J. B. Rhine und die Duke-Parapsychologie – wie Telepathie ins Labor kam

Veröffentlicht am 2026-05-15 · 11 Min. Lesezeit

Joseph Banks Rhine (1895–1980) hat die Parapsychologie zu einer experimentellen Disziplin gemacht. Vor ihm war Psi-Forschung eine Sache von Séance-Protokollen und Privatuntersuchungen; nach ihm war sie eine Sache von Karten, Würfeln, Statistik und doppelblinden Protokollen. Sein Labor an der Duke University in Durham, North Carolina, war von 1930 bis 1965 das Weltzentrum der psi-Forschung – und es ist die methodische Wurzel, aus der später das CIA-Programm Stargate, die VERITAS-Forschung von Gary Schwartz und die Quintuple-Blind-Methodik von Julie Beischel hervorgegangen sind.

Vom Botaniker zum Psi-Forscher

Rhine wurde 1895 in Pennsylvania geboren, in einer ländlichen Methodisten-Familie. Er studierte Biologie und promovierte 1925 an der University of Chicago in Botanik. Im selben Jahr 1925 schloss seine Frau Louisa Ella Weckesser – die er 1920 geheiratet hatte – ebenfalls in Botanik ab. Wissenschaftlich gesehen war das Ehepaar Rhine eine doppelte Naturwissenschaftler-Existenz.

Der Wendepunkt kam 1922. In Chicago hörten die beiden einen Vortrag von Arthur Conan Doyle, dem Erfinder von Sherlock Holmes, der sich nach dem Tod seines Sohnes im Ersten Weltkrieg dem Spiritualismus zugewandt hatte. Rhine war zunächst skeptisch. Aber die Frage – ob die Phänomene, die in den Séancen beschrieben wurden, einer wissenschaftlichen Untersuchung zugänglich seien – ließ ihn nicht mehr los. 1926 wechselte er nach Harvard zu dem britischen Psychologen William McDougall, einem der bekanntesten Akademiker des Jahrhunderts, der das Thema ernst nahm. 1927 folgte er McDougall an die neu gegründete Duke University in Durham, North Carolina – und blieb dort bis zu seinem Tod.

Das Duke-Labor 1930

1930 richtete Rhine an Dukes Department of Psychology eine kleine Forschungseinheit ein – die erste universitäre Parapsychologie-Abteilung der Welt. Sein Programm war methodisch radikal einfach: Nicht „große" Phänomene wie Materialisationen oder Trance-Stimmen sollten untersucht werden, sondern kleine, statistisch auswertbare Effekte. Wenn Telepathie existiert, dann muss sie sich messen lassen – über die Trefferquote bei einer großen Zahl von Versuchen, gegen das, was der reine Zufall erwarten lässt.

Diese methodische Wende ist die eigentliche Erfindung Rhines. Sie unterscheidet das, was er machte, klar von dem, was die Society for Psychical Research in London seit 1882 betrieben hatte – und sie bildet die DNA der ganzen späteren experimentellen Forschung. Auch die Studien von Archie Roy und Tricia Robertson in Glasgow und die Tressoldi-Meta-Analyse von 2020 stehen direkt in dieser Linie.

Die Zener-Karten

Das Werkzeug, mit dem Rhine berühmt wurde, ist ein scheinbar simples Kartenspiel. Sein Duke-Kollege, der Wahrnehmungspsychologe Karl Zener, entwarf einen Satz von 25 Karten mit fünf Symbolen: Kreis, Quadrat, drei senkrechte Wellenlinien, Kreuz, fünfzackiger Stern. Jedes Symbol kommt fünfmal vor.

Eine Versuchsperson („Sender") sieht eine Karte und versucht, das Symbol auf ein „Empfänger"-Subjekt zu übertragen, das die Karten nicht sehen kann. Der reine Zufall erwartet bei 25 Versuchen 5 Treffer (20 %). Schon kleine, aber konstante Abweichungen nach oben – etwa 7 oder 8 Treffer pro Durchgang über tausende Versuche hinweg – ergeben statistisch enorme Signifikanzen.

Die Zener-Karten haben ihre eigene Kulturgeschichte – Bill Murray hält sie in Ghostbusters, das Symbol-Set ist heute ein Erkennungszeichen. Aber sie waren zuerst ein ernst gemeintes Forschungsinstrument: das erste standardisierte Reiz-Material der experimentellen psi-Forschung.

Der Pearce-Pratt-Versuch 1933/34

Der berühmteste Einzel-Versuch aus dem Duke-Labor ist die Serie mit Hubert Pearce, einem theologisch interessierten Studenten, und J. G. Pratt, einem von Rhines Doktoranden. Über zwei Studienjahre wurden in vier Versuchsreihen insgesamt über 1800 Einzelraten durchgeführt. Pratt saß in einem anderen Gebäude des Campus, Pearce in der Bibliothek; sie waren räumlich völlig getrennt. Pratt zog jede Minute eine Karte, schrieb sie verdeckt auf, Pearce notierte zur selben Zeit seinen Eindruck. Erst danach wurden die Protokolle versiegelt zu Rhine gebracht und verglichen.

Pearce traf statt der zu erwartenden 20 % im Mittel über 30 %. Die statistische Wahrscheinlichkeit, dass ein Ergebnis dieser Größenordnung über 1800 Versuche durch Zufall zustande kommt, liegt jenseits jeder konventionellen Signifikanzschwelle. Der Versuch wurde später unzählige Male nachgerechnet und auf Methodenfehler abgeklopft. Bis heute hat niemand eine zwingende konventionelle Erklärung geliefert.

„Extra-Sensory Perception" 1934

Im April 1934 erschien Rhines erstes Buch: Extra-Sensory Perception, herausgegeben von der Boston Society for Psychic Research. Es fasste 90.000 Einzelraten aus mehreren Jahren Labor-Arbeit zusammen. Aus dem akademischen Fachpublikum schlug die Nachricht in die breite Öffentlichkeit über: Die New York Times berichtete, Magazine titelten, Briefkästen am Duke-Labor liefen über. Der Begriff ESP – „extra-sensory perception" – wurde innerhalb weniger Jahre Allgemeingut. Auch der Begriff Parapsychologie als Bezeichnung für die experimentelle Disziplin (Max Dessoir hatte ihn 1889 erstmals verwendet) etablierte sich im Englischen durch Rhine.

„Wenn Psi existiert, muss es messbar sein. Wenn es nicht messbar ist, ist die Frage nicht entschieden – aber Wissenschaft ist Messen."
— Sinngemäß J. B. Rhine, „Extra-Sensory Perception" 1934

Der erste große Methodenstreit (1935–1940)

Mit dem öffentlichen Erfolg kam die Gegenwehr. Statistiker zerpflückten Rhines Berechnungen, Psychologen warfen ihm „Sensory Leakage" vor (also: dass die Empfänger über sehr feine, normale Wahrnehmungs-Kanäle Informationen aufnehmen könnten), Experimentaldesigner kritisierten die Karten-Mischtechnik. 1937 widmete die American Psychological Association dem Thema eine Hauptsession.

Rhine antwortete nicht mit Polemik, sondern mit besseren Protokollen. Die Mischung wurde maschinell, die Sender wurden räumlich getrennt, die Karten in lichtundurchlässige Hüllen gepackt, die Resultate wurden in versiegelten Umschlägen an Drittpersonen geschickt. Jede Welle der Kritik führte zu einer Welle methodischer Schärfung. Genau dieser Mechanismus – Kritik produziert besseres Design – ist der Grund, warum die heutigen Windbridge-Studien mit fünffacher Verblindung arbeiten. Der Standard, an dem man sie misst, geht auf Rhine und seine Kritiker zurück.

Das „Journal of Parapsychology" 1937

Weil die etablierten Fachzeitschriften die Studien zunehmend ablehnten, gründete Rhine 1937 mit McDougall ein eigenes Peer-Review-Journal: das Journal of Parapsychology. Es erscheint bis heute (mittlerweile am Rhine Research Center) und ist das älteste laufende wissenschaftliche Periodikum des Feldes. Wer die Originalprotokolle der Pearce-Pratt-Studie oder spätere Replikationen nachlesen will, findet sie dort.

Telekinese: Würfel statt Karten

In den späten 1930er Jahren erweiterte Rhine das Programm auf Psychokinese (PK) – also die mögliche Einwirkung der Psyche auf Materie. Das Mittel der Wahl waren Würfel. Versuchspersonen sollten versuchen, durch mentale Konzentration bestimmte Augenzahlen häufiger fallen zu lassen, als der Zufall sie erzeugt. Erste Versuche zeigten kleine, aber konsistente Abweichungen. Auch hier waren die Effekt-Größen klein – aber die Anzahl der Würfe groß, und die statistische Signifikanz entsprechend deutlich.

Dieser PK-Strang ist die direkte Vorgeschichte des späteren Pauli-Effekts-Diskussion und der heutigen Mikro-PK-Forschung mit Zufallsgeneratoren (insbesondere Princeton Engineering Anomalies Research, PEAR, ab 1979).

Louisa Rhine und die spontanen Fälle

Während J. B. Rhine das Labor führte, baute seine Frau Louisa E. Rhine parallel das andere Standbein auf: eine systematische Sammlung spontaner Berichte. Tausende Menschen schrieben dem Duke-Labor und schilderten Vorahnungen, Sterbeerscheinungen, telepathische Eindrücke. Louisa Rhine kodierte und klassifizierte über Jahrzehnte ungefähr 14.000 dieser Berichte. Ihr Buch Hidden Channels of the Mind (1961) ist heute eine der wichtigsten qualitativen Quellen zur Phänomenologie spontaner Psi-Erlebnisse.

Beide Linien – das Labor und die Felddaten – ergeben zusammen das, was die experimentellen Forscher von heute „converging evidence" nennen.

Vom Labor zum Rhine Research Center

1965 ging Rhine offiziell in Pension. Da die Duke-University das Labor nicht weiterführen wollte, gründete er 1962 vorausschauend die Foundation for Research on the Nature of Man (FRNM) – eine unabhängige Institution mit eigenem Gebäude in Durham, in direkter Nähe der Universität. Aus ihr wurde 1995 das heute existierende Rhine Research Center. Es ist eine der wenigen Institutionen weltweit, die ohne Unterbrechung seit 1930 experimentell zum Thema arbeitet.

Rhine starb am 20. Februar 1980 in Hillsborough, North Carolina, mit 84 Jahren.

Was bleibt

  • Methodische Wende. Vor Rhine war psi eine Frage von Anekdoten und Séance-Protokollen. Nach Rhine ist sie eine Frage von Studien-Design, Statistik und Verblindung. Das ganze moderne Feld – von der Glasgow-Studie über Schwartz/VERITAS bis zu Beischel/Windbridge – arbeitet methodisch in seiner Linie.
  • Stargate und die staatlichen Programme. Als die CIA und die DIA in den 1970er Jahren ihr Remote-Viewing-Programm aufbauten, griffen sie auf die Rhine-Methodik zurück. Auch in den parallelen Programmen anderer Länder ist Rhine der gemeinsame methodische Bezugspunkt.
  • Pauli, Jung, Synchronizität.Wolfgang Pauli diskutierte im Briefwechsel mit C. G. Jung, ob die Rhine-Resultate über die quantenmechanische Nicht-Lokalität verständlich gemacht werden könnten. Rhine wurde damit zum empirischen Anker einer rein theoretischen Debatte.
  • Eine Disziplin, die nicht verschwindet. Die Mainstream-Psychologie hat die Parapsychologie nach 1980 marginalisiert – aber sie hat sie nicht widerlegt. Die Effektgrößen, die Rhine fand, sind in modernen Meta-Analysen weitgehend stabil geblieben (siehe die Tressoldi-Meta-Analyse und unser Beitrag zu Mehrheits- vs. Expertenmeinung).

Rhine selbst hat nie behauptet zu wissen, was Psi sei. Er hat behauptet, dass es etwas gebe, das sich messen lasse, und dass die Wissenschaft die Pflicht habe, das ernst zu nehmen. Genau dieser nüchterne, methodisch saubere Zugriff ist der Grund, warum die Duke-Schule bis heute fortwirkt.

Quellen

  • J. B. Rhine: Extra-Sensory Perception. Boston Society for Psychic Research, 1934.
  • J. B. Rhine: New Frontiers of the Mind. The Story of the Duke Experiments. Farrar & Rinehart, New York 1937.
  • J. B. Rhine & J. G. Pratt: Parapsychology. Frontier Science of the Mind. Charles C. Thomas, Springfield 1957.
  • Louisa E. Rhine: Hidden Channels of the Mind. Sloane, New York 1961.
  • Seymour H. Mauskopf & Michael R. McVaugh: The Elusive Science. Origins of Experimental Psychical Research. Johns Hopkins University Press 1980.
  • Stacy Horn: Unbelievable. Investigations into Ghosts, Poltergeists, Telekinesis, and Other Unseen Phenomena from the Duke Parapsychology Laboratory. HarperCollins, New York 2009.
  • Journal of Parapsychology (seit 1937, fortlaufend) – Archiv über das Rhine Research Center (rhine.org).