Lord Rayleigh (1842–1919) – der Argon-Entdecker als SPR-Präsident

Veröffentlicht am 2026-05-16 · 11 Min. Lesezeit

John William Strutt, 3. Baron Rayleigh (1842–1919), war einer der bedeutendsten britischen Physiker des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts: Cavendish Professor of Physics in Cambridge (1879–1884, als Nachfolger James Clerk Maxwells), Nobelpreis für Physik 1904 für die Entdeckung des Edelgases Argon (gemeinsam mit William Ramsay), Begründer der nach ihm benannten Rayleigh-Streuung – der physikalischen Erklärung, warum der Himmel blau ist. Master of Trinity College Cambridge 1908–1919, Order of Merit 1905, Präsident der Royal Society 1905–1908. Im selben Jahr, in dem er starb, war er Präsident der Society for Psychical Research – und hielt im Januar 1919 eine Rede, in der er auf jahrzehntelange vorsichtige psi-Forschung zurückblickte.

Wer war Lord Rayleigh?

Rayleigh wurde 1842 in Langford Grove (Essex) als ältester Sohn der englischen Adelsfamilie Strutt geboren. Er ging nach Trinity College Cambridge und wurde 1865 Senior Wrangler – die mathematisch begabteste Position seines Jahrgangs. 1873 erbte er den Titel des 3. Baron Rayleigh und den Familiensitz in Terling Place, Essex, wo er sich ein privates Laboratorium einrichtete. Dort entstand der größte Teil seines wissenschaftlichen Werks, oft ohne formelle akademische Anbindung.

1879 berief ihn Cambridge zum zweiten Cavendish Professor of Physics – als Nachfolger James Clerk Maxwells und Vorgänger Joseph John Thomsons (dem späteren Entdecker des Elektrons). Diese Professur ist eines der drei oder vier wichtigsten Physik-Ämter der Welt im 19./20. Jahrhundert. Nach Cambridge zog er sich wieder nach Terling zurück, wurde aber 1908 als Master of Trinity College nach Cambridge zurückgerufen – ein Amt, das er bis zu seinem Tod 1919 innehatte.

Wissenschaftliche Leistungen

Rayleighs wissenschaftliches Werk ist außergewöhnlich breit. Die wichtigsten Punkte:

  • Rayleigh-Streuung (1871). Die Erklärung, warum das Sonnenlicht in der Atmosphäre an Luftmolekülen so streut, dass kurze (blaue) Wellenlängen viel stärker abgelenkt werden als lange (rote). Daher der blaue Himmel und das rote Abendrot. Eine der elegantesten Ableitungen der klassischen Optik.
  • Entdeckung des Argons (1894/95, mit William Ramsay). Bei Präzisionsmessungen der Dichte des Stickstoffs fiel Rayleigh ein winziger systematischer Unterschied auf – aus der Luft gewonnener Stickstoff war geringfügig dichter als chemisch hergestellter. Daraus folgte die Entdeckung eines bisher unbekannten Edelgases. Nobelpreis für Physik 1904; Ramsay erhielt im selben Jahr den Nobelpreis für Chemie.
  • Rayleigh-Jeans-Gesetz. Die klassische Beschreibung der Hohlraumstrahlung, deren Versagen bei hohen Frequenzen (die „Ultraviolett-Katastrophe") 1900 Max Planck zur Quantenhypothese führte.
  • Theorie des Schalls. Sein zweibändiges Werk The Theory of Sound (1877/78) blieb über 50 Jahre das Standardwerk der Akustik weltweit.
  • Zahlreiche Arbeiten zu Hydrodynamik, Kapillarität, Viskosität, Beugung, Photometrie.

Mit anderen Worten: Rayleigh ist im Kanon der Physik unbestritten. Wer ihn als „leichtgläubig" abtun will, muss erklären, warum die Royal Society ihn zum Präsidenten wählte (1905–08), warum die schwedische Akademie ihm den Nobelpreis verlieh und warum Cambridge ihn zum Master von Trinity machte.

Eintritt in die SPR – die Cambridge-Verbindung

Die Society for Psychical Research wurde 1882 in Cambridge gegründet, ganz im Umfeld von Trinity College. Gründungsmitglieder waren Henry Sidgwick (Knightbridge-Professor für Moralphilosophie in Cambridge), Frederic Myers, Edmund Gurney – ein hochkarätiger, sehr akademischer Kreis. Sidgwick war Rayleighs persönlicher Bekannter; beide bewegten sich in derselben Cambridger Intellektuellen-Welt.

Ein wichtiger biographischer Punkt: Rayleighs Frau war Evelyn Balfour, Schwester von Arthur James Balfour – dem späteren britischen Premierminister (1902–05). Balfour war 1893 selbst Präsident der SPR. Mit ihm und über die Sidgwicks war Rayleigh in das Zentrum jener anglikanisch-akademischen Elite eingebunden, die die psi-Forschung in Cambridge institutionalisierte. Diese Konstellation – ein Premierminister, ein Cavendish-Professor und ein Knightbridge-Philosoph als SPR-Präsidenten innerhalb einer Generation – wäre heute in jeder Wissenschaftsdebatte ein Argument für sich.

Eusapia Palladino und die Cambridge-Sitzungen 1895

Im August und September 1895 brachten Sidgwick und Myers die italienische Mediumin Eusapia Palladino nach Cambridge, in das Haus von Frederic Myers in Selwyn Gardens. Über mehrere Wochen wurden rund 20 Séancen abgehalten, mit wechselnden Teilnehmern aus dem SPR-Umfeld – darunter Oliver Lodge, Richard Hodgson und der Physiker Joseph John Thomson.

Die Cambridge-Sitzungen endeten dramatisch: Hodgson, einer der schärfsten Skeptiker der SPR, dokumentierte mehrere Fälle, in denen Palladino bei lockerer Hand- und Fußkontrolle nachweislich schummelte. Die SPR distanzierte sich daraufhin offiziell. Lodge, der zuvor in Italien sehr positiv gesehen hatte, war enttäuscht. Rayleigh war als Cavendish-Professor und SPR-Council-Mitglied in die Diskussionen einbezogen; ob er einzelnen Cambridge-Sitzungen persönlich beiwohnte, ist quellenmäßig nicht eindeutig dokumentiert. Sein Stil war jedenfalls der eines methodisch extrem vorsichtigen Beobachters – nicht eines Begeisterten.

Methodische Vorsicht – Rayleighs Position

Rayleighs Grundhaltung lässt sich aus seinen publizierten Beiträgen in den Proceedings of the SPR und aus den biographischen Quellen (vor allem aus der Biografie seines Sohnes R. J. Strutt, 1924) gut rekonstruieren. Drei Punkte sind charakteristisch:

  • Trennung zwischen Telepathie und physikalischen Phänomenen. Rayleigh hielt die statistische Evidenz für Telepathie (aus den Gurney–Myers–Podmore-Studien und späteren Replikationen) für ernsthafter als die physikalischen Materialisations- und Tisch-Levitations-Befunde. Das ist eine differenzierte, nicht eine pauschale Position.
  • Betrugsbefunde nicht verallgemeinern. Dass Medien wie Palladino beim Schummeln ertappt wurden, war für Rayleigh kein Argument, das ganze Feld zu verwerfen. Er bestand darauf, dass methodische Strenge auf den Einzelfall anzuwenden sei, nicht auf die Kategorie.
  • Nichtwissen aushalten. Rayleigh war bereit, Phänomene als „nicht erklärbar mit gegenwärtiger Physik" stehen zu lassen, ohne sich auf eine Erklärung – weder skeptisch noch spiritualistisch – festzulegen. Das ist methodisch erwachsen, im Wissenschaftsbetrieb aber bis heute selten.

Die Präsidentschaftsrede 1919

Am 29. Januar 1919 hielt Rayleigh als Präsident der SPR seine Antrittsrede vor der Jahresversammlung in London (publiziert in den Proceedings of the SPR, Vol. 30, 1919/20). Es war seine späte Bilanz: Rayleigh war damals 76 Jahre alt, hatte die SPR seit ihren Anfangsjahren begleitet, und er wusste – wie sich rückblickend zeigt –, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb. Er starb fünf Monate später, am 30. Juni 1919.

In der Rede zog Rayleigh kein bahnbrechendes Fazit. Er bestätigte aber, dass nach jahrzehntelanger Beschäftigung Phänomene übrig geblieben seien, die er mit seinem gesamten physikalischen Wissen nicht wegerklären könne – insbesondere im Bereich der Telepathie, und in einzelnen Fällen physikalischer Manifestationen. Gleichzeitig warnte er vor Übereifer und vor der Verwechslung von „bemerkenswertem Phänomen" mit „bewiesener Überlebenshypothese". Die Aufgabe der SPR sei, das Feld weiter mit derselben Vorsicht zu beackern, mit der die Physik selbst vorgehe.

„Ich habe in dieser Gesellschaft viel gelernt – nicht zuletzt, dass es Erscheinungen gibt, die ich mit den Mitteln meiner eigenen Wissenschaft nicht erklären kann, und dass es unwissenschaftlich wäre, sie deshalb für unwirklich zu halten."
— Sinngemäße Wiedergabe der Position Lord Rayleighs in seiner SPR-Präsidentschaftsrede vom 29. Januar 1919 (Proceedings of the SPR, Vol. 30)

Was bleibt

  • Maximale wissenschaftliche Reputation. Nobelpreis Physik 1904, RS-Präsident, Cavendish Professor, Master of Trinity. Rayleigh ist die wissenschaftlich höchstausgezeichnete Person, die je SPR-Präsident war.
  • Differenzierte Position. Anders als Crookes oder Lodge hat Rayleigh sich nie öffentlich auf eine Survival-Hypothese eingelassen. Aber er hat auch nie behauptet, das Feld sei methodisch erledigt. Diese „dritte Position" – ernst nehmen, ohne sich festzulegen – ist die methodisch reifste der drei.
  • Eingebettet in eine Elite. Über seine Frau (Schwester des Premierministers Balfour) und seine Cambridge-Kollegen war Rayleigh Teil einer aristokratisch-akademischen Schicht, die die psi-Forschung als seriöses Wissenschaftsfeld behandelte. Diese Konstellation ist im 20. Jahrhundert weitgehend verloren gegangen – ein Argument, das wir in unserem Beitrag zu Mediumschaft und Macht ausführen.
  • Späte Bilanz. Die Präsidentschaftsrede von 1919 ist Rayleighs letztes größeres öffentliches Statement zum Thema – fünf Monate vor seinem Tod. Sie war ein methodischer Auftrag, nicht ein persönliches Bekenntnis.

Rayleigh gehört in die historische Linie, die wir auf dieser Seite verfolgen: Kepler, Crookes, die Curies, Lodge, Jung, Pauli, Einstein, Rhine, PEAR. Unter ihnen ist er der vorsichtigste – und damit derjenige, dessen Stimme heute am schwersten zu widerlegen ist.

Quellen

  • Lord Rayleigh: Presidential Address. Proceedings of the Society for Psychical Research, Vol. 30, London 1919/20.
  • Lord Rayleigh: Scientific Papers. 6 Bände, Cambridge University Press 1899–1920.
  • Lord Rayleigh: The Theory of Sound. 2 Bände, Macmillan, London 1877/78 (mehrere Auflagen).
  • Robert John Strutt (4. Baron Rayleigh): Life of John William Strutt, Third Baron Rayleigh. Edward Arnold, London 1924 (Sohn-Biografie, Standardquelle).
  • Robert Bruce Lindsay: Lord Rayleigh — The Man and His Work. Pergamon, Oxford 1970.
  • Alan Gauld: The Founders of Psychical Research. Routledge & Kegan Paul, London 1968 – zur Cambridge-SPR-Gründungsphase.