Sir J. J. Thomson (1856–1940) – Entdecker des Elektrons als SPR-Mitglied

Veröffentlicht am 2026-05-16 · 10 Min. Lesezeit

Sir Joseph John Thomson (1856–1940) – „J. J." für die ganze Physikergeneration nach ihm – war einer der Architekten der modernen Atomphysik: Cavendish Professor of Physics in Cambridge von 1884 bis 1919 (Nachfolger Lord Rayleighs, Vorgänger Ernest Rutherfords), Entdecker des Elektrons 1897, Nobelpreis für Physik 1906, geadelt 1908, Order of Merit 1912, Präsident der Royal Society 1915–1920, Master of Trinity College Cambridge von 1918 bis zu seinem Tod 1940. Was im populären Wissenschaftsbild fast immer fehlt: Thomson war jahrzehntelang Mitglied der Society for Psychical Research, war 1895 bei den Cambridge-Sitzungen mit Eusapia Palladino persönlich anwesend und nahm das Thema in seiner Autobiographie von 1936 ausdrücklich auf.

Wer war J. J. Thomson?

Thomson wurde 1856 in Cheetham Hill bei Manchester als Sohn eines Buchhändlers geboren. Er ging früh ans Owens College Manchester (heute University of Manchester), dann mit einem Stipendium nach Trinity College Cambridge. 1884 wurde er, mit nur 28 Jahren, zum dritten Cavendish Professor of Physics berufen – als Nachfolger Lord Rayleighs. Die Wahl war eine Überraschung; Thomson war damals einer der jüngsten Inhaber dieser Stelle, mit eher theoretischem als experimentellem Hintergrund.

Trotz dieses Anfangs entwickelte er das Cavendish Laboratory zum bedeutendsten experimentalphysikalischen Institut der Welt. Sieben seiner Schüler erhielten später den Nobelpreis – darunter Ernest Rutherford, Charles Glover Barkla, Charles Thomson Rees Wilson, Owen Richardson, William Lawrence Bragg, Francis Aston, Edward Victor Appleton. Auch Thomsons Sohn George Paget Thomson erhielt 1937 den Nobelpreis (für den experimentellen Nachweis der Welleneigenschaft des Elektrons). Vater und Sohn auf einer Liste, einmal für die Teilchen-, einmal für die Wellennatur derselben Entität – ein sehr englisches Detail.

Die Entdeckung des Elektrons (1897)

Thomsons Hauptwerk ist die Identifizierung der Kathodenstrahlen als negativ geladene Teilchen mit einer Masse weit unterhalb der des Wasserstoffatoms. Die Versuchsanordnung baute auf den Crookes-Röhren auf (siehe unseren Beitrag zu William Crookes). Thomson zeigte, dass die Ablenkung der Strahlen durch elektrische und magnetische Felder ein konstantes Verhältnis von Ladung zu Masse ergibt – unabhängig vom verwendeten Kathodenmaterial. Daraus folgte die Existenz eines elementaren Bausteins der Materie, der allen Atomen gemeinsam ist: des Elektrons. Die Veröffentlichung erschien im Oktober 1897 in den Philosophical Magazine. Der Nobelpreis folgte 1906.

Mit anderen Worten: Wie schon bei Crookes, den Curies, Lodge und Rayleigh – ein Physiker ersten Ranges, dessen wissenschaftliche Autorität in dem Moment, in dem er sich der psi-Forschung näherte, völlig unbestritten war.

Eintritt in die SPR

Thomson trat in den 1890er Jahren der Society for Psychical Research bei – nicht als Gründungsmitglied wie Sidgwick oder Myers, aber doch früh und für Jahrzehnte aktiv. Wie schon bei Rayleigh und Lodge war die SPR im viktorianischen und edwardianischen Cambridge keine Außenseiter-Vereinigung, sondern Teil der etablierten Trinity-College-Welt. Thomson saß im SPR-Council, beteiligte sich an Diskussionen, hielt aber im Unterschied zu Crookes oder Lodge keine eigenen Publikationen zum Thema vor – seine Position war von Anfang an die des vorsichtigen Mitläufers, nicht des aktiven Forschers.

Die Cambridge-Palladino-Sitzungen 1895

Im August und September 1895 brachten Henry Sidgwick und Frederic Myers die italienische Mediumin Eusapia Palladino nach Cambridge, in Myers' Haus an den Selwyn Gardens. Thomson war bei mehreren dieser Sitzungen persönlich anwesend, neben Oliver Lodge, Richard Hodgson, Walter Leaf und anderen SPR-Köpfen.

Was Thomson dort beobachtete, hat er später in seiner Autobiographie kurz beschrieben: einige der berichteten Phänomene konnte er nicht erklären – aber Hodgsons Befunde, dass Palladino bei lockerer Kontrolle nachweislich schummelte, hinterließen einen bleibenden Eindruck. Die Cambridge-Sitzungen 1895 sind für die SPR ein Wendepunkt – die offizielle Distanzierung von Palladino erfolgte unmittelbar danach. Für Thomson persönlich wurden sie zur Bestätigung einer Grundüberzeugung: bei physikalischer Mediumshaft ist Vorsicht oberstes Gebot.

Thomsons Position: vorsichtige Offenheit

Thomson hat sich – anders als Crookes oder Lodge – nie zu einer Survival-Hypothese öffentlich bekannt. Aber er hat auch nie behauptet, das Feld sei methodisch erledigt. Seine Position lässt sich am ehesten so beschreiben:

  • Telepathie: ernsthaft genug, um untersucht zu werden. Thomson hielt die statistische Evidenz aus den Gurney-Myers-Podmore-Studien für nicht trivial wegerklärbar.
  • Physikalische Mediumshaft (Tisch-Levitation, Materialisation): stark skeptisch nach den Palladino-Erfahrungen. Zu viele Möglichkeiten der Täuschung, zu wenige saubere Replikationen.
  • Überleben des Bewusstseins nach dem Tod: als wissenschaftliche Frage offen, aber nicht durch Mediumshafts-Evidenz alleine entscheidbar.

Diese Trennung ist im SPR-Umfeld typisch – auch Rayleigh und der Cambridge-Philosoph Henry Sidgwick teilten sie weitgehend. Sie ist methodisch ein guter Filter: nicht „alles oder nichts", sondern welche Klasse von Phänomenen mit welchem Beweisstandard.

„Recollections and Reflections" (1936)

1936 publizierte Thomson, vier Jahre vor seinem Tod, seine Autobiographie Recollections and Reflections bei Macmillan. Sie ist primär eine Wissenschaftler-Erinnerung: Cambridge, das Cavendish-Labor, die Schüler, die Zeit als RS-Präsident und Master of Trinity. Aber das Buch enthält auch ein eigenes Kapitel über seine psi-Erfahrungen – kurz, vorsichtig formuliert, aber nicht abwiegelnd. Thomson rekonstruiert die Palladino-Sitzungen, beschreibt einzelne nicht erklärbare Beobachtungen und kommt zu dem Schluss, dass nach Jahrzehnten ernsthafter Beschäftigung die Frage der Telepathie für ihn offener sei als zu Beginn, die Frage der physikalischen Materialisation hingegen praktisch entschieden – im negativen Sinn.

Bemerkenswert ist, dass ein 80-jähriger Nobelpreis-Physiker und Master of Trinity dem Thema in seinem letzten großen Buch überhaupt ein Kapitel widmet. Wer es für „Spinnerei" hielte, ließe das weg. Thomson tat es nicht.

„Nach langer Beschäftigung halte ich es für gut möglich, dass es eine Form der Gedanken-Übertragung gibt, die unsere derzeitige Physik nicht erklärt. Bei den dramatischeren Phänomenen – Levitationen, Materialisationen – habe ich keine solche Überzeugung gewinnen können."
— Sinngemäße Wiedergabe der Schluss-Position Thomsons im Kapitel über psychische Forschung, Recollections and Reflections (1936)

Vergleich mit Lodge und Rayleigh

Drei Cavendish-nahe Physiker, drei Positionen zur selben Frage:

  • Lodge (1851–1940): nach 1915 öffentlich von der Survival-Hypothese überzeugt, schreibt Raymond und drei weitere Bücher dazu.
  • Rayleigh (1842–1919): vorsichtige „dritte Position" – Telepathie ernst, Survival ungeklärt, alles unter methodischer Strenge.
  • Thomson (1856–1940): vorsichtige Offenheit für Telepathie, klare Skepsis bei physikalischer Mediumshaft, kein öffentliches Survival-Bekenntnis.

Bemerkenswert ist die Übereinstimmung im Wesentlichen: Alle drei haben das Feld nicht abgetan. Sie haben es differenziert. Genau diese Differenzierung – die Trennung zwischen den verschiedenen Klassen psi-relevanter Phänomene – fehlt im populären „Mainstream gegen Esoterik"-Bild der Wissenschaft des 20. Jahrhunderts.

Was bleibt

  • Maximale wissenschaftliche Autorität. Entdecker des Elektrons, Nobelpreis 1906, RS-Präsident, Master of Trinity. Wenn so jemand jahrzehntelang SPR-Mitglied bleibt und in seiner Autobiographie ein Kapitel zum Thema schreibt, ist das ein Datum, das in die Wissenschaftsgeschichte gehört.
  • Anwesend in Cambridge 1895. Thomson war einer der direkten Augenzeugen der Palladino-Sitzungen, die für die SPR und die englische psi-Forschung ein methodisches Schlüsselereignis wurden.
  • Klassen-Trennung als Methode. Nicht „alles oder nichts", sondern „welches Phänomen mit welchem Beweisstandard". Diese Methodik hat sich in der späteren experimentellen Forschung von Rhine bis Beischel durchgesetzt.
  • Stille Standhaftigkeit. Thomson hat sich nie öffentlich für die psi-Forschung exponiert wie Lodge oder Crookes. Aber er hat sie auch nie verlassen. Diese Form des stillen Mitwirkens ist im Wissenschaftsbetrieb möglicherweise einflussreicher als das laute Bekenntnis.

Thomson gehört in die historische Linie, die wir auf dieser Seite verfolgen: Kepler, Crookes, die Curies, Lodge, Rayleigh, Jung, Pauli, Einstein, Rhine, PEAR. Unter ihnen ist er der zurückhaltendste – und gerade deshalb derjenige, dessen bloße langjährige Mitgliedschaft in der SPR ein eigenständiges historisches Argument ist.

Quellen

  • J. J. Thomson: Recollections and Reflections. Macmillan, London 1936 – Autobiographie, mit einem Kapitel zu seinen Erfahrungen in der psi-Forschung.
  • J. J. Thomson: Cathode Rays. Philosophical Magazine, Vol. 44, October 1897 – die Elektron-Entdeckung.
  • Lord Rayleigh (4. Baron, Robert John Strutt): The Life of Sir J. J. Thomson, O. M.. Cambridge University Press, Cambridge 1942 – Standard-Biographie.
  • Edward A. Davis & Isabel J. Falconer: J. J. Thomson and the Discovery of the Electron. Taylor & Francis, London 1997.
  • Dong-Won Kim: Leadership and Creativity. A History of the Cavendish Laboratory, 1871–1919. Kluwer, Dordrecht 2002.
  • Proceedings of the Society for Psychical Research – Berichte zu den Palladino-Cambridge-Sitzungen 1895 (Vol. 11/12), online über spr.ac.uk.