Michael Nahm

Veröffentlicht am 2026-07-10 · Lesezeit ca. 10 Minuten

Der Mann, der der terminalen Geistesklarheit ihren Namen gab, hat sein Berufsleben mit Buchen und Zugvögeln begonnen: Michael Nahm ist promovierter Biologe und arbeitete jahrelang international in der Forstwissenschaft, ehe er seine zweite Leidenschaft zum Hauptberuf machte – die Erforschung der Grenzgebiete des Bewusstseins. Heute forscht er am IGPP in Freiburg. Sein Werk zeigt beides, was diese Forschung braucht: die Bereitschaft, ein verlachtes Phänomen ernst zu nehmen – und die Bereitschaft, im eigenen Lager unbequem zu werden.

Vom Wald zur Grenzforschung

Nahms wissenschaftliche Ausbildung ist durch und durch naturwissenschaftlich: Biologie-Studium mit Prüfungen in Zoologie, Botanik, Genetik und Paläontologie, eine Diplomarbeit über das Schlafplatzverhalten von Zugvögeln, eine Promotion über die Reaktion von Buchen auf Trockenstress. Danach arbeitete er international in der forstwissenschaftlichen Forschung – ein Karriereweg, der mit Séancen und Sterbebetten nichts zu tun hatte. Die Anomalistik betrieb er über viele Jahre daneben, als akribisch lesender Privatforscher mit wachsender Publikationsliste. 2018 wechselte er hauptberuflich ans Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene (IGPP) in Freiburg – das 1950 von Hans Bender gegründete, stiftungsfinanzierte Institut, das in Deutschland seit Jahrzehnten der Ort für die wissenschaftliche Untersuchung außergewöhnlicher Erfahrungen ist. Dort leitet er heute unter anderem das Forschungsprojekt zur terminalen Geistesklarheit.

Sein Hauptwerk: die terminale Geistesklarheit

Nahms folgenreichster Beitrag ist die Wiederentdeckung und Benennung eines Phänomens, das in der Medizinliteratur verstreut seit Jahrhunderten dokumentiert war und doch keinen Namen hatte: das unerwartete Wiederaufklaren schwer dementer oder nicht ansprechbarer Menschen kurz vor dem Tod. 2009 prägte er dafür den Begriff terminal lucidity und publizierte mit dem Psychiater Bruce Greyson die erste Literaturübersicht; 2012 folgte die Sammlung von 83 Fällen aus 250 Jahren, 2014 die quellenkritische Studie zum historischen Fall Anna Katharina Ehmer. Auf Deutsch fasste er das Thema in seinem Buch „Wenn die Dunkelheit ein Ende findet" (2012) zusammen.

Wie weit diese Arbeit trägt, zeigt ihre Rezeption: 2019 erschien in Alzheimer's & Dementia, dem führenden Fachjournal der Demenzforschung, das Positionspapier zur „paradoxical lucidity" – angestoßen vom US-amerikanischen National Institute on Aging, unter den Autoren neben George Mashour auch Nahm selbst. Ein Begriff, den ein deutscher Privatforscher zehn Jahre zuvor geprägt hatte, war damit im Zentrum der Mainstream-Demenzforschung angekommen. Die ganze Geschichte erzählt unser Artikel zur terminalen Geistesklarheit.

Die Breite des Werks

Nahm hat sechs Monografien und weit über hundert wissenschaftliche Artikel veröffentlicht. Seine Themen reichen von Nahtoderfahrungen und Phänomenen in Todesnähe über die Geschichte der physikalischen Medialität bis zu Fragen von Reinkarnation und Evolution sowie ungelösten Anomalien der Biologie – hier verbindet sich der Forstwissenschaftler mit dem Anomalistiker. 2023 zeichnete ihn die Parapsychological Association, der internationale Fachverband des Feldes, mit dem Outstanding Contribution Award aus.

Das umstrittene Kapitel: die Felix-Episode

Zum ehrlichen Porträt gehört auch das Kapitel, das bis heute Streit auslöst. Nahm gehörte zu den Forschern, die die „Felix Experimental Group" um das physikalische Medium Kai Mügge zunächst interessiert begleiteten – und er wurde ab 2014 zu einem ihrer schärfsten Kritiker: Er legte eine fotografische Analyse öffentlicher Sitzungen vor und gab an, eine Rechnung über ein Kilogramm „ektoplasma-ähnlichen" Materials mit Mügges Namen gesehen zu haben. Mügge bestreitet die zentralen Vorwürfe und wirft Nahm vor, Unwahrheiten zu verbreiten. Wichtig für die Einordnung – wir haben den Fall in unserem Mügge-Porträt ausführlich und bewusst symmetrisch aufgearbeitet: In keiner dokumentierten kontrollierten Sitzung wurde eine Manipulation live beobachtet; vorliegend sind Indizien, deren Deutung strittig ist. Selbst Stephen Braude, der die Lichtphänomene ebenfalls kritisch sah, nannte andere Phänomene Mügges seine überzeugendsten ungeklärten – und die Bedeutung des Falls „unbestimmt".

Seit 2021 dokumentiert Eckhard Kruse die Sitzungen mit moderner Sensorik – Infrarot-Aufnahmen, Bewegungs- und Drucksensoren, wie sie den früheren Untersuchern nicht zur Verfügung standen – und schätzt die Phänomene, anders als die Untersucher der frühen Phase, positiv ein. Die beiden Untersuchungsphasen überschneiden sich zeitlich nicht; sie betreffen verschiedene Sitzungen, verschiedene Methoden und verschiedene Jahre. Wie beides zusammenpasst, ist eine offene Frage, auf die es dokumentierte Antworten bisher nicht gibt – nur Deutungen: Die Forschungsliteratur kennt seit Eusapia Palladino das Muster der „gemischten Medialität", bei dem echte und nachgeholfene Phänomene beim selben Medium vorkommen sollen; Mügges Umfeld wiederum hält die damalige Kritik für überzogen und verweist auf die heutige, technisch weit bessere Dokumentation. Über Motive – auf welcher Seite auch immer – lässt sich nur spekulieren; belegt sind allein die Indizien, ihre Bestreitung und die späteren Messreihen. Wir empfehlen, beide Artikel zu lesen und sich ein eigenes Bild zu machen.

Einordnung

Was bleibt, wenn man die strittige Episode strittig sein lässt? Ein Forscherprofil, das es so nur selten gibt: ein methodisch geschulter Naturwissenschaftler, der die verlachten Themen ernst nimmt, ohne ihnen zu verfallen – und dessen wichtigste Entdeckung inzwischen vom National Institute on Aging und dem führenden Demenz-Journal der Welt aufgegriffen wurde. Die terminale Geistesklarheit hätte ohne Michael Nahm vermutlich bis heute keinen Namen, keine Fallsammlung und kein Forschungsprogramm. Das ist, unabhängig von allen Kontroversen, ein bleibender Beitrag.

Quellen: Eintrag „Michael Nahm" in der Psi Encyclopedia der Society for Psychical Research (Werdegang, Werkübersicht, Auszeichnung); das IGPP-Forschungsprojekt „Terminale Geistesklarheit"; Michael Nahm, Wenn die Dunkelheit ein Ende findet (Crotona, 2012); Mashour et al., „Paradoxical Lucidity", Alzheimer's & Dementia 15 (2019), Volltext; zur Felix-Episode die in unserem Kai-Mügge-Porträt angegebenen Quellen (Braude-Aufsätze im Journal of Scientific Exploration, Mügges eigene Darstellung, Kruses Forschungsseite).

Mehr zum Thema findest Du in unserer kuratierten Wissen-Sammlung und in der Forschungs-Linkliste.