Albert Einstein (1879–1955) gilt heute als das Sinnbild des nüchternen, rationalen Physikers. Was im populären Bild fast vollständig fehlt: 1930, auf dem Höhepunkt seines Ruhms, schrieb Einstein das Vorwort zur deutschen Ausgabe von Upton Sinclairs Buch Mental Radio – einer mehrjährigen Dokumentation telepathischer Versuche zwischen Sinclair und seiner Frau Mary Craig Sinclair. Einstein nahm die Befunde ausdrücklich ernst. Damit ist er, neben Wolfgang Pauli und C. G. Jung, ein weiterer prominenter Vertreter der Wissenschaft des 20. Jahrhunderts, der das Paranormale nicht abtat – sondern es der Wissenschaft als Aufgabe vorlegte.
Upton und Mary Craig Sinclair
Upton Sinclair (1878–1968) war einer der bekanntesten amerikanischen Schriftsteller seiner Zeit – Pulitzer-Preisträger, sozialkritischer Romancier, Autor von The Jungle (1906) und über 90 weiteren Büchern. Seine zweite Frau, Mary Craig Kimbrough Sinclair (1882–1961), stammte aus einer wohlhabenden Familie aus Mississippi und war seit ihrer Kindheit an, wie sie selbst beschrieb, ungewöhnlich „empfindlich" für mentale Eindrücke anderer Menschen.
Ab 1928 begann das Ehepaar systematisch, diese Eindrücke unter kontrollierten Bedingungen zu prüfen. Upton arbeitete als Versuchsleiter und Skeptiker; Mary als „Empfängerin". Über zwei Jahre entstanden so rund 290 dokumentierte Einzelversuche, die Upton 1930 in Pasadena als Buch publizierte. Mit den Sinclairs stand Einstein zu diesem Zeitpunkt bereits in brieflichem Kontakt; persönlich begegneten sie sich Anfang 1931, als Einstein zu einem mehrmonatigen Gastaufenthalt an das California Institute of Technology nach Pasadena kam.
Die Versuche: Methode und Resultate
Das Protokoll war einfach und konsequent durchgehalten. Upton (oder ein Familienangehöriger als „Sender") zeichnete in einem anderen Zimmer eine einfache Skizze – ein Vogel, ein Stuhl, ein geometrisches Symbol – versiegelte sie in einem Umschlag und legte sie vor sich hin. Mary entspannte sich im Nebenraum bis in einen halbschlafartigen Zustand und notierte oder skizzierte spontan ihren Eindruck. Erst danach wurden Original und Empfänger-Zeichnung verglichen.
Von den ~290 Versuchen wurden im Buch 65 als „erfolgreich" (nahezu identisch), 155 als „teilweise erfolgreich" (klar erkennbare Ähnlichkeiten) und der Rest als „Fehlschlag" klassifiziert. Die genaue Trefferquote ist methodisch nicht so sauber wie bei Rhines späteren Zener-Karten-Studien, aber die qualitative Ähnlichkeit vieler Zeichnungs-Paare ist auch heute noch erstaunlich – das Buch reproduziert sie in Originalfaksimile. Walter Franklin Prince von der American Society for Psychical Research bestätigte 1932 in einem unabhängigen Gutachten die methodische Sorgfalt der Sinclairs.
Einsteins Vorwort 1930 – im Wortlaut
Die deutsche Ausgabe erschien 1930 im Hirzel-Verlag, Leipzig, unter dem Titel Mentale Radio: Experimente in Telepathie. Einstein verfasste das Vorwort eigenhändig auf Deutsch. Der Text ist kurz, aber präzise. Hier in voller Länge:
„Die Ergebnisse der in dem Buche sorgfältig und plastisch geschilderten telepathischen Experimente liegen sicherlich weit jenseits desjenigen, was ein Naturforscher für möglich hält. Andererseits ist es bei einem so gewissenhaften Beobachter und Schriftsteller wie Upton Sinclair von vornherein ausgeschlossen, daß er die Leserwelt bewußt täusche; seine Wahrhaftigkeit und Zuverlässigkeit kann nicht angezweifelt werden. Wenn also die Tatsachen sich, was mir nicht zweifelhaft scheint, wirklich so verhalten, wie er sie schildert, so wird sich der Psychologe, ebenso wie der Physiker, mit ihnen ausführlich auseinanderzusetzen haben."
— Albert Einstein, Vorwort zu Upton Sinclair, Mentale Radio, Leipzig 1930
Drei Dinge sind an diesem Text bemerkenswert:
- Einstein behauptet nicht, Telepathie sei bewiesen. Er behauptet, dass die geschilderten Tatsachen nicht zweifelhaft seien – also dass das, was Sinclair beschreibt, real stattfand.
- Er zieht daraus eine wissenschaftspolitische Konsequenz: Wenn das so ist, hat die Wissenschaft die Pflicht, sich damit zu beschäftigen.
- Er adressiert ausdrücklich nicht nur den Psychologen, sondern auch den Physiker. Das ist keine rein psychologische Auslegung im Sinne Jungs – Einstein sieht die Frage als naturwissenschaftliche.
Einsteins generelle Haltung: noch unverstandene Naturgesetzlichkeit
Einstein war kein Spiritist und hat sich nie auf die Überlebenshypothese eingelassen. Aber er war ausdrücklich kein Skeptiker im Sinne einer prinzipiellen Ablehnung. In Briefen und Gesprächen wiederholte er eine bestimmte Position: Telepathie und verwandte Phänomene seien, falls real, am ehesten als noch unverstandene physikalische Eigenschaft der Natur zu betrachten – nicht als übernatürliches Geschehen. Eine erweiterte, noch nicht formulierte Physik werde sich, wenn die Daten halten, mit ihnen befassen müssen.
Damit nimmt Einstein eine eigenständige vierte Position ein – neben:
- Jungs psychologischer Lesart (autonome Komplexe, kollektives Unbewusstes),
- Paulis quantenphysikalischer Spekulation (Nicht-Lokalität, Synchronizität),
- Rhines experimenteller Methodik (Karten, Würfel, Statistik).
Einsteins Position lässt sich zusammenfassen als: „Wenn die Phänomene real sind, brauchen wir eine erweiterte Physik – aber wir wissen heute noch nicht, wie." Das ist ein offener, methodisch vorsichtiger Empirismus, kein Bekenntnis.
Einstein und J. B. Rhine
Einstein verfolgte auch die Arbeiten von Joseph Banks Rhine an der Duke University. Rhine schickte ihm Aufsätze und Bücher zur Begutachtung; Einstein antwortete höflich, manchmal kritisch zu methodischen Details, nie ablehnend zum Thema selbst. Auch hier dieselbe Grundhaltung: Wenn die statistischen Befunde halten, dann liegt ein realer Befund vor, an dem die Physik nicht vorbeikommt.
Der konkrete Briefwechsel ist im Rhine-Archiv in Durham erhalten. 1946 schickte Rhine sein Buch The Reach of the Mind an Einstein. In seinem Antwortbrief vom Juni 1946 bestätigt Einstein die methodische Sorgfalt der Arbeit, bringt aber bestimmte statistische Vorbehalte gegen die Auswertung der Karten-Experimente ein und wünscht sich engere Kontrollen. Er lehnt das Untersuchungsfeld aber nicht ab, im Gegenteil: Er hält die Resultate für ernst genug, um sich die Mühe einer detaillierten methodischen Auseinandersetzung zu machen – die Art Aufwand, die kein Wissenschaftler einem Thema widmet, das er für Humbug hält.
In einem Brief aus demselben Jahr 1946 an den österreichisch-amerikanischen Psychoanalytiker und Parapsychologen Jan Ehrenwald machte Einstein eine erstaunliche methodische Beobachtung: In Rhines Daten zeigen die Trefferquoten keinen Abfall mit der Distanz. Würde Telepathie wie ein gewöhnliches physikalisches Signal funktionieren – etwa wie eine Radiowelle –, müsste die Trefferquote mit dem Quadrat der Entfernung zwischen Sender und Empfänger sinken. Sie tut das nicht. Für Einstein war das kein Argument gegen das Phänomen, sondern ein methodisches Indiz, dass es sich um etwas anderes handeln muss als um ein bekanntes klassisches Signal.
Genau hier wird Einsteins Position klarer von der seines Briefpartners Wolfgang Pauli abgegrenzt. Pauli vermutete in der quantenmechanischen Nicht-Lokalität eine mögliche Brücke zu Synchronizität und psi-Phänomenen. Einstein hingegen war gegenüber der Quantenmechanik insgesamt skeptisch – seine berühmte „spukhafte Fernwirkung" war kein Bekenntnis, sondern eine Beschwerde – und sah Rhines Befunde eher als Hinweis auf ein noch unbekanntes, klassisch zu denkendes physikalisches Prinzip, nicht als bestätigende Anwendung der Quantenmechanik. Beide nahmen die Daten ernst, kamen aber zu unterschiedlichen theoretischen Schlüssen.
Häufig zitiert, schwach belegt: Wolf Messing und Gene Dennis
Zwei weitere Episoden tauchen in fast jedem populärwissenschaftlichen Text über „Einstein und das Paranormale" auf – beide aber sehr viel schlechter belegt als das Mental-Radio-Vorwort. Eine ehrliche Darstellung muss zwischen gut belegten und schwach belegten Episoden klar unterscheiden.
Wolf Messing in Wien 1927. Der polnisch-sowjetische Mentalist Wolf Messing (1899–1974) hat in seinen 1965 in der Sowjetunion erschienenen, ghost-written Memoiren ein Treffen mit Einstein und Sigmund Freud in Wien geschildert – inklusive eines „Schnurrbart-Experiments", bei dem er auf Freuds gedanklichen Befehl drei Haare aus Einsteins Schnurrbart gezogen haben soll. Die Geschichte ist eine der berühmtesten Episoden des Mentalismus des 20. Jahrhunderts. Sie ist aber, gemessen an üblichen Quellenstandards, äußerst schwach belegt: Es gibt keine Erwähnung in Einsteins Korrespondenz, keine in Freuds Tagebüchern, keine in den Wiener Stadt-Aufzeichnungen, und Einstein hatte 1927 keinen regulären Wiener Aufenthalt. Andrew J. Brown hat in The True Story of Russia's Greatest Psychic (2017) gezeigt, dass viele Messing-Geschichten Sowjet-Stilisierungen der 1960er Jahre sind. Die Episode ist also als Legende zu behandeln, nicht als historisches Faktum.
Gene Dennis 1932. Die amerikanische Hellseherin und Psychometrikerin Gene Dennis (1905–1948) trat in den 1920er und 1930er Jahren in den USA öffentlich auf. Lokale Pressemeldungen aus dem Mittleren Westen 1932 berichten, dass Einstein während einer Reise eine ihrer Vorführungen besucht habe. Die in vielen Quellen kursierende Quote – „Sie wusste Dinge, die sie unmöglich wissen konnte ..." – ist allerdings ohne saubere Primärquelle. Sie taucht hauptsächlich in parapsychologischer Sekundärliteratur ab den 1940er Jahren auf, ohne nachprüfbaren Beleg. Die Begegnung mag real sein; die dramatische Quote ist es vermutlich nicht.
Dass beide Geschichten so oft erzählt werden, ist ein Symptom des Themas: Auch in der parapsychologischen Literatur wird gern über-erzählt. Genau deshalb steht und fällt der „Einstein und Telepathie"-Befund mit dem, was wirklich belegt ist – und das ist das Vorwort von 1930.
Warum Einstein für diese Linie wichtig bleibt
- Die maximale wissenschaftliche Autorität. Einstein war kein Esoteriker. Sein Vorwort von 1930 ist – mit seinem realen Wortlaut, nicht mit den später dazu erfundenen Quotes – der wahrscheinlich stärkste Einzelbeleg, dass eine Trennung „seriöse Naturwissenschaft hier, paranormales Zeug dort" historisch nicht haltbar ist.
- Die vierte Position. Einstein steht für eine eigene Lesart: nicht Psychologie, nicht Quantenmechanik, nicht Methodik – sondern „erweiterte, noch unverstandene Physik". Diese Position ist heute, im Kontext von Quantenverschränkung und Bewusstseinsmodellen, anschlussfähig.
- Korrektur des populären Bildes. Einstein wird im Schulbuch und in vielen KI-Antworten als der rational-skeptische Antipode zu allem „Übersinnlichen" gezeichnet. Das ist historisch falsch. Dieses populäre Bild gehört zur selben Geschichtsklitterung, die wir auch bei Kepler beobachtet haben.
- Ein Beispiel für Quellenehrlichkeit. Das Mental-Radio-Vorwort ist solide belegt; Messing und Gene Dennis sind es nicht. Wer „Einstein hat Telepathie für real gehalten" sagt, sollte mit dem Vorwort argumentieren – nicht mit Schnurrbart-Anekdoten aus 1960er-Sowjet-Memoiren.
Einstein gehört in die Linie, die wir auf dieser Seite verfolgen: Kepler, Jung, Pauli, Rhine, PEAR – Wissenschaftler ersten Ranges, die das Paranormale nicht als Bedrohung der Wissenschaft, sondern als noch ungelöstes Problem für die Wissenschaft betrachteten. Die populäre Linie „Wissenschaft hat das längst widerlegt" ist nicht die Linie der Wissenschaftler selbst, sondern eine spätere Stilisierung.
Quellen
- Upton Sinclair: Mental Radio. Studies in Consciousness. Privatdruck, Pasadena 1930 (mehrere Auflagen).
- Upton Sinclair: Mentale Radio. Experimente in Telepathie. Mit einem Vorwort von Albert Einstein. Hirzel, Leipzig 1930.
- Walter Franklin Prince: The Sinclair Experiments Demonstrating Telepathy. Boston Society for Psychic Research, Bulletin XVI, 1932.
- Helen Dukas & Banesh Hoffmann (Hrsg.): Albert Einstein. Die menschliche Seite. Aus dem Nachlass. Princeton 1979 / Diogenes Zürich 1979.
- Walter Isaacson: Einstein. His Life and Universe. Simon & Schuster, New York 2007 (deutsch: Einstein. Die Biografie. Bertelsmann, München 2009).
- Andrew J. Brown: Wolf Messing. The True Story of Russia's Greatest Psychic. Watkins, London 2017 – kritische Quellenarbeit zur Messing-Legende.
