Es ist eine der bemerkenswertesten Episoden moderner Geheimdienstgeschichte – und gleichzeitig eines der am besten dokumentierten Forschungsprogramme zur Frage, ob das Bewusstsein an Raum und Zeit gebunden ist. Von 1972 bis 1995 finanzierten CIA, DIA, Heeresnachrichtendienst und NSA gemeinsam ein Projekt, das nacheinander unter den Codenamen Gondola Wish, Grill Flame, Center Lane, Sun Streak und schließlich Stargate lief. Über 23 Jahre, fünf US-Präsidentschaften und ein Budget von rund 20 Millionen Dollar wurde dort etwas erforscht, was die Mainstream-Wissenschaft offiziell für unmöglich hielt: die psychische Wahrnehmung von Orten, Personen und Ereignissen über große Entfernungen – Remote Viewing.
Wie alles begann: Sowjets, SCANATE und das SRI
Anfang der 1970er Jahre erfuhr die CIA, dass die Sowjetunion erhebliche Ressourcen in „Psychotronik" investierte – die experimentelle Erforschung paranormaler Fähigkeiten zu militärischen Zwecken. Die Sorge: Wenn die Russen damit ernsthaft etwas erreichen, will man nicht im Hintertreffen sein. 1970 startete die CIA das Vorläuferprogramm SCANATE. 1972 beauftragte sie die Physiker Russell Targ und Harold „Hal" Puthoff am renommierten Stanford Research Institute (SRI) in Kalifornien mit ersten Experimenten – einer der angesehensten Forschungseinrichtungen der USA, an der u. a. die Computermaus, der LCD-Bildschirm und die Internet-Vorgängertechnologie entwickelt worden waren.
Die Codenamen-Kette: 1977 bis 1995
Was als CIA-finanzierte Forschung am SRI begann, wurde nach und nach zu einem operativen Programm der US-Streitkräfte. Operative Basis war Fort Meade, Maryland. Etwa 15 bis 20 Personen waren dort über die Jahre als Viewer und Analysten tätig.
| Jahr | Codename | Bemerkung |
|---|---|---|
| 1977 | Gondola Wish | Erste Stufe der US Army Intelligence |
| 1978 | Grill Flame | Formalisierung in Fort Meade |
| 1983 | Center Lane Project | Unter INSCOM (Army Intelligence) |
| 1985 | Sun Streak | Übergang an die DIA |
| 1991 | Star Gate (Stargate) | Konsolidierung, Übertragung an SAIC |
| 1995 | Beendet & deklassifiziert | CIA |
Die wichtigsten Viewer
- Ingo Swann (1933–2013): Maler und Mystiker; entwickelte zusammen mit Targ und Puthoff das Coordinate Remote Viewing (CRV) und schulte mehrere Generationen militärischer Viewer.
- Pat Price (1918–1975): Ehemaliger Polizist; einer der genauesten Viewer der Frühphase; starb plötzlich 1975 unter ungeklärten Umständen.
- Joseph „Joe" McMoneagle (geb. 1946): „Remote Viewer #001", Chief Warrant Officer der US-Armee, ausgezeichnet mit der Legion of Merit – einem der höchsten US-Verdienstorden – für seine Stargate-Beiträge.
- Mel Riley: Langjähriger Army-Viewer; eines der zuverlässigsten Mitglieder über mehrere Programmphasen.
- David Morehouse: Späterer Viewer; nach dem Programm Buchautor (Psychic Warrior).
Die Methode: Coordinate Remote Viewing
Die wichtigste am SRI entwickelte Methode war das Coordinate Remote Viewing (CRV), das Ingo Swann maßgeblich strukturierte. Ein Viewer bekam nichts als eine geographische Koordinate (Längen- und Breitengrad) – ohne weitere Information, was sich dort befindet. In streng standardisierten Stufen wurde er angeleitet, sukzessive Eindrücke zu skizzieren und zu beschreiben. Das Verfahren war so formalisiert, dass es lehrbar wurde – ein für die Geheimdienstwelt entscheidender Punkt, weil es nicht von einzelnen „Begabungen" abhing, sondern als Methode reproduzierbar sein sollte.
Operative Erfolge
Die heute am besten belegten Erfolge stammen von Joe McMoneagle. Seine Verleihungsurkunde der Legion of Merit nennt vier konkrete Beiträge:
- Sowjetische Schiffsbau-Anlage: Beschreibung des Innenlebens eines geheimen sowjetischen Werks – inklusive Vorhersage einer neuen Schiffsklasse, die später als die Typhoon-Klasse identifiziert wurde, die größten je gebauten Unterseeboote der Welt.
- General James L. Dozier: Skizze der Position und Beschreibung der Gedanken des 1981 von den Roten Brigaden in Norditalien entführten US-Generals.
- Skylab: Vorhersage – elf Monate vorher – wann und wo die Raumstation auf die Erde stürzen würde.
- Sowjetischer Bomber mit Nuklearmaterial: Lokalisierung in Afrika, nachdem konventionelle Aufklärung gescheitert war.
Die Verleihungsurkunde hält fest, dass McMoneagle „kritische Informationen lieferte, die aus keiner anderen Quelle verfügbar waren" – und zwar für Joint Chiefs of Staff, DIA, NSA, CIA und Secret Service.
Wichtig zur Einordnung: auch Fehlschläge
Stargate war kein wundertätiges Programm – es war ein experimentelles, das mit erheblichen Schwankungen produzierte. Im Fall General Dozier (Verona, Dezember 1981, Entführung durch die Roten Brigaden) ist die Aktenlage geteilt: Während eine Quelle dem Programm zuschreibt, Stadt und Gebäude geliefert zu haben, konstatierte ein interner Bericht trocken: „Keines der Daten-Pakete war hilfreich, Dozier zu finden und zu befreien." Die tatsächliche Befreiung gelang am 28. Januar 1982 der italienischen Anti-Terror-Einheit NOCS durch konventionelle Polizeiarbeit.
Diese Mischbilanz ist wichtig: Sie zeigt, dass die Aktenlage nüchtern und differenziert ist – kein Hype, keine pauschale Abwertung.
Die AIR-Bewertung 1995: Utts gegen Hyman
Als der Kongress 1995 entscheiden musste, ob das Programm fortgesetzt werden soll, beauftragte die CIA das American Institutes for Research (AIR) mit einer externen Bewertung. Zwei Gutachter wurden beigezogen – mit einem bemerkenswerten Ergebnis:
- Jessica Utts, Statistikerin (UC Davis, später Präsidentin der American Statistical Association): Ihr Gutachten kam zu einem klaren Schluss – die statistischen Effekte seien real und nicht durch Zufall, Methodenfehler oder Betrug erklärbar.
- Ray Hyman, Psychologe (University of Oregon, bekennender Skeptiker): Auch er räumte ein, dass die Effekte statistisch real seien – führte sie aber auf vermutete methodische Schwächen zurück, die er nicht konkret benennen konnte.
Beide Gutachten sind heute öffentlich. Die CIA stellte das Programm trotzdem ein – nicht, weil die Daten fehlten, sondern weil die Ergebnisse als „operativ unbrauchbar" eingestuft wurden: zu vage, zu wenig handlungsrelevant. Ein wissenschaftlich vorsichtigerer Wortlaut hätte gelautet: Es funktioniert – aber wir können es nicht zuverlässig steuern.
2017: Die Akten
2017 gab die CIA unter dem Druck einer Klagewelle nach dem Freedom of Information Act rund 12 Millionen Seiten Stargate-Akten frei. Das gesamte Material ist heute online im CIA Reading Room einsehbar – Sitzungsprotokolle, Skizzen der Viewer, Auswertungen, interne Korrespondenz. Wer die Daten selbst sehen möchte, muss niemandem mehr glauben.
Was bleibt
Das offizielle Stargate-Programm endete 1995, aber die Tätigkeit hat nicht aufgehört. Joe McMoneagle hat seine Erfahrungen in mehreren Büchern dokumentiert (The Stargate Chronicles, Remote Viewing Secrets). Zivile Strukturen wie die Find Me Group haben die Methodik in den Vermisstenbereich übertragen. Ehemalige Viewer wie Ed Dames, Lyn Buchanan und Paul Smith bilden bis heute neue Generationen aus.
Auch außerhalb des US-Programms gibt es bemerkenswerte zivile Anwendungen, etwa den Fall des Schweizer Mediums Martin Zoller, der mit Remote Viewing ein in Bolivien abgestürztes Flugzeug lokalisierte, das offizielle Suchtrupps tagelang nicht hatten finden können.
Was Stargate hinterlässt, ist eine Tatsache, die nicht mehr wegzudiskutieren ist: Über 23 Jahre und fünf US-Präsidentschaften hinweg hat einer der größten Geheimdienste der Welt die Existenz eines Phänomens ernst genug genommen, um Millionen darin zu investieren – und 12 Millionen Seiten Akten zu produzieren, die heute öffentlich sind. Die Frage, ob Bewusstsein nur im Gehirn entsteht, lässt sich vor diesem Hintergrund nicht mehr mit einem Satz beantworten.
Quellen:
• CIA Reading Room: Star Gate Collection – ~12 Millionen Seiten freigegebenes Material, 2017.
• Joseph McMoneagle, The Stargate Chronicles: Memoirs of a Psychic Spy, Hampton Roads 2002.
• Russell Targ & Harold Puthoff, Mind-Reach: Scientists Look at Psychic Ability, Delacorte 1977.
• Jim Schnabel, Remote Viewers: The Secret History of America's Psychic Spies, Dell 1997.
• Jessica Utts, An Assessment of the Evidence for Psychic Functioning, AIR Report 1995 (öffentlich verfügbar).
• Wikipedia: Stargate Project.
• Wikipedia: Joseph McMoneagle.
Verwandte Beiträge: Mediumschaft und Macht – Helen Duncan, Stargate und akademische Marginalisierung, Birgit Fischer und die Find Me Group, Martin Zoller – Remote Viewing in Bolivien.
