Verborgenes Wissen & Machtlogik

Veröffentlicht am 2026-06-04 · Lesezeit ca. 12 Minuten

Bestimmte Forschungsfelder bleiben hartnäckig am Rand: veridische Wahrnehmung, Remote Viewing, Bewusstsein jenseits des Gehirns. Die naheliegende Erklärung ist eine große, gesteuerte Verschwörung. Dieser Artikel vertritt eine unbequemere – und stärkere – These: Man braucht keine Zentrale. Ein selbstverstärkendes System aus Paradigmenschutz, Karriereanreizen und einer kühlen Machtlogik genügt vollkommen, um Wissen marginal zu halten. Genau weil es keine Drahtzieher braucht, ist diese Erklärung so schwer zu widerlegen.

Der Befund

Es gibt eine große, gut dokumentierte Klasse von Phänomenen, die dem rein materialistischen Bild widersprechen: Janice Holdens Auszählung veridischer Wahrnehmungen (107 Fälle, 92 % korrekt), van Lommels Lancet-Studie, die SRI-Experimente in Nature (1974), das daraus hervorgegangene CIA-Programm Stargate. Dazu kommen Rupert Sheldrakes Experimente zur morphischen Resonanz und die staatlichen Psi-Programme weltweit – von Stargate bis zu heutigen Praktikern wie Martin Zoller. Die auffällige Tatsache ist nicht, dass diese Daten existieren – sondern dass sie, statt zu intensiver Folgeforschung zu führen, mit modernsten Methoden nicht systematisch wiederholt werden. Die Frage lautet also: Warum bleibt das Feld so klein?

Vier Mechanismen – ganz ohne Zentrale

Bevor man zu einer gesteuerten Unterdrückung greift, lohnt es sich, die Kräfte anzusehen, die ein Tabu von selbst stabil halten:

  1. Paradigmenschutz. Thomas Kuhn hat in Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen (1962) gezeigt, dass Wissenschaft die meiste Zeit nicht ergebnisoffen, sondern paradigmengebunden arbeitet. Daten, die das herrschende Paradigma sprengen, werden nicht neutral geprüft, sondern zunächst als Anomalie, Messfehler oder „noch ungeklärt" beiseitegelegt. Das ist kein böser Wille, sondern die normale Funktionsweise der Disziplin.
  2. Pseudoskepsis. Marcello Truzzi, Mitbegründer der einflussreichen Skeptiker-Organisation CSICOP, prägte den Begriff selbst – für eine Haltung, die zuerst urteilt und lächerlich macht, statt ergebnisoffen zu prüfen. Die asymmetrische Beweislast (die Behauptung wird streng geprüft, die „Entlarvung" ungeprüft geglaubt) hält Abweichler klein, ohne dass jemand sie verbieten müsste.
  3. Karriere- und Förderanreize. Moderne Wissenschaft läuft über Reputation, Peer-Review und Drittmittel. Wer sich mit „paranormalen" Themen befasst, riskiert Festanstellung, Fördergelder und Ansehen. Das Ergebnis ist eine stille Selbstzensur: Viele forschen privat interessiert, öffentlich aber nicht. Dieselbe Konformitätsdynamik, die Asch und Sherif im Labor zeigten, wirkt im Wissenschaftsbetrieb. Der Robotik-Informatiker Eckhard Kruse beschreibt das aus erster Hand: Bei unbequemen Befunden zähle oft nicht mehr die Tatsache, sondern das Dogma – sinngemäß „Ich habe das und das beobachtet, darf ich das veröffentlichen? Nein, weil das Falsche herausgekommen ist." Frei forschen könne er heute vor allem deshalb, weil er keine Hochschulkarriere mehr anstrebt.
  4. Kulturelle Hegemonie. Eine vergleichsweise kleine Zahl von Knotenpunkten – führende Universitäten, die großen Fachzeitschriften, einige Stiftungen – setzt globale Standards. Wer mitspielen will, übernimmt sie. So entsteht weltweite Gleichförmigkeit, ohne dass sie von einem Ort aus befohlen wird.

Der Filter wirkt auch rückwärts

Wie selektiv das herrschende Bild ist, zeigt schon der Blick zurück: Viele Gründerfiguren der modernen Naturwissenschaft hatten eine ausgeprägt metaphysische oder spirituelle Seite, die im Schulstoff systematisch wegfällt. Johannes Kepler war Astronom und Astrologe und suchte die göttliche Harmonie der Sphären. Isaac Newton hinterließ mehr Manuskriptseiten zu Alchemie und Theologie als zur Physik. Max Planck sah hinter aller Materie einen „bewussten, intelligenten Geist". Michael Faraday verstand seine Feldforschung als Teil einer tief religiösen Weltsicht. In der Lehrbuch-Erzählung bleiben diese Seiten meist unsichtbar – ein Beleg dafür, dass Paradigmenschutz nicht nur aktuelle Daten filtert, sondern auch die Vergangenheit glättet. Diese Verengung auf das Weltbild von vor 1906 beschreibt ein eigener Artikel ausführlich.

Am deutlichsten zeigt sich diese Verengung in der Physik selbst. Was in der Schule und meist auch im Grundstudium vermittelt wird, ist im Kern ein Weltbild von vor 1920. Die Quantenphysik hat das materialistisch-reduktionistische Bild dagegen längst aufgelöst: „Materie" zerfällt in Felder und Anregungen – die Elementarteilchen selbst tragen keine Ruhemasse –, und die Fernwirkung verschränkter Teilchen widerspricht jeder mechanistischen Anschauung. Dieses moderne Bild wird kaum gelehrt; das Alltagsverständnis hängt einer Physik nach, die seit hundert Jahren überholt ist. Ein Weltbild, das schon physikalisch brüchig ist, reagiert auf Anomalien aus der Bewusstseinsforschung umso abwehrender.

Die Machtlogik: cui bono

Über diese „passiven" Mechanismen legt sich eine aktivere Schicht – und hier wird die Analyse interessant, ohne ins Spekulative zu kippen. Es ist schlichte Machtlogik:

Wäre nicht-lokales Bewusstsein – Remote Viewing, veridische Wahrnehmung – zuverlässig und trainierbar, dann wäre es eine asymmetrische Bedrohung für jede Macht, die auf Geheimhaltung und Informationsvorsprung beruht.

Macht stützt sich auf Informationsasymmetrie: Wer mehr weiß und das Gewusste besser verbergen kann, hat einen Vorteil. Eine Fähigkeit, die diesen Vorsprung durchlässig macht, ist für etablierte Akteure – Staaten, Geheimdienste, große Organisationen – kein neutrales Forschungsthema, sondern ein Risiko. Die rationale Strategie ist dann nicht „verschwören", sondern dreierlei: öffentlich diskreditieren, nicht-öffentlich weiter erproben (Stargate lief nachweislich über zwei Jahrzehnte), und die breite Verbreitung nicht fördern. Das ist cui bono – die Frage, wem ein Zustand nützt – als Analysewerkzeug, nicht als Anklage.

Ein dokumentierter Fall: Helen Duncan

Dass Staaten Mediumschaft als reales Sicherheitsrisiko behandelt haben, ist nicht Theorie, sondern Aktenlage. Die schottische Mediumin Helen Duncan nannte 1941 in einer Sitzung den Untergang des Schlachtschiffs HMS Barham – zu einem Zeitpunkt, als die britische Admiralität den Verlust streng geheim hielt, um die Moral nicht zu gefährden. 1944, kurz vor der Invasion in der Normandie, wurde Duncan unter dem Witchcraft Act von 1735 verhaftet und zu neun Monaten Haft verurteilt – als eine der Letzten, die je nach diesem Gesetz eingesperrt wurden.

Bemerkenswert ist die Reaktion ganz oben: Premierminister Winston Churchill, selbst über den Prozess verärgert, nannte ihn aktenkundig „obsolete tomfoolery" – überholten Unfug. Der Staat sah in ihr offenkundig kein harmloses Kuriosum, sondern ein Problem, das man wegsperren musste. 1951 wurde das alte Gesetz ersetzt. Der Fall ist eines der klarsten historischen Belege dafür, dass mediale Fähigkeiten in Krisenzeiten als ernstzunehmend eingestuft wurden – Näheres im Artikel Mediumschaft und Macht.

Warum globale Gleichförmigkeit keine Zentrale beweist

Hier liegt der entscheidende – und am häufigsten falsch gezogene – Schluss. Das Argument lautet oft: „Das Tabu ist weltweit, über völlig verschiedene Kulturen hinweg, fast identisch. So etwas kann nur zentral gesteuert sein." Das klingt zwingend, ist es aber nicht.

Gleichförmigkeit folgt nicht aus einer Zentrale, sondern aus einem gemeinsamen System. Seit dem 19. Jahrhundert hat sich ein einziges akademisches Modell global durchgesetzt – über Kolonialismus, Kalten Krieg und Globalisierung. Englisch ist die Wissenschaftssprache, dieselben Journale gelten überall als Maßstab, dieselben Zitations- und Förderlogiken. Wer in São Paulo, Shanghai oder Delhi Karriere machen will, spielt nach denselben Regeln wie in Boston. Daraus ergibt sich weltweite Einheitlichkeit ganz von allein – ohne einen Raum, in dem jemand die Fäden zieht.

Logisch ist „überall gleich" deshalb kein Beleg für „also zentral gelenkt". Und das ist die stärkere These: Ein selbstorganisierendes System aus geteilten Anreizen, Karriereangst und Machtinteressen erzeugt dasselbe Ergebnis wie eine Verschwörung – ist aber realistischer und viel schwerer zu widerlegen. Wer auf einen geheimen Zirkel zeigt, macht sich angreifbar; wer auf die Struktur zeigt, steht auf festem Boden.

Einordnung

Nichts davon beweist, dass die fraglichen Phänomene real sind – das ist eine andere Debatte (siehe Bewusstsein und Gehirn). Es erklärt nur, warum ein Feld auch dann klein bleiben kann, wenn die Datenlage interessanter ist, als der Mainstream zugibt. Die Mechanismen sind dieselben, die diese Reihe an anderer Stelle beschreibt: Mehrheit gegen Experten, Herdentrieb und Massenbeeinflussung. Die ehrlichste Haltung ist nicht der Glaube an eine Zentrale und nicht das reflexhafte Abtun – sondern die nüchterne Frage: Wem nützt es, dass hier nicht weitergeforscht wird?

Quellen:
• Thomas S. Kuhn, The Structure of Scientific Revolutions, University of Chicago Press, 1962.
• Marcello Truzzi, On Pseudo-Skepticism, Zetetic Scholar 12/13, 1987.
• Malcolm Gaskill, Hellish Nell: Last of Britain's Witches, Fourth Estate, 2001 (zum Fall Helen Duncan).
• CIA, freigegebene Stargate-Akten (CIA Reading Room).
• Russell Targ & Harold Puthoff, Information transmission under conditions of sensory shielding, Nature 251, 1974.

Mehr zum Thema in unserer kuratierten Wissen-Sammlung und der Artikelreihe zur wissenschaftlichen Einordnung von Bewusstseins- und Psi-Forschung.