Kai Mügge – physikalisches Medium und Leiter der Felix Experimental Group

Veröffentlicht am 2026-05-22 · Lesezeit ca. 11 Minuten

Kai Mügge ist eines der wenigen aktiv arbeitenden physikalischen Medien im deutschsprachigen Raum. Seit den frühen 2000er Jahren leitet er in Hanau die Felix Experimental Group (FEG) – einen festen Sitzungskreis, in dem dieselben Phänomene auftreten, die seit dem späten 19. Jahrhundert in der Mediumforschung beschrieben werden: Klopfgeräusche, Materialisationen, Ektoplasma, Apporte, direkte Stimme, Lichterscheinungen. Anders als die meisten heutigen Medien arbeitet er nicht im mentalen Kontakt mit der geistigen Welt, sondern in einer Tradition, die mit Namen wie Daniel Dunglas Home, Eusapia Palladino, Florence Cook oder Rudi Schneider verbunden ist – einer Tradition, die nach 1906 weitgehend aus der akademischen Sichtweite verschwunden ist und die wir in unserer 1906er-Pattern-Reihe ausführlich rekonstruiert haben.

Was ist physikalische Mediumschaft?

Bei mentalen Medien (wie etwa Pascal Voggenhuber, Kim-Anne Jannes, Gordon Smith oder Mavis Pittilla) findet die Kommunikation mit der geistigen Welt innerhalb des Bewusstseins des Mediums statt: Bilder, Worte, Gefühle, intuitive Eindrücke. Die Sitter hören die Botschaften vom Medium nacherzählt.

Bei physikalischer Mediumschaft tritt etwas anderes hinzu. Es werden Phänomene berichtet und – unter den klassischen Bedingungen einer Séance – auch beobachtet, die im Raum stattfinden und prinzipiell für alle Anwesenden gleichzeitig wahrnehmbar sind: deutlich hörbare Klopfgeräusche an Wänden und Tischen, das Schweben oder Verrücken von Gegenständen, das plötzliche Auftauchen von Objekten („Apporte"), schwebende Lichter, hand- oder gesichtsartige Gebilde, die sich aus einer weichen, weißlich erscheinenden Substanz formen (in der historischen Literatur „Ektoplasma" oder „Teleplasma" genannt), und Stimmen, die nicht aus dem Mund des Mediums kommen, sondern aus dem Raum selbst („direkte Stimme"). Dass es solche Phänomene gibt, ist in der wissenschaftshistorischen Quellenlage gut dokumentiert – etwa in den Sitzungsberichten der Paris-Sitzungen der Curies mit Eusapia Palladino 1905/1906, in William Crookes' Untersuchungen oder in Charles Richets metapsychischen Studien. Was solche Phänomene sind und wie sie zustande kommen, ist die offene Frage der letzten 150 Jahre.

Kai Mügge und die Felix Experimental Group

Kai Mügge stammt aus Hanau in Hessen und kam in jungem Erwachsenenalter zu seiner Mediumschaft, nachdem er sich zunächst aus persönlichem und literarischem Interesse mit der Geschichte der physikalischen Phänomene beschäftigt hatte. Er gründete in den frühen 2000er Jahren die Felix Experimental Group – einen geschlossenen Heimkreis nach klassischem Muster: feste Sitzer, regelmäßige Termine, vereinbarte Bedingungen, Sitzungen in rotem Licht oder vollständiger Dunkelheit, klares Protokoll. Seine Schwester Julia ist seit langem Teil des Kerns der Gruppe; die FEG arbeitet bewusst als Gruppe und nicht als Solo-Bühne.

Die Sitzungen der FEG folgen einer Choreografie, die historisch wiedererkennbar ist: Eröffnung mit Gebet und Lied (die Sitzer-Energie spielt seit den Anfängen der Mediumforschung eine Rolle), Trance des Mediums, Erscheinen einer Steuerungs­persönlichkeit aus der geistigen Welt – im Fall der FEG einer Stimme, die sich als „Professor" zu erkennen gibt –, dann die unterschiedlichen Phänomene. Die FEG hat über die Jahre internationale Sitter empfangen, in Deutschland, der Schweiz, Italien, Großbritannien, den USA und Australien Workshops und Seminare gehalten und einen Teil der Phänomene per Infrarot-Video dokumentiert.

Was in einer Sitzung berichtet wird

In den Sitzungsberichten der FEG und der Beobachter, die über die Jahre teilgenommen haben, tauchen wiederkehrende Phänomene auf:

  • Klopfgeräusche und mechanische Effekte: deutliche Schläge an verschiedenen Stellen des Raumes, manchmal als Antwort auf Fragen.
  • Lichterscheinungen: kleine, freischwebende Leuchtpunkte, sogenannte „Spirit Lights", die sich durch den Raum bewegen.
  • Ektoplasma / Teleplasma: Austritt einer weichen, in den Sitzungsfotos weißlich erscheinenden Substanz aus Mund, Nase oder Brustbereich des Mediums, aus der sich teilweise hand- oder gesichtsartige Formen bilden.
  • Apporte: das plötzliche Erscheinen kleiner Objekte – Steine, Schmuck, Edelsteine, Pflanzenteile, manchmal alte Münzen.
  • Direkte Stimme: Stimmen, die nicht aus dem Mund des Mediums kommen, sondern aus dem Raum selbst, oft aus der Höhe einer angedeuteten Stimmtrompete.
  • Materialisierte Hände / Gesichter: kurz auftretende Strukturen, die sich für die Sitter berührbar oder fotografisch dokumentierbar zeigen.

Die FEG arbeitet hier in einer Linie, die auf die Sitzungspraxis des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts zurückgeht. Sie hat allerdings unter heutigen Bedingungen Hilfsmittel zur Verfügung, die den Vorgänger­n nicht offen standen: Infrarot- und Nachtsicht­kameras, hochempfindliche Mikrofone, kontrollierte Sitzer­zusammenstellung. Diese Hilfsmittel werden in einem Teil der Sitzungen eingesetzt und in einem Teil bewusst nicht – mit der Begründung, die die FEG aus der historischen Forschung übernimmt: Bestimmte Phänomene treten in der Vollkontrolle messbar seltener auf, ein Effekt, den schon Charles Richet bei Palladino und William Crookes bei Florence Cook ausführlich diskutiert haben.

Die Betrugsvorwürfe – was sich rekonstruieren lässt (und was nicht)

Ein ehrliches Porträt muss die Phase benennen, in der die FEG am stärksten unter Druck geriet – und es muss sie genau erzählen, denn meist wird sie auf einen Halbsatz verkürzt („Mügge wurde des Betrugs überführt"), der so nicht stimmt. Schon die Herkunft der Vorwürfe ist bemerkenswert: Sie kamen nicht von Skeptikern außerhalb des Feldes, sondern von zwei seiner profiliertesten Vertreter – dem Biologen und Parapsychologen Michael Nahm (IGPP Freiburg) und dem Philosophen Stephen Braude, damals Präsident der Parapsychological Association und Herausgeber des Journal of Scientific Exploration.

Der Strang mit den Lichtern. 2011 verließ ein früheres Kernmitglied den Kreis und warf Mügge vor, Phänomene zu fälschen – zunächst unbelegt. Konkreter wurde es, als der damalige Zirkelleiter der FEG nach einer Sitzung in Koblenz ein kleines Lichtgerät (ähnlich dem Zaubererrequisit „D'Lite") in Mügges Reisetasche gefunden haben will; Nahm ergänzte 2014 eine fotografische Analyse einiger öffentlicher Sitzungen. Mit beidem konfrontiert, habe Mügge das Gerät privat eingeräumt – so die Darstellung der Untersucher. Mügge hat genau das bestritten: Das Gespräch habe nie stattgefunden, und er warf Nahm vor, Unwahrheiten zu verbreiten. Festzuhalten bleibt: Niemand hat Mügge dabei beobachtet, wie er ein solches Gerät in einer kontrollierten Sitzung benutzte – gefunden wurde, nach Aussage eines Beteiligten, ein Gegenstand in einer Tasche.

Der Strang mit dem Ektoplasma. Bei einer Sitzung in Österreich im Mai 2013 – mit Braude im Raum – zeigte Mügge grün leuchtendes „Ektoplasma". Entscheidend für die Einordnung: Dieses Material wurde nie im Labor untersucht. Braudes Schluss beruht auf einem visuellen Vergleich – es habe für ihn ausgesehen wie phosphoreszierendes Halloween-Spinnweb –, und Nahm gab an, eine Rechnung über mehr als ein Kilo solchen Materials mit Mügges Namen gesehen zu haben. Eine chemische oder physikalische Analyse des gezeigten Stoffs gab es nicht. Bemerkenswert ist, dass derselbe Braude andere Phänomene Mügges – Objektbewegungen und Tischlevitationen unter Gliedmaßen-Kontrolle – ausdrücklich als seine überzeugendsten und ungeklärten bezeichnete.

Was das beweist – und was nicht. In keiner dokumentierten kontrollierten Séance wurde Mügge live bei einer Manipulation beobachtet. Vorliegend sind ausschließlich Indizien: ein in einer Tasche gefundener Gegenstand, eine Materialrechnung, eine fotografische Interpretation und ein strittiges, von Mügge als Lüge bezeichnetes Privat-Eingeständnis. Eine Rechnung belegt Besitz – nicht, dass das Material auch nur ein einziges Mal eingesetzt wurde, erst recht nicht, dass jedes über Jahre berichtete Phänomen so erzeugt wurde, und schon gar nicht, dass es nie echte Phänomene gab. Selbst Braudes Argument war konditional: Wenn an einer Stelle manipuliert worden wäre, erklärte das nicht die Gesamtheit der sehr unterschiedlich strukturierten Phänomene.

Wie es weiterging. Die Zusammenarbeit endete im Streit; Braude hielt es für unwahrscheinlich, dass Mügge sich weiteren strengen Kontrollen stelle, und nannte die Bedeutung des Falls „unbestimmt". Mügge hat seine Arbeit fortgesetzt und sie ab 2021 mit Prof. Eckhard Kruse neu aufgestellt, der die Phänomene mit Sensorik (Bewegung, Temperatur, Druck u. a.) dokumentiert und sie – anders als die früheren Untersucher – positiv einschätzt; wer mag, kann sich seine Schlussfolgerungen in seinen Interviews und Videos selbst anhören.

Selbst nachsehen. Kruse dokumentiert die Sitzungen heute mit Mitteln, die den frühen Untersuchern schlicht nicht zur Verfügung standen – darunter Infrarot-Aufnahmen, auf denen die Entstehung des Ektoplasmas sichtbar wird. Etwas in dieser Genauigkeit konnten die damaligen Forscher technisch gar nicht festhalten; die Mess- und Aufnahmetechnik und das nötige technische Know-how fehlten ihnen. Wer der Kritik der alten Untersucher folgen möchte, sollte sich also zuvor in Ruhe Kruses Aufnahmen und seine Einschätzung ansehen und sich ein eigenes Bild machen – die laufende Dokumentation liegt offen auf Kruses Forschungsseite (auch auf unserer Wissensseite verlinkt).

Wie ein Vorwurf hängen bleibt. Der Fall ist nebenbei ein schönes Beispiel dafür, wie eine einmal erhobene Kritik – hier der Betrugsvorwurf – sich verselbständigt und überall weitergereicht wird, ohne dass sich jemand die Mühe macht, sie selbst noch einmal nachzuprüfen oder die Gegenseite überhaupt anzuhören. Das Etikett bleibt kleben, die Belege dahinter werden kaum noch nachgesehen. Wer es – etwa als TikToker oder YouTuber – wirklich genauer wissen will, müsste schon selbst an einer Sitzung teilnehmen, statt einen Vorwurf bloß weiterzureichen.

Einordnung in die Tradition

Physikalische Mediumschaft ist die historisch älteste und akademisch am stärksten umkämpfte Form der Mediumforschung. Sie war der konkrete Anlass für die Gründung der Society for Psychical Research 1882 in London (mit J. J. Thomson, Lord Rayleigh, Oliver Lodge und William James als späteren Präsidenten) und die wichtigste empirische Quelle des Curie-Palladino-Aktes, der das 1906er Pattern mit eröffnete. Nach 1906 ist sie aus dem akademischen Standardbild fast vollständig verschwunden – nicht weil die Phänomene aufhörten oder weil sie restlos erklärt worden wären, sondern weil das institutionelle Klima der akademischen Psychologie und Physik sich zu einer rein materialistischen Engführung verlagert hat.

Dass Kai Mügge heute überhaupt noch in dieser Linie arbeitet, ist eine Seltenheit. Im deutschsprachigen Raum gibt es nur eine Handvoll aktiver physikalischer Heimkreise; international ist die Zahl ebenfalls überschaubar. Die FEG ist damit eines der wenigen lebenden Vergleichsobjekte zu den historischen Sitzungs­protokollen.

Warum Kai Mügge wichtig bleibt

  • Lebendiger Vergleichsmaßstab: Die FEG erlaubt es, klassische Sitzungs­phänomene unter heutigen Bedingungen zu beobachten – statt nur über historische Texte zu sprechen.
  • Ehrliche Auseinandersetzung mit Kritik: Die Betrugsvorwürfe der Jahre 2013–2015 sind Teil der dokumentierten Geschichte, nicht versteckt – und wurden innerhalb und außerhalb der FEG kontrovers diskutiert.
  • Aktuelle Forschung gegen den Strom: Die laufende Untersuchung führt Prof. Eckhard Kruse mit offener Sensorik-Dokumentation; er schildert allerdings, dass solche Befunde im heutigen Wissenschaftsbetrieb kaum publizierbar sind – es entscheide „was veröffentlicht werden darf und was nicht", nicht der Befund selbst (mehr im Porträt zu Eckhard Kruse).
  • Tradition sichtbar halten: Indem die FEG die Sitzungs­praxis fortführt, hält sie eine Linie offen, die nach 1906 institutionell stillgelegt wurde und für die heutige Bewusstseins­debatte nach wie vor relevant ist.

Kai Mügges Arbeit ist nicht der bequemste Stoff für ein modernes Publikum. Sie verlangt zwei Dinge gleichzeitig: die Bereitschaft, ungewöhnliche Phänomene überhaupt erst einmal als Datenpunkte gelten zu lassen, und die Bereitschaft, die methodische Strenge nicht aus dem Auge zu verlieren, die seit Crookes und Richet zur seriösen Untersuchung dieses Feldes gehört. Genau in dieser Doppelhaltung – nicht in pauschaler Zustimmung und nicht in pauschaler Ablehnung – liegt der eigentliche Wert, den ein zeitgenössisches physikalisches Medium für die Forschung hat.

Quellen: Eigene Website Kai Mügges (kaimuegge.de) und FEG-Dokumentation. Stephen E. Braude, mehrere Aufsätze zur Felix Experimental Group im Journal of Scientific Exploration, Society for Scientific Exploration (online im JSE-Archiv abrufbar). Historische Vergleichs­literatur: Charles Richet, Traité de Métapsychique, Félix Alcan, Paris 1922; William Crookes, Researches in the Phenomena of Spiritualism, London 1874; sowie die Sitzungs­protokolle der Society for Psychical Research zu Eusapia Palladino, Daniel Dunglas Home und Florence Cook.