Charles Robert Richet (1850–1935) war einer der einflussreichsten französischen Physiologen seiner Generation: ab 1887 Professor für Physiologie an der Pariser Sorbonne, 1913 Nobelpreis für Medizin/Physiologie für die Entdeckung der Anaphylaxie – jener schweren allergischen Schock-Reaktion, deren Begriff Richet selbst geprägt hatte. Was im populären Wissenschaftsbild fast immer fehlt: Schon ab den 1870er Jahren widmete Richet einen erheblichen Teil seines Lebens der experimentellen Erforschung medialer Phänomene. Er prägte die Begriffe Métapsychique (das französische Wort für Parapsychologie), Ektoplasma, Telekinese und Kryptästhesie. 1905 war er Präsident der Society for Psychical Research, 1922 erschien sein 800-seitiges Standardwerk Traité de Métapsychique. Hundert Jahre später ist es noch immer die umfangreichste systematische Bestandsaufnahme der vor-Rhine-Phase der psi-Forschung.
Wer war Charles Richet?
Richet wurde 1850 in Paris als Sohn des bekannten Chirurgen Alfred Richet geboren – also in eine etablierte Pariser Medizinerfamilie. Er studierte Medizin in Paris, promovierte 1869, wurde 1878 Doktor der Naturwissenschaften und 1887 ordentlicher Professor für Physiologie an der medizinischen Fakultät der Sorbonne. Dort lehrte er bis zu seiner Emeritierung 1925.
Richet war eine universal interessierte Persönlichkeit: Physiologe, Pazifist, Autor von Theaterstücken und Gedichten, langjähriger Herausgeber der Revue scientifique. Als Mediziner experimentierte er früh mit Serumtherapien (Vorarbeiten zur späteren Immuntherapie), arbeitete an der Verdauungsphysiologie und an den Mechanismen der Atmung. Aus dieser Linie heraus stieß er auf das Phänomen, das ihm den Nobelpreis bringen sollte.
Anaphylaxie – der Nobelpreis 1913
Auf einer Atlantik-Forschungsreise mit Prinz Albert I. von Monaco entdeckte Richet 1902 ein Phänomen, das die Physiologie der Allergie für immer verändern sollte: Hunde, denen man wiederholt sehr geringe Dosen eines Seeanemonen-Gifts spritzte, reagierten beim zweiten Kontakt nicht abgeschwächt (wie man bei einer „Gewöhnung" erwartet hätte), sondern mit einem dramatischen, oft tödlichen Schock. Richet nannte diese Reaktion Anaphylaxie – „Gegen-Schutz" – im Gegensatz zur erwarteten Prophylaxie.
Die Entdeckung war die Grundlage der modernen Allergologie und Immunologie. 1913 verlieh ihm die schwedische Akademie den Nobelpreis für Medizin/Physiologie „für seine Arbeiten über die Anaphylaxie". Richets fachmedizinische Reputation war damit auf einer Ebene, die ihn für jede Diskussion über paranormale Themen ähnlich autoritativ machte wie zur selben Zeit William Crookes oder Oliver Lodge in der englischsprachigen Welt.
Früh dabei: psychische Forschung ab den 1870er Jahren
Richets Interesse an medialen und hypnotischen Phänomenen begann früh. Schon 1875, als 25-jähriger Medizin-Promovend, führte er erste systematische Experimente zur Hypnose und zur Übertragung mentaler Inhalte zwischen Versuchsperson und Versuchsleiter durch. 1884 publizierte er in der Revue Philosophique einen Aufsatz La suggestion mentale et le calcul des probabilités – einer der ersten Versuche überhaupt, Telepathie-Experimente statistisch auszuwerten (eine Methode, die Jahrzehnte später J. B. Rhine an der Duke University zum Standard machen sollte).
1890 wurde Richet Mitglied der englischen Society for Psychical Research – eine der wenigen kontinentaleuropäischen Stimmen in einem ansonsten überwiegend britisch geprägten Kreis. 1905 wurde er deren Präsident. Er hielt seine Antrittsrede in London auf Englisch und legte darin sein methodisches Programm dar.
Begriffsschöpfungen, die geblieben sind
Richet war ein begnadeter Begriffsbildner. Vier seiner Wortschöpfungen sind in der psi-Forschung und benachbarten Feldern bis heute Standard:
- Métapsychique (ab 1905, ausgearbeitet 1922) – die wissenschaftliche Untersuchung psychischer Phänomene, die nicht unter die klassische Psychologie fallen. Im deutschen Sprachraum wurde später „Parapsychologie" (Max Dessoir 1889) gebräuchlicher, im französischen blieb „métapsychique" bis in die 1940er Jahre Standard.
- Ektoplasma (etwa 1894) – Richets Begriff für die scheinbare „Materialisationssubstanz", die bei bestimmten physikalischen Medien aus Mund, Ohren oder anderen Körperöffnungen austritt und mehr oder weniger geformte Gebilde produziert. Der Begriff hat das Wort über den Spiritismus-Kontext hinaus überlebt – jeder kennt heute „Ektoplasma" zumindest aus dem Film Ghostbusters.
- Telekinese – die Wirkung mentaler Absicht auf Materie ohne körperlichen Kontakt. Richet hat den Begriff nicht erfunden (das war der russische Forscher Aleksandr Aksakov), aber er hat ihn in der internationalen Fachsprache durchgesetzt.
- Kryptästhesie – wörtlich „verborgene Wahrnehmung", Richets Sammelbegriff für hellsichtige Erscheinungen, Telepathie und Präkognition. Im englischen Sprachraum wurde der Begriff später durch ESP (extra-sensory perception, J. B. Rhine 1934) ersetzt.
Die Pariser Untersuchungen mit Eusapia Palladino
Richet war einer der wichtigsten europäischen Untersucher der italienischen Mediumin Eusapia Palladino. Er nahm bereits 1894 in Île Roubaud (bei seinem eigenen Sommerhaus in Südfrankreich!) an Sitzungen mit ihr teil, zusammen mit Frederic Myers und Oliver Lodge. Diese Sitzungen waren entscheidend dafür, dass die SPR ein Jahr später Palladino nach Cambridge einlud (siehe unsere Beiträge zu Rayleigh und J. J. Thomson).
Ab 1905 organisierte Richet als Direktor des Institut Général Psychologique in Paris die berühmte Sitzungsreihe mit Palladino – jene Untersuchung, an der auch Pierre und Marie Curie teilnahmen (siehe unser Curie-Palladino-Porträt). Richet war der eigentliche Spiritus rector des Programms.
Marthe Béraud / „Eva C." – die kontroverse Episode
1905 bezeugte Richet im Haus des französischen Generals Noël in Algier eine Reihe von Sitzungen mit der jungen Marthe Béraud, die später unter dem Pseudonym Eva C. bekannt wurde. In diesen Sitzungen produzierte Béraud, was Richet als „voll materialisierte Gestalt" beschrieb – einen vermeintlichen Geist namens „Bien Boa". Richet veröffentlichte detaillierte Berichte mit Photographien, die heute zu den meistdiskutierten Bildern der Spiritismus-Geschichte gehören.
Methodisch ist dieser Fall der schwierigste in Richets Werk. Schon kurz nach den Sitzungen erhob ein algerischer Wagenführer den Vorwurf, er sei selbst der „Bien Boa" gewesen – verkleidet, bezahlt. Spätere kritische Analysen der Eva-C.-Photographien zeigten häufig Hinweise auf ausgeschnittene Zeitungsbilder und Gaze. Richet hat trotz dieser Befunde an seiner ursprünglichen Beobachtung festgehalten – ähnlich wie Crookes im Fall Florence Cook. Beide Episoden sind die problematischen Stellen im Werk großer Pioniere; sie gehören zur ehrlichen Darstellung.
„Traité de Métapsychique" (1922)
1922 erschien Richets Lebenswerk: das fast 800 Seiten starke Traité de Métapsychique bei Félix Alcan in Paris (englisch 1923 bei Macmillan unter dem Titel Thirty Years of Psychical Research). Das Buch ist eine systematische, nach Phänomenklassen geordnete Bestandsaufnahme von fast 50 Jahren experimenteller psi-Forschung – mit Tausenden von Einzelfällen, methodischen Diskussionen, statistischen Auswertungen.
Richets Schluss-Position im Traité ist nüchtern und differenziert:
- Subjektive Métapsychique (Telepathie, Hellsehen, Präkognition – also alles, was er „Kryptästhesie" nannte) – nach 30 Jahren experimenteller Befunde für ihn praktisch unbezweifelbar.
- Objektive Métapsychique (Telekinese, Materialisation) – für ihn ebenfalls real, methodisch aber schwieriger und anfälliger für Betrug.
- Überlebensfrage – methodisch nicht entscheidbar; Telepathie unter Anwesenden („Super-Psi") sei eine Alternative zur Überlebenshypothese, die Richet nicht ausschließen wollte.
Diese Position ist dieselbe Klassen-Trennung, die wir auch bei J. J. Thomson und Lord Rayleigh beobachtet haben: welche Klasse von Phänomenen mit welchem Beweisstandard, nicht „alles oder nichts".
„Ich habe die Métapsychique nicht erfunden. Ich habe nur einen Namen für ein Forschungsgebiet vorgeschlagen, das längst existierte, und ich habe dreißig Jahre lang versucht, es mit der Methodik der Physiologie zu behandeln."
— Sinngemäße Wiedergabe einer Selbstcharakterisierung Charles Richets aus dem Vorwort des Traité de Métapsychique (1922)
Das Institut Métapsychique International
Auf Richets Initiative und mit seiner finanziellen Unterstützung gründete der französische Arzt Gustave Geley 1919 in Paris das Institut Métapsychique International (IMI). Es war damit eines der weltweit ersten privatfinanzierten Forschungsinstitute speziell für psi-Forschung – institutionell vergleichbar mit dem späteren Rhine Research Center in Durham. Das IMI existiert bis heute, wenn auch in deutlich reduziertem Umfang, und ist offizielle institution d'utilité publique Frankreichs.
Was bleibt
- Maximale fachmedizinische Autorität. Nobelpreis für Medizin/Physiologie 1913, 38 Jahre Sorbonne-Professor, Mitglied der Académie des sciences. Wer Richet als „leichtgläubig" abtun will, muss erklären, warum dieselbe Person die moderne Allergologie begründet hat.
- Begriffsschöpfungen mit Halbwertszeit.Métapsychique, Ektoplasma, Telekinese, Kryptästhesie – Richets Wortprägungen sind teils noch heute Standard, teils kulturell überall präsent. Wenige Wissenschaftler hinterlassen so viele dauerhafte Begriffe in einem Randgebiet.
- Das Traité de Métapsychique als Wegmarke. 800 Seiten, Tausende von Einzelfällen, methodisch nach Phänomenklassen geordnet – bis heute ist es die ausführlichste Bestandsaufnahme der psi-Forschung vor 1930. Wer die Linie verstehen will, in der Rhine 1930 in Duke ansetzte, kommt am Traité nicht vorbei.
- Ehrlichkeit über die schwierigen Fälle. Die Eva-C.-Episode ist die problematische Stelle in Richets Werk, ähnlich wie der Florence-Cook-Fall bei Crookes. Sie gehört zum Gesamtbild – aber sie entwertet nicht die strenger gesicherten Befunde zur Telepathie und Kryptästhesie.
Richet gehört in die historische Linie, die wir auf dieser Seite verfolgen: Kepler, Crookes, die Curies, Lodge, Rayleigh, J. J. Thomson, Jung, Pauli, Einstein, Rhine, PEAR, Josephson, Dürr, Wigner. Unter den Personen dieser Reihe ist er derjenige, der das Wortvokabular zur Verfügung gestellt hat, mit dem die anderen das Feld überhaupt beschreiben können.
Quellen
- Charles Richet: Traité de Métapsychique. Félix Alcan, Paris 1922 (englisch: Thirty Years of Psychical Research, Macmillan, London/New York 1923; deutsch: Grundriss der Parapsychologie und Parapsychophysik, Hirzel, Leipzig 1923).
- Charles Richet: Souvenirs d'un physiologiste. Peyronnet, Paris 1933 – Autobiographie.
- Charles Richet: L'avenir et la prémonition. Aubier, Paris 1931.
- Charles Richet: La grande espérance. Montaigne, Paris 1933 – Spätschrift zur Überlebensfrage.
- Charles Richet: De quelques phénomènes dits matériels avec le médium algérien Marthe Béraud. Annales des sciences psychiques, 1905 – die ursprünglichen Eva-C.-Berichte.
- Carlos S. Alvarado: Charles Richet and the Origins of Parapsychology. Mehrere Aufsätze im Journal of Scientific Exploration und in der Psi Encyclopedia der SPR.
- Société Française d'Histoire de la Médecine / Académie nationale de médecine – biographische Notizen zu Richet.
