Sir William Crookes (1832–1919) war einer der bedeutendsten Experimentalphysiker des 19. Jahrhunderts: Entdecker des chemischen Elements Thallium (1861), Erfinder der Crookes-Röhre (Vorläufer aller Kathodenstrahl-Geräte, ohne die weder die Röntgenstrahlung noch das Elektron hätten entdeckt werden können) und der Crookes'schen Lichtmühle. Geadelt 1897, Order of Merit 1910, Präsident der Royal Society 1913–1915. Was im Schulbuch fast immer fehlt: Zwischen 1869 und 1875 untersuchte Crookes in seinem Londoner Privatlabor die berühmtesten Medien seiner Zeit unter selbstentworfenen Versuchsanordnungen – allen voran das schottische Levitations-Medium Daniel Dunglas Home und die junge Materialisations-Mediumin Florence Cook. Crookes hat seine Befunde nie zurückgenommen.
Wer war William Crookes?
Crookes wurde 1832 als Sohn eines Londoner Schneiders geboren – ohne ererbtes Vermögen, ohne Universitätszugang im klassischen Sinn. Er studierte am Royal College of Chemistry unter August Wilhelm von Hofmann, baute sich autodidaktisch seine eigene Karriere auf und gründete 1859 das Chemical News, ein Fachblatt, das er fast fünfzig Jahre lang selbst herausgab. 1861 entdeckte er das Element Thallium über die Spektralanalyse seiner grünen Linie – noch im selben Jahr wurde er in die Royal Society aufgenommen.
Es folgte eine außergewöhnliche Karriere als Experimentator. Die Crookes-Röhre (ab 1869), eine evakuierte Glasröhre mit Hochspannungselektroden, war das Werkzeug, mit dem Wilhelm Conrad Röntgen 1895 die Röntgenstrahlung und Joseph John Thomson 1897 das Elektron entdeckte. Die Crookes'sche Lichtmühle (Radiometer, 1873) ist heute in jedem Physik-Kabinett zu sehen. Königliche Ehrungen folgten – die Knighthood 1897, der Order of Merit 1910, schließlich die Präsidentschaft der Royal Society von 1913 bis 1915. Wissenschaftlich war Crookes also alles andere als ein Außenseiter.
Der Einstieg ins Thema (1867–1870)
Der biographische Anstoß war ein persönlicher Verlust. 1867 starb Crookes' jüngerer Bruder Philip auf See. Crookes selbst beschrieb in späteren Schriften, dass er in der Folge erstmals Séancen besuchte – in der Hoffnung auf Kontakt zu seinem Bruder. Daraus wurde innerhalb weniger Jahre etwas anderes: ein systematisches naturwissenschaftliches Untersuchungs-Programm.
1870 publizierte Crookes im Quarterly Journal of Science einen programmatischen Aufsatz mit dem Titel Spiritualism Viewed by the Light of Modern Science. Darin formuliert er, was zur Methodengrundlage seiner ganzen späteren Arbeit werden sollte: Phänomene, die wiederholbar auftreten, gehören in den Bereich der Wissenschaft – unabhängig davon, ob die vorhandene Theorie sie erklären kann oder nicht. Eine Wissenschaft, die Beobachtungen zurückweist, weil sie nicht in ihr Theoriegebäude passen, ist keine Wissenschaft mehr.
Daniel Dunglas Home – das Levitations-Medium
Das wichtigste „Versuchsobjekt" Crookes' war Daniel Dunglas Home (1833–1886), ein in Schottland geborener, in den USA aufgewachsener Medium-Star, der die europäischen Höfe bereiste – von Kaiser Napoleon III. bis zum Zar – und niemals beim Betrug ertappt wurde. Das ist im 19. Jahrhundert unter den physikalischen Medien außergewöhnlich. Selbst der ansonsten extrem skeptische britische Wissenschaftshistoriker Frank Podmore musste das einräumen.
Crookes lud Home zwischen 1870 und 1873 wiederholt in sein privates Labor in der Mornington Road in London. Anwesend waren neben Crookes regelmäßig dessen Bruder Walter, der Arzt William Huggins (ein weiterer FRS) und mehrere Gäste mit nüchternem wissenschaftlichem Hintergrund. Was unter diesen Bedingungen beobachtet wurde:
- Levitation des Mediums: Home erhob sich mehrmals vom Boden, in einem Fall mit den Füßen 30 cm über dem Tisch, in einem Raum mit Gaslicht. Crookes protokollierte die Beobachtungen mit Uhrzeit und Beobachter-Liste.
- Akkordeon-Spiel im Käfig: Home hielt ein Akkordeon an einem Ende fest, im Inneren eines speziell konstruierten, abgeschlossenen Drahtkäfigs unter dem Tisch. Das Akkordeon spielte Melodien, obwohl niemand die Tasten erreichen konnte. Crookes hatte den Käfig selbst entworfen und gebaut, damit kein „Trick mit der freien Hand" möglich war.
- Gewichtsveränderungen: Eine an einem Stativ aufgehängte Holzplatte, deren freies Ende auf einer Balkenwaage ruhte, zeigte gemessene Gewichtsänderungen von bis zu 6½ Pfund, ohne dass Home die Platte berührte. Die Apparatur ist in den Originalpublikationen abgebildet.
Die Apparatur: Crookes erfindet sich Messinstrumente
Was Crookes von früheren Untersuchern unterscheidet, ist die methodische Härte. Er konstruierte sich eigene Messinstrumente, um zu prüfen, ob die behaupteten Phänomene messbar seien – nicht nur „beobachtbar". Die Balkenwaage zur Gewichtsmessung, der Akkordeon-Käfig, später ein Apparat zur Messung mentaler Einwirkung auf eine elektrische Schaltung: alles Eigenentwürfe.
Diese Methodik nimmt strukturell vorweg, was später J. B. Rhine ab 1930 in Duke und das PEAR-Labor ab 1979 in Princeton perfektionieren werden: nicht „Phänomen ja/nein", sondern quantitative Messung als Methode. Crookes ist der Großvater dieser Linie.
„Psychic Force": die kontrollierte Hypothese
Im Juli 1871 publizierte Crookes im Quarterly Journal of Science einen Aufsatz mit dem Titel Experimental Investigation of a New Force. Darin schlägt er vor, die beobachteten Phänomene als Wirkung einer neuen, bisher unbekannten physikalischen Kraft zu erklären, die er Psychic Force nennt – eine Kraft, die offenbar von bestimmten Personen ausgeht und auf Materie wirken kann.
„Die Phänomene, die ich untersucht habe, sind so bizarr und so weit von allem entfernt, was unsere derzeitige Wissenschaft vorhersagen kann, dass nur eine sehr unwillkommene Annahme sie alle erklärt: dass es eine neue Kraft gibt, die in irgendeinem Zusammenhang mit dem menschlichen Organismus steht – eine Kraft, die ich vorläufig die Psychische Kraft nennen will."
— William Crookes, Experimental Investigation of a New Force, 1871 (sinngemäße Wiedergabe)
Wichtig ist: Crookes spricht hier ausdrücklich nicht von „Geistern". Er bleibt bei einer physikalisch-naturwissenschaftlichen Beschreibung. Genau diese Position findet sich später wieder bei Pierre Curie („physikalische Zustände des Raumes, von denen wir keine Vorstellung haben") und bei Albert Einstein („erweiterte Physik nötig"). Die Linie ist konsistent: Spitzen-Physiker des 19. und frühen 20. Jahrhunderts haben mediale Phänomene nicht spiritistisch, sondern physikalisch zu deuten versucht.
Royal-Society-Streit und Karriere
Die Reaktion der etablierten Physik war heftig. Crookes' Aufsatz wurde von dem Physiologen William Carpenter und dem Astronomen George Biddell Airy in der Presse angegriffen. Die Royal Society lehnte eine ausführliche Folgepublikation Crookes' ab. In der zeitgenössischen Karikatur erschien er als Mann, der seinem wissenschaftlichen Ruf hinterherläuft, während dieser ihm davon schwebt.
Bemerkenswert ist, was nicht passierte: Crookes' wissenschaftliche Karriere brach nicht zusammen. Er blieb Fellow der Royal Society, erhielt 1875 die Royal Medal, 1888 die Davy Medal, 1897 die Knighthood. 1896–1899 war er Präsident der Society for Psychical Research, 1898 Präsident der British Association for the Advancement of Science, 1913–1915 Präsident der Royal Society selbst. Die Mediumshafts-Untersuchungen haben ihn beruflich nicht zerstört – aber sie haben ihm zeitweise Spott und Distanzierung gekostet.
Florence Cook und „Katie King" – der schwierige Fall
1874 untersuchte Crookes ein zweites, sehr viel umstritteneres Medium: die damals 17-jährige Florence Cook, die in Trance angeblich die Materialisation einer ganzen, körperlichen Gestalt namens „Katie King" hervorbrachte. Crookes hielt mehrere Wochen lang Sitzungen in seinem eigenen Haus, photographierte „Katie King" und beschrieb sie als von Cook unterscheidbare Person – andere Körpergröße, anderes Gesicht.
Dieser Fall ist methodisch deutlich problematischer als die Home-Versuche. Florence Cook wurde 1880 von dem Skeptiker George Sitwell beim Betrug ertappt; in einer Sitzung war sie selbst der „Geist". Die Crookes-Photos von „Katie King" sind nicht zweifelsfrei zuzuordnen. Spätere kritische Historiker (Trevor Hall, 1962/1984) haben sogar eine persönliche Beziehung zwischen Crookes und Cook unterstellt – diese These ist jedoch quellenmäßig schwach und in der modernen Forschung umstritten.
Für einen ehrlichen Blog ist die richtige Linie: Die Home-Untersuchungen sind methodisch solide und stehen bis heute. Die Cook-Untersuchungen sind problematisch, Crookes hat ihnen aber dennoch geglaubt. Beide Fälle gehören zum Gesamtbild – aber sie haben nicht denselben Beweis-Wert.
Spätere Anerkennung und das stille Festhalten
Was bemerkenswert ist: Crookes hat seine Befunde nie zurückgenommen. Auch nicht in seiner Rede als Präsident der British Association 1898, auch nicht als RS-Präsident 1913. 1889, fast 20 Jahre nach den ersten Home-Sitzungen, publizierte er in den Proceedings of the Society for Psychical Research einen ausführlichen Rückblick (Notes of Séances with D. D. Home), in dem er die Versuche neu darstellt – und an seinen Schlussfolgerungen festhält. In seiner Antrittsrede vor der SPR 1896/97 wiederholte er, dass seine ursprünglichen Beobachtungen sachlich richtig gewesen seien.
Die Tatsache, dass das Establishment ihn trotzdem zum Präsidenten ihrer wichtigsten Gesellschaft wählte, zeigt etwas über die viktorianische Wissenschaftskultur: Sie hat seine Position für falsch gehalten, aber für seriös gehalten. Diese Toleranz ist im 20. Jahrhundert weitgehend verloren gegangen – ein historisches Argument für unseren Beitrag zu Mediumschaft und Macht.
Warum Crookes bis heute wichtig ist
- Maximale wissenschaftliche Autorität. Entdecker eines chemischen Elements, Erfinder der Crookes-Röhre, RS-Präsident. Wer Crookes als „leichtgläubig" abtut, muss erklären, warum die Royal Society ihn als Präsidenten wählte, nachdem er seine Untersuchungen zu Medien publiziert hatte – und nicht trotz, sondern parallel dazu.
- Methodische Pionierarbeit. Crookes hat das, was später Rhine und PEAR perfektionierten, im Privatlabor erfunden: messen statt nur beobachten. Selbstgebaute Apparaturen, Protokolle, mehrere Zeugen, photographische Dokumentation.
- „Psychic Force" als Vorgängerin späterer Hypothesen. Der Versuch, mediale Phänomene als unbekannte physikalische Kraft zu denken, zieht sich über Pierre Curie, Einstein und Pauli bis in heutige Quanten-Bewusstseins-Debatten weiter.
- Standhaftigkeit. Crookes hat unter heftigem Druck nicht widerrufen. Auch das ist – in der heutigen Wissenschaftskultur, in der Reputations-Risiken Forscher schnell zum Schweigen bringen – ein historisch lehrreicher Punkt.
Crookes gehört in die historische Linie, die wir auf dieser Seite verfolgen: Kepler, Jung, Pauli, Einstein, die Curies, Rhine, PEAR. Er ist der älteste in dieser Reihe – und derjenige, der die methodische Brücke zwischen viktorianischem Salon-Spiritismus und moderner experimenteller Forschung erstmals gebaut hat.
Quellen
- William Crookes: Spiritualism Viewed by the Light of Modern Science. Quarterly Journal of Science, Juli 1870.
- William Crookes: Experimental Investigation of a New Force. Quarterly Journal of Science, Juli 1871.
- William Crookes: Researches in the Phenomena of Spiritualism. Burns, London 1874 (Sammelausgabe der QJS-Aufsätze).
- William Crookes: Notes of Séances with D. D. Home. Proceedings of the Society for Psychical Research, Vol. 6, London 1889.
- E. E. Fournier d'Albe: The Life of Sir William Crookes. T. Fisher Unwin, London 1923 (die autorisierte Biografie kurz nach Crookes' Tod).
- William H. Brock: William Crookes (1832–1919) and the Commercialization of Science. Ashgate, Aldershot 2008 (moderne akademische Biografie).
- Trevor H. Hall: The Medium and the Scientist. The Story of Florence Cook and William Crookes. Prometheus, Buffalo 1984 (die kritische Gegenposition zum Cook-Fall – methodisch jedoch umstritten).
