Das CIA-Programm Stargate ist die bekannteste, aber bei weitem nicht die einzige staatlich finanzierte Psi-Forschung des 20. Jahrhunderts. Während die USA von 1972 bis 1995 mit rund 20 Mio. Dollar Remote Viewing erforschten, liefen in der Sowjetunion und später in Russland, in China, in Großbritannien, in der Tschechoslowakei und in Frankreich parallele Programme – teils älter, teils umfangreicher, teils geheimer. Die Aktenlage ist von Land zu Land sehr unterschiedlich; zusammengenommen ergibt sich ein klarer Befund: Mehrere unabhängige Großmächte haben über Jahrzehnte hinweg Ressourcen in ein Phänomen investiert, das die offizielle Wissenschaft für unmöglich hielt.
1. Sowjetunion und Russland: Von Bekhterev bis zur Russischen Akademie
Die akademischen Wurzeln
Das russische Interesse an Psi-Phänomenen beginnt nicht im Kalten Krieg, sondern bereits Anfang des 20. Jahrhunderts. Vladimir Bekhterev (1857–1927), Begründer der russischen Reflexologie und Konkurrent Pawlows, etablierte an der Universität St. Petersburg ein Forschungszentrum, in dem unter anderem Telepathie systematisch untersucht wurde. Sein bekanntestes Experiment führte er mit dem Zirkusdompteur W. L. Durow und dessen dressierten Hunden durch – mit positiven Resultaten, die bis heute in der Fachliteratur diskutiert werden.
Bekhterevs wichtigster Schüler war Leonid Vasiliev (1891–1966), der die Forschung trotz Stalin-Verfolgung durch die 1930er und 1940er Jahre rettete. Sein Buch „Experimente zur mentalen Suggestion" (1962) ist bis heute eine Schlüsselquelle.
„Psychotronik": Materialismus statt Mystik
Der ideologische Druck der Sowjetunion erlaubte keine Begriffe, die nach Mystik klangen. Deshalb wurde die Forschung unter dem rein technischen Begriff „Psychotronik" betrieben – mit dem Versprechen, biophysikalische, materialistisch erklärbare Mechanismen zu finden. Die Vorgabe war: Wenn ein Phänomen real ist, muss es eine messbare physikalische Grundlage haben. Damit konnte man unter dem Schirm der Naturwissenschaft offen forschen.
Edward Naumov und die KGB-Verstrickung
In den 1960er und frühen 1970er Jahren wurde der Moskauer Biologe Edward Naumov zum internationalen Sprecher der sowjetischen Psi-Forschung. Er organisierte 1968 in Moskau eine vielbeachtete internationale Konferenz und unterhielt Kontakte zu westlichen Forschenden – was den sowjetischen Behörden missfiel. 1974 wurde Naumov verhaftet und zu zwei Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Nach seiner Freilassung berichtete er, der KGB habe insgesamt über 500 Millionen Rubel in psychotronische Forschung investiert.
Die DIA-Akte 1975: Eine westliche Primärquelle
Wer es genau wissen will: Die Defense Intelligence Agency der USA gab 1975 einen detaillierten Bericht in Auftrag. „Soviet and Czechoslovakian Parapsychology Research" (Maire & LaMothe, DST-1810S-387-75) wertete sowjetische und tschechoslowakische Veröffentlichungen, Patente und westliche Geheimdienstinformationen aus. Der Bericht ist heute frei im CIA Reading Room einsehbar – eine US-Primäranalyse über die psi-Aktivitäten des Ostblocks.
Nach 1991: Heute weniger sichtbar – aber nicht weg
Mit dem Zerfall der Sowjetunion verschwand das offene Forschungsfeld – vieles wurde unter dem FSB und der Russischen Akademie der Wissenschaften weitergeführt. Russische Veröffentlichungen zu psychotronischen Themen erschienen vereinzelt bis ins 21. Jahrhundert. Heute ist die russische Aktenlage deutlich weniger transparent als die amerikanische nach der 2017er-Freigabe.
2. China: EHF und „somatic sciences"
Der Beginn 1979
Während die USA mit Stargate bereits sieben Jahre forschten, startete China 1979 sein eigenes Programm – allerdings mit einer kulturell eigenständigen Rahmung: EHF (Exceptional Human Functions), eingebettet in die offizielle Disziplin „Renti Kexue" (人体科学, „Wissenschaft vom menschlichen Körper"). Diese sehr breite Kategorie umfasst Qigong, Akupunktur, traditionelle chinesische Medizin und parapsychologische Phänomene gleichermaßen. Das hatte den taktischen Vorteil, dass Psi-Forschung nicht als „westliche Esoterik" markiert war, sondern als Erweiterung einer chinesischen Tradition.
Die Schlüsselfiguren
Die chinesische Forschung hatte einen besonderen Schwerpunkt: Kinder mit angeblicher Psychokinese und außerokulärem Sehen. Untersucht wurden 10–14-Jährige, die unter Laborbedingungen Schriftzeichen lesen sollten, die sie nicht sehen konnten. Beteiligt waren u. a. Forscher der Tsinghua-Universität und der Peking-Universität.
Berühmt wurde der Qigong-Meister Yan Xin (geb. 1950), an dem an der Tsinghua-Universität Experimente durchgeführt wurden, in denen er angeblich aus großer Distanz die Molekularstruktur von Substanzen im Labor verändert haben soll. Premier Zhao Ziyang war einer der prominentesten Unterstützer der EHF-Forschung – bis zu seinem Sturz infolge der Tian'anmen-Ereignisse 1989. Danach wurde die offene Förderung politisch heikel.
Heute: Diskreter, aber nicht beendet
Die Chinese Society of Somatic Science existiert weiterhin. Studien werden weiter publiziert, vor allem in chinesischsprachigen Journalen, die im Westen kaum gelesen werden. Wie viel davon militärisch genutzt wird, ist – wenig überraschend – nicht öffentlich.
3. Großbritannien: Die MoD-Studie 2001/2002
Während sich Stargate seinem Ende näherte, beschäftigte sich Großbritannien erstmals offiziell mit Remote Viewing. Das britische Verteidigungsministerium (MoD) beauftragte 2001 eine eigene Studie, deren 168-seitiger Bericht im Juni 2002 fertiggestellt wurde – als UK Secret klassifiziert. Die Eckdaten:
- 18 untrainierte Probanden (keine bekannten Medien)
- 18 Remote-Viewing-Sessions
- Auswertung durch das Defence Intelligence Staff
2007 konnte der UFO-Forscher Timothy Good die Existenz und einen Großteil des Berichts per Freedom of Information Act erzwingen. Wesentliche Passagen sind allerdings bis heute geschwärzt – das MoD verweist auf nationale Sicherheit und „Beziehungen zu anderen Staaten". Allein die Tatsache, dass Großbritannien das Thema ernst genug für eine geheime Eigenstudie hielt – und dass Teile der Ergebnisse bis heute klassifiziert sind – ist ein eigenständiges Indiz.
4. Tschechoslowakei: Robert Pavlitas „Psychotron"
Die ČSSR der 1960er und 1970er Jahre hatte ihre eigenen Stars der Psychotronik. Der bekannteste war Robert Pavlita (1909–1991), ehemaliger Textilingenieur, der sogenannte psychotronische Generatoren baute – kleine geometrische Metallobjekte, die nach Pavlitas Aussagen Bioenergie speichern und gerichtet abstrahlen sollten. Die Pavlita-Forschung war Teil des erwähnten DIA-Berichts 1975 und wurde im Rahmen der Ostblock-Wissenschaftskooperation eng mit Moskau abgestimmt.
5. Frankreich: DGSE in den 1980ern
Über das französische Programm ist wenig öffentlich bekannt. Berichte ehemaliger Stargate-Mitarbeiter (insbesondere Edwin May) und französischer Insider deuten darauf hin, dass die DGSE in den 1980er Jahren eigene Remote-Viewing-Tests durchführte, teils mit Unterstützung amerikanischer Erfahrungen. Eine offizielle Aktenfreigabe nach US-Vorbild gab es nie – die französische Geheimhaltungspraxis ist deutlich strenger.
6. Israel: Mossad-Interesse, kaum Aktenlage
Israel taucht in der Psi-Forschungsgeschichte vor allem über eine Person auf: Uri Geller, israelischer Bürger, der in den 1970er Jahren am SRI getestet wurde. Berichte über Mossad-Interesse an seinen Fähigkeiten existieren – Geller selbst hat dies in mehreren Interviews bestätigt –, aber offizielle Akten gibt es nicht. Die israelische Geheimhaltungspraxis bei Geheimdienstthemen ist für solche Recherchen nahezu undurchdringlich.
Im Vergleich
| Land | Zeitraum | Aktenlage | Schwerpunkt |
|---|---|---|---|
| USA | 1972–1995 | 2017 weitgehend öffentlich (12 Mio. Seiten) | Remote Viewing |
| UdSSR / Russland | ab 1920er | Teilweise via DIA-Bericht 1975 | Psychotronik, Telepathie |
| China | seit 1979 | Teilweise via chin. Fachjournale | EHF, Qigong, Kinder-PK |
| UK | 2001–2002 | 168 S., teilweise geschwärzt (FOI 2007) | Remote Viewing |
| Tschechoslowakei | 1960er–1980er | Über DIA-Bericht 1975 | Psychotronische Generatoren |
| Frankreich | 1980er | Praktisch keine | Remote Viewing (vermutet) |
| Israel | 1970er ff. | Praktisch keine | Anwendung (Geller-Ära) |
Was das bedeutet
Vier Großmächte – USA, Sowjetunion, China und Großbritannien – plus mehrere kleinere Akteure haben über Jahrzehnte hinweg Ressourcen in Psi-Forschung gesteckt. Die Programme begannen unabhängig voneinander, in unterschiedlichen ideologischen Rahmen (kapitalistisch, marxistisch-materialistisch, konfuzianisch-staatssozialistisch), unter unterschiedlichen Theoriemodellen („Remote Viewing", „Psychotronik", „EHF") – und hörten nicht synchron auf, als der Kalte Krieg endete.
Wer heute behauptet, das Phänomen sei wissenschaftlich erledigt, muss erklären, warum unabhängig voneinander vier Geheimdienste großer Staaten über Jahrzehnte das Gegenteil annahmen.
Das ist kein Beweis dafür, dass Remote Viewing oder Telepathie funktionieren. Es ist aber ein starkes Indiz dafür, dass die übliche Antwort – „die Wissenschaft hat geprüft und nichts gefunden" – die historische Realität nicht abbildet. Gefunden wurde offenbar genug, um die Programme über Jahrzehnte am Leben zu halten. Was daraus folgt, ist eine offene Frage; aber sie ist offen, nicht entschieden.
Quellen:
• L. F. Maire III & J. D. LaMothe, Soviet and Czechoslovakian Parapsychology Research (DST-1810S-387-75), Defense Intelligence Agency, 1975. Frei im CIA Reading Room.
• Leonid L. Vasiliev, Experimente zur mentalen Suggestion, 1962.
• Psi Encyclopedia (SPR): Psi Research in Russia.
• Psi Encyclopedia (SPR): Psi Research in China.
• UK Ministry of Defence, Remote Viewing Study, 2002 (per FOI 2007 freigegeben, 168 S.).
• New Dawn: The Changing Face of Russian Psi Research.
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