Kaum eine Institution taucht in unseren Artikeln so oft auf wie diese: Das Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene (IGPP) in Freiburg ist der Ort, an dem im deutschen Sprachraum seit 75 Jahren ununterbrochen erforscht wird, was anderswo nicht einmal angefasst werden darf – Spuk, außergewöhnliche Erfahrungen, die Grenzfragen des Bewusstseins. Hans Bender, der Gründer, hat sein eigenes Porträt bei uns; hier geht es um das Institut selbst – seine bemerkenswerte Finanzierung, seine Schatzkammern und seine heutige Forschung.
1950: eine Gründung mit programmatischem Namen
Als Bender das Institut 1950 in Freiburg gründete, steckte das Programm schon im Namen: Grenzgebiete der Psychologie statt des spiritistisch belasteten Wortes „Parapsychologie", und Psychohygiene, weil es von Anfang an auch um die Menschen ging – um die seelische Bewältigung außergewöhnlicher Erfahrungen, nicht nur um deren Erforschung. Getragen wird das Institut bis heute als gemeinnütziger eingetragener Verein. Die Doppelaufgabe aus Forschung und Beratung hat es nie aufgegeben – dasselbe Muster, das wir bei der IANDS und dem Netzwerk Nahtoderfahrung beschrieben haben.
Die Frau, die es möglich machte: Fanny Moser
Dass es das IGPP überhaupt gibt, verdankt es einer Frau, die eine eigene Erzählung wert ist: Fanny Moser (1872–1953), Schweizer Zoologin mit Doktortitel – und zugleich eine der gründlichsten Spukforscherinnen ihrer Zeit. Moser war ursprünglich überzeugte Skeptikerin und schrieb ihr zweibändiges Werk „Der Okkultismus – Täuschungen und Tatsachen" (1935) mit dem erklärten Ziel, den Schwindel zu sortieren; ihr späteres Standardwerk „Spuk" (1950) nahm die verbliebenen harten Fälle ernst. In der Aufbauphase unterstützte sie Benders junges Institut entscheidend mit einer Stiftung – und vermachte ihm ihren wissenschaftlichen Nachlass samt einer rund 2.000 Bände umfassenden Bibliothek. Weitere private Stiftungsmittel, darunter Zuwendungen der Münchner Holler-Stiftung, ermöglichten später den großen Ausbau.
Dieses Detail ist mehr als eine Fußnote: Das IGPP ist im Kern privat stiftungsfinanziert – und damit unabhängig von den Konjunkturen staatlicher Wissenschaftsförderung. Wie viel das wert ist, zeigt der Kontrast in derselben Stadt: Die von Walter von Lucadou 1989 gegründete Parapsychologische Beratungsstelle – eine eigenständige, oft mit dem IGPP verwechselte Einrichtung – hängt an einer Landesförderung, um deren Fortbestand vor Gericht gestritten werden musste. Zwei Freiburger Adressen, zwei Finanzierungsmodelle, zwei Grade von Freiheit.
Der Ausbau: vom Büro zur größten Einrichtung des Feldes
Mitte der 1990er Jahre erlaubte die Finanzlage einen Sprung, den keine vergleichbare Einrichtung der Welt gemacht hat: 1996 bezog das IGPP das universitätsnahe Haus in der Wilhelmstraße 3a und wuchs auf etwa 20 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler – Psychologen, Naturwissenschaftler, Sozial- und Kulturwissenschaftler. Damit ist das IGPP heute eine der größten Forschungseinrichtungen für Parapsychologie und Anomalistik weltweit – größer als die meisten angelsächsischen Zentren, deren Namen international viel bekannter sind, etwa das Rhine Research Center in Durham oder das Pariser Institut Métapsychique International (siehe unser Richet-Porträt).
Was dort heute geforscht wird
Das Institut gliedert seine Arbeit in fünf Themenfelder: Geist und Materie (das Verhältnis von Bewusstsein und Physik), Parapsychologie und paranormale Phänomene (von Telepathie bis Spuk), außergewöhnliche Erfahrungen und veränderte Bewusstseinszustände, Spiritualität und Gesundheit sowie Gesellschaft, Wissen, Diskurse – die sozialwissenschaftliche Frage, wie unsere Kultur mit dem Unerklärten umgeht. Dazu kommen regelmäßige wissenschaftliche Kolloquien und die Mitherausgabe von Fachzeitschriften wie der Zeitschrift für Anomalistik.
Das für unsere Leser greifbarste Beispiel aktueller IGPP-Forschung: das Projekt zur terminalen Geistesklarheit unter Michael Nahm – jenes Phänomen, das über das Mashour-Positionspapier 2019 bis in die Mainstream-Demenzforschung vorgedrungen ist. Ein deutsches Grenzgebiete-Institut lieferte damit den Anstoß für ein Forschungsprogramm des US-amerikanischen National Institute on Aging.
Die Schatzkammern: Bibliothek und Archiv
Zwei Bestände machen das IGPP für die Wissenschaftsgeschichte unersetzlich. Die Bibliothek gilt als die bedeutendste Sammlung parapsychologischer und esoterischer Literatur des deutschen Sprachraums und wird in Kooperation mit der Universitätsbibliothek Freiburg erschlossen – ein Sondersammelgebiet, das es so nirgendwo sonst gibt. Das Archiv verwahrt neben Benders Briefwechseln (unter anderem mit C. G. Jung) und dem Spontanphänomenen-Archiv auch die Nachlässe von Fanny Moser und von Albert von Schrenck-Notzing – des Münchner Arztes, dessen Materialisations-Untersuchungen wir in einem eigenen Artikel vorgestellt haben. Wer die deutsche Geschichte dieser Forschung studieren will, kommt an der Wilhelmstraße nicht vorbei.
Die Beratung: Benders Vermächtnis
Bis heute bietet das IGPP eine kostenfreie Beratung für Menschen, die mit außergewöhnlichen Erfahrungen nicht zurechtkommen – telefonisch und persönlich, durch ein eigenes Team. Das ist die „Psychohygiene" aus dem Institutsnamen und Benders eigentliches Vermächtnis: Wer eine Sterbebettvision, einen Spuk oder eine außerkörperliche Erfahrung erlebt hat, braucht zuerst kein Weltbild und keine Debatte, sondern ein fachkundiges, unaufgeregtes Gegenüber. Diese Haltung – Phänomene ernst nehmen, Menschen zuerst – ist seit 1950 unverändert.
Wer das Institut führt
Ein Blick in die Organisationsstruktur lohnt sich. Formal gilt die übliche Vereinsordnung: Die Mitgliederversammlung wählt den Vorstand und kontrolliert ihn, der Vorstand bestellt die Institutsleitung. Besetzt sind die Gremien so: Direktor ist der Wahrnehmungsforscher Jürgen Kornmeier (zugleich an der Universität Freiburg tätig), sein Stellvertreter Eberhard Bauer – die Kontinuitätsfigur des Hauses, seit den 1970er Jahren am Institut und Verwalter des Bender-Erbes. Der dreiköpfige Vorstand besteht aus Kornmeier (Vorsitz), Bauer und dem Gießener Psychologie-Professor Rudolf Stark – die Verbindung nach Gießen stammt aus der Ära des langjährigen Direktors Dieter Vaitl. Bemerkenswert an dieser Konstruktion: Direktor und Vize-Direktor sitzen selbst in dem Vorstand, der die Institutsleitung bestellt und beaufsichtigt – die tatsächliche Kontrolle liegt damit allein bei der Mitgliederversammlung, deren Zusammensetzung nicht öffentlich ist. Wie man diese Struktur bewertet, mag jeder selbst entscheiden; dokumentiert ist sie auf der Institutsseite.
Einordnung
Man kann die Bedeutung des IGPP an einem einfachen Vergleich ermessen: Fast überall sonst auf der Welt lebt diese Forschung von befristeten Stellen, Privatinitiativen und dem Mut Einzelner, ihre Karriere zu riskieren. In Freiburg dagegen steht seit 75 Jahren ein Haus mit Bibliothek, Archiv, Beratungsstelle und zwei Dutzend Forschern – finanziert aus dem Vermächtnis einer Zoologin, die als Skeptikerin begann und als Spukforscherin endete. Kontinuität ist in diesem Feld die seltenste Ressource überhaupt. Das IGPP hat sie.
Zur ehrlichen Bilanz gehört allerdings auch die Kehrseite dieser Kontinuität. Gemessen an den Ressourcen – rund zwanzig Forschende, über Jahrzehnte privat finanziert, ohne finanzielle Einbußen fürchten zu müssen – ist der Ertrag an Forschung an der Sache selbst erstaunlich dünn. Der Schwerpunkt liegt seit Langem auf Forschung über das Feld: Beratung, Archiv, Soziologie, Wissenschaftsgeschichte. Die harten Befunde, von denen diese Seite lebt, kommen fast durchweg aus den USA – von der universitär verankerten Fallforschung um Ian Stevenson und dem NTE-Programm Bruce Greysons in Virginia über Julie Beischels verblindete Mediums-Protokolle bis zu Christopher Kerrs Hospizforschung – dort, wo ergebnisorientierte Förderung Leistung verlangt. Die große Freiburger Ausnahme bestätigt die Regel: Nahms terminale Geistesklarheit. Sichere Finanzierung ohne Rechenschaftspflicht schützt vor Existenzangst – vor Bequemlichkeit schützt sie offenbar nicht.
Wie anders es hätte laufen können, zeigt ein Blick keine siebzig Kilometer weiter südlich – über die Grenze, in die Schweiz. 1967 gründete Matthias Güldenstein in Basel, ausdrücklich angeregt durch Hans Bender, die Parapsychologische Arbeitsgruppe Basel, den heutigen Basler Psi-Verein. Benders Impuls fiel dort auf anderen Boden: Aus der kleinen Arbeitsgruppe wurden die Basler Psi-Tage, jahrzehntelang der größte öffentliche Kongress für Grenzgebiete der Wissenschaft, und schließlich ein Verein mit rund 300 Veranstaltungen im Jahr, auf dessen Bühne heute die bekanntesten Medien der Welt stehen. Dieselbe Gründergeneration, derselbe geistige Vater, wenige Kilometer Abstand – aber der eine Ort verwaltet das Feld, der andere hält es lebendig. Dass die lebendige Variante ausgerechnet in der Schweiz gedieh und nicht in Deutschland, passt ins Bild, das wir im Beitrag zur Mediumschaft in der Schweiz nachzeichnen.
Quellen: Selbstdarstellung, Geschichte, Themenfelder und Beratungsangebot des Instituts auf igpp.de (dort auch zur Fanny-Moser-Stiftung, zum Ausbau 1996 und zur Mitarbeiterzahl; Gremien und Leitung auf der Seite „Organisationsstruktur", abgerufen im Juli 2026); Kooperationsseite der Universitätsbibliothek Freiburg zur IGPP-Bibliothek; IGPP-Forschungsprojekt „Terminale Geistesklarheit"; Eintrag „Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene" in der Wikipedia (Rechtsform, Finanzierung, Archiv-Nachlässe); ergänzt um unsere Porträts von Hans Bender, Michael Nahm und Schrenck-Notzing.
Mehr zum Thema findest Du in unserer kuratierten Wissen-Sammlung und in der Forschungs-Linkliste – dort ist das IGPP direkt verlinkt.
