Die SRI-Geller-Experimente 1972/73 – was geprüft wurde und was herauskam

Veröffentlicht am 2026-05-22 · Lesezeit ca. 13 Minuten

Zwischen November 1972 und August 1973 war Uri Geller die zentrale Versuchsperson eines kontrollierten parapsychologischen Forschungsprogramms am Stanford Research Institute (SRI) in Menlo Park, Kalifornien. Geleitet wurde es von den Laserphysikern Harold Puthoff und Russell Targ. Die zentralen Ergebnisse erschienen am 18. Oktober 1974 in der Zeitschrift Nature; eine technisch ausführlichere Darstellung folgte im März 1976 in den Proceedings of the IEEE. Dieser Beitrag rekonstruiert die drei Hauptversuchsreihen sitzungsgenau, dokumentiert die Treffer und die Fehlschläge, geht die wichtigsten Kritikpunkte (Randi, Gardner, Hyman) und die Repliken durch und zeigt, was nach der CIA-Aktenfreigabe von 2017 selbständig nachprüfbar ist. Der Beitrag ergänzt das Geller-Porträt und das Puthoff-Targ-Porträt um das, was diese beiden nur kursorisch berühren: die konkreten Versuche.

Das Setting: der abgeschirmte Raum bei SRI

Die Versuche fanden in einem doppelt abgeschirmten Raum statt: einer elektromagnetisch dichten Stahlkammer (klassischer Faraday-Käfig-Aufbau) innerhalb eines weiteren akustisch und visuell isolierten Bereichs am SRI. Geller war während der eigentlichen Versuche in dieser Kammer eingeschlossen, allein, ohne Sichtkontakt nach außen und ohne elektromagnetische Kopplung zum übrigen Gebäude. Die Tür der Kammer war von außen schwer und gegen jede einfache Öffnung gesichert. Die Versuchsleiter befanden sich in einem anderen Raum desselben Gebäudes, häufig durch zusätzliche Wände und teils erhebliche Distanz getrennt.

Diese Anordnung schloss die naheliegendsten konventionellen Kanäle aus: kein direkter Blickkontakt, kein Hörkontakt, kein einfacher Funkkontakt. Sie schloss nicht jede mögliche unbekannte Sensorik aus – dieser Punkt wird in der Kritik noch wichtig –, aber sie war für die parapsychologische Forschung der frühen 1970er Jahre methodisch deutlich strenger als das, was bis dahin in den meisten universitären Labors üblich gewesen war.

Versuchsreihe 1 – Bildreproduktion in sensorischer Abschirmung

Die zentrale und am ausführlichsten dokumentierte Serie waren die 13 Bildreproduktions-Sitzungen. Der Ablauf war wie folgt:

  1. Ein Experimentator, der weder mit Geller noch mit Puthoff/Targ im Versuchskontakt war, generierte das Zielbild – entweder durch zufällige Auswahl aus einem vorher festgelegten Bildpool oder durch spontane Eigenanfertigung in einem entfernten Raum.
  2. Das Bild wurde in undurchsichtige, versiegelte Umschläge eingelegt und in einem dritten, von der Kammer entfernten Raum aufbewahrt.
  3. Geller saß im abgeschirmten Raum, wurde gebeten, sich zu konzentrieren, und zeichnete, was er „sah".
  4. Erst nach Abschluss der Sitzung wurde das Originalbild geöffnet und mit Gellers Skizze verglichen.
  5. In der späteren Auswertung erhielten fünf unabhängige Juroren die zehn auswertbaren Geller-Skizzen und die zehn Originalbilder, in zufälliger Reihenfolge, und sollten sie einander zuordnen.

Die bekanntesten dokumentierten Treffer (Originalbild → Geller-Skizze):

OriginalGellers Skizze
Weintraube mit genau 24 BeerenWeintraube mit genau 24 Beeren
Teufel mit DreizackDreizack-ähnliche Form, dazu „ich sehe einen Weihnachtsbaum mit Stern auf der Spitze" – partieller Treffer
KamelPferdeartiges Vierbeiner-Tier mit Höcker
DracheGeflügelte schlangenartige Figur
Sonnensystem (Planeten in Bahnen)Konzentrische Kreise mit Punkten auf den Kreisen
Fliege (Insekt)Sechsbeiniges Insekt mit Flügeln

Die statistische Auswertung der zehn auswertbaren Sitzungen ergab eine Trefferquote, deren Zufallswahrscheinlichkeit nach der Schätzung der unabhängigen Juroren deutlich unter eins zu einer Million lag. Drei weitere Sitzungen wurden von Geller selbst „abgebrochen" – er gab an, kein klares Bild zu empfangen, und verzichtete auf eine Antwort. Diese drei wurden in die Statistik nicht aufgenommen. Das ist methodisch ein zweischneidiger Punkt (mehr dazu in der Kritik unten), aber es ist transparent in der Nature-Publikation vermerkt.

Versuchsreihe 2 – Würfel in der Stahlbox

Methodisch besonders sauber war die Würfel-in-Stahlbox-Serie. Der Ablauf:

  1. Ein gewöhnlicher sechsseitiger Würfel wurde in eine geschlossene Aluminium- bzw. Stahlbox gelegt.
  2. Die Box wurde von einem Experimentator vor laufender Aufzeichnung kräftig geschüttelt – sodass weder er noch sonst jemand wissen konnte, welche Zahl oben lag.
  3. Die Box wurde an einem Ort abgesetzt, an dem Geller sie weder sehen noch berühren konnte.
  4. Geller wurde gefragt, welche Zahl auf der oberen Seite des Würfels in der Box liege – oder ob er „passen" wolle.
  5. Erst nach seiner Antwort wurde die Box geöffnet.

Das Ergebnis über zehn Versuche: Acht von zehn Antworten waren korrekt. Zwei Mal verzichtete Geller auf eine Antwort. Bei einer Zufallswahrscheinlichkeit von 1/6 pro Versuch liegt die Wahrscheinlichkeit für acht korrekte Treffer in zehn Versuchen bei rund einer Million zu eins gegen den Zufall.

Diese Serie ist methodisch deshalb so wichtig, weil sie konventionelle Sinneskanäle praktisch vollständig ausschließt: Es gibt keinen Blickkontakt mit dem Würfel, keine Hör-Information über seine Lage, kein Vorwissen des Experimentators, keine Sprach- oder Körpersprache, von der Geller hätte ablesen können. Genau deshalb gehen auch die schärfsten Kritiker der Bildreproduktions-Serie auf diese Serie meist nur knapp ein – sie ist mit klassischen Bühnentrick-Hypothesen schwer zu erklären.

Versuchsreihe 3 – Magnetometer

Außerhalb des Versuchskäfigs befand sich am SRI ein empfindliches Magnetometer, das in der regulären Physik-Forschung des Instituts für Messungen sehr kleiner Magnetfeld­änderungen verwendet wurde. In einer Reihe gefilmter Sitzungen wurde Geller daneben platziert und gebeten, sich auf das Gerät zu konzentrieren, ohne es zu berühren. Das Magnetometer registrierte daraufhin deutlich von der Grundlinie abweichende Signalausschläge.

Diese Sitzungen sind in den Original-SRI-Filmen dokumentiert, die heute teilweise öffentlich verfügbar sind (im Dokumentarfilm Third Eye Spies, Lance Mungia 2017, sind die Aufnahmen in voller Länge zu sehen). Die Frage, ob die beobachteten Effekte tatsächlich nur durch Gellers Anwesenheit verursacht wurden oder ob konventionelle Erklärungen (Vibration, elektrostatische Aufladung, Bewegungs­artefakte) im Spiel sein könnten, gehört zu den Punkten, die in der Kritik diskutiert wurden – allerdings nicht restlos geklärt.

Versuchsreihe 4 – Klassische ESP-Karten

Targ und Puthoff testeten Geller auch mit den klassischen Zener-ESP-Karten in einem Rhine-ähnlichen Protokoll (fünf Symbole, langer Durchgang). Die Ergebnisse waren in dieser Serie deutlich schwächer als in den freien Bildreproduktions-Sitzungen. Geller selbst sagte den Versuchsleitern, ihm liege das freie, offene Format näher; das festgelegte Karten-Format „mache es ihm schwer". Die Versuchsleiter bestanden in einigen Sitzungen dennoch auf dem klassischen Protokoll, dokumentierten aber transparent, dass es nicht das Format war, in dem Geller seine besten Ergebnisse lieferte.

Auch das gehört zur ehrlichen Bilanz: Die Geller-Daten sind nicht über alle Formate hinweg gleich stark, und Puthoff/Targ haben das in der Nature-Publikation und ausführlicher in Mind-Reach (1977) so beschrieben.

Die statistische Auswertung

Die Auswertung der Bildreproduktions-Serie wurde nicht von den Versuchsleitern selbst vorgenommen, sondern an fünf unabhängige Juroren delegiert. Diese erhielten die zehn Geller-Skizzen und die zehn Originalbilder, in zufälliger Reihenfolge, und sollten jede Skizze einem der zehn Originale zuordnen (sogenanntes forced-choice ranking). Die Trefferraten der Juroren wurden statistisch mit der Zufallserwartung verglichen.

Der entscheidende Punkt: Die Bewertung war damit von der wissenschaftlich oft problematischen Frage entkoppelt, ob ein einzelner Beobachter (etwa Targ oder Puthoff selbst) den Treffer für „nahe genug" hielt. Die Juroren wussten nicht, welche Sitzung welche war, und ihr Urteil basierte auf einer rein vergleichenden Zuordnung. Diese Methodik war damals neu in der Parapsychologie und wurde in den folgenden Jahren zum Standard für freie-Antwort-Versuche (free-response paradigm).

Kritik und Replik

James Randi (1982)

Die ausführlichste und einflussreichste Kritik ist James Randis Buch The Truth About Uri Geller (Prometheus 1982, ursprünglich 1975 als The Magic of Uri Geller). Randis Hauptpunkte gegen die SRI-Bildreproduktions-Serie:

  • Mögliche Sichtleckage: Randi argumentierte, in der Wand des abgeschirmten Raumes habe es eine Öffnung gegeben (für Kommunikation oder Belüftung), durch die Geller nach außen hätte sehen können.
  • Zielbild-Lagerung: In einigen Sitzungen sei das Zielbild nicht in einem entfernten dritten Raum, sondern in einer nicht ausreichend gesicherten Schublade nahe der Kammer aufbewahrt worden.
  • Komplize-Hypothese: Andrija Puharich (der Geller in die USA gebracht hatte) sei zeitweise im Gebäude anwesend gewesen und hätte als möglicher Mittler dienen können.
  • Stage-Magic-Erklärung: Für Gellers berühmte TV-Effekte (Löffelbiegen, Uhren-Neustart) sind klassische Bühnentricks gut dokumentiert. Randi überträgt diese Lesart auch auf die SRI-Experimente.

Randis Kritik ist für einen Teil der Geller-Auftritte (insbesondere die öffentlichen Bühnenvorführungen) plausibel. Für die Bildreproduktions-Serie hängt sie davon ab, ob die behaupteten Lecks tatsächlich existierten – ein Punkt, den Puthoff und Targ in ihrer Replik bestritten haben.

Targ & Puthoff Replik (Nature 252, 1974; Proceedings of the IEEE 1976)

Wenige Wochen nach der Nature-Publikation erschienen in Nature 252 mehrere kritische Briefe und eine ausführliche Replik der Autoren. Die ausführlichste methodische Antwort erschien dann im IEEE-Aufsatz von 1976. Die Hauptpunkte:

  • Die behaupteten Sichtleckagen seien physikalisch nicht möglich gewesen; die Kammer sei vor Beginn jeder Sitzung kontrolliert worden.
  • Die Zielbild-Lagerung sei in den ausgewerteten zehn Sitzungen in einem hinreichend entfernten Raum erfolgt.
  • Andrija Puharich sei bei keiner der ausgewerteten Sitzungen im selben Gebäude wie das Zielbild gewesen.
  • Die Würfel-in-Stahlbox-Serie und die Magnetometer-Effekte seien mit Stage-Magic-Hypothesen ohnehin nicht erklärbar – Randis Kritik beziehe sich faktisch fast nur auf die Bildreproduktions-Serie.

Martin Gardner und das Skeptical Inquirer-Umfeld

Martin Gardner und mehrere Autoren des Skeptical Inquirer haben über die Jahre ähnliche Punkte wie Randi vertreten, oft mit dem Akzent auf der schwachen Randomisierung der Zielbild-Generierung in einigen Sitzungen und auf der nachträglichen Auswahl der „auswertbaren" Sitzungen (jene zehn von dreizehn, in denen Geller nicht passte). Das ist ein methodisch ernster Punkt, weil eine selektive Auswahl die Statistik verzerren kann – allerdings haben Targ und Puthoff transparent dokumentiert, dass die drei nicht-ausgewerteten Sitzungen vor Beginn der jeweiligen Auswertung als „Pass" markiert wurden, nicht nachträglich.

Ray Hyman im AIR-Stargate-Gutachten 1995

Zwanzig Jahre nach den SRI-Versuchen wurde Ray Hyman (Psychologe an der University of Oregon, bekennender Skeptiker) im Rahmen der CIA-Auftragsuntersuchung des Stargate-Programms zur Bewertung der gesamten SRI-Datenlage hinzugezogen. Hyman kam – wie auch die Statistikerin Jessica Utts – zum Ergebnis, dass die statistischen Effekte real sind und nicht durch Zufall erklärbar. Er führte sie aber auf vermutete methodische Schwächen zurück, ohne diese konkret benennen zu können. Damit ist Hyman einer der wenigen prominenten Skeptiker, die die rohen statistischen Befunde anerkennen, sie aber für nicht aussagekräftig halten.

Die Filmdokumentation und die CIA-Aktenfreigabe 2017

Ein Teil der SRI-Geller-Sitzungen wurde gefilmt. Die Originalaufnahmen sind heute teilweise öffentlich verfügbar – sowohl auf YouTube als auch ausführlich im Dokumentarfilm Third Eye Spies (Lance Mungia, 2017), in dem Russell Targ persönlich durch das Material führt. Zu sehen sind unter anderem die Bildreproduktions-Sitzungen im abgeschirmten Raum, eine der Magnetometer-Sitzungen und die Reaktion Gellers in den Momenten, in denen er „passt".

2017 hat die CIA unter dem Druck einer FOIA-Klagewelle rund zwölf Millionen Seiten Stargate-Akten freigegeben, in denen auch ein Teil der SRI-Geller-Originalprotokolle enthalten ist. Das Material liegt heute öffentlich im CIA Reading Room. Wer die Sitzungsprotokolle, die Originalskizzen und die Auswertungsberechnungen selbst sehen will, muss niemandem mehr glauben – das Material ist von der Quelle her direkt zugänglich.

Was nach fünfzig Jahren belastbar bleibt

Eine ehrliche Bilanz der SRI-Geller-Experimente ist heute, mehr als ein halbes Jahrhundert später, in drei Punkten zusammenfassbar:

  1. Die statistischen Effekte sind real. Das räumen selbst die schärfsten Skeptiker (Hyman, in Teilen Gardner) ein. Die Zufallserklärung ist für die ausgewerteten Sitzungen ausgeschlossen.
  2. Die methodische Qualität war für die Zeit hoch, aber nicht perfekt. Insbesondere die Bildreproduktions-Serie hat angreifbare Stellen (Sichtleckage-Möglichkeit, nachträgliche Auswertbarkeits-Definition). Die Würfel-Serie und die Magnetometer-Sitzungen sind methodisch sauberer und werden auch in der Skeptiker-Literatur selten frontal angegriffen.
  3. Die binäre Frage „echt oder Trick?" ist nicht das richtige Format. Manche von Gellers TV-Effekten waren mit hoher Wahrscheinlichkeit klassische Bühnenmagie. Manche SRI-Sitzungen sind damit nicht ohne weiteres erklärbar. Eine wissenschaftlich vorsichtige Position muss zwischen diesen beiden Ebenen unterscheiden – und genau das ist das, was die ursprüngliche Nature-Publikation und der IEEE-Aufsatz immer getan haben.

Wer sich heute selbst ein Bild machen will, hat eine ungewöhnlich gute Quellenlage: die Nature-Originalpublikation (Nature 251, 602–607), die methodisch ausführliche Proceedings of the IEEE-Arbeit (64(3), 329–354), das Buch Mind-Reach (Delacorte 1977) und die freigegebenen CIA-Akten. Plus die Original-Filmaufnahmen. Das ist deutlich mehr Material, als für die meisten Forschungsprogramme der frühen 1970er Jahre öffentlich verfügbar ist.

Quellen: Russell Targ & Harold Puthoff, Information transmission under conditions of sensory shielding, Nature 251, 602–607, 18. Oktober 1974. Folgekorrespondenz in Nature 252 (1974). Harold E. Puthoff & Russell Targ, A perceptual channel for information transfer over kilometer distances: Historical perspective and recent research, Proceedings of the IEEE 64(3), 329–354, März 1976. Targ & Puthoff, Mind-Reach: Scientists Look at Psychic Ability, Delacorte Press 1977. James Randi, The Truth About Uri Geller, Prometheus Books 1982. Martin Gardner, Kolumnen im Skeptical Inquirer, mehrere Jahrgänge. Ray Hyman & Jessica Utts, AIR-Gutachten zum Stargate-Programm, 1995 (öffentlich). Lance Mungia, Third Eye Spies, Dokumentarfilm 2017. Freigegebene CIA-Stargate-Akten, CIA Reading Room, online seit 2017. Russell Targ, The Reality of ESP, Quest Books 2012 (Rückblick auf die SRI-Phase).