Wir haben mit dem Journal of Near-Death Studies gezeigt, was ein eigenes Fachjournal für ein Forschungsfeld bedeutet. Der deutsche Sprachraum hat sein Gegenstück – nicht nur für die Nahtodforschung, sondern für das gesamte Feld der wissenschaftlichen Anomalienforschung: die Zeitschrift für Anomalistik, erschienen seit 2001, peer-reviewt, und mit einem Format, das man sich in mancher etablierten Disziplin wünschen würde: Streit ist hier keine Panne, sondern das Programm.
Warum es sie braucht
Was mit Forschungsthemen geschieht, die der Wissenschaftsbetrieb als „unwissenschaftlich" aussortiert hat, haben wir im Porträt von Michael Schetsche beschrieben: Sie scheitern selten an den Daten, oft an der Sortiermaschine. Für solche Themen – von der Parapsychologie über außergewöhnliche Erfahrungen bis zu den umstrittenen Rändern wie der UFO-Forschung – braucht es einen Ort, an dem Studien begutachtet, kritisiert und dokumentiert werden können, ohne dass schon das Thema zur Ablehnung führt. Genau diesen Ort schuf 2001 die Gesellschaft für Anomalistik e.V. (GfA) mit ihrer Zeitschrift; seit Band 21 (2021) wird sie gemeinsam mit dem IGPP herausgegeben, die Redaktion leitet seit 2017 der Psychologe Gerhard Mayer vom IGPP.
Das Truzzi-Erbe: Streit als Format
Das Besondere an der Zeitschrift ist ihr Bauplan. Ihr erklärtes Vorbild ist der Zetetic Scholar, den der amerikanische Soziologe Marcello Truzzi von 1978 bis 1987 herausgab. Truzzi kennen unsere Leser aus dem Artikel über Pseudoskepsis: Er war Mitgründer der großen Skeptiker-Organisation CSICOP, verließ sie, als aus Prüfung Abkanzelei wurde, und prägte für dieses Verhalten den Begriff der Pseudoskepsis. Sein Gegenentwurf war ein Journal, in dem Befürworter und Kritiker im selben Heft zu Wort kommen. Die Zeitschrift für Anomalistik hat dieses Prinzip als Open Peer Commentary institutionalisiert: Auf einen Hauptaufsatz folgen eingeladene kritische Kommentare aus verschiedenen Lagern – und die Replik der Autoren. Der Leser bekommt nicht das Ergebnis eines Streits serviert, sondern den Streit selbst. Das ist dasselbe Muster, das wir beim Journal of Near-Death Studies an der Augustine-Debatte gelobt haben – hier ist es nicht Ausnahme, sondern Regelformat.
Was drinsteht
Inhaltlich deckt die Zeitschrift das ganze Spektrum der Anomalistik ab: empirische Forschungsberichte, methodische und wissenschaftshistorische Aufsätze, Übersichtsarbeiten, Diskussionsbeiträge und einen umfangreichen Rezensionsteil. Thematisch reicht das von der Parapsychologie und den außergewöhnlichen Erfahrungen – etwa den Erhebungen, die wir im Psi-Report Deutschland vorgestellt haben – über Spukfall-Dokumentationen bis zu Themen, die selbst innerhalb der Grenzforschung umstritten sind. Drei Hefte erscheinen pro Jahr, auf Deutsch mit englischen Abstracts (der internationale Titel lautet Journal of Anomalistics).
Offen zugänglich
Wie beim Journal of Near-Death Studies gilt auch hier: Wer wissen will, was diese Forschung tatsächlich publiziert, kann es einfach nachlesen. Ältere Jahrgänge stehen frei im Volltext auf der Website der Gesellschaft für Anomalistik, und die Zeitschrift ist im Directory of Open Access Journals (DOAJ) gelistet – dem internationalen Qualitätsverzeichnis für Open-Access-Journale. Für ein Feld, dem gern Geheimniskrämerei unterstellt wird, ist das bemerkenswert viel Transparenz.
Einordnung
Mit der Zeitschrift für Anomalistik ist die Infrastruktur-Trias des deutschen Sprachraums komplett, die wir in dieser Reihe Stück für Stück porträtiert haben: ein Institut mit Bibliothek, Archiv und Beratung; eine Fachgesellschaft, die das Feld organisiert; und ein peer-reviewtes Journal, das Befunde durch Begutachtung härtet und Kritik dokumentiert. Was die IANDS und ihr Journal für die Nahtodforschung leisten, leisten GfA, IGPP und die Zeitschrift für Anomalistik für die deutschsprachige Anomalienforschung insgesamt. Und ihr Truzzi-Format ist vielleicht ihr wichtigster Beitrag: Es führt vor, wie eine Wissenschaftskultur aussieht, die weder gläubig noch pseudoskeptisch ist – sondern streitbar im besten Sinn.
Quellen: Profil und Volltext-Archiv der Zeitschrift auf der Website der Gesellschaft für Anomalistik (Gründung 2001, Erscheinungsweise, Open Peer Commentary, Zetetic-Scholar-Vorbild); die ZfA-Seite des IGPP (gemeinsame Herausgeberschaft seit Band 21, Redaktionsleitung Gerhard Mayer); Eintrag „Zeitschrift für Anomalistik" in der Wikipedia (DOAJ-Listung, Formatgeschichte); ergänzt um unsere Porträts des IGPP, des Journal of Near-Death Studies und den Pseudoskepsis-Artikel.
Mehr zum Thema findest Du in unserer kuratierten Wissen-Sammlung und in der Forschungs-Linkliste.
