Wer die Beweisführung für mediale Treffer auf die Spitze treiben will, muss möglichst viele Wege ausschließen, auf denen Informationen ungewollt vom Empfänger zum Medium fließen könnten – vom Blickkontakt über Stimmnuancen bis hin zu unbewussten Hinweisen des Versuchsleiters. Genau hier setzt seit 2007 die Forschung von Dr. Julie Beischel und dem Windbridge Institute in Tucson, Arizona, an. Beischels Studien arbeiten mit dem höchsten Verblindungsgrad, den die experimentelle Mediumsforschung bisher kennt: einem fünffach-blinden Protokoll am Telefon. Die Stichproben sind kleiner als bei Roy & Robertson in Glasgow oder Long in Kentucky – die methodische Strenge ist dafür kompromisslos.
Wer ist Julie Beischel?
Julie Beischel promovierte 2003 in Pharmakologie und Toxikologie an der University of Arizona – also im pharmazeutisch-naturwissenschaftlichen Mainstream. Ein persönlicher Verlust führte sie nach der Promotion zur Frage, ob das Bewusstsein den Tod überdauern könne. Sie wechselte als William James Post-Doctoral Fellow in das VERITAS Research Program des Bewusstseinsforschers Gary Schwartz (ebenfalls Univ. of Arizona) und spezialisierte sich auf die experimentelle Untersuchung von Medien.
2008 gründete sie zusammen mit ihrem Mann Mark Boccuzzi das Windbridge Institute, finanziert unter anderem durch ein Stipendium der portugiesischen Bial Foundation. 2017 wurde mit dem Windbridge Research Center ein gemeinnütziges Forschungszentrum etabliert, das die Mediumsforschung und ihre praktischen Anwendungen (insbesondere für Trauerbegleitung) bündelt.
Anstelle von „Jenseits": Anomalous Information Reception
Beischel verwendet bewusst einen neutralen Begriff: Anomalous Information Reception (AIR) – „anomales Empfangen von Informationen". Damit umgeht sie die metaphysische Streitfrage, woher die Informationen kommen (von Verstorbenen? telepathisch von Lebenden? aus einem nicht-lokalen Informationsfeld?) und konzentriert sich auf das Beweisbare:
Liefert ein Medium spezifische und korrekte Informationen über eine verstorbene Person, ohne über normale sensorische Wege Zugang zu diesen Informationen gehabt zu haben?
Diese Reduktion ist nicht nur akademische Eleganz – sie macht die Forschung anschlussfähig an Disziplinen, die mit dem Begriff „Geistige Welt" zunächst nichts anfangen können. Was übrig bleibt, ist eine klar formulierte, empirisch testbare Frage.
Das Quintuple-Blind-Protokoll: fünf Verblindungsebenen
Das Verfahren findet ausschließlich am Telefon statt – damit fallen sämtliche visuellen Hinweise (Mimik, Gestik, Kleidung, Alter, Habitus) weg. Innerhalb des Protokolls gibt es fünf voneinander unabhängige Verblindungsebenen:
- Das Medium kennt vor, während und nach dem Reading nur den Vornamen der verstorbenen Person – sonst nichts. Es weiß nichts über den lebenden Sitter, dem das Reading gilt.
- Der Sitter (lebender Empfänger) bekommt nach der Sitzung zwei Reading-Transkripte zur Bewertung – das eigene und ein Decoy-Reading für eine andere Person. Er weiß nicht, welches für ihn bestimmt war.
- Versuchsleiter 1 kennt die Zuordnung Medium–Sitter–Reading nicht.
- Versuchsleiter 2 koordiniert die Telefonate, kennt aber von den Verstorbenen nichts außer dem Vornamen.
- Versuchsleiter 3 wertet die Bewertungen aus und ist blind für alle Verknüpfungen Medium–Sitter–Reading.
Damit sind die klassischen Skeptiker-Erklärungen – Cold Reading, Versuchsleiter-Effekt, Bewertungs-Bias und gezielter Betrug – simultan ausgeschlossen. Kein bisheriges Versuchsdesign in der Mediumsforschung geht weiter.
Windbridge Certified Research Mediums (WCRM)
Beischel arbeitet nicht mit Medien, die sich einfach selbst dafür halten. Wer zur Forschung zugelassen wird, durchläuft ein achtstufiges Zertifizierungsverfahren mit Screening, psychometrischen Tests und Trainingseinheiten. Es gibt rund 20 zertifizierte Forschungsmedien weltweit, die freiwillig mehrere Stunden pro Monat für Studien zur Verfügung stehen. Diese strikte Vorauswahl ist exklusiv – sie ist aber auch der Grund, warum die Stichproben kleiner ausfallen als in den Glasgow- oder NDERF-Studien.
Die Ergebnisse
In der zweiten großen Studie (publiziert 2015 im peer-reviewed Journal EXPLORE) führten 20 WCRMs insgesamt 86 Readings durch. Die statistischen Auswertungen ergaben über sämtliche Auswertungs-Dimensionen hinweg signifikante Effekte mit p-Werten zwischen 0,05 und 0,0001 – also bis hin zu einer Zufallswahrscheinlichkeit von rund 1 zu 10.000. Damit replizierten und erweiterten Beischel und ihr Team die ursprünglich 2007 publizierten Triple-Blind-Befunde.
Veröffentlichungen (Auswahl)
- 2007: Anomalous Information Reception by Research Mediums Demonstrated Using a Novel Triple-Blind Protocol. Explore 3/1.
- 2007: Contemporary methods used in laboratory-based mediumship research. Journal of Parapsychology 71, 37–68.
- 2015: Anomalous Information Reception by Research Mediums Under Blinded Conditions II: Replication and Extension. EXPLORE 11/2 (Beischel, Boccuzzi, Biuso & Rock).
- 2017: Quantitative & Qualitative Mediumistic Analysis. Threshold 1/2.
- 2019: After-Death Communication Impact on Grief. Threshold 3/1.
Einordnung: Komplement zu Roy/Robertson und Long
Die Beischel-Studien ergänzen die bisherige Mediumsforschung auf eine sehr nützliche Weise. Wo die Glasgow-Studie von Roy & Robertson mit größeren Probandenzahlen und mittlerem Verblindungsgrad arbeitete und Jeffrey Longs NDERF-Datenbank auf maximale Stichprobengröße setzt, dreht Windbridge die Schraube radikal in die andere Richtung: weniger Probanden, dafür kompromisslose methodische Strenge.
Beide Stränge zusammen ergeben ein konsistentes Bild: Wenn die typischen Skeptiker-Erklärungen (Forer-Effekt, Cold Reading, Versuchsleiter-Bias, Betrug) gleichzeitig systematisch ausgeschlossen werden, bleibt ein statistisches Signal übrig, das nicht verschwindet.
Beischel selbst formuliert dabei betont vorsichtig: Sie spricht von „anomaler Informationsübertragung" – nicht vom Beweis eines Jenseits. Genau diese Zurückhaltung ist ihre wissenschaftliche Stärke. Was die Daten zwingend zeigen, ist, dass etwas Erklärungsbedürftiges stattfindet. Wie es interpretiert wird, bleibt offen – das ist nicht weniger, sondern in der Wissenschaft das ehrlichste Ergebnis.
Quellen:
• J. Beischel, Anomalous Information Reception by Research Mediums Demonstrated Using a Novel Triple-Blind Protocol, Explore 3/1 (2007).
• J. Beischel, Contemporary methods used in laboratory-based mediumship research, Journal of Parapsychology 71 (2007), S. 37–68.
• J. Beischel, M. Boccuzzi, M. Biuso & A. J. Rock, Anomalous Information Reception by Research Mediums Under Blinded Conditions II: Replication and Extension, EXPLORE 11/2 (2015).
• Psi Encyclopedia (SPR): Julie Beischel.
• Windbridge Research Center.
Mehr zu wissenschaftlicher Mediumschaftsforschung findest Du in unseren Beiträgen zu Gary Schwartz und dem VERITAS-Programm in Arizona, zur Glasgow-Studie von Roy & Robertson, zur EREAMS-Studie von Oliver Lazar, zu Jeffrey Longs NDERF-Forschung und zur Meta-Analyse von Patrizio Tressoldi, die das gesamte Feld statistisch zusammenfasst.
