Die Harvard-Ratten, die Melbourne-Kontrollgruppe und Rupert Sheldrakes morphische Resonanz

Veröffentlicht am 2026-05-26 · Lesezeit ca. 12 Minuten

1920 begann an der Harvard University eines der längsten Tierexperimente des 20. Jahrhunderts. Der Psychologe William McDougall ließ Ratten über 49 Generationen eine einfache Aufgabe lernen — und stellte fest, dass jede Generation schneller lernte als die vorherige. Zwei Jahrzehnte später wiederholte ein Team in Melbourne das Experiment über 50 Generationen — mit einer Kontrollgruppe, die nie trainiert wurde. Die Kontrollgruppe verbesserte sich genauso. Dieses Ergebnis steht seit 1954 in den Journalen. Es widerlegt die naheliegendste Erklärung, passt in kein bekanntes biologisches Modell und hat bis heute niemand konventionell erklärt. Der britische Biologe Rupert Sheldrake sieht darin den stärksten publizierten Hinweis auf das, was er morphische Resonanz nennt.

Das Experiment: Ratten im Wasserlabyrinth

William McDougall (1871–1938) war ein britisch-amerikanischer Psychologe, der ab 1920 an der Harvard University die Lamarck-Hypothese testen wollte — die Idee, dass erworbene Eigenschaften an die nächste Generation vererbt werden können.

Der Aufbau war einfach: Junge Ratten wurden in einen Wassertank gesetzt, aus dem es zwei Fluchtwege gab — einen beleuchteten und einen dunklen. Der beleuchtete Weg war mit einem Elektroschock versehen; der dunkle war sicher. Gemessen wurde die Anzahl der Fehler (Schock-Fluchten), bis eine Ratte zwölfmal hintereinander den richtigen, dunklen Ausgang wählte.

McDougall züchtete über 49 Generationen die Nachkommen getesteter Ratten weiter und maß die Fehlerrate in jeder Generation. Das Ergebnis war eindeutig: Nach 20 Generationen lernten seine Ratten mehr als zehnmal schneller als die erste Generation. McDougall publizierte drei Berichte (1927, 1930, 1933) in den British Journal of Psychology-Beiheften.

Um den naheliegenden Einwand zu entkräften, er züchte unbewusst die klügsten Tiere weiter, verwendete McDougall ein Gegenmaßnahme-Design: Er kreuzte in vielen Generationen gezielt die langsamsten Lerner — und die Verbesserung setzte sich trotzdem fort.

Edinburgh: ein erster Replikationsversuch

F.A.E. Crew vom Department of Animal Genetics der University of Edinburgh versuchte als Erster, McDougalls Experiment zu wiederholen. Seine Ergebnisse waren uneindeutig — die Ratten zeigten keine klare Verbesserung über die Generationen. Crew selbst räumte methodische Schwächen seines Aufbaus ein und erklärte die Frage für offen. Sein Bericht erschien 1936 im Journal of Genetics.

Melbourne: 20 Jahre, 50 Generationen — und die Überraschung

Die gründlichste Wiederholung kam aus Australien. W.E. Agar und seine Kollegen F.H. Drummond, O.W. Tiegs und M.M. Gunson an der University of Melbourne führten das Experiment über 20 Jahre und 50 Generationen durch. Vier Berichte erschienen im Journal of Experimental Biology zwischen 1935 und 1954 — einem der ältesten biologischen Fachjournale der Welt.

Agar bestätigte McDougalls zentralen Befund: Die trainierten Rattenlinien lernten über die Generationen hinweg tatsächlich schneller.

Aber Agar hatte — anders als McDougall — eine Kontrollgruppe eingerichtet: eine separate Rattenlinie, die über dieselben 50 Generationen gezüchtet wurde, aber nie trainiert wurde. Keine Ratte dieser Linie hatte je den Wassertank gesehen. Keine hatte je einen Elektroschock bekommen. Keine hatte je lernen müssen. Die Kontrollratten wurden in einem separaten Raum gehalten, ohne jeden Kontakt zu den Versuchstieren.

Als man die Kontrollratten dann erstmals testete, lernten sie genauso schnell wie die trainierte Linie — und die Verbesserung über die Generationen war dieselbe.

Dieses Ergebnis hat zwei unmittelbare Konsequenzen:

  • Es widerlegt die Lamarck-Hypothese. Wenn auch die untrainierten Nachkommen schneller lernen, kann die Verbesserung nicht an der Weitergabe erworbener Erfahrung über die Gene liegen — die Kontrollratten hatten keine trainierten Vorfahren.
  • Es stellt eine neue, unbeantwortete Frage: Warum werden Ratten in Melbourne besser in einer Aufgabe, die sie nie geübt haben, während auf der anderen Seite der Welt Ratten dieselbe Aufgabe trainieren?

Agar und seine Kollegen notierten in ihrem vierten und letzten Bericht (1954) das Ergebnis als rätselhaft. Eine konventionelle Erklärung boten sie nicht an. Der Befund verschwand in der Fachliteratur — zu unbequem für jede gängige Theorie, zu solide, um ihn zu ignorieren.

Rupert Sheldrake: morphische Resonanz

1981 veröffentlichte der britische Biologe Rupert Sheldrake (geb. 1942, Cambridge, PhD in Biochemie, Fellow der Royal Society of Biochemistry, neun Jahre Forschung an der Pflanzenmorphogenese) sein Buch A New Science of Life, in dem er die Hypothese der formativen Verursachung vorstellte — heute bekannter als morphische Resonanz.

Sheldrakes Kernidee: Organismen werden nicht nur durch ihre Gene und ihre unmittelbare Umwelt geformt, sondern auch durch ein kumulatives Gedächtnis ihrer gesamten Spezies. Jedes Mitglied einer Art greift auf ein kollektives Formgedächtnis zu und trägt gleichzeitig dazu bei. Je öfter ein bestimmtes Muster — ein Verhalten, eine Kristallstruktur, eine Lernaufgabe — von Mitgliedern einer Art ausgeführt wird, desto leichter wird es für alle anderen Mitglieder, dasselbe Muster zu realisieren. Unabhängig von räumlicher Distanz. Unabhängig von genetischer Verwandtschaft.

Für Sheldrake sind die McDougall-Agar-Experimente der stärkste publizierte Hinweis auf morphische Resonanz: Harvard-Ratten lernen eine Aufgabe über Generationen besser, und gleichzeitig werden Ratten in Melbourne — ohne Training und ohne genetische Verbindung — in derselben Aufgabe besser. Konventionell ist das nicht erklärbar.

Das Nature-Editorial: ein Buch zum Verbrennen

Nature, eines der angesehensten Wissenschaftsjournale der Welt, veröffentlichte 1981 eine der ungewöhnlichsten Rezensionen der Wissenschaftsgeschichte. Der damalige Chefredakteur John Maddox schrieb, A New Science of Life sei „the best candidate for burning there has been for many years" — ein Buch zum Verbrennen. Im selben Atemzug räumte Maddox ein, dass die Hypothese testbar sei, und forderte experimentelle Überprüfung statt Verurteilung.

Die Rezension ist bemerkenswert, weil sie den Mechanismus zeigt, den das 1906er Pattern beschreibt: Der Reflex, eine Hypothese zuerst emotional abzulehnen und dann — fast widerwillig — einzuräumen, dass sie wissenschaftlich überprüfbar ist. Maddox tat beides in einem einzigen Editorial.

Weitere Hinweise auf morphische Resonanz

Sheldrake hat seit den 1980er Jahren weitere Experimente durchgeführt oder angeregt:

  • Kristallisation neuer Verbindungen: Wenn eine neue chemische Verbindung zum ersten Mal kristallisiert wird, ist der Prozess schwierig. Bei späteren Kristallisationen — auch in anderen Laboren weltweit — gelingt er leichter. Die konventionelle Erklärung (Keimkristalle in der Laborluft) hält Sheldrake in vielen Fällen für unplausibel.
  • Verborgene Bilder: Ein schwer erkennbares Bild (z.B. ein Dalmatiner in einem Punkt-Muster) wurde 1983 über Thames Television Millionen von Zuschauern gezeigt. Nachfolgende Versuchspersonen, die die Sendung nicht gesehen hatten, erkannten das Bild signifikant schneller als eine Vergleichsgruppe vor der Sendung.
  • Japanische Schriftzeichen: Europäische Versuchspersonen lernen echte japanische Kanji (die Milliarden Menschen bekannt sind) schneller als speziell erfundene Pseudo-Kanji gleicher visueller Komplexität. Eine Studie hierzu erschien 2010 in Explore: The Journal of Science and Healing.

Jeder dieser Tests hat methodische Einwände auf sich gezogen. Keiner wurde bisher mit der Strenge repliziert, die für eine breite wissenschaftliche Akzeptanz nötig wäre. Aber keiner wurde auch widerlegt.

Der hundertste Affe — was stimmt und was nicht

Im Zusammenhang mit morphischer Resonanz wird häufig die Geschichte vom hundertsten Affen erzählt: Japanische Makaken auf der Insel Koshima hätten ab 1953 gelernt, Süßkartoffeln im Meer zu waschen. Sobald eine kritische Masse — der sprichwörtliche hundertste Affe — das Verhalten beherrschte, sei es plötzlich auf Affen anderer Inseln übergesprungen, ohne physischen Kontakt. Diese Geschichte wurde durch Lyall Watsons Buch Lifetide (1979) und Ken Keyes' The Hundredth Monkey (1982) weltbekannt und wird bis heute als Beleg für nicht-lokale Informationsübertragung zitiert.

Was gesichert ist: Die Forschung auf Koshima ist real und seriös. Der japanische Primatologe Masao Kawai dokumentierte ab 1953, wie eine junge Äffin namens Imo begann, Süßkartoffeln im Bach zu waschen — und später im Meer, was sie auch noch salzte. Das Verhalten breitete sich über Jahre im Trupp aus: zuerst auf Imos Spielgefährten, dann auf deren Mütter. Kawai publizierte dies 1965 in Primates. Es ist ein Meilenstein der Primatologie und ein gut dokumentierter Fall kultureller Transmission bei Tieren.

Was offen ist: Süßkartoffelwaschen wurde tatsächlich auch bei anderen Makaken-Populationen in Japan beobachtet. Aber diese anderen Truppen wurden nicht mit derselben wissenschaftlichen Strenge begleitet wie Koshima. Es ist deshalb unklar, ob das Verhalten dort unabhängig erfunden wurde (Forscher legten auch andernorts Süßkartoffeln an Strände, was die Entdeckung des Waschens nahelegt), ob einzelne Tiere zwischen Populationen gewandert sind, oder ob etwas anderes im Spiel war. Die Frage ist weder sauber belegt noch sauber widerlegt — sie ist schlicht nicht systematisch untersucht worden.

Was nachweislich falsch ist: Die populäre Erzählung vom plötzlichen Sprung ab einer kritischen Masse. Diesen dramatischen Kipppunkt — den hundertsten Affen, nach dem es schlagartig überall losgeht — gibt es in den Daten nicht. Lyall Watson hat ihn hinzuerfunden. Ron Amundson hat das 1985 im Skeptical Inquirer sauber nachgewiesen. Watson selbst hat in einem Brief an den Skeptical Inquirer eingeräumt, dass er die Geschichte ausgeschmückt hat.

Die eigentliche Lehre: Wer nach belastbarer Evidenz für nicht-lokale Lernausbreitung sucht, sollte nicht beim hundertsten Affen stehenbleiben, sondern hier weiterlesen. Die McDougall-Agar-Ratten-Studie — 20 Jahre, 50 Generationen, publiziert im Journal of Experimental Biology, mit einer nie trainierten Kontrollgruppe, die sich genauso verbesserte — ist methodisch um Größenordnungen stärker als die populäre Affen-Geschichte. Dort ist die Kontrollgruppe sauber isoliert, die Dokumentation lückenlos, und der Befund steht seit 1954 unerklärt in den Journalen.

Was die Mainstream-Wissenschaft sagt

Morphische Resonanz ist keine akzeptierte wissenschaftliche Theorie. Der Mainstream stuft sie als spekulativ ein. Die Haupteinwände:

  • Kein Mechanismus: Sheldrake postuliert ein Feld, gibt aber keine physikalische Theorie an, die erklärt, wie Information ohne bekannten Träger über Raum und Zeit übertragen wird.
  • Experimentelle Schwäche: Die positiven Ergebnisse stammen aus kleinen Studien mit begrenzter statistischer Power, oft ohne unabhängige Replikation.
  • Alternative Erklärungen: Für viele Einzelbefunde lassen sich konventionelle Erklärungen konstruieren — Keimkristalle, unbewusste Selektion, statistische Artefakte.

Diese Einwände sind ernst. Aber sie betreffen die Interpretation, nicht die Daten selbst. Die Agar-Melbourne-Daten stehen nach wie vor in den Journalen: 20 Jahre, 50 Generationen, peer-reviewed im Journal of Experimental Biology, mit einem Befund, den die Autoren selbst als rätselhaft bezeichneten und für den bis heute keine konventionelle Erklärung existiert.

Querverbindungen: PEAR und das Global Consciousness Project

Die Ratten-Experimente stehen nicht allein. Sie gehören in eine breitere Forschungstradition, die fragt, ob Bewusstsein und Information über Kanäle wirken, die die konventionelle Physik nicht kennt:

  • Das PEAR-Labor an der Princeton University dokumentierte über 28 Jahre, dass menschliche Absicht physikalische Zufallsgeneratoren in winzigem, aber statistisch signifikantem Maß beeinflusst (2,5 Millionen Einzelversuche, Z ≈ 7).
  • Das Global Consciousness Project skalierte diese Idee auf ein weltweites Netzwerk und fand korrelierte Abweichungen bei Großereignissen (500+ Ereignisse, p ≈ 10⁻¹²).

In allen drei Fällen — McDougalls Ratten, PEARs Zufallsgeneratoren, Nelsons globales Netzwerk — gibt es einen statistisch auffälligen Befund, der mit konventionellen Mitteln schwer zu erklären ist, und eine Interpretation, die testbar, aber nicht bewiesen ist. Das Muster ist dasselbe: Die Daten existieren; was sie bedeuten, ist offen.

Was das für die Bewusstseinsfrage bedeutet

McDougalls 49 Generationen an der Harvard University. Agars 50 Generationen in Melbourne. Die rätselhafte Verbesserung der untrainierten Kontrollgruppe. Das sind Daten aus peer-reviewed Journalen, nicht aus Esoterik-Ratgebern.

Diese Daten beweisen keine morphische Resonanz. Sie beweisen kein kollektives Artgedächtnis. Aber sie stellen eine Frage, die seit 1954 niemand beantwortet hat: Warum lernen Ratten in Melbourne schneller, wenn Ratten in Harvard dieselbe Aufgabe üben — ohne genetische Verbindung, ohne direkten Kontakt, ohne bekannten Übertragungskanal?

Wer die Frage für abwegig hält, muss die Daten erklären. Wer die Daten für Artefakte hält, muss die Methodik widerlegen — über 20 Jahre und 50 Generationen hinweg, in einem der ältesten biologischen Journals der Welt.

Quellen: William McDougall, „An experiment for the testing of the hypothesis of Lamarck", British Journal of Psychology 17, 1927, S. 267–304; 20, 1930, S. 201–218; 24, 1933, S. 213–235. F.A.E. Crew, „A repetition of McDougall's Lamarckian experiment", Journal of Genetics 33, 1936, S. 61–101. W.E. Agar, F.H. Drummond, O.W. Tiegs & M.M. Gunson, „First–Fourth Report on a Test of McDougall's Lamarckian Experiment on the Training of Rats", Journal of Experimental Biology 12, 1935, S. 191–211; 19, 1942, S. 158–167; 29, 1952, S. 32–38; 31, 1954, S. 307–321. Rupert Sheldrake, A New Science of Life, Blond & Briggs, London 1981 (dt. Das schöpferische Universum). Rupert Sheldrake, „Rat Learning and Morphic Resonance", Essay auf sheldrake.org. John Maddox, „A book for burning?", Nature 293, 1981, S. 245–246. Masao Kawai, „Newly-acquired pre-cultural behavior of the natural troop of Japanese monkeys on Koshima Islet", Primates 6, 1965, S. 1–30. Lyall Watson, Lifetide, Hodder & Stoughton, London 1979. Ron Amundson, „The Hundredth Monkey Phenomenon", Skeptical Inquirer 9/4, 1985, S. 348–356.