Die IANDS

Veröffentlicht am 2026-06-15 · Lesezeit ca. 9 Minuten

In fast jedem unserer Porträts von Nahtodforschern taucht irgendwann dieselbe Abkürzung auf: IANDS – die International Association for Near-Death Studies. Kenneth Ring war ihr Mitgründer und erster Präsident, Bruce Greyson jahrzehntelang Herausgeber ihres Fachjournals, Jan Holden ihre Präsidentin, Peter Fenwick einer ihrer prominenten Fürsprecher. Zeit, die Organisation selbst vorzustellen – denn ohne sie gäbe es die Nahtodforschung als wissenschaftliches Feld vermutlich gar nicht.

Der Anfang: ein Buch und ein Treffen

Die Vorgeschichte beginnt 1975 mit Raymond Moodys Life After Life – dem Buch, das den Begriff „Nahtoderfahrung" prägte und ein Millionenpublikum erreichte. Moody wurde daraufhin mit Zuschriften von Betroffenen überschwemmt, und es war schnell klar: Ein einzelner Autor kann das weder wissenschaftlich noch menschlich auffangen.

Im November 1977 lud John Audette, ein junger Soziologe, Interessierte nach Charlottesville, Virginia – mit dabei Moody selbst, der Sozialpsychologe Kenneth Ring, der Psychiater Bruce Greyson und der Kardiologe Michael Sabom. Aus diesem Treffen entstand 1978 die Association for the Scientific Study of Near-Death Phenomena – der sperrige Name war Programm: Es ging von Anfang an um die wissenschaftliche Untersuchung des Phänomens, nicht um eine Glaubensgemeinschaft. Audette führte die junge Organisation als erster Geschäftsführer.

1981: Neustart als IANDS

1981 stellte sich die Vereinigung neu auf: Unter der Führung von Kenneth Ring – nun erster Präsident – zog sie an die University of Connecticut und gab sich den heutigen Namen. Aus dem Forscherzirkel wurde eine Mitgliederorganisation, die beides sein wollte: Fachgesellschaft für die Forschung und Anlaufstelle für Betroffene. Diese Doppelrolle hat die IANDS bis heute behalten – und sie ist dasselbe Muster, das später auch ihre nationalen Schwesterorganisationen übernahmen.

Das Fachjournal: der wichtigste Baustein

Der folgenreichste Schritt der jungen IANDS war eine Zeitschrift. 1981 startete sie unter dem Titel Anabiosis, ab 1982 erschien sie als Journal of Near-Death Studies – bis heute das einzige peer-reviewte Fachjournal, das ausschließlich der Nahtodforschung gewidmet ist. Gründungsherausgeber war Kenneth Ring; 1982 übernahm Bruce Greyson und prägte das Journal über ein Vierteljahrhundert, ehe 2008 Jan Holden den Posten übernahm.

Warum das so wichtig ist: Ein Feld ohne eigenes Journal hat keinen Ort, an dem Studien begutachtet, kritisiert und aufeinander aufgebaut werden können. Erst das Journal machte aus verstreuten Einzelbefunden eine kumulative Forschungstradition – von Rings Messinstrumenten über Greysons NDE-Skala bis zu Holdens Auswertung der veridischen Wahrnehmungen. Daneben erscheint seit 1981 das Mitgliedermagazin Vital Signs mit Erfahrungsberichten und Neuigkeiten aus dem Feld.

Konferenzen, Gruppen, Begleitung

Seit 1982 veranstaltet die IANDS Konferenzen, seit 1993 jährlich – der Ort, an dem Forscher und Betroffene sich tatsächlich begegnen. Dazu kommt ein Netz lokaler Gruppen: Zuletzt zählte die Organisation über 80 „Friends of IANDS"-Gruppen in den USA und weitere international, seit der Pandemie ergänzt um Online-Gesprächsgruppen, in denen Betroffene weltweit teilnehmen können. Für Ärzte, Pflegekräfte und Seelsorger stellt die IANDS Schulungsmaterial bereit – Menschen, die einem Patienten nach einer Nahtoderfahrung als erste begegnen, sollen wissen, was ihnen da berichtet wird.

Die Mitgliederzahl lag zuletzt bei rund 1.400 – klein gemessen an der Verbreitung des Phänomens, aber getragen von bemerkenswert viel akademischer Substanz.

Die weltweite Familie

Die IANDS versteht sich als internationale Dachfigur eines größeren Netzes. In vielen Ländern sind eigenständige Organisationen nach ihrem Vorbild entstanden – im deutschsprachigen Raum das Netzwerk Nahtoderfahrung e.V., das sich ausdrücklich als Teil der „weltweiten IANDS-Familie" beschreibt und dieselbe Doppelrolle lebt: Öffentlichkeit informieren, Betroffene begleiten.

Einordnung

Man kann die Bedeutung der IANDS an einer einfachen Frage messen: Was wäre die Nahtodforschung ohne sie? Es gäbe Moodys Bestseller und verstreute Einzelstudien – aber kein Journal, das Befunde durch Begutachtung härtet, keine Konferenz, die das Feld zusammenhält, keine Anlaufstellen für Menschen, die mit einer lebensverändernden Erfahrung allein dastehen. Die vier Männer des Treffens von Charlottesville haben 1978 nicht nur einen Verein gegründet, sondern die Infrastruktur eines Forschungsfeldes – und die trägt, fast fünfzig Jahre später, immer noch.

Quellen: Website der IANDS, iands.org; Eintrag „International Association for Near-Death Studies" in der Psi Encyclopedia der Society for Psychical Research (Gründungsgeschichte, Journal, Gruppen- und Mitgliederzahlen); ergänzt um unsere Porträts von Kenneth Ring, Bruce Greyson und Jan Holden.

Mehr zum Thema findest Du in unserer kuratierten Wissen-Sammlung und in der Forschungs-Linkliste – dort ist die IANDS mit dem Journal of Near-Death Studies verlinkt.