Wer sich ernsthaft mit Nahtoderfahrungen beschäftigt, kommt an Prof. Dr. Bruce Greyson nicht vorbei. In Fachkreisen wird der US-amerikanische Psychiater von der University of Virginia schlicht als „Vater der Nahtodforschung" bezeichnet. In über 45 Jahren hat er tausende Fälle systematisch dokumentiert, die standardisierte Messskala für NTE entwickelt und als langjähriger Herausgeber des Journal of Near-Death Studies das Feld zu einer anerkannten wissenschaftlichen Disziplin gemacht. Dieser Artikel stellt Greyson, seine Forschung und sein 2021 erschienenes Buch „After" vor.
Wer ist Bruce Greyson?
Charles Bruce Greyson (* Oktober 1946) studierte Psychologie an der Cornell University und erhielt seinen Medizinabschluss am SUNY Upstate Medical College. Seine psychiatrische Facharztausbildung absolvierte er an der University of Virginia, wo er zeit seines Lebens wissenschaftlich verwurzelt blieb. Er war Klinischer Chefarzt der Psychiatrie an der University of Connecticut und gehörte zeitweise zur medizinischen Fakultät der University of Michigan, bevor er sich endgültig in Virginia niederließ.
Seit 2002 leitete er dort die Division of Perceptual Studies (DOPS) – vormals Division of Personality Studies – eine in der klinischen Psychiatrie der University of Virginia angesiedelte Forschungseinheit, die sich mit Bewusstseinsphänomenen befasst, die aus dem klassischen neurowissenschaftlichen Paradigma herausfallen: NTE, Erinnerungen kleiner Kinder an „vergangene Leben" (Ian Stevensons Erbe), Sterbebettvisionen, mediumistische Kommunikation. Bis 2014 war er DOPS-Direktor. Heute ist er dort Chester-Carlson-Professor Emeritus.
Zu seinen akademischen Ehrungen gehört die Ernennung zum Distinguished Life Fellow of the American Psychiatric Association – die höchste Auszeichnung, die diese Fachgesellschaft vergibt. Die IANDS hat darüber hinaus den nach ihm benannten Bruce Greyson Research Award gestiftet.
Die Greyson-NDE-Skala (1983)
Greysons wohl wirkmächtigster Einzelbeitrag: 1983 veröffentlichte er im Journal of Nervous and Mental Disease den Aufsatz „The near-death experience scale: Construction, reliability, and validity". Die darin beschriebene 16-Items-Skala ist heute der weltweit etablierte Standard, um zu bestimmen, ob ein Erlebnisbericht als NTE im engeren Sinn gilt.
Die Skala besteht aus 16 Fragen, die in vier Unterdimensionen gruppiert sind:
- Kognitiv – Zeitverzerrung, beschleunigtes Denken, Lebensrückblick, plötzliches Verstehen
- Affektiv – Gefühle von Frieden, Freude, kosmischer Einheit, Liebe und Licht
- Paranormal – Außerkörperliche Wahrnehmung, übernatürliche Sinne, Vorahnungen, „Verlassen" des Körpers
- Transzendent – Begegnung mit Verstorbenen oder religiösen Wesen, „anderer Welten", Grenzpunkt, Entscheidungsort
Jede Frage wird mit 0, 1 oder 2 Punkten gewertet; der Schwellenwert ≥ 7 qualifiziert einen Bericht als authentische NTE. Ohne diese Skala wäre die gesamte quantitative NTE-Forschung der letzten vierzig Jahre – allen voran Pim van Lommels Lancet-Studie (2001) – methodisch nicht möglich gewesen.
Greysons zentrale Forschungsbefunde
In 45 Jahren Forschung hat Greyson vieles dokumentiert, was dem klassischen Bild vom Gehirn als alleiniger Bewusstseinsquelle widerspricht. Einige Kernpunkte:
- NTE treten quer durch Kulturen, Religionen, Alter und Bildungsschichten auf. Die Kernelemente sind global erstaunlich stabil, auch wenn die konkrete Bildsprache sich kulturell einfärbt.
- NTE verändern Menschen dauerhaft und messbar. Verringerte Todesangst, gestiegene Liebesfähigkeit, Verschiebung von materiellen zu beziehungsorientierten Werten – und diese Effekte persistieren über Jahrzehnte.
- Veridische Wahrnehmungen während medizinisch „totem" Zustand. Greyson sammelt und prüft Fälle, in denen Betroffene Ereignisse im OP oder Notfall korrekt wiedergeben, die sie nach medizinischem Befund nicht hätten wahrnehmen können. Der Fall Pam Reynolds ist einer seiner Referenzfälle.
- Lebensrückblick ist ethisch strukturiert, nicht chronologisch. Nicht eine beliebige Erinnerungs-Parade, sondern eine moralische Bilanz – häufig transpersonal, das heißt: die Wirkung eigener Handlungen auf andere wird aus deren Perspektive erlebt.
- NTE-Erlebende werden spiritueller, aber nicht religiöser. Viele wechseln aus formeller Religionszugehörigkeit in eine allgemeinere, offene Spiritualität.
Das Buch „After" (2021)
Im Februar 2021 erschien bei St. Martin's Essentials / Macmillan Greysons „After: A Doctor Explores What Near-Death Experiences Reveal About Life and Beyond". Anders als seine Fachliteratur ist dieses Buch an ein breites Publikum adressiert – und fasst seine 45-jährige Forschung in einem Werk zusammen, das schnell zum internationalen Standardwerk wurde.
Greyson schildert darin seinen eigenen Weg: Als junger Arzt war er klarer Materialist und hielt Berichte von NTE für „interessante Hirnphänomene". Zwei frühe Schlüsselfälle brachten ihn ins Zweifeln – beides Patientinnen, die Dinge korrekt beschrieben, die sie unter den jeweiligen medizinischen Bedingungen unmöglich hätten wissen können. Sein Fazit nach Jahrzehnten:
„Ich begann meine Karriere mit der Überzeugung, dass Bewusstsein nichts anderes ist als Hirnfunktion. Nach 45 Jahren Forschung kann ich nicht mehr bestreiten, dass es Phänomene gibt, die dieses Bild sprengen. Das heißt nicht, dass ich eine neue Theorie habe – aber es heißt, dass die alte nicht mehr reicht."
— Bruce Greyson (sinngemäß, aus Interviews zum Buch „After")
Die Forschung an der University of Virginia
DOPS – die Abteilung, die Greyson leitete – ist ein weltweit einzigartiges akademisches Setting. Sie wurde 1967 vom Psychiater Ian Stevenson gegründet und untersuchte ursprünglich kindliche Erinnerungen an „frühere Leben". Unter Greyson entwickelte sich DOPS zu einer der wenigen Einrichtungen innerhalb einer medizinischen Fakultät, die Bewusstseinsphänomene am Rand des Lebens systematisch erforscht – finanziert durch private Stiftungen, publiziert in Fachzeitschriften, integriert in die klinische Psychiatrie.
Greyson war außerdem 27 Jahre lang Editor des Journal of Near-Death Studies, der wichtigsten Fachzeitschrift des Feldes. Dadurch hat er den methodischen Standard der Disziplin über Jahrzehnte mitgeprägt.
Kooperation mit der BIAL-Stiftung
Das Video, das dieser Artikel ergänzt, stammt von der Fundação BIAL – einer portugiesischen Stiftung, die seit den 1990er Jahren Bewusstseins- und NTE-Forschung international fördert. BIAL finanziert unter anderem das Projekt Beyond the Brain, eine Konferenzreihe zu Fragen nach dem Wesen des Bewusstseins. Greyson gehört dort zum engsten Kreis der eingeladenen Referenten.
Warum Greyson für die Debatte wichtig ist
Drei Gründe, warum Greysons Werk schwerer zu übergehen ist als die meisten anderen Beiträge zur NTE-Forschung:
- Akademische Eingebundenheit. Greyson ist kein Grenzwissenschaftler, sondern Professor Emeritus einer renommierten Medizinischen Fakultät, ausgezeichnet von der führenden psychiatrischen Fachgesellschaft der USA.
- Methodisches Werkzeug für alle anderen. Die Greyson-NDE-Skala ist das Messinstrument, das fast jede ernstzunehmende Studie im Feld seit 1983 verwendet. Wer NTE-Forschung ablehnt, lehnt damit auch die Operationalisierung ab, die das Feld überhaupt vergleichbar gemacht hat.
- Skeptische Biografie. Greyson war selbst lange Materialist. Sein Sinneswandel ist durch die Daten angetrieben, nicht durch Weltanschauung – was dem Vorwurf einer „gläubigen Agenda" den Boden entzieht.
Einordnung
Dieser Artikel ergänzt die Heaven-Connect-Reihe zur wissenschaftlichen Einordnung von Nahtoderfahrungen und Jenseitskontakten: den Blog zu Lazars EREAMS-Studie, die Interview-Blogs zu Wilfried Kuhn und Walter van Laack, die philosophische Strukturierung durch Godehard Brüntrup, den ausführlichen Beitrag zum Fall Pam Reynolds, den Bösch/Claes-Fall in Baselland und den physikalisch-philosophischen Artikel zu Materie und Higgsfeld. Wo andere Autoren klinische Einzelfälle oder Fragen der Philosophie in den Mittelpunkt stellen, liefert Greyson die statistische Basis, auf der viele dieser Arbeiten überhaupt aufbauen.
Quellen:
• Bruce Greyson, After: A Doctor Explores What Near-Death Experiences Reveal About Life and Beyond, St. Martin's Essentials / Macmillan, 2021.
• Bruce Greyson (1983), The near-death experience scale: Construction, reliability, and validity, Journal of Nervous and Mental Disease 171(6):369–75.
• Bruce Greyson et al., The Handbook of Near-Death Experiences: Thirty Years of Investigation, Praeger 2009.
• Kelly, Kelly, Crabtree, Gauld, Grosso & Greyson, Irreducible Mind: Toward a Psychology for the 21st Century, Rowman & Littlefield, 2007.
• Wikipedia: Bruce Greyson(Link).
• Fundação BIAL, Porträt-Video „Bruce Greyson, MD", youtube.com/watch?v=EEvgFjebvdk.
• Division of Perceptual Studies (DOPS), University of Virginia (Institut).
Mehr zum Thema findest Du in unserer kuratierten Wissen-Sammlung – dort ist auch das BIAL-Porträt-Video zu Bruce Greyson verlinkt.
