Prof. Dr. Eckhard Kruse: Ein Informatiker erforscht die physikalische Medialität

Veröffentlicht am 2026-05-31 · 12 Min. Lesezeit

Ein Robotik-Informatiker im abgedunkelten Séanceraum — das klingt nach einem Widerspruch und ist doch das Markenzeichen von Prof. Dr. Eckhard Kruse. Er gehört zu den wenigen Hochschullehrern im deutschsprachigen Raum, die sich der wohl umstrittensten aller medialen Disziplinen widmen: der physikalischen Medialität. Sein Beitrag ist dabei weniger eine Behauptung als eine Methode — er bringt das Werkzeug des Ingenieurs an einen Ort, an dem über hundert Jahre lang vor allem im Dunkeln gearbeitet wurde.

Vom Roboterlabor zur Séance

Kruse studierte Informatik mit angewandter Physik und promovierte im Bereich Robotik und Bildverarbeitung. Nach acht Jahren in der industriellen Forschung — als Projekt- und Gruppenleiter — ist er seit 2008 Professor für Angewandte Informatik an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW). Sein Weg zur Medialität führte, wie er es schildert, „vom klassischen wissenschaftlichen Weltbild" über persönliche Erfahrungen und Begegnungen hin zur Frage, ob die Wirklichkeit größer ist, als das gängige Modell zulässt. Genau diese doppelte Herkunft — nüchterner Sensoriker und offener Sucher — prägt seine Arbeit.

Was „physikalische Medialität" meint

Anders als bei der mentalen Mediumschaft (Hellsehen, Trance, Botschaften) geht es bei der physikalischen Medialität um unmittelbar physisch beobachtbare Phänomene: bewegte oder schwebende Objekte, Klopfgeräusche, Lichtblitze, „Geisterhände", angebliche Materialisationen und das berüchtigte Ektoplasma — eine substanzartige Erscheinung, die im historischen Spiritualismus eine zentrale Rolle spielte. Diese Tradition reicht über hundert Jahre zurück, bis zu William Crookes und Charles Richet (der den Begriff Ektoplasma prägte) — Forscher, die diese Phänomene nicht nur untersuchten, sondern von ihrer Echtheit überzeugt waren. Es hat in diesem Feld auch Betrugsfälle gegeben; gerade deshalb gehörte sorgfältige Kontrolle von Anfang an zur ernsthaften Forschung — nicht als deren Gegenargument, sondern als ihr Handwerk.

Sein eigentlicher Beitrag: die Methode

Hier kommt Kruses Ingenieurshintergrund ins Spiel. Statt sich auf das bloße Erlebnis im Dunkeln zu verlassen, versucht er, die Sitzungen messtechnisch fassbar zu machen:

  • Infrarot- und Nachtsichtkameras. Sie zeichnen auf, was im für das Auge dunklen Raum geschieht — der Versuch, die „Dunkelheit" als Einfallstor für Täuschung zu schließen.
  • Bewegungssensoren am Medium. Aus seiner Robotik kennt Kruse die Sensorik: An Armen oder Körper des Mediums angebrachte Sensoren liefern objektive Bewegungsdaten über die gesamte Sitzung — eine empfindliche, fortlaufende Kontrolle zusätzlich zur klassischen Fesselung.
  • Systematische Dokumentation. Aufzeichnung, wiederholbare Protokolle, Veröffentlichung von Versuchsanordnungen und Videodokumentationen.

Das Ziel ist nicht, ein Wunder zu „beweisen", sondern die konventionellen Erklärungen so weit wie möglich auszuschließen: verborgene Bewegungen, freie Hände, präparierte Gegenstände. Was übrig bleibt, ist im besten Fall ein sauber dokumentiertes Rätsel — und das ist, im Sinne dieser Seite, schon viel.

Mit wem er arbeitet

Kruse untersuchte mehrere physikalische Medien, darunter den Briten Gary Mannion und das deutsche Medium Kai Mügge, mit dem in Hanau über längere Zeit überwachte Sitzungen stattfanden. Bei Sitzungen mit dem britischen Direktstimmen-Medium Warren Caylor zeichnete Kruse die „Geisterstimmen" auf und versuchte, ihren Ursprung per Audio-Signalverarbeitung (mehrere Mikrofone, Laufzeit-Triangulation) zu lokalisieren. Er wirkt als wissenschaftlicher Berater und Referent des Basler Psi-Vereins (BPV) und arbeitet dabei eng mit seiner Frau, der Psychologin Dr. Heike Bauder, zusammen. Sein Buch „Der Geist in der Materie – die Begegnung von Wissenschaft und Spiritualität" (Crotona Verlag) bündelt seine Sicht; unter dem Titel „Sieben Gründe, physikalische Medialität zu erforschen" hat er außerdem öffentlich für die Ernsthaftigkeit des Themas geworben.

Ehrliche Einordnung

Ehrlich bleibt zweierlei. Erstens: Die physikalische Medialität ist bis heute nicht Teil der etablierten Wissenschaft, und der abgedunkelte Raum ist eine reale methodische Herausforderung — kein Grund wegzusehen, aber genau der Grund, warum Kruse so viel Aufwand in Kameras und Sensorik steckt. Zweitens aber lohnt der Blick auf die Geschichte des Faches, die in der öffentlichen Wahrnehmung oft auf einzelne Betrugsfälle verkürzt wird — und damit das Wesentliche übersieht.

Denn die Erforschung solcher Phänomene war keineswegs immer ein Außenseiterthema. Im Gegenteil: Sie wurde von einigen der angesehensten Naturwissenschaftler ihrer Zeit offen betrieben — vom Chemiker und Royal-Society-Mitglied William Crookes (dem Entdecker des Thalliums) über den Medizin-Nobelpreisträger Charles Richet und die Physik-Nobelpreisträger Pierre und Marie Curie (die das Medium Eusapia Palladino untersuchten) bis zum Psychologen William James und zu J. B. Rhine, der die Parapsychologie an der Duke University als akademisches Fach etablierte. Für sie war die Beschäftigung damit kein Karriererisiko, sondern legitime Wissenschaft — und viele waren zutiefst überzeugt. Pierre Curie, der die Palladino-Sitzungen gemeinsam mit Marie Curie verfolgte, schrieb wenige Tage vor seinem Tod 1906, hier liege „ein ganzes Gebiet vollkommen neuer Tatsachen und physikalischer Zustände des Raumes, von denen wir keine Vorstellung haben". Crookes verteidigte seine Beobachtungen bis ans Lebensende und widerrief sie nie.

Heute ist das anders — und der Unterschied liegt weniger in den Daten als im sozialen Klima. Wer sich offen mit dem Thema befasst, riskiert seinen Ruf; nicht, weil ein Experiment die Sache widerlegt hätte, sondern weil die Beschäftigung damit schlicht nicht erwünscht ist. Kruse schildert das im mystica.tv-Interview unverblümt: Heutige Wissenschaft funktioniere bei solchen Themen nicht mehr ergebnisoffen. Bei einem Befund, der dem herrschenden Dogma widerspricht, laufe es sinngemäß auf „Ich habe das und das beobachtet, darf ich das veröffentlichen? Nein, weil das Falsche herausgekommen ist" hinaus — nicht die Tatsache zähle, sondern das Dogma. Frei forschen könne er heute vor allem, weil er keine Hochschulkarriere mehr anstrebe. Genau dieses Muster — die Abwehr eines Themas, nicht seiner Befunde — beschreiben die Beiträge zum Herdentrieb, zur Psychologie der Skeptiker-Abwehr und zu Mehrheit gegen Experten. Deshalb sammelt diese Seite gezielt die Forscher, die trotzdem hinsehen — von Gary Schwartz und Julie Beischel über Patrizio Tressoldi bis zur Freiburger Schule um Hans Bender und Walter von Lucadou.

Was Kruse in dieser Linie auszeichnet, ist die Verbindung von Sorgfalt und Offenheit: Er bringt mit Kamera und Sensorik die strengste Kontrolle ins Spiel — und kommt gerade dadurch zu einer positiven Einschätzung. Seine Kontrolle ist nicht Zweifel um des Zweifels willen, sondern das Fundament, auf dem er das Beobachtete ernst nehmen kann. Er verschiebt die Frage vom „Ob man das glauben darf" zum „Wie man es prüfbar macht" und trennt dabei sauber Phänomen und Deutung. Genau das macht seine zustimmende Stimme glaubwürdig: Sie kommt nicht aus Leichtgläubigkeit, sondern nach der Prüfung.

Gerade darin liegt ein Glücksfall: Anders als die historischen Sitzungen, die vorbei und nie wieder nachprüfbar sind, dokumentiert Kruse seine Untersuchungen offen — als Videos und Sensordaten auf seiner Forschungsseite, bis hin zur Entstehung des „Ektoplasmas" im Infrarot. Damit kann sich heute jeder selbst ein Bild machen, statt ein altes Urteil ungeprüft zu übernehmen. Und es zeigt am lebenden Beispiel, wie solche Phänomene — und ebenso die Vorwürfe dagegen — tatsächlich zustande kommen: Ein Betrugsvorwurf bleibt oft sofort hängen und wird weitergereicht, ohne dass ihn jemand noch einmal überprüft. Wer es genauer wissen will, kann an einer Sitzung teilnehmen, und Forscher können eigene Untersuchungen anstellen — bei den nur noch aus Berichten bekannten historischen Fällen geht all das nicht mehr. Ein Maßstab in der Gegenwart, an dem sich auch die alten Fälle vorsichtiger lesen lassen.

Auf die utilitaristische Frage „Wozu ist das gut?" reagiert Kruse im Interview gelassen: Zunächst brauche ein faszinierender Abend im Austausch mit der geistigen Welt keine Rechtfertigung — so wenig wie ein Konzert oder ein Spieleabend. Und grundsätzlicher: Wenn solche Phänomene real sind, dann ist vieles möglich, was das materialistische Weltbild ausschließt — etwa das geistige Heilen, das bei physikalischen Medien häufig Teil der Sitzung selbst ist. Genau an diesem Punkt widerspricht die physikalische Medialität dem rein materialistischen Bild am deutlichsten. Den überzeugendsten Weg sieht Kruse ohnehin nicht im Argument, sondern in der direkten Erfahrung: Am liebsten, sagt er halb im Scherz, würde er Skeptiker einfach mit in eine Sitzung nehmen und sie selbst erleben lassen, was dort geschieht — eine bewusstseinserweiternde Erfahrung statt einer Debatte.

Quellen

  • Biografische Angaben: Referenten-/Personenseiten (Basler Psi-Verein bpv.ch; esoschuwi.de) — Informatik, Promotion in Robotik/Bildverarbeitung, Professur an der DHBW seit 2008.
  • Kruse, E.: Der Geist in der Materie – die Begegnung von Wissenschaft und Spiritualität. Crotona Verlag.
  • Kruse, E.: Sieben Gründe, physikalische Medialität zu erforschen (Vortrag/Beitrag).
  • Berichte und Videodokumentationen zu Séance-Experimenten mit Kai Mügge und Gary Mannion (u. a. grenzwissenschaft-aktuell.de, mystica.tv, bpv.ch).
  • mystica.tv: Interview mit Eckhard Kruse, youtube.com/watch?v=GHSn5J5Ir4s (u. a. zur fehlenden Ergebnisoffenheit und Publikationspraxis).
  • Zum Hintergrund: Kai Mügge, William Crookes, Charles Richet.