Hans Bender (1907–1991) – Gründer des Freiburger Instituts für Grenzgebiete der Psychologie

Veröffentlicht am 2026-05-17 · 12 Min. Lesezeit

Hans Bender (1907–1991) war für vier Jahrzehnte das öffentliche Gesicht der seriösen deutschsprachigen Parapsychologie. 1950 gründete er in seiner Heimatstadt Freiburg im Breisgau das Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene (IGPP); 1954 wurde er an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg auf den einzigen deutschen ordentlichen Universitäts-Lehrstuhl für „Grenzgebiete der Psychologie" berufen, den es überhaupt gegeben hat. Er korrespondierte mit C. G. Jung und Wolfgang Pauli, brachte den niederländischen Hellseher Gerard Croiset mehrfach nach Deutschland, leitete die Untersuchung des berühmten Rosenheim-Spuk-Falls 1967/68 und prägte über Bücher, Vorlesungen und Fernsehauftritte das Bild dessen, was im deutschen Sprachraum unter „seriöser Parapsychologie" verstanden wird. Das IGPP existiert bis heute.

Wer war Hans Bender?

Bender wurde 1907 in Freiburg im Breisgau als Sohn einer alten badischen Familie geboren. Er studierte Philosophie, Psychologie und Romanistik in Freiburg, Tübingen, Berlin und Paris – die letzte Station ist wichtig, weil er dort die französische Schule der dynamischen Psychologie und den Kreis um den Pariser Parapsychologen Eugen Osty kennenlernte. 1933 promovierte er bei Erich Rothacker in Bonn. Seine Habilitation erlangte er 1944 in Bonn (1941 zunächst an der damals reichsdeutsch geführten Universität Straßburg) – eine akademische Karriere unter Bedingungen, die die spätere deutsche Wissenschaftshistoriographie kritisch aufgearbeitet hat und die das IGPP unter Eberhard Bauer offen dokumentiert hat.

Nach dem Krieg kehrte Bender nach Freiburg zurück, wo er ab 1948 zunächst als Privatdozent, ab 1950 mit seinem eigenen Institut, ab 1954 als ordentlicher Professor lehrte. Seine Freiburger Sonntagsvorlesungen wurden über die Jahrzehnte zu einer akademischen Institution; der Hörsaal war regelmäßig voll, Studenten anderer Fakultäten kamen wegen der Themen.

Die IGPP-Gründung 1950

Schon vor seiner Berufung auf einen ordentlichen Lehrstuhl gründete Bender 1950 in Freiburg das Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene als private Forschungseinrichtung. Der Name war Programm: Grenzgebiete der Psychologie, weil Bender ausdrücklich vermeiden wollte, mit dem im deutschen Sprachraum mit Spiritismus konnotierten Wort „Parapsychologie" auf Distanz zu gehen; Psychohygiene, weil es ihm um die seelische Bewältigung außergewöhnlicher Erfahrungen ging, nicht um die metaphysische Deutung.

Das IGPP arbeitete von Anfang an dreigeteilt: experimentelle Untersuchungen, dokumentarische Sammlung spontaner Berichte (das berühmte „Spontanphänomenen-Archiv"), und psychologische Beratung von Menschen, die mit ungewöhnlichen Erfahrungen nicht zurechtkamen. Diese letzte Funktion – professionelle, kostenfreie Beratung – ist bis heute eine seiner Kernaufgaben.

Der Freiburger Lehrstuhl 1954

1954 wurde Bender an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg auf den ordentlichen Lehrstuhl für Psychologie und Grenzgebiete der Psychologie berufen – die erste und bis heute einzige Berufung dieser Art an einer deutschsprachigen Universität. Die Berufung gegen den Widerstand etablierter Psychologen-Kreise war ein politischer Akt der badischen Landesregierung und der Universität selbst. Bender war damit der einzige deutsche Hochschullehrer, der „Parapsychologie" als ordentliches Lehrfach unterrichten durfte.

Nach Benders Emeritierung 1975 wurde der Lehrstuhl nicht wieder besetzt – er wurde in eine reguläre Psychologie-Professur umgewandelt. Die Funktion lebt seither am IGPP weiter, das nach Benders Tod 1991 unter Eberhard Bauer und Walter von Lucadou und später als Stiftung weitergeführt wurde.

Die Bender-Methodik

Benders methodischer Zugriff war konsequent psychologisch, nicht physikalisch oder okkultistisch. Im Unterschied zu J. B. Rhine an der Duke University, der mit Zener-Karten und Statistik arbeitete, interessierte Bender vor allem die spontane psi-Erfahrung – die Vorahnung, der Sterbe-Eindruck, der Spuk im Haus. Er sammelte über das IGPP Tausende von Berichten, analysierte sie inhaltlich und psychologisch, und entwickelte daraus eine empirisch fundierte Phänomenologie ungewöhnlicher Erfahrungen.

Drei methodische Grundsätze prägen seine Arbeit:

  • Klassen-Trennung. Wie schon Richet in Paris und J. J. Thomson in Cambridge unterschied Bender klar zwischen Telepathie, Hellsehen, Präkognition, Spuk und „Animismus" – jede Klasse mit eigenem Methodenraster.
  • Psychohygienische Verantwortung. Ein psi-Phänomen ist für die Betroffenen oft erstmal eine Krise – nicht eine spirituelle Auszeichnung. Bender bestand darauf, dass professionelle Beratung Teil der Arbeit sein müsse, nicht erst nachträglich.
  • Skeptische Grundhaltung. Bender war kein Gläubiger. Er hat in vielen Fällen Betrug oder normale Erklärungen nachgewiesen. Genau diese Strenge machte ihn für die seriösen Befunde glaubwürdig.

Der Rosenheim-Fall 1967/68

Im Herbst 1967 begannen in der Anwaltskanzlei von Rechtsanwalt Sigmund Adam in der Königstraße 13 in Rosenheim (Oberbayern) bizarre Vorfälle: Leuchtstoffröhren platzten reihenweise, die Telefonanlage rief von selbst die Zeitansage an (in einer Häufigkeit, die die Telefonrechnung in absurde Höhen trieb), Schubladen öffneten sich, Bilder rotierten an den Wänden. Die Bundespost und die Stadtwerke konnten die Vorgänge messtechnisch nicht erklären. Im November 1967 wurde Bender hinzugezogen.

Bender brachte eine ungewöhnliche Untersuchungs-Equipe nach Rosenheim: zwei Physiker des Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik in Garching (Friedbert Karger und Gerhard Zicha), Techniker von Siemens, Filmkameras und Messgeräte. Über mehrere Wochen wurden Phänomene unter Beobachtung mehrfach reproduziert. Die Garchinger Physiker dokumentierten in ihrem Bericht ausdrücklich, dass die beobachteten Vorgänge nicht durch elektromagnetische Felder, Vibrationen oder ähnliche konventionelle Ursachen zu erklären seien.

Bender identifizierte die 19-jährige Auszubildende Annemarie Schaberl als Fokus-Person: Die Phänomene traten nur in ihrer Anwesenheit auf, hatten ihren Intensitäts-Höhepunkt während ihrer Konfliktphasen am Arbeitsplatz und endeten vollständig, als sie die Kanzlei verließ. Diese Konstellation – ein „Spuk-Fokus" als junger Mensch in einer emotionalen Belastungs-Situation – ist Benders Standardbefund aus mehreren ähnlichen Untersuchungen über die Jahre.

Der Rosenheim-Fall wurde zur bekanntesten Spuk-Untersuchung der deutschen Nachkriegsgeschichte. Bender wurde mehrfach im Fernsehen interviewt; der Film, der die Untersuchung dokumentierte, wurde in mehreren Sendungen ausgestrahlt. Spätere Kritiker (Allen, von Lucadou) haben methodische Schwächen benannt; Bender ist seinen Befunden bis zum Tod treu geblieben.

Internationale Vernetzung – Jung, Pauli, Rhine, Croiset

Bender stand mit den wichtigsten internationalen Stimmen der psi-Forschung in regelmäßiger Verbindung. Mit C. G. Jung korrespondierte er ab Mitte der 1940er Jahre über Spuk-Phänomene und Synchronizität; das Bender-Jung-Briefkonvolut liegt heute im IGPP-Archiv. Auch mit Wolfgang Pauli tauschte er sich aus – Pauli interessierte sich für Benders Spuk-Befunde im Kontext seiner eigenen psychophysischen Spekulationen mit Jung.

Mit J. B. Rhine verband ihn eine zwiespältige Beziehung: methodisch unterschieden sie sich (Bender bevorzugte die Spontanfall-Phänomenologie, Rhine die statistischen Karten-Versuche), aber organisatorisch zogen sie an einem Strang. Bender war regelmäßig Gast in Durham; Rhine besuchte mehrfach das IGPP. Der wichtigste Praxis-Partner Benders außerhalb des deutschen Sprachraums war jedoch der niederländische Hellseher Gerard Croiset (1909–1980), den Bender mehrfach nach Freiburg holte und in der Zusammenarbeit mit Polizeidienststellen einsetzte (Vermissten-Suche, Verbrechen).

Bender als öffentliche Figur

Anders als die meisten anderen Personen in unserer Reihe wurde Bender öffentlich sehr bekannt – nicht trotz, sondern wegen seiner Themen. Er war regelmäßiger Gast in TV-Diskussionsrunden, gab seit den 1950er Jahren populäre Bücher heraus (Unser sechster Sinn, Telepathie, Hellsehen, Psychokinese, Verborgene Wirklichkeit) und hielt mit ruhiger, akademisch-zurückhaltender Diktion das Bild des seriösen Forschers im Feld. Sein berühmtes Auftreten im SWF und in der ARD prägte die deutschsprachige Wahrnehmung von Parapsychologie als ernsthafter, wenn auch grenzwertiger Wissenschaft über zwei Generationen hinweg.

Hans Bender starb am 7. Mai 1991 in Freiburg. Sein Lehrstuhl wurde nicht wieder besetzt – aber das IGPP, das er 1950 gegründet hatte, existiert weiter.

„Parapsychologie ist nicht der Versuch, das Wunder zu beweisen. Sie ist der Versuch, ungewöhnliche Erfahrungen ernsthaft zu untersuchen – mit der Methodik der Psychologie, mit der Geduld der Spurensuche, ohne weltanschaulichen Vorgriff."
— Sinngemäße Wiedergabe einer Grundhaltung Hans Benders aus seinen Vorlesungen und Sachbüchern der 1970er Jahre

Das IGPP heute

Das Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene wurde nach Benders Tod schrittweise neu organisiert – heute ist es eine eigenständige Stiftung mit Sitz in der Wilhelmstraße in Freiburg, geleitet unter anderem von Eberhard Bauer und Wolfgang Fach. Es ist eine der wenigen kontinuierlich arbeitenden parapsychologischen Forschungseinrichtungen Europas (vergleichbar mit dem Rhine Research Center in Durham und dem Pariser Institut Métapsychique International (siehe unser Richet-Porträt)). Das IGPP-Archiv mit Benders Briefwechsel, Spukfall-Akten und der Spontanphänomenen-Sammlung ist eine der wichtigsten Quellen-Bestände der deutschsprachigen Wissenschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts auf diesem Gebiet.

Die kostenlose telefonische und persönliche Beratung des IGPP für Menschen mit ungewöhnlichen Erfahrungen ist nach wie vor aktiv. Das ist Benders eigentliches institutionelles Vermächtnis: nicht nur die Forschung, sondern auch die professionelle Sorge um die Betroffenen.

Was bleibt

  • Institutionelle Verankerung. Bender ist der einzige Mensch, der je in Deutschland einen ordentlichen Universitäts-Lehrstuhl für Parapsychologie innegehabt hat. Diese Tatsache wird im populären Diskurs gerne übersehen.
  • Methodische Klassen-Trennung. Telepathie, Spuk, Hellsehen, Präkognition – jedes Phänomen mit eigenem Methodenraster. Dieselbe Position, die wir bei Thomson, Rayleigh und Richet beobachtet haben.
  • Brücke zwischen den Generationen. Bender hat in Person die Jung-/Pauli-Welt mit der Rhine-Welt verbunden. Diese Brücke ist nirgendwo sonst im deutschen Sprachraum so dicht geknüpft worden.
  • Bleibendes Institut. Das IGPP existiert seit 75 Jahren ohne Unterbrechung. Die kostenfreie Beratung läuft weiter. Diese Kontinuität ist im Feld der psi-Forschung selten.

Bender gehört in die historische Linie, die wir auf dieser Seite verfolgen: Kepler, Crookes, die Curies, Lodge, Rayleigh, J. J. Thomson, Richet, Jung, Pauli, Einstein, Rhine, PEAR, Josephson, Dürr, Wigner. Er ist unter ihnen derjenige, der für den deutschen Sprachraum das institutionelle Gerüst gebaut hat, in dem das Thema überhaupt akademisch verhandelbar wurde.

Quellen

  • Hans Bender: Verborgene Wirklichkeit. Parapsychologie und Grenzgebiete der Psychologie. Olten/Freiburg 1976 (mehrere Auflagen).
  • Hans Bender: Unser sechster Sinn. Parapsychologie heute. Stuttgart 1971.
  • Hans Bender: Telepathie, Hellsehen, Psychokinese. Aufsätze zur Parapsychologie. Piper, München 1980.
  • Hans Bender: Zur Entwicklung der Parapsychologie 1944–1964. Bouvier, Bonn 1972.
  • Friedbert Karger & Gerhard Zicha: Physikalische Untersuchungen des Spuk-Falls Rosenheim. Zeitschrift für Parapsychologie und Grenzgebiete der Psychologie, Bd. 11 (1968).
  • Eberhard Bauer & Walter von Lucadou (Hrsg.): Spektrum der Parapsychologie. Festschrift für Hans Bender. Aurum, Freiburg 1983.
  • Eberhard Bauer: Hans Bender (1907–1991). Leben und Werk. Mehrere Aufsätze in der Zeitschrift für Parapsychologie und Grenzgebiete der Psychologie und auf igpp.de.
  • Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene (IGPP), Freiburg – Institutsgeschichte, Archive und Beratungsangebot online (igpp.de).