Materie und das Higgsfeld

Veröffentlicht am 2026-04-24 · Lesezeit ca. 11 Minuten

Im Interview zur EREAMS-Studie sagt Prof. Dr. Oliver Lazar einen Satz, der auf den ersten Blick wie Esoterik klingt: „Es gibt eigentlich gar keine Materie." Für viele ein reflexhafter Stopp — klingt zu sehr nach Wunschdenken, um ernst genommen zu werden. Tatsächlich ist genau dieser Satz die Kernaussage des Standardmodells der Teilchenphysik, und zwar seit Mitte der 1960er Jahre. Wer das noch nicht gehört hat, ist in guter Gesellschaft — es wird in der breiten Wissenschaftskommunikation selten in dieser Deutlichkeit gesagt. In diesem Artikel fassen wir den populärwissenschaftlichen Beitrag der Astrophysiker Prof. Harald Lesch und Prof. Dr. Josef M. Gaßner zusammen und ergänzen die technischen Hintergründe, die im Video nur angedeutet werden.

Das Matroschka-Bild: von der Materie zum Nichts

Lesch und Gaßner zoomen Stufe für Stufe in die Materie hinein. Ein Atom hätte, vergrößert, in etwa die Ausmaße eines Fußballstadions — der Atomkern entspräche dann einem Reiskorn im Anstoßkreis. Fünf Größenordnungen nichts dazwischen. Das Proton wiederum besteht aus drei Quarks und einem „Kleber" aus Gluonen. Und diese Quarks sind, nach dem Standardmodell, elementar — sie bestehen aus nichts Weiterem.

„Das sind die letzten Teilchen, die sind jetzt wirklich elementar, das heißt, sie sind aus nichts anderem mehr zusammengesetzt. Und jetzt kommt's. Diese elementaren Teilchen müssen, wenn all das Sinn haben soll, was wir in der Physik treiben, masselos sein."
— Josef M. Gaßner

Warum müssen die Quarks masselos sein?

Lesch und Gaßner erklären den Zwang zur Masselosigkeit auf Alltagsniveau: Wenn man in die Gleichungen des Standardmodells einfach eine Ruhemasse für die Elementarteilchen einsetzt, dann liefern die Wahrscheinlichkeitsvorhersagen der Theorie plötzlich Werte über 100 % oder sogar unendlich. Physikalisch unsinnig. Also: Entweder man verwirft die ganze Theorie (die auf 15 Nachkommastellen mit dem Experiment übereinstimmt) — oder man nimmt an, die Teilchen sind eigentlich masselos und die gemessene Masse entsteht anderswo.

Der technisch genaue Grund dahinter ist folgender: Quarks und Leptonen sind im Standardmodell chirale Fermionen. Ihre links- und rechtshändigen Komponenten transformieren unter der Eichgruppe SU(2)L × U(1)Y unterschiedlich. Ein direkter Masseterm der Form m ψ̄ψ würde diese beiden Komponenten koppeln und damit die Eichsymmetrie brechen. Die Konsequenz: Nicht-Renormierbarkeit und Unitaritätsverletzung bei hohen Energien — genau das, was sich in Wahrscheinlichkeiten über 100 % zeigt. Die Masselosigkeit der Elementarteilchen ist also keine Hypothese oder Bescheidenheit, sondern eine Konsequenz der Symmetriestruktur, die das Standardmodell erst in sich widerspruchsfrei und vorhersagestark macht.

Die Lösung von Peter Higgs: das Feld, das überall ist

Die Elementarteilchen sind masselos, und doch messen wir für Elektronen, Quarks, W- und Z-Bosonen klar von Null verschiedene Massen. Der schottische Physiker Peter Higgs — zusammen mit François Englert, Robert Brout und weiteren — schlug Mitte der 1960er Jahre eine elegante Auflösung vor: Es gibt ein überall im Universum vorhandenes Feld, das Higgsfeld. Die an sich masselosen Teilchen werden beim Durchqueren dieses Feldes in ihrer Beschleunigung gebremst — und genau diesen Widerstand messen die Experimente als „Masse". Gaßner beschreibt es mit einem Bild aus der Finanzwelt:

„Das Higgsfeld ist die Bad Bank unseres Standardmodells. Wir hatten ein Problem innerhalb unseres Systems, und den schwarzen Peter hat ein Schotte übernommen."

Technisch geschieht das über die Yukawa-Kopplung der Fermionen an das Higgsfeld und die spontane elektroschwache Symmetriebrechung: Das Higgsfeld nimmt einen nicht verschwindenden Vakuumerwartungswert an, wodurch die Fermionen ihre sogenannten „current quark masses" bzw. Leptonenmassen erhalten, ohne dass die Eichsymmetrie explizit in den Gleichungen gebrochen wird. Die Theorie bleibt renormierbar, die Wahrscheinlichkeiten bleiben unter 100 %, und die gemessenen Massen fallen als Wechselwirkungsphänomen heraus.

Am Large Hadron Collider bei CERN wurde 2012 das Higgs-Boson — die Feldanregung des Higgsfeldes — experimentell nachgewiesen; der Nobelpreis für Physik ging 2013 an Peter Higgs und François Englert.

Der wichtigere Punkt: 99 % der Masse sind Energie, nicht Higgs

Hier kommt ein Detail, das selbst im Lesch-Gaßner-Video nur knapp anklingt, aber für Lazars Aussage entscheidend ist. Die Massen, die die Elementarteilchen durch den Higgs-Mechanismus bekommen, sind winzig: Ein Up-Quark hat ca. 2,2 MeV, ein Down-Quark ca. 4,7 MeV. Ein Proton besteht aus zwei Ups und einem Down — das ergibt rechnerisch etwa 9 MeV. Gemessen wird aber: 938 MeV. Das heißt: Nur ungefähr 1 % der Protonenmasse kommt aus den Ruhemassen der Quarks (also vom Higgs-Mechanismus). Die restlichen 99 % sind reine Bindungsenergie — Gluonen, virtuelle Seequark-Paare und die Bewegungsenergie der Quarks innerhalb des Protons, nach E = mc² als Masse interpretiert.

Anders gesagt: Wenn Du auf die Waage steigst und 80 kg ablesen, dann sind davon rund 0,8 kg „Higgs-Masse" — und 79,2 kg sind eingepackte Energie. Kein Stoff, sondern Feldenergie mit Trägheit.

Was bedeutet das für Lazars Aussage?

Lazar sagt im EREAMS-Interview sinngemäß: Wir bestehen aus ganz vielen Nichts und aus Bindungs- und Bewegungsenergie. Diese Aussage ist nicht Esoterik, sondern trifft den Kern dessen, was moderne Physik über Materie sagt — und zwar aus zwei unabhängigen Gründen:

  1. Die Elementarteilchen selbst sind masselos (im Sinne der Eichsymmetrie des Standardmodells). Was wir als Quark- und Leptonenmasse messen, ist Wechselwirkung mit einem Feld — dem Higgsfeld. Ohne dieses Feld hätten die Teilchen null Ruhemasse.
  2. Auch nach Einrechnung des Higgsfeldes ist fast die gesamte Masse der sichtbaren Materie (Atome, Planeten, Körper) QCD-Bindungsenergie — also im strikten Sinn keine Substanz, sondern das Resultat dynamischer Wechselwirkungen zwischen Feldern.

Der „Stoff" der klassischen Physik verschwindet damit auf fundamentaler Ebene komplett. Was bleibt, sind Felder und ihre Anregungen. Wenn jemand einen Zuckerwürfel anfasst, sind es nicht winzige feste Kügelchen, die er berührt — es ist die elektromagnetische Abstoßung zwischen zwei ausgedehnten Elektronenwolken, deren Masse wiederum zu 99 % Bindungsenergie ist.

Warum ist das wissenschaftlich relevant?

Für die Debatte um Bewusstsein, Nahtoderfahrungen und mediale Kommunikation ist diese physikalische Klarstellung erheblich. Ein wesentliches Argument der naturalistischen Gegenseite lautet sinngemäß: „Alles, was existiert, ist Materie im Sinne klassischer, beobachtbarer Substanz." Genau diese Kategorie aber löst sich in der Quantenfeldtheorie weitgehend auf. Matière ist keine „letzte Zutat" mehr, sondern ein emergentes Muster aus Feldwechselwirkungen. Damit ist zumindest die Ausgangsannahme — „es gibt nur Materie" — auf fundamentaler Ebene selbst rechtfertigungsbedürftig.

Das soll kein vorschneller Sprung zu „Also gibt es ein Leben nach dem Tod" sein. Es ist ein methodischer Punkt: Wer die Realität nichtmaterieller Phänomene unter Verweis auf den Materialismus abtut, muss klären, welchen Materiebegriff er zugrunde legt. Der des Standardmodells — also der beste, den die Physik aktuell anbietet — ist es jedenfalls nicht.

Einordnung

Dieser Artikel ergänzt unsere Reihe zur wissenschaftlichen Einordnung von Jenseitskontakten und Nahtoderfahrungen: den Interview-Blog zu Lazars EREAMS-Studie, die neurologische und medizinische Perspektive, die philosophische Strukturierung der Debatte durch Godehard Brüntrup und den methodologischen Hintergrund zum Thema Mehrheit gegen Experten.

Quellen: Lesch & Gaßner, Spins, Nichts und das Higgsfeld, YouTube-Kanal „Urknall, Weltall und das Leben" (2014), youtube.com/watch?v=7TUIvg-1VuE. Technische Einordnung nach Standard-Lehrbüchern der Quantenfeldtheorie (Peskin/Schroeder, An Introduction to Quantum Field Theory; Weinberg, The Quantum Theory of Fields) sowie Particle Data Group (PDG) für die aktuellen Werte der Quark-Massen und des Proton-Masse-Budgets. Nobelpreis Physik 2013: François Englert & Peter Higgs, „for the theoretical discovery of a mechanism that contributes to our understanding of the origin of mass of subatomic particles".

Mehr zum Thema findest Du in unserer kuratierten Wissen-Sammlung – dort sind das Lesch-&-Gaßner-Video selbst, das Lazar-Interview zur EREAMS-Studie sowie weitere Beiträge zur wissenschaftlichen Debatte verlinkt.