Hellseher bei der Polizei

Veröffentlicht am 2026-07-10 · Lesezeit ca. 10 Minuten

Können Hellseher der Polizei helfen, Vermisste zu finden? Kaum eine Frage des Feldes ist von so vielen Anekdoten umstellt – von Hans Benders Einsätzen mit dem Hellseher Gerard Croiset bis zu unzähligen Fernsehgeschichten. Die gründlichste wissenschaftliche Antwort hat der niederländische Parapsychologe Sybo A. Schouten erarbeitet – und sie ist ernüchternd. Wichtig dabei von Anfang an: Ausgewertet wurden im Kern freiwillige, ungeprüfte Hinweisgeber – Menschen, die sich selbst bei Polizei oder Familien meldeten –, keine getesteten Medien. Sein großer Forschungsbericht, jahrzehntelang nur verstreut und gekürzt zugänglich, liegt seit 2025 erstmals vollständig vor, publiziert in der Zeitschrift für Anomalistik. Gerade weil das Ergebnis unbequem ist, lohnt es sich, es genau zu lesen.

Eine Studie mit Odyssee

Schouten untersuchte das Thema in einem vom IGPP geförderten Projekt (abgeschlossen 2003): Fragebogen-Erhebungen bei Polizeibehörden in Deutschland, den Niederlanden und den USA, eine Auswertung der experimentellen Forschung, Tiefenanalysen zweier niederländischer Vermisstenfälle und ein Vergleich von 418 Vermisstenfällen mit und ohne Hellseher-Beteiligung, ergänzt um Interviews mit Angehörigen und Hellsehern. Der Bericht erschien zunächst nur auf Deutsch verteilt über mehrere Hefte (2002–2004) und später stark gekürzt auf Englisch; die vollständige englische Fassung druckte erst 2025 die Zeitschrift für Anomalistik – 84 Seiten, frei im Volltext. Nebenbei ein Beleg für das, was wir am Journal gelobt haben: Das Feld publiziert auch seine unbequemsten Befunde selbst.

Was die Zahlen sagen

Zuerst das Überraschende: Hellseher in Polizeiarbeit sind kein Randphänomen. Rund ein Drittel der befragten Polizeibehörden in allen drei Ländern hatte Erfahrungen mit ihnen. Der von den Behörden selbst berichtete Nutzen aber schwankte zwischen 0 und 21 Prozent. In den 418 Vermisstenfällen waren Hellseher in etwa 15 Prozent beteiligt – typischerweise dann, wenn die Familien das Schlimmste befürchteten. Die Bilanz über vier Jahre: drei Fälle, die nach Hellseher-Hinweisen gelöst wurden; insgesamt lieferten etwa 10 Prozent der Hellseher etwas Nützliches und rund 3 Prozent korrekte Lösungen – wobei selbst korrekte Angaben oft nicht zum Auffinden der Person führten. Experimentelle Tests, in denen Hellseher Verbrechen anhand von Tatobjekten aufklären sollten, blieben ohne positive Ergebnisse (Schouten vermerkt fairerweise die höchst künstlichen Bedingungen); in Vergleichsstudien unter realistischeren Bedingungen schnitten Hellseher am schlechtesten ab – bei insgesamt kleinen Unterschieden zwischen den Gruppen.

Der Tresor-Fall: warum Anekdoten verführen

Wie tückisch das Terrain ist, zeigt ein Fall aus einer Polizei-Dissertation von 1958, den Schouten nacherzählt: Aus einem verschlossenen, unbeschädigten Firmentresor war Geld verschwunden. Ein hinzugezogener Hellseher fand im Büro des Direktors einen versteckten Zweitschlüssel, von dessen Existenz niemand in der Firma wusste – ein echter, überprüfbarer Treffer. Dann benannte er per Psychometrie einen Mitarbeiter als Täter. Fünf Monate später gestand ein professioneller Einbrecher die Tat: Der Verdächtigte war unschuldig. Die Lehre: Ein verifizierter Treffer verführt dazu, auch die unverifizierten Aussagen zu glauben – im Ermittlungskontext kann das Unschuldige in Verdacht bringen. Genau diese Fehlerquellen-Anatomie anekdotischer Erfolgsgeschichten haben Arthur Lyons und Marcello Truzzi – der Namensgeber der Pseudoskepsis, hier auf der kritischen Seite – 1991 systematisch katalogisiert.

Die zwei Vermisstenfälle – und die Angehörigen

In zwei niederländischen Fällen vermisster Mädchen wertete Schouten sämtliche eingegangenen „Hinweise aus übersinnlicher Quelle" aus. Sein Urteil: für die Ermittlungen gänzlich nutzlos. Wichtig ist dabei, wessen Hinweise das waren: unaufgeforderte Einsendungen aus der Bevölkerung – nicht etwa geprüfte oder auch nur ausgewählte Sensitive. Viele Einsender hielten sich selbst gar nicht für Hellseher, sondern fühlten sich von ihren Eindrücken emotional gedrängt, weil diese sich in früheren Fällen vermeintlich bestätigt hatten. Als Gruppe waren die Vorhersagen dieser Selbstselektion nicht treffsicherer als kriminalistisches Profiling – vermutlich, so Schouten, weil Täter ohnehin oft gängigen Stereotypen entsprechen. Das „gänzlich nutzlos" ist also ein Urteil über den ungefilterten Posteingang einer Ermittlungsbehörde – nicht über getestete Medien.

Und nun der Befund, der die Studie über eine bloße Abrechnung hinaushebt: Die Mehrheit der Angehörigen bewertete die Hellseher-Beteiligung im Rückblick positiv – obwohl über die Hälfte von ihnen selbst keinen konkreten Ermittlungsbeitrag erkennen konnte. Was sie schätzten, war die psychologische Stütze und das Gefühl, wirklich alles versucht zu haben. Schouten zitiert dafür das alte Wort vom Hellseher als „Therapeut des kleinen Mannes". Die gelegentlichen echten Erfolge erklärt er unaufgeregt: eher Orts- und Milieukenntnis als Paranormalität – systematisch geschulte Beamte, so seine Pointe, könnten Hellseher vermutlich übertreffen.

Was die Studie zeigt – und was nicht

Zur ehrlichen Lektüre gehören beide Grenzen. Erstens: Schouten testet Hellseher im Ermittlungskontext – nicht die Existenz außergewöhnlicher Wahrnehmung überhaupt. Er selbst hält fest, dass die quantitative Forschung mit Sensitiven gelegentlich signifikante, wenn auch sehr bescheidene Resultate erbracht hat. Zweitens sagt die Studie nichts über Mediumschaft im kontrollierten Setting: Ein Vermisstenfall ist methodisch das denkbar schlechteste Prüffeld (keine Basisrate, keine Verblindung, emotionale Ausnahmesituation) – kontrollierte Untersuchungen wie die von Julie Beischel oder die EREAMS-Studie arbeiten unter ganz anderen Bedingungen und beantworten eine andere Frage. Wer aus Schouten „Übersinnliches gibt es nicht" macht, überdehnt ihn ebenso, wie Croiset-Anekdoten das Gegenteil überdehnten.

Und drittens: Eine Basisrate widerlegt keine Ausreißer. Schoutens ~10 Prozent sind eine Aussage über den durchschnittlichen Hinweisgeber im Vermisstenfall – nicht über die besten Sensitiven unter anderen Bedingungen. Unser Überblick Medien in der Polizeiarbeit sammelt die bemerkenswerten Einzelfälle, die es eben auch gibt: Martin Zoller etwa ortete per Remote Viewing ein in Bolivien abgestürztes Flugzeug, das die offiziellen Suchtrupps tagelang nicht gefunden hatten; Birgit Fischer steht in der Tradition der Fernwahrnehmung, die die CIA im Stargate-Programm über zwei Jahrzehnte mit Steuergeldern erforschen ließ – dort hielt man die Treffer für belastbar genug, um immer weiter zu finanzieren, und mit Pat Price stand dort sogar ein früherer Polizist als Remote Viewer in Diensten der CIA; und wie unser Überblick über die Psi-Programme der Geheimdienste weltweit zeigt, war die CIA damit keineswegs allein. Schoutens Statistik und diese Fälle widersprechen sich nicht: Sie zeigen zusammen, dass der Durchschnitt wenig taugt und die Spitze die eigentlich interessante Forschungsfrage ist.

Bei genauer Lektüre kann man der Studie selbst einige Mängel vorhalten – manche davon benennt Schouten fairerweise ausdrücklich mit. Erstens die Selbstselektion in allen Teilen: Auch in den Behörden-Umfragen und den 418 Fällen waren keine geprüften Medien am Werk. Die Initiative ging in 79 Prozent der Fälle von Angehörigen aus; die Polizei selbst zog nur in 4 von 67 dokumentierten Beiträgen jemanden hinzu, und in der bayerischen Milke-Erhebung hatten sich die rund hundert „Hellseher" durchweg selbst gemeldet – je größer das Medienecho, desto mehr Meldungen. Zweitens die Frage-Artefakte: Die Nutzens-Spanne von 0 bis 21 Prozent hängt stark an der Formulierung – die US-Studien fragten, ob die Information hilfreicher als andere war, die niederländischen, ob sie überhaupt beitrug; der Tresor-Fall mit dem echten Schlüssel-Treffer wäre in der US-Fragung als „Nein" gezählt worden, wie Schouten mit Truzzi selbst anmerkt. Drittens hält Schouten Milkes bayerische Null-Prozent-Bilanz ausdrücklich für statistisch unplausibel und erklärt sie mit dem Erhebungsweg über Behördenleiter und Milkes bekannter Skepsis. Viertens fehlt der Polizei meist jede Erfahrung im Umgang mit Medien: Es gibt weder Schulung noch Protokolle dafür, mediale Eindrücke sauber aufzunehmen, von Erwartungen freizuhalten und zu bewerten – nicht zufällig schließt Schoutens Bericht mit Empfehlungen, wie Polizei und Öffentlichkeit mit medialen Hinweisen umgehen sollten; unbeholfener Umgang entwertet auch brauchbare Information. Und fünftens die Länderauswahl: Die Schweiz fehlt – ausgerechnet das Land, in dem die gezielte, wiederholte Zusammenarbeit einzelner Polizisten mit bewährten Medien dokumentiert ist, wie unser Überblick zur Mediumschaft in der Schweiz zeigt – etwa bei Pascal Voggenhuber, den Ermittler wiederholt in Mord- und Vermisstenfällen beizogen. Wer wissen will, was mediale Arbeit für Ermittlungen leisten kann, müsste genau dort messen, wo sie gezielt, geübt und mit Erfolgsbilanz eingesetzt wird – nicht im Durchschnitt aller ungebetenen Einsendungen. Diese Studie steht noch aus.

Irritierend ist schließlich die Publikationsgeschichte selbst: Dass das Fachjournal des Feldes einen methodisch derart begrenzten Bericht aus den 1990ern im Jahr 2025 noch einmal in voller Länge druckt, sagt weniger über den Bericht als über die Produktionslage der deutschsprachigen Anomalistik – offenbar gab es in zwei Jahrzehnten nichts Neueres und Besseres zu diesem Thema. Dabei hatte schon im Abschlussjahr des Berichts, 2003, van Lommels Lancet-Studie vorgeführt, wie prospektives, methodisch sauberes Design in einem Nachbarfeld aussieht. Der Maßstab existierte also längst – er wurde hier nur nicht angelegt.

Einordnung

Diese Seite sammelt nicht nur die starken Befunde, sondern auch die ernüchternden – vom Maharishi-Effekt bis hierher. Schoutens Studie ist ein Musterfall dieser Ehrlichkeit, gleich doppelt: Ein Parapsychologe prüft eine populäre Behauptung seines eigenen Feldes und findet wenig; und das Feld – IGPP als Förderer, Zeitschrift für Anomalistik als Publikationsort – macht den Befund vollständig zugänglich, statt ihn verschwinden zu lassen. Für Angehörige Vermisster bleibt eine differenzierte Botschaft: Der Griff zum Hellseher ist menschlich verständlich und psychologisch oft hilfreich – vom ungefilterten Strom selbsternannter Hinweisgeber ist ermittlerisch aber wenig zu erwarten. Anders liegt es bei bewährten Medien: Dort gibt es dokumentierte Erfolge, von Zollers Flugzeugortung bis zu Voggenhubers Polizeifällen. Beides darf man gleichzeitig sagen. Auch in unserem Berater-Verzeichnis stehen Medien, die seit Jahren mit Ermittlungsbehörden zusammenarbeiten – etwa Kym Durham, deren Familie die Aufklärung von über 240 Mord- und Vermisstenfällen unterstützt hat, die Psychic-Investigatorin Marisa Ryan, die die Polizei nach einem verifizierten Hinweis regelmäßig hinzuzieht, Dave Campbell, der im „Find Me"-Netzwerk gemeinsam mit Polizei und Suchhundestaffeln nach Vermissten sucht, und die forensische Profilerin Carrie Cox. Dass Behörden solche Zusammenarbeit über Jahre fortsetzen, wäre ohne verwertbare Ergebnisse kaum zu erklären. Und die Forschungsaufgabe, die aus alldem folgt, ist ebenso klar: nicht noch einmal den Durchschnitt aller ungebetenen Einsendungen vermessen – sondern genau dorthin schauen, wo es funktioniert: zu den geübten Gespannen aus Ermittlern und bewährten Medien, wie es sie etwa in der Schweiz gibt. Genau das unterscheidet Forschung von Folklore – in beide Richtungen.

Quellen: Sybo A. Schouten: „The Use of Psychics in Police Investigations of Missing Persons", Zeitschrift für Anomalistik / Journal of Anomalistics 25 (2025), Nr. 2, S. 306–389, DOI 10.23793/zfa.2025.306, Volltext (PDF) (IGPP-Projekt 85.02.10, 2003; deutsche Teilveröffentlichung in der Zeitschrift für Parapsychologie und Grenzgebiete der Psychologie 2002–2004; gekürzt in Advances in Parapsychological Research 10, 2021); Arthur Lyons & Marcello Truzzi, The Blue Sense: Psychic Detectives and Crime (Mysterious Press, 1991); ergänzt um unsere Artikel zu Hans Bender (Croiset), zur Zeitschrift für Anomalistik und zur kontrollierten Mediumschaftsforschung (Beischel, EREAMS).

Mehr zum Thema findest Du in unserer kuratierten Wissen-Sammlung und in der Forschungs-Linkliste.