Es gibt in der Wissenschaftsgeschichte Daten, ab denen sich eine Debatte nicht mehr fortführen lässt wie zuvor. In der Nahtodforschung ist das der 15. Dezember 2001: An diesem Tag erschien in The Lancet – einem der renommiertesten medizinischen Fachjournale der Welt – ein Aufsatz mit dem nüchternen Titel „Near-death experience in survivors of cardiac arrest: a prospective study in the Netherlands". Erstautor: Pim van Lommel, niederländischer Kardiologe. Damit wurde Nahtoderfahrung von einem „weichen" Phänomen zu etwas, das in einem der härtesten medizinischen Journals nach allen Regeln der prospektiven Klinikforschung dokumentiert war. Wer sich seither auf die „rein anekdotische" Natur des Phänomens beruft, hat ein Argumentationsproblem.
Wer ist Pim van Lommel?
Pim van Lommel wurde am 15. März 1943 in Laren in Nord-Holland geboren. Er studierte Medizin an der Universität Utrecht und spezialisierte sich auf Kardiologie. 26 Jahre lang – von 1977 bis 2003 – war er als Kardiologe am Rijnstate Hospital in Arnhem tätig. Damit ist sein Hintergrund das genaue Gegenteil eines Grenzwissenschaftlers: ein praktizierender Klinikarzt mit Schwerpunkt Herz-Kreislauf, der jahrzehntelang im Tagesgeschäft Reanimationen durchgeführt hat.
Sein Interesse an Nahtoderfahrungen entstand aus genau dieser klinischen Praxis. Mehrere Patienten, die nach Reanimation aus dem Herzstillstand zurückkamen, berichteten ihm von Erfahrungen, die mit dem klassischen neurologischen Bild eines „bewusstlosen Gehirns" nicht zu vereinbaren waren. 1986 las er George Ritchies Buch Return from Tomorrow und beschloss, das Phänomen systematisch zu untersuchen – statt es weiter als Anomalie beiseitezuschieben.
Die Studie: Design und Größe
Was van Lommel 1988 startete, war methodisch revolutionär. Bis dahin waren NTE-Studien praktisch immer retrospektiv: Forscher fanden Berichte und untersuchten sie im Nachhinein – mit allen klassischen Verzerrungen (Selektion, Erinnerungsverfälschung, Selbstdarstellung). Van Lommel drehte den Spieß um:
- Prospektives Design. Patienten wurden vor der Befragung identifiziert: jeder, der einen Herzstillstand überlebte, kam in den Datensatz – egal, ob er später eine NTE berichtete oder nicht.
- Multi-Center. Zehn niederländische Krankenhäuser nahmen teil, was Standortverzerrungen reduzierte.
- 344 Patienten wurden über mehrere Jahre eingeschlossen. Eine beachtliche Stichprobe für ein Phänomen, von dem viele zuvor sagten, es sei „zu selten, um wissenschaftlich greifbar zu sein".
- Standardisierte Messung. Die NTE-Berichte wurden mit der Greyson-NDE-Skala kodiert – damit kompatibel mit der gesamten internationalen Forschungsliteratur.
- Langzeit-Follow-up. Patienten wurden zwei und acht Jahre nach dem Ereignis erneut untersucht – ein Aufwand, der in der NTE-Forschung bis dahin beispiellos war.
- Kontrollgruppe. Patienten mit identischem medizinischen Ereignis (Herzstillstand) ohne NTE bildeten die Vergleichsgruppe. Damit ließen sich Trauma-Effekte sauber von NTE-Effekten unterscheiden.
Die Kernergebnisse
1. Häufigkeit
62 von 344 Patienten (18 %) berichteten eine NTE im Sinne der Greyson-Skala. 41 davon (12 %) hatten eine „tiefe" NTE mit ausgeprägten Kernelementen. Allein diese Zahl räumt mit der Vorstellung auf, NTE seien exotische Einzelfälle.
2. Was die NTE nicht erklärt
Van Lommel verglich systematisch, welche medizinischen oder psychologischen Faktoren mit dem Auftreten einer NTE korrelieren. Das Ergebnis war für viele Kollegen verblüffend:
- Sauerstoffmangel-Dauer: kein Zusammenhang. Patienten mit längerem Herzstillstand hatten nicht häufiger eine NTE als solche mit kurzem.
- Verabreichte Medikamente (Anästhetika, Sedativa): keine Korrelation.
- Angst vor dem Tod vor dem Ereignis: keine Korrelation.
- Religiosität oder vorheriger Glaube an ein Leben nach dem Tod: keine Korrelation.
- Vorwissen über NTE: keine Korrelation.
Damit fielen die populärsten reduktionistischen Erklärungsmodelle reihenweise aus.
3. Der berühmte Zahnprothesen-Fall
Der wohl meistzitierte Einzelfall der Studie betrifft einen 44-jährigen Mann, der nach einem Myokardinfarkt mit Herzstillstand komatös in die Klinik gebracht wurde. Eine Pflegekraft entfernte während der Reanimation seine Zahnprothese und legte sie in eine Schublade auf dem Reanimationswagen. Nach der erfolgreichen Wiederbelebung blieb der Patient eine Woche intubiert und beatmet. Als er aufwachte, sah er die Pflegekraft, die ihm die Prothese abgenommen hatte, und sagte sinngemäß:
„Sie wissen doch, wo meine Zahnprothese ist – Sie haben sie damals ja in die Schublade des Reanimationswagens gelegt."
Der Patient beschrieb anschließend Details aus dem Reanimationsraum, die er aus seiner Lage – bewusstlos, mit geschlossenen Augen, in tiefer Reanimation – nicht hätte wahrnehmen können. Der Fall ist nicht so spektakulär wie Pam Reynolds, aber methodisch ähnlich aussagekräftig: Die Pflegekraft, die die Prothese abnahm, war eine objektive Zeugin. Die Beobachtung war veridisch.
4. Persönliche Veränderung – die wichtigste Pointe
Vielleicht der eigentlich wirkmächtigste Befund kam aus dem Langzeit-Follow-up. Nach zwei und acht Jahren erfasste van Lommel die psychologischen Veränderungen beider Gruppen:
- Die NTE-Gruppe zeigte massive, persistente Verschiebungen: stark verringerte Todesangst, gestiegene Liebesfähigkeit und Empathie, Orientierung weg von Materiellem hin zu Beziehungen, vermehrtes spirituelles Interesse, häufig auch berufliche Neuorientierung.
- Die Kontrollgruppe – Patienten mit gleichem Herzstillstand, gleicher Reanimation, aber ohne NTE – zeigte diese Veränderungen nicht.
Damit fiel ein zentraler Skeptiker-Einwand: Es sei das medizinische Trauma, das die Patienten verändere, nicht die NTE. Die Kontrollgruppe zeigt, dass das schlicht nicht stimmt. Es ist nicht der Herzstillstand, der die Menschen wandelt – es ist die Erfahrung.
„Der Inhalt einer NTE und ihre Auswirkungen auf den Patienten erscheinen mit dem Begriff des sterbenden Gehirns nicht vereinbar."
— van Lommel et al., Lancet 2001 (Schlussfolgerung)
Warum The Lancet zählt
Es lohnt sich, kurz innezuhalten und zu würdigen, wo diese Studie erschienen ist. The Lancet ist seit 1823 eine der weltweit führenden medizinischen Zeitschriften, mit einem aktuellen Impact Factor von rund 100 – nur das New England Journal of Medicine spielt in der gleichen Liga. Annahmequoten liegen unter 5 %, Peer-Review ist berüchtigt streng, das Risiko für die Autoren bei Reputationsschäden erheblich. Eine Lancet-Publikation zu NTE bedeutet, dass die Daten und die Methodik einer extrem skeptischen Begutachtung standgehalten haben.
Van Lommels Buch und seine Theorie
2007 erschien zunächst auf Niederländisch „Eindeloos Bewustzijn", 2009 auf Deutsch „Endloses Bewusstsein" und 2010 auf Englisch „Consciousness Beyond Life". Das Buch fasst die Lancet-Studie ausführlich zusammen, ergänzt sie um internationale Vergleichsdaten und entwickelt darüber hinaus eine theoretische Position. Van Lommels zentrale Hypothese: Bewusstsein ist nicht-lokal – es entsteht nicht im Gehirn, sondern wird vom Gehirn nur empfangen und gefiltert. Als analoges Modell verweist er auf Quantenphänomene (Verschränkung, Nichtlokalität); explizit beruft er sich auf informationstheoretische Modelle des Bewusstseins, ähnlich wie Hameroff/Penrose oder Tononi.
Diese theoretische Erweiterung ist umstritten – auch unter Forschern, die seinen empirischen Befund anerkennen. Aber sie ist eine ernsthafte Antwort auf die Frage, wie das, was die Studie zeigt, denn nun überhaupt sein könnte – und nicht nur ein „das Phänomen ist da, mehr wissen wir nicht".
Kritik und ihre Grenzen
Die Studie ist nicht unwidersprochen. Der niederländische Neurobiologe Dick Swaab würdigt van Lommels Verdienst um die Dokumentation, kritisiert aber das Buch „Endloses Bewusstsein" dafür, dass es etablierte neurowissenschaftliche Mechanismen nicht ausreichend einbeziehe. Gerald Woerlee, der auch im Pam-Reynolds-Fall als Kritiker auftritt, bringt das Argument der Anästhesie-Awareness.
Beide Einwände greifen für die Kernergebnisse aber kaum: Sie können erklären wie ein einzelnes Wahrnehmungsphänomen zustande kommen könnte – sie können aber weder die Kontrollgruppen-Daten zur Persönlichkeitsveränderung erklären noch die fehlende Korrelation mit Sauerstoffmangel-Dauer. Die statistische Robustheit der Hauptbefunde ist mit „neurologisch alles bekannt" nicht zu unterlaufen.
Wirkung und Stellung
Die Lancet-Studie hat die NTE-Forschung in mehrfacher Hinsicht verändert:
- Sie hat das Feld in den Mainstream gehoben. Nach 2001 war Nahtoderfahrung kein randständiges Thema mehr, sondern ein im Top-Journal publizierter Forschungsgegenstand.
- Sie hat den Standard für prospektive klinische Studien zu Bewusstseinsphänomenen am Lebensende definiert – prospektive Multi-Center-Anlage, standardisierte Skala, Kontrollgruppe, Langzeit-Follow-up.
- Sie hat den Diskursrahmen verschoben. Argumente wie „NTE entsteht durch Sauerstoffmangel" oder „Trauma ändert Menschen, nicht das Erlebnis" sind seit 2001 nicht mehr ohne weiteres haltbar.
Heute, fast 25 Jahre nach Erscheinen, ist der Aufsatz mit weit über 1.000 wissenschaftlichen Zitierungen einer der meistzitierten Beiträge zur Bewusstseinsforschung am Lebensende.
Einordnung
Dieser Artikel ergänzt die Heaven-Connect-Reihe zur wissenschaftlichen Einordnung von Nahtoderfahrungen und Jenseitskontakten: Lazars EREAMS-Studie (Mediumschafts- Studie nach gleichem methodischem Geist), Bruce Greyson (das Messinstrument, das van Lommel verwendete), Pam Reynolds (der spektakulärste Einzelfall), Wilfried Kuhn und Walter van Laack (deutschsprachige neurologische und medizinische Perspektive), Godehard Brüntrup (philosophische Strukturierung), Elisabeth Kübler-Ross (Pionierin), Bösch/Claes (klinische Integration), Materie und Higgsfeld (Physik des Materiebegriffs). Wo Greyson das Methodenwerkzeug stellt, liefert van Lommel die große prospektive Datenmenge, mit der dieses Werkzeug seine erste Bewährungsprobe bestand.
Quellen:
• van Lommel P., van Wees R., Meyers V., Elfferich I., Near-death experience in survivors of cardiac arrest: a prospective study in the Netherlands, The Lancet, 15.12.2001, 358(9298):2039–2045.
• Pim van Lommel, Endloses Bewusstsein. Neue medizinische Fakten zur Nahtoderfahrung, Patmos / Düsseldorf 2009 (englische Ausgabe 2010: Consciousness Beyond Life, HarperOne).
• Wikipedia: Pim van Lommel(Link).
• Bruce Greyson (1983), The Near-Death Experience Scale, Journal of Nervous and Mental Disease – die Skala, mit der die Lancet-Studie kodiert wurde.
• Dick Swaab, Wir sind unser Gehirn (kritische Gegenposition, Droemer 2011).
Mehr zum Thema findest Du in unserer kuratierten Wissen-Sammlung – dort sind auch Interview-Videos mit Pim van Lommel verlinkt.
