell (presbyterianische Schöpfungstheologie). Fünf Generationen, fünf konfessionelle Hintergründe – aber dasselbe institutionelle Ergebnis: ein gereinigtes, neutralisiertes Schulbuch-Bild, das mit der historischen Realität nicht übereinstimmt. Mehr zum institutionellen Hintergrund in unserem Beitrag Mediumschaft und Macht.

Boyle einzubeziehen bedeutet nicht, sein Gesetz oder die Sceptical Chymist kleiner zu machen. Es bedeutet, sie in dem Forschungsprogramm zu lesen, in dem ihr Verfasser sie produziert hat: als einen Teil eines viel größeren Versuchs, die Natur experimentell zu untersuchen, weil sie eine kohärente, von einem einheitlichen Schöpfer eingerichtete Ordnung ist – eine Voraussetzung, die im 17. Jahrhundert keiner Verteidigung bedurfte und die dreihundert Jahre später als „weltanschauliche Behauptung" aus dem Lehrbuch entfernt wurde. Wer diese Voraussetzung beim Lesen mit zurückbringt, liest den historischen Boyle und nicht das Standardbild.

Quellen

  • Michael Hunter: Boyle: Between God and Science. Yale University Press, New Haven 2009 – die heutige wissenschaftshistorische Standardbiographie.
  • Michael Hunter: Robert Boyle (1627–91): Scrupulosity and Science. Boydell Press, Woodbridge 2000.
  • Lawrence M. Principe: The Aspiring Adept. Robert Boyle and His Alchemical Quest. Princeton University Press 1998 – die Rekonstruktion der alchemistischen Seite Boyles aus den Manuskripten.
  • William R. Newman & Lawrence M. Principe: Alchemy Tried in the Fire. Starkey, Boyle, and the Fate of Helmontian Chymistry. University of Chicago Press 2002.
  • Michael Hunter, Antonio Clericuzio & Lawrence M. Principe (Hrsg.): The Correspondence of Robert Boyle. 6 Bände, Pickering & Chatto, London 2001 – kritische Gesamtausgabe.
  • Michael Hunter & Edward B. Davis (Hrsg.): The Works of Robert Boyle. 14 Bände, Pickering & Chatto, London 1999–2000 – kritische Gesamtausgabe der gedruckten Schriften.
  • John Hedley Brooke: Science and Religion. Some Historical Perspectives. Cambridge University Press 1991 – mit einem detaillierten Boyle-Kapitel.
  • Robert Boyle: The Sceptical Chymist. London 1661 (zahlreiche Editionen, u. a. Everyman 1911).
  • Robert Boyle: The Christian Virtuoso. London 1690/91.
  • Robert Boyle: A Free Enquiry into the Vulgarly Received Notion of Nature. London 1686 (kritische Edition: Cambridge University Press 1996, hrsg. von Edward B. Davis & Michael Hunter).
  • Boyle Lectures Website: www.theboylelectures.org – Programm, Geschichte und Aufzeichnungen der modernen Reihe seit 2004.