PEAR – das Princeton-Labor für Bewusstsein und Zufall (1979–2007)

Veröffentlicht am 2026-05-16 · 11 Min. Lesezeit

1979 richtete Robert G. Jahn, Dean der Princeton School of Engineering and Applied Sciences und ausgewiesener Plasma-Antriebsforscher für die NASA, im Keller seines Instituts ein Labor ein, das sich der Frage widmete, ob das Bewusstsein eines Menschen physikalisch messbar auf elektronische Zufallsgeneratoren wirken kann: das Princeton Engineering Anomalies Research Lab, kurz PEAR. Was als studentisches Nebenprojekt begann, wurde zur weltweit größten institutionellen Mikro-Psychokinese-Studie: 28 Jahre Laufzeit, rund 2,5 Millionen Einzelversuche, eine kombinierte Statistik mit Z-Werten jenseits der Z = 7 – und eine Schließung 2007, die es bis auf die Titelseite der New York Times schaffte.

Wer war Robert Jahn?

Robert G. Jahn (1930–2017) war kein randständiger Forscher. Er promovierte 1955 an der Princeton University in Physik, blieb dort als Aerospace-Ingenieur und wurde 1971 Dean der School of Engineering and Applied Sciences. Sein Hauptfach: elektrischer Antrieb für Raumfahrt – Ionentriebwerke, Plasmaphysik. Er beriet die NASA, das US-Verteidigungsministerium, war Fellow der American Institute of Aeronautics and Astronautics. Vor PEAR hatte er ein dickes Standardwerk zur Plasmaphysik geschrieben.

An seine Seite trat 1979 Brenda Dunne, eine Entwicklungspsychologin mit Erfahrung in der psi-Forschung an der University of Chicago. Sie wurde Laboratory Manager und blieb über die gesamten 28 Jahre die methodische und auswertende Hälfte des Projekts. Ohne diese Kombination – ein Engineering-Dean mit institutionellem Rückhalt und eine Psychologin mit Studien-Design-Erfahrung – wäre PEAR nicht möglich gewesen.

Die studentische Diplomarbeit, die zur Institution wurde

Den Anstoß gab 1976/77 eine Studentin der Princeton School of Engineering, die ihre Senior-Thesis dem Einfluss menschlicher Absicht auf elektronische Zufallsgeneratoren widmen wollte. Jahn, eigentlich skeptisch, übernahm die Betreuung, weil ihn die methodische Frage interessierte. Die Resultate der Arbeit waren statistisch klein, aber konsistent – stark genug, dass Jahn beschloss, das Thema systematisch fortzuführen. 1979 war PEAR offiziell eingerichtet, finanziert zunächst aus Princeton-Mitteln, später zu großen Teilen von der McDonnell-Familie (James S. McDonnell, der Gründer von McDonnell Aircraft) und weiteren Stiftungen.

Random Event Generators: Quantenrauschen als Versuchsanordnung

Das Hauptinstrument von PEAR war der REG – ein Random Event Generator. Im Kern eine elektronische Schaltung, die aus dem Quantenrauschen einer Zener-Diode oder eines Widerstands eine binäre Zufallsfolge erzeugt. Das Gerät produziert in jeder Sekunde 200 binäre Ereignisse („0" oder „1"). Über eine Minute summieren sich also 12.000 Bits. Statistisch erwartet man im Mittel 6.000 Einsen; reale Abweichungen liegen normalerweise im engen Bereich der Standardabweichung.

Die Versuchsperson – „Operator" im PEAR-Sprachgebrauch – sitzt ohne körperlichen Kontakt vor dem Gerät und versucht, durch reine mentale Absicht den Erwartungswert der Bitsumme in eine vorgegebene Richtung zu verschieben: nach oben (mehr Einsen), nach unten (mehr Nullen) oder als Kontrolle ohne Intention. Über ein Vierteljahrhundert summierten sich über 100 verschiedene Operatoren, mehrere Generatoren-Typen und rund 2,5 Millionen Einzelversuche.

Der Befund ist nicht spektakulär in der Größe, aber in der Konsistenz. Im Mittel verschiebt sich die Bitsumme bei intendierten Versuchen um etwa 1 bis 2 Teile auf 10.000 in die gewünschte Richtung. Das ist winzig. Aber über 2,5 Millionen Einzelversuche akkumuliert sich daraus eine Gesamt-Z-Statistik im Bereich Z ≈ 7 – also eine Zufallswahrscheinlichkeit irgendwo zwischen 10⁻¹¹ und 10⁻¹². Konventionelle Erklärungen scheitern an dieser Zahl: Geräte-Drift wäre nicht intentionsabhängig, statistische Artefakte wären nicht reproduzierbar über drei Jahrzehnte.

Random Mechanical Cascade: 9.000 Bälle und der Galton-Tisch

Neben dem rein elektronischen REG baute PEAR ein zweites, weithin sichtbares Instrument: die Random Mechanical Cascade. Eine wandfüllende Apparatur, in der etwa 9.000 kleine Polystyrol-Kugeln durch ein Raster aus 330 versetzt angeordneten Stiften nach unten fallen und sich in 19 Sammelkanälen zu einer Gauss-Kurve aufschichten – ein riesiger Galton-Tisch. Aufgabe der Operatoren: mental versuchen, die Verteilung nach links oder rechts zu verschieben.

Die Ergebnisse waren statistisch signifikant. Über alle Läufe hinweg zeigten sich Verschiebungen, die mit der intendierten Richtung korrelierten – kleiner Effekt, aber sauberes Signal. Die Maschine wurde später von PEAR an das Technorama Winterthur (Schweiz) gegeben, wo sie als ausgestelltes Wissenschafts-Exponat erhalten geblieben ist.

Remote Perception: die Princeton-Variante

Der dritte große Forschungsstrang knüpfte an die Remote-Viewing-Arbeiten von Targ und Puthoff am SRI an, aus denen später das CIA-Programm Stargate wurde. PEAR baute eine eigene, methodisch verschärfte Variante: Precognitive Remote Perception. Ein „Agent" reiste an einen zufällig bestimmten Ort; ein „Perzipient" sollte zur selben Zeit (oder vorher) den Ort beschreiben. Die Beschreibungen wurden in standardisierte Deskriptoren codiert und von blinden Beurteilern bewertet.

Auch hier ergaben sich über mehrere hundert Versuche statistisch deutliche Treffer-Häufungen. Das PEAR-Protokoll war methodisch sauberer als die frühen SRI-Versuche – mit blinder Beurteilung und maschineller Auswertung der Deskriptoren.

Operator-Signaturen

Eine der eigenartigsten Beobachtungen von PEAR betraf nicht den Mittelwert der Daten, sondern die Individualität der Operatoren. Über die Jahre zeigte sich: einzelne Operatoren produzierten erstaunlich konsistente persönliche „Signaturen". Manche schoben den REG zuverlässig nach oben, andere zuverlässig nach unten – auch wenn sie die entgegengesetzte Intention hatten. Manche zeigten den Effekt nur unter bestimmten emotionalen Bedingungen. Diese Signaturen waren über Jahre stabil.

Das ist methodisch heikel und interpretatorisch hochinteressant zugleich. Es macht aus dem REG-Experiment eine eher individualpsychologische Frage – wie die Pauli-Effekt-Diskussion bei der Quantenphysik der 1930er Jahre.

„Wir messen kleine Effekte über sehr viele Versuche. Das ist genau der wissenschaftliche Standard, mit dem moderne Teilchenphysik arbeitet. Niemand bestreitet das Higgs-Boson, weil sein Signal klein ist."
— Sinngemäß Robert Jahn, in Vorträgen der 1990er Jahre

Methodische Schlachten: Bösch, Steinkamp, Boller 2006

2006 erschien im Psychological Bulletin, einer der renommiertesten Zeitschriften der Psychologie, eine Meta-Analyse von Bösch, Steinkamp und Boller. Sie schloss 380 Studien und 1,5 Milliarden Einzelversuche ein – ein Großteil davon aus PEAR – und kam zu einem widersprüchlichen Ergebnis: Ja, es gebe einen statistisch signifikanten Gesamt-Effekt; aber dieser sei so klein und stehe in so deutlicher Inverskorrelation zur Studiengröße, dass er sich wahrscheinlich durch publication bias erklären lasse.

PEAR antwortete in derselben Ausgabe mit einem von Dobyns, Dunne, Jahn und Nelson verfassten Erwiderungstext: die postulierte Inverskorrelation sei in den eigenen Daten nicht haltbar, große Einzelstudien lieferten weiterhin signifikante Effekte. Die Auseinandersetzung blieb unentschieden. Was sie aber zeigt: PEAR war keine Außenseiter-Forschung, die unter dem Radar lief, sondern wurde von einer der wichtigsten psychologischen Fachzeitschriften ernsthaft auseinandergenommen.

Die Schließung 2007

Am 10. Februar 2007 lief in der New York Times ein langer Artikel von Benedict Carey: „After 28 Years, Princeton Will End ESP Studies". Jahn, mittlerweile 77, kündigte das Ende des Labors an. Die offizielle Begründung: das Programm habe seine wesentlichen Fragen beantwortet, weitere Replikationen würden nichts grundsätzlich Neues bringen; jüngere Forschung müsse anderswo stattfinden. Die ungesagte Begründung: institutionelle Müdigkeit. Princeton hatte das Labor nie offen begrüßt, nur geduldet; ein Nachfolger im Engineering-Department war nicht in Sicht.

Die Schließung war ein medialer Moment. Der NYT-Artikel beschrieb das Labor als „shabby" – schäbig, mit alten Computern und durchgesessenen Sofas. Aber er beschrieb es auch als das, was es war: ein 28 Jahre lang ernsthaft betriebenes Forschungsprogramm an einer der besten Universitäten der Welt.

ICRL – das Nach-Leben von PEAR

Jahn und Dunne gründeten 1996, also gut zehn Jahre vor der Schließung, das International Consciousness Research Laboratories (ICRL) – als Auffangstruktur. Dort wird die Arbeit bis heute fortgeführt, jetzt entkoppelt von Princeton und in einem Netzwerk verschiedener Mit-Forscher. Robert Jahn starb am 15. November 2017, Brenda Dunne leitete das ICRL über seinen Tod hinaus.

Die wichtigsten Bücher der beiden – Margins of Reality (1987) und Consciousness and the Source of Reality (2011) – fassen die theoretische Arbeit zusammen: Bewusstsein und Materie nicht als zwei getrennte Bereiche, sondern als komplementäre Aspekte einer einzigen physikalischen Wirklichkeit. Damit steht PEAR in derselben Linie wie der unus-mundus-Begriff aus dem Briefwechsel Pauli–Jung.

Was PEAR für uns bedeutet

  • Institutionelle Glaubwürdigkeit. 28 Jahre an einer Top-Ingenieursfakultät, geleitet vom Dean derselben Fakultät, mit echter Drittmittelfinanzierung. Das ist nicht „Esoterik am Rand", sondern Forschung im akademischen Mainstream-Umfeld.
  • Quanten-Zufall als Messinstrument. PEAR hat etwas geschafft, was Rhine mit seinen Würfeln noch nicht konnte: die Verbindung zwischen Bewusstsein und genuin quantenmechanischer Zufälligkeit experimentell zu untersuchen. Die Linie führt direkt zu den Spekulationen von Pauli über Quanten-Nicht-Lokalität und Synchronizität.
  • Effekt-Größe ist nicht alles. 1–2 Teile auf 10.000 klingt nach nichts. Über 2,5 Millionen Versuche aufaddiert ist es Z ≈ 7 – also härter abgesichert als die meisten klinischen Studien, die in The Lancet erscheinen.
  • Kontinuität. Die Linie Rhine (1930) → PEAR (1979) → ICRL (heute) ist eine fast 100-jährige experimentelle Tradition, die nie unterbrochen wurde. Wer behauptet, die Psi-Forschung sei „längst widerlegt", übergeht diese Datenlage.

PEAR hat nicht bewiesen, dass das Bewusstsein die Materie verändert. Es hat etwas Bescheideneres und gleichzeitig Größeres geliefert: einen statistischen Befund, der sich konventionell schlecht erklären lässt – und der den Druck auf die Standardannahme „Psyche und Materie sind getrennt" über drei Jahrzehnte aufrechterhalten hat. Wer die Daten ernst nimmt, kommt nicht umhin, die Bewusstseinsfrage anders zu stellen als die Mainstream-Neurowissenschaft sie heute stellt. Siehe dazu unsere Beiträge zu Bewusstsein und Gehirn und zu Mehrheits- vs. Expertenmeinung.

Quellen

  • Robert G. Jahn & Brenda J. Dunne: Margins of Reality. The Role of Consciousness in the Physical World. Harcourt Brace Jovanovich, San Diego 1987 (Neuauflage ICRL 2009).
  • Robert G. Jahn & Brenda J. Dunne: Consciousness and the Source of Reality. ICRL Press, Princeton 2011.
  • Holger Bösch, Fiona Steinkamp & Emil Boller: Examining Psychokinesis. The Interaction of Human Intention with Random Number Generators – A Meta-Analysis. Psychological Bulletin 132 (4), 2006, S. 497–523.
  • York H. Dobyns, Brenda J. Dunne, Robert G. Jahn & Roger D. Nelson: The MegaREG Experiment. Journal of Scientific Exploration 18 (2), 2004.
  • Benedict Carey: After 28 Years, Princeton Will End ESP Studies. New York Times, 10. Februar 2007.
  • Journal of Scientific Exploration – PEAR-Archiv ab 1987, online zugänglich.