Die Schweiz hat die längste durchgehend gelebte Tradition der Mediumschaft und der geistigen Heilarbeit in Europa. Sie ruht auf zwei Wurzeln, die selten zusammen erzählt werden: einer alten alpinen Volkslinie, die heute auf der offiziellen Liste der lebendigen Traditionen steht, und einem urbanen Spiritualismus, der seit 1850 in Zürich, Basel und Genf gepflegt wird. Ein dritter Grund, warum mediale Arbeit hier so selbstverständlich funktioniert, ist juristisch: Die Schweiz hat nie ein Heilpraktikergesetz wie Deutschland erlassen.
Zwei Wurzeln, ein Land
Wer in Deutschland oder Österreich nach einem Medium sucht, bewegt sich oft in einer Subkultur. Wer in der Schweiz sucht, trifft auf ein Milieu, das sich über Generationen hinweg ohne Bruch ausgebildet hat – auf dem Land genauso wie in der Stadt.
Die ländliche Linie kommt aus den Alpen und ist im katholischen wie reformierten Bauernalltag verankert. Die urbane Linie kam ab Mitte des 19. Jahrhunderts aus England und Amerika und fand in der Schweizer Bildungsschicht ein neugieriges, wissenschaftlich interessiertes Publikum. Beide Linien existieren bis heute parallel.
Die alpine Wurzel: „Wenden", „Beten" und „Le Secret"
In Appenzell und im Toggenburg heißt es „Wenden" oder „Anbeten". In der Romandie, vor allem im Kanton Fribourg, im Jura und im Wallis, heißt es Le Secret – das Geheimnis. Gemeint ist dieselbe Sache: ein überlieferter, oft mündlich vom Vorgänger empfangener Gebetsspruch, mit dem ein Heiler Blutungen stillt, Verbrennungen kühlt („das Feuer herausnehmen") oder Warzen entfernt – häufig aus der Ferne, über das Telefon oder einfach mit dem Namen und Geburtsdatum der Person.
Das wird in der Schweiz nicht als Esoterik wahrgenommen, sondern als Teil der ländlichen Grundversorgung. Wenn sich auf der Alp eine Kuh verbrüht oder ein Kind heißes Wasser über den Arm bekommt, ruft man im Appenzell oft erst „d Wenderi" oder „de Wender" an – und dann erst die Notrufnummer. Mehrere Schweizer Spitäler in der Romandie und im Jura führen interne, halboffizielle Listen von Personen, die Le Secret beherrschen, und schalten sie bei Brandverletzten zusätzlich zur Schulmedizin ein. Pflegende rufen aus dem Spital direkt an. Das ist gut dokumentiert, unter anderem im Schweizer Fernsehen (SRF, RTS) und in der Westschweizer Tagespresse.
Diese Tradition ist seit 2012 vom Bundesamt für Kultur in die Liste der lebendigen Traditionen der Schweiz aufgenommen – die schweizerische Umsetzung des UNESCO-Übereinkommens zum immateriellen Kulturerbe. Damit ist Le Secret staatlich anerkanntes Kulturgut, nicht Folklore und nicht Aberglaube.
Die urbane Wurzel: Spiritualismus seit 1850
Ab 1848, mit den Fox-Schwestern in New York, breitete sich der moderne Spiritualismus rasch über Europa aus. In der Schweiz fiel er auf besonders fruchtbaren Boden. Zürich, Basel und Genf hatten um 1900 eine ungewöhnlich hohe Dichte an spiritistischen Zirkeln, an Lese-Gesellschaften, an Vorträgen über Trance, Tischrücken und Jenseitskommunikation.
Das prominenteste Beispiel ist C. G. Jung. Seine Basler Dissertation von 1902 trägt den Titel „Zur Psychologie und Pathologie sogenannter occulter Phänomene". Untersucht wird darin ein Trance-Medium – Jungs eigene Cousine Helene Preiswerk. Jung war von Mediumschaft sein Leben lang nicht losgekommen; sie zieht sich von der Dissertation bis zu seinen späten Schriften über Synchronizität durch. Die Schweizer Psychologie ist also nicht „neutral" gegenüber dem Thema gestartet, sondern hat es als Forschungsgegenstand ernst genommen.
Im Unterschied zu reinen Wahrsagern ging es den Schweizer Medien der urbanen Tradition früh um etwas Bestimmtes: um Beweis-Mediumschaft. Also um die saubere Demonstration, dass das Bewusstsein eines Verstorbenen nach dem Tod weiterexistiert – über Namen, Daten und Details, die das Medium nicht kennen kann. Genau diese Linie hat Pascal Voggenhuber später vom Arthur Findlay College in den deutschsprachigen Raum gebracht.
Historische Wegmarken: Paracelsus, Anna Göldi, Jung
Paracelsus (1493/94–1541), geboren in Egg bei Einsiedeln, war Arzt, Naturphilosoph und der wichtigste mitteleuropäische Brückenkopf zwischen alpiner Heiltradition und gelehrter Medizin. Sein Konzept einer „unsichtbaren Welt", die in den Körper hineinwirkt, ist im Grunde die theoretische Vorform dessen, was die modernen Schweizer Geistheiler praktisch tun.
Anna Göldi (1734–1782) wurde im Kanton Glarus als letzter Mensch in Europa nach einem ordentlichen Gerichtsverfahren wegen „Hexerei" hingerichtet. Sie war keine Hexe, sondern eine Magd – aber ihr Fall ist die dunkle Seite derselben Geschichte: Wo Frauen mit hellsichtigen Fähigkeiten auffällig wurden, war das politische Risiko in Europa über Jahrhunderte real. Glarus hat sie 2008 offiziell rehabilitiert.
C. G. Jung (1875–1961) schließt den Bogen ins 20. Jahrhundert. Mit ihm wird Mediumschaft in der Schweiz erstmals systematisch zum Gegenstand einer akademischen Disziplin – der Tiefenpsychologie. Daran knüpft die spätere experimentelle Mediumshafts-Forschung bis heute an.
Warum die Schweiz zur „Insel" wurde: das fehlende Heilpraktikergesetz
Der entscheidende Unterschied zu Deutschland ist juristisch. Deutschland hat 1939 das Heilpraktikergesetz erlassen, ein Gesetz aus der NS-Zeit, das bis heute in Kraft ist und das gewerbsmäßige Heilen ohne staatliche Zulassung unter Strafe stellt. Für Medien und Geistheiler heißt das in Deutschland bis heute: Vorsicht mit Krankheitsdiagnosen, Vorsicht mit Behandlungsversprechen, Vorsicht mit dem Wort „Heilung".
Die Schweiz hat ein solches Gesetz nie erlassen. Das Gesundheitswesen ist kantonal organisiert, und die Schweiz ist eine Gewerbefreiheits-Republik. Solange ein Medium oder ein Geistheiler keine rezeptpflichtigen Medikamente abgibt und nicht vorgibt, Arzt zu sein, ist die Arbeit in den meisten Kantonen legal und transparent. In einigen Kantonen, allen voran Appenzell Ausserrhoden, ist Geistheilen sogar explizit anerkannt: Die NaturheilpraktikerIn TEN ist seit 2015 ein eidgenössisch anerkannter Beruf, und auf kantonaler Ebene gibt es Bewilligungen für geistig-energetische Heilmethoden.
Das Ergebnis: Schweizer Medien konnten über Generationen offen, in eigener Praxis und mit eigenen Schildern an der Tür arbeiten. Das hat Qualität, Ausbildungswesen und Berufsethos massiv stabilisiert – während dieselbe Arbeit jenseits der Grenze in eine rechtliche Grauzone fiel.
Heutige Träger – fünf, die für die Bandbreite stehen
Die Schweiz ist heute der wichtigste DACH-Markt für mediale Arbeit. Ein paar Namen, die wir im Blog ausführlich vorstellen, illustrieren die ganze Spannweite:
- Sam Hess (1951–2025) – 35 Jahre Förster im Bergdorf, hellsichtig von Kindheit an, aufgewachsen in der alten alpinen Linie. Bücher beim AT Verlag, mehrere Dokumentarfilme. Reiner Vertreter der ländlichen Wurzel.
- Pascal Voggenhuber – Bestsellerautor, ausgebildet am Arthur Findlay College, ehemals Polizeibeamter. Bringt die britische Beweis-Mediumshafts-Tradition in den deutschsprachigen Raum.
- Christina von Dreien (geb. 2001 im Toggenburg) – junge Bestsellerautorin, ausverkaufte Vorträge, YouTube-Publikum in den Hunderttausenden. Eine neue Generation, die mit dem Thema selbstverständlich aufwächst.
- Anouk Claes und Dr. Jakob Bösch – integrierte Geistheilung in einer Schweizer Psychiatrischen Klinik in Baselland. Chefarzt-Schild und Heilerin-Schild Tür an Tür. Ein dokumentierter Fall integrativer Medizin im deutschsprachigen Raum.
- Martin Zoller – Schweizer Remote-Viewer mit dokumentiertem Einsatz für Polizei- und Vermisstenfälle (u. a. Flugzeugwrack in Bolivien 1999).
Was diese Personen verbindet: Sie arbeiten öffentlich, mit Klarnamen, mit Berufsbiografien, oft mit Verlagsanbindung im Schweizer Buchhandel (AT Verlag, Govinda, Lüchow, Giger). Das ist in keinem anderen deutschsprachigen Land in dieser Dichte und Selbstverständlichkeit zu finden.
Verbände, Ausbildung, Berufsethos
Schweizer Medien organisieren sich heute in mehreren Verbänden und Schulen. Die Schweizerische Gesellschaft für Parapsychologie (SGPP), gegründet 1966, ist die älteste wissenschaftliche Organisation zum Thema im deutschsprachigen Raum. Daneben gibt es Berufsverbände und Schulen für Geistheilen, energetische Therapie und mediale Beratung – etwa Pascal Voggenhubers eigenes Lehrhaus oder Anbieter, die nach dem Curriculum des Arthur Findlay College ausbilden.
Die OdA KT (Organisation der Arbeitswelt Komplementärtherapie) und die Höhere Fachprüfung NaturheilpraktikerIn TEN haben für die ganze komplementärmedizinische Szene – auch für geistig-energetisch arbeitende Personen, soweit sie sich in diesen Strukturen eintragen – ein eidgenössisches Qualifikationsraster geschaffen, das es in dieser Form in Deutschland und Österreich nicht gibt.
Was das für Suchende heißt
- Mehr Auswahl, höhere Qualität. Wer in der Schweiz nach einem Medium sucht, hat es mit einem reifen, ausdifferenzierten Markt zu tun – nicht mit Einzelfällen am Rand der Legalität.
- Klarere Berufsbilder. Ausbildung, Ethik-Codes und Verbände lassen sich nachvollziehen; eine seriöse Recherche ist möglich. Wie das geht, zeigt unser Beitrag „Wie erkenne ich ein seriöses Medium?".
- Zwei Traditionen, zwei Stile. Wer eher die ländlich-alpine Linie sucht (still, mit Bezug zur Natur und zum Spruchheilen), findet etwas anderes als wer die britische Beweis-Mediumshafts-Linie sucht (öffentlich, mit klarer Methodik, Namen-Daten-Fakten).
- Niedrigere Hürde. Termine sind in der Schweiz häufig schneller verfügbar, weil das Angebot dichter ist – und die Preisspannen sind transparent.
Die Schweiz ist nicht „offener" für Mediumschaft, weil ihre Bevölkerung gläubiger wäre. Sie ist offener, weil ein paar Hundert Jahre Praxis ohne juristische Verfolgung das Vertrauen in die eigene Tradition nie haben abreißen lassen.
Quellen und weiterführende Beiträge
- Bundesamt für Kultur (BAK), Liste der lebendigen Traditionen der Schweiz: Eintrag „Geheimnisheilen / Le secret / Wenden" (Aufnahme 2012, Aktualisierungen seither).
- C. G. Jung: Zur Psychologie und Pathologie sogenannter occulter Phänomene, Dissertation Basel 1902.
- Edwin Beeler (Regie): Die weisse Arche (Dokumentarfilm, 2016) – Schweizer Volksheiler und Hellsichtige, mit u. a. Sam Hess.
- O'Neil Bürgi (Regie): Fenster zum Jenseits (Dokumentarfilm, 2012).
- SRF / RTS: mehrere TV-Berichte über Le Secret in Schweizer Spitälern (u. a. Hôpital fribourgeois, CHUV Lausanne).
- Walter Hauser: Der Justizmord an Anna Göldi, Limmat Verlag, 1998 – Standardwerk zum Glarner Hexenprozess von 1782.
- HeavenConnect-Beiträge: Sam Hess, Pascal Voggenhuber, Christina von Dreien, Anouk Claes / Jakob Bösch, Martin Zoller, Britischer Spiritualismus, Arthur Findlay College.
