Eugene Wigner (1902–1995) – Nobelpreis-Theoretiker, der Bewusstsein zur Quantenfrage machte

Veröffentlicht am 2026-05-16 · 10 Min. Lesezeit

Eugene Paul Wigner (1902–1995) – in Budapest geborener, später US-amerikanischer Theoretiker, einer der wichtigsten Architekten der mathematischen Quantenmechanik des 20. Jahrhunderts. Nobelpreis für Physik 1963 für die Anwendung von Symmetrieprinzipien auf die Atomkern- und Elementarteilchenphysik. Mitarchitekt des Manhattan-Projekts (Konstruktion des Hanford-Reaktors mit Leo Szilard), 33 Jahre Professor in Princeton, Schwager von Paul Dirac. Wignerѕ Beitrag zu unserer Reihe: Er hat 1961 in einem 14-seitigen Aufsatz das Bewusstsein zum unausweichlichen Bestandteil der Quantenmechanik-Foundations gemacht – und mit dem Gedankenexperiment „Wigners Freund" eine bis heute diskutierte Schärfung des Mess-Problems geliefert.

Wer war Eugene Wigner?

Wigner wurde 1902 als Wigner Pál Jenő in Budapest geboren – Teil jener außergewöhnlichen Generation ungarisch-jüdischer Wissenschaftler, zu der unter anderen John von Neumann (ein Schul- und lebenslanger Freund), Leo Szilard, Edward Teller und Theodore von Kármán gehörten. Er studierte Chemieingenieurwesen an der Technischen Hochschule Berlin, promovierte 1925 bei Michael Polanyi und arbeitete kurz an den ersten Anwendungen der Gruppentheorie auf die noch junge Quantenmechanik.

1930 zog er nach Princeton, ab 1937 mit US-Staatsbürgerschaft, ab 1938 als ordentlicher Professor für Mathematische Physik an der Princeton University – ein Amt, das er bis zu seiner Emeritierung 1971 innehatte. Seine Schwester Margit („Manci") Wigner heiratete 1937 den britischen Quantenphysiker Paul Dirac; die beiden Schwäger blieben sich bis zu Diracs Tod 1984 eng verbunden.

Wissenschaftliche Leistungen

Wigners Hauptwerk ist die Einführung der Gruppen- und Symmetrieprinzipien als systematisches Werkzeug der Quantenmechanik. Wer heute Physik studiert, lernt seinen Namen über fast jeden Lehrbuch-Index hinweg:

  • Wigner-Funktion – die quasiklassische Phasenraum-Darstellung quantenmechanischer Zustände (1932).
  • Wigner-Eckart-Theorem – die zentrale Struktur-Aussage über Matrixelemente in der Drehimpuls-Algebra.
  • Wigner-Seitz-Zelle – Grundbaustein der modernen Festkörperphysik.
  • Wigner-Kristall – die theoretische Vorhersage eines Elektronen-Kristalls aus den späten 1930er Jahren.
  • Anwendung der Gruppentheorie auf die Atomkern-Spektroskopie – Grundlage des Nobelpreises 1963.

1939 schrieb Wigner gemeinsam mit Leo Szilard den berühmten Einstein–Szilard-Brief an Präsident Roosevelt, der zur Gründung des Manhattan-Projekts führte. Wigner selbst war später bei der Konstruktion des großen Plutonium-Produktions-Reaktors in Hanford (Washington) maßgeblich beteiligt. Nach dem Krieg blieb er Physiker, aber bewusst auch Mahner: lebenslanges Engagement in der Pugwash-Bewegung, in der Kontrolle nuklearer Waffen, in der Wissenschaftsethik.

„Remarks on the Mind-Body Question" (1961)

1961 erschien in dem von I. J. Good herausgegebenen Sammelband The Scientist Speculates ein Aufsatz Wigners mit dem Titel Remarks on the Mind-Body Question. Auf knapp 14 Seiten argumentiert Wigner für eine ungewöhnliche, aber strikt aus der Quantenmechanik abgeleitete These: Das Bewusstsein ist nicht aus der Quantenmechanik hinauszuoperieren. Es ist Teil des physikalischen Messprozesses, und zwar nicht als nachträgliche Reflexion, sondern als jener Schritt, an dem die Superposition möglicher Messresultate in eine tatsächliche Beobachtung übergeht.

Der Argumentationsgang baut auf einer Beobachtung John von Neumanns (1932) auf: Die Quantenmechanik kennt keinen physikalischen Punkt, an dem die Wellenfunktion „von selbst" kollabieren würde. Jede mögliche Messapparatur lässt sich selbst wieder quantenmechanisch beschreiben, einschließlich des Beobachters – die Kette läuft theoretisch ins Unendliche. Wigner zieht daraus die Folgerung, die von Neumann selbst nur angedeutet hatte: irgendwo muss die Kette enden, und der einzige nicht-physikalisch beschreibbare Endpunkt ist das bewusste Erleben des Beobachters. Bewusstsein ist damit physikalisch kein nachgereichtes Epiphänomen, sondern ein konstitutiver Bestandteil dessen, was wir „Realität" nennen.

„Wigners Freund" – das Gedankenexperiment

Um diese These zuzuspitzen, formuliert Wigner im selben Aufsatz ein Gedankenexperiment, das heute als „Wigners Freund" in jedes Lehrbuch der Quantenmechanik-Foundations eingegangen ist:

Wigner sitzt vor der Tür eines Labors. Im Labor sitzt sein Freund vor einer quantenmechanischen Apparatur und misst zum Beispiel den Spin eines Elektrons. Aus Wigners Perspektive – solange er nicht weiß, was sein Freund gemessen hat – muss er das gesamte System „Freund + Messapparat + Elektron" als Superposition aller möglichen Messresultate beschreiben. Sein Freund hingegen erlebt subjektiv eindeutig ein konkretes Ergebnis.

Wer hat recht? Wenn die Quantenmechanik für alle physikalischen Systeme gilt, müsste Wigner seinen Freund konsistent als Superposition beschreiben – also gewissermaßen als „in zwei Bewusstseinszuständen gleichzeitig". Das ist offenkundig absurd, wenn man Bewusstsein als reales Phänomen ernst nimmt. Wigners Schlussfolgerung: Es muss eine reale physikalische Asymmetrie zwischen dem Beobachter mit Bewusstsein und dem System ohne Bewusstsein geben. Genau diese Asymmetrie ist es, die in der Standard-Quantenmechanik nicht abgebildet wird.

„Es war nicht möglich, das Gesetz der Quantenmechanik in einer vollständig konsistenten Weise zu formulieren, ohne Bezug auf das Bewusstsein zu nehmen."
— Sinngemäße Wiedergabe einer Kernaussage Eugene Wigners aus „Remarks on the Mind-Body Question" (1961)

Wigners spätere Position

Wigner hat in den späten 1970er und 1980er Jahren seine Position teilweise modifiziert. Nach intensiven Diskussionen mit dem polnisch-amerikanischen Physiker Wojciech Zurek und nach Auseinandersetzung mit der entstehenden Dekohärenz-Theorie (Zeh, Zurek, Joos) räumte er ein, dass ein Teil dessen, was er 1961 dem Bewusstsein zugeschrieben hatte, auch durch objektive Dekohärenz erklärbar sei – also durch die unvermeidliche Wechselwirkung makroskopischer Systeme mit ihrer Umgebung.

Bemerkenswert ist aber: Wigner hat seine ursprüngliche These nie offiziell zurückgenommen. Er war methodisch ehrlich genug, eine alternative Erklärungslinie als möglich anzuerkennen, aber er hat seine 1961er Position nicht widerrufen. Das Gedankenexperiment „Wigners Freund" ist nicht nur erhalten geblieben – es wurde 2018/19 durch das Frauchiger-Renner-Theorem in eine neue, mathematisch zugespitzte Form gebracht, die heute zu den meistdiskutierten Foundations-Resultaten der Quantenmechanik gehört.

Verhältnis zur Mediumshafts- und psi-Forschung

Wigner war – wie schon Hans-Peter Dürr in unserer Reihe – kein Parapsychologe. Er hat keine Sitzungen mit Medien durchgeführt, sich nicht öffentlich zur Überlebenshypothese geäußert, keine Survival-Position vertreten. Aber er hat etwas Verwandtes getan: Er hat das Bewusstsein als eigenständigen, nicht auf physikalische Apparate reduzierbaren Faktor in die Quantenmechanik eingeführt. Damit hat er den theoretischen Rahmen geschaffen, in dem Phänomene wie nicht-lokale Bewusstseinszustände, Quanten-Kognition oder die heutigen Quanten-Bewusstseins-Modelle (Penrose-Hameroff, Pribram, Stapp) überhaupt diskutiert werden können.

Wigner gehört in unsere Reihe als der Physiker, der dem Bewusstsein im 20. Jahrhundert seinen physikalisch verteidigten Platz gegen den naturalistischen Reduktionismus gesichert hat. Das ist methodisch eine Vorarbeit für jede ernsthafte Mediumshafts-Forschung, auch wenn er selbst diese Verbindung nicht gezogen hat.

Was bleibt

  • Maximale fachphysikalische Autorität. Nobelpreis 1963, Mitarchitekt der Quantenfeldtheorie und der Anwendung der Gruppentheorie auf die Physik, Princeton-Professor 33 Jahre. Wigners 1961er Aufsatz ist nicht das Hobby eines Außenseiters, sondern das Statement eines der wichtigsten mathematischen Physiker des 20. Jahrhunderts.
  • Das Bewusstsein als Quantenfrage. Mit Wigner wird das Bewusstsein erstmals systematisch zum Bestandteil der Foundations-Diskussion der Quantenmechanik. Diese Verlagerung hat den Weg geebnet für die heutigen Quanten-Bewusstseins-Modelle und steht in einer Linie mit Paulis unus-mundus-These und Hans-Peter Dürrs „Es gibt keine Materie".
  • Wigners Freund als bleibendes Werkzeug. Sechzig Jahre nach der Originalformulierung ist „Wigners Freund" eines der am intensivsten diskutierten Foundations-Probleme der Quantenmechanik – aktuell weiterentwickelt im Frauchiger-Renner-Theorem (2018) der ETH Zürich.
  • Intellektuelle Ehrlichkeit. Wigner hat seine Position später teilweise modifiziert, ohne sie zu widerrufen. Er hat die Dekohärenz-Theorie als alternative Erklärungslinie anerkannt, ohne die ursprüngliche Bewusstseins-These als Unsinn zu deklarieren. Das ist methodisches Erwachsensein.

Wigner gehört in die historische Linie, die wir auf dieser Seite verfolgen: Kepler, Crookes, die Curies, Lodge, Rayleigh, J. J. Thomson, Jung, Pauli, Einstein, Rhine, PEAR, Josephson, Dürr. Er ist unter ihnen derjenige, der das Bewusstsein direkt in die mathematische Struktur der Quantenmechanik eingeschrieben hat – nicht als Spekulation, sondern als logische Konsequenz des Messprozesses.

Quellen

  • Eugene P. Wigner: Remarks on the Mind-Body Question. In: I. J. Good (Hrsg.), The Scientist Speculates. An Anthology of Partly-Baked Ideas. Heinemann, London 1961, S. 284–302.
  • Eugene P. Wigner: Symmetries and Reflections. Scientific Essays. Indiana University Press, Bloomington 1967 – enthält den Mind-Body-Aufsatz und weitere philosophische Beiträge.
  • Eugene P. Wigner: The Unreasonable Effectiveness of Mathematics in the Natural Sciences. Communications on Pure and Applied Mathematics, Bd. 13 (1960), S. 1–14 – Wigners berühmtester philosophischer Aufsatz.
  • Andrew Szanton: The Recollections of Eugene P. Wigner. As Told to Andrew Szanton. Plenum, New York 1992 – die offizielle Autobiographie.
  • Daniela Frauchiger & Renato Renner: Quantum theory cannot consistently describe the use of itself. Nature Communications, Bd. 9 (2018), Artikel 3711 – moderne Weiterentwicklung von „Wigners Freund".
  • John von Neumann: Mathematische Grundlagen der Quantenmechanik. Springer, Berlin 1932 – der theoretische Vorgänger von Wigners Argumentation (Kapitel über den Messprozess).