Janice Holden & veridische Wahrnehmung

Veröffentlicht am 2026-06-03 · Lesezeit ca. 10 Minuten

Ein einzelner spektakulärer Fall lässt sich immer wegerklären – als Zufall, als nachträgliche Ausschmückung, als Reststückchen Hörsinn unter Narkose. Schwerer wird es, wenn jemand alle dokumentierten Fälle nebeneinanderlegt und auszählt, wie oft die Schilderung tatsächlich mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Genau das hat Janice Miner Holden getan. Ihr Befund: Von 107 Fällen, in denen Menschen während einer Nahtoderfahrung Dinge beschrieben, die sie mit ihren körperlichen Sinnen nicht hätten wahrnehmen können, waren – nach dem strengsten denkbaren Maßstab – 92 % vollständig korrekt. Dieser Artikel stellt Holden und ihre Auszählung vor.

Wer ist Janice Holden?

Janice Miner Holden, EdD, ist emeritierte Professorin für Counselor Education an der University of North Texas (UNT). Sie promovierte 1988 und gehörte 31 Jahre der Counseling-Fakultät der UNT an, davon zwölf Jahre als Vorsitzende des Department of Counseling & Higher Education; 2019 wurde sie als Professorin emeritiert und im selben Jahr mit dem Eminent Faculty Award der UNT Foundation ausgezeichnet. Ihr Forschungsschwerpunkt sind seit Jahrzehnten Nahtoderfahrungen, Nachtod-Kommunikation und verwandte transpersonale Erfahrungen – mit über 50 begutachteten Fachpublikationen.

Holden ist keine Außenseiterin des Feldes, sondern eine seiner zentralen Hüterinnen: Seit 2008 ist sie Editor-in-Chief des Journal of Near-Death Studies, der führenden Fachzeitschrift der Disziplin – sie übernahm dieses Amt von Bruce Greyson. Außerdem amtierte sie als Präsidentin der International Association for Near-Death Studies (IANDS). 2009 war sie federführende Herausgeberin des akademischen Standardwerks The Handbook of Near-Death Experiences: Thirty Years of Investigation (Praeger), das sie gemeinsam mit Greyson und Debbie James verantwortete.

Die Frage hinter der Auszählung

Die spannendsten Berichte aus der Nahtodforschung sind die veridischen Wahrnehmungen: Fälle, in denen Betroffene aus einer scheinbar körperlosen Perspektive Ereignisse korrekt schildern, die sie unter ihren medizinischen Bedingungen nicht hätten wahrnehmen dürfen. Der „Zahnprothesen-Fall" aus van Lommels Lancet-Studie ist das berühmteste Beispiel, der Fall Pam Reynolds der bestdokumentierte.

Gegen Einzelfälle gibt es immer ein Gegenargument: Vielleicht hat der Patient die Szene erraten, vielleicht etwas im Halbschlaf gehört, vielleicht hat die Erinnerung sich nachträglich an die später erfahrenen Tatsachen angepasst. Jeder einzelne Fall trägt diese Unsicherheit in sich. Holden stellte deshalb eine andere, statistische Frage: Wenn man die gesamte publizierte Literatur durchgeht – wie hoch ist die Trefferquote über alle Fälle hinweg? Eine hohe Quote über viele unabhängige Berichte lässt sich nicht mehr mit „der eine hatte Glück beim Raten" erklären.

Die Auswertung von 2009

Im Kapitel „Veridical Perception in Near-Death Experiences" des Handbuchs trug Holden alle bis dahin in der Forschungsliteratur dokumentierten Fälle zusammen, die sie als apparently non-physical veridical perception (AVP) bezeichnete – „scheinbar nicht-physische, der Wirklichkeit entsprechende Wahrnehmung". Der Begriff ist bewusst vorsichtig: Er behauptet nicht, dass die Wahrnehmung beweisbar außerhalb des Körpers stattfand, sondern beschreibt nur den Befund – eine korrekte Wahrnehmung, die über die bekannten Sinneskanäle nicht erklärbar ist.

Insgesamt fanden sich 107 solcher Fälle. Holden ordnete sie nach der Art des Wahrgenommenen: Bei materiellen Phänomenen ging es um konkrete physische Vorgänge im Raum (Instrumente, Handlungen des OP-Teams, Gegenstände); bei transmateriellen Phänomenen um Wahrnehmungen jenseits des physischen Umfelds. Und sie legte einen bewusst harten Bewertungsmaßstab an.

Das Ergebnis

Holden wählte das strengste denkbare Kriterium: Ein Fall galt schon dann als „ungenau", wenn auch nur ein einziges Detail des Berichts nicht mit der überprüfbaren Wirklichkeit übereinstimmte. In ihren eigenen Worten:

„Nach dem strengsten Kriterium – ein Fall wird bereits dann als ungenau eingestuft, wenn auch nur ein einziges Detail der Schilderung nicht der Konsensrealität entspricht – fand ich, dass nur 8 Prozent aller Fälle eine Ungenauigkeit enthielten."
— Janice Miner Holden, „Veridical Perception in Near-Death Experiences" (2009), übersetzt

Mit anderen Worten: 92 % der 107 Fälle waren vollständig korrekt – ohne einen einzigen falschen Detailpunkt. Aufgeschlüsselt enthielten 8 % der Fälle mit materiellen Phänomenen und 11 % der Fälle mit transmateriellen Phänomenen irgendeine Ungenauigkeit. Bemerkenswert ist nicht nur die hohe Quote, sondern die Härte des Maßstabs: Schon eine kleine Abweichung – eine falsch erinnerte Farbe, eine ungenaue Reihenfolge – ließ den ganzen Fall durchfallen. Selbst unter dieser strengen Regel blieben mehr als neun von zehn Schilderungen fehlerfrei.

Warum eine Auszählung schwerer wiegt als ein Einzelfall

Hier liegt die eigentliche Bedeutung von Holdens Arbeit. Einzelfälle – so eindrucksvoll sie sind – stehen je für sich und lassen sich je für sich anzweifeln. Eine Häufigkeitsverteilung über mehr als hundert unabhängig erhobene Fälle ist eine andere Art von Aussage. Die gängigen reduktiven Erklärungen müssten dann nämlich nicht einen Glückstreffer erklären, sondern eine systematisch hohe Trefferquote:

  • Raten. Wer rät, liegt manchmal richtig – aber nicht in 92 % der Fälle bei voller Detailtreue. Zufälliges Raten würde eine breite Streuung mit vielen Fehlern erzeugen, nicht eine derart niedrige Fehlerquote.
  • Reststückchen Hörsinn unter Narkose. Das könnte einzelne akustische Details erklären – aber nicht die korrekte visuelle Schilderung von Handlungen, Geräten und Positionen aus einer erhöhten Perspektive.
  • Nachträgliche Anpassung der Erinnerung. Plausibel im Einzelfall – aber viele der ausgewerteten Fälle wurden gegenüber dem behandelnden Personal erhoben und anhand der Krankenakte oder von Zeugen geprüft.

Das ist genau der Punkt, an dem die meisten Darstellungen unvollständig bleiben: Sie nennen einzelne prospektive Studien, aber nicht die aggregierte Befundlage zur Genauigkeit veridischer Wahrnehmungen. Holdens Zahl ist die methodisch sauberste Antwort auf die Frage „kommt das wirklich vor, oder ist das immer nur die eine gute Geschichte?"

Was die Zahl nicht behauptet

Holden ist Wissenschaftlerin, und ihr Begriff apparently ist mit Bedacht gewählt. Die 92 % beweisen nicht, dass Bewusstsein den Körper verlässt. Sie zeigen etwas Bescheideneres und zugleich Hartnäckigeres: dass es eine große, gut dokumentierte Klasse von Wahrnehmungen gibt, die nach dem heutigen Stand der Sinnesphysiologie nicht zustande kommen dürften – und die sich der reduktiven Erklärung beharrlich entziehen. Wo diese Information gespeichert und verarbeitet wird, während Herz und messbare Hirnaktivität stillstehen, bleibt die offene Frage. Genau deshalb verweist sie zurück auf die größere Debatte um das Verhältnis von Bewusstsein und Gehirn.

Einordnung

Dieser Artikel ergänzt die Heaven-Connect-Reihe zur wissenschaftlichen Einordnung von Nahtoderfahrungen. Wo Pim van Lommel die prospektive Herzstillstand-Studie und Bruce Greyson das Messinstrument liefern, und wo der Fall Pam Reynolds den bestdokumentierten Einzelfall darstellt, liefert Janice Holden die Gesamtbilanz: die systematische Auszählung, die aus vielen Einzelgeschichten eine überprüfbare Befundlage macht. Vertiefend dazu die Datenbankforschung von Jeffrey Long: Seine Near-Death Experience Research Foundation (NDERF) hat über 5.000 standardisiert erhobene Berichte zusammengetragen – die weltweit größte Sammlung dieser Art. Wo Holden die veridischen Wahrnehmungen der Fachliteratur auszählt, liefert Long die breiteste Erfahrungsbasis. Ergänzend dazu die Psychologie der skeptischen Abwehr.

Quellen:
• Janice Miner Holden (2009), Veridical Perception in Near-Death Experiences, in: J. M. Holden, B. Greyson & D. James (Hrsg.), The Handbook of Near-Death Experiences: Thirty Years of Investigation, Praeger / ABC-CLIO, S. 185–211.
• International Association for Near-Death Studies (IANDS) (Forschungsseite).
• Janice Holden, EdD – offizielle Website janholden.com/about.
• University of North Texas, Department of Counseling & Higher Education (Fakultät).

Mehr zum Thema findest Du in unserer kuratierten Wissen-Sammlung – dort ist auch das von Holden mitherausgegebene Handbuch der Nahtodforschung als Standardwerk verzeichnet.