Albert von Schrenck-Notzing (1862–1929)

Veröffentlicht am 2026-06-05 · Lesezeit ca. 12 Minuten

Wenn England seinen William Crookes und Frankreich seinen Charles Richet hatte, dann war Albert von Schrenck-Notzing die deutsche Schlüsselfigur der physikalischen Medialität. Der Münchner Arzt und Baron brachte etwas Neues in das Feld: die Kamera. Er fotografierte das angebliche Ektoplasma, fesselte und kontrollierte seine Medien akribisch – und wurde dennoch, oder gerade deshalb, zur umstrittensten Gestalt der ganzen Tradition. Sein Fall zeigt beispielhaft, wie nah ernsthafte Methodik und mögliche Täuschung in diesem Feld beieinander liegen.

Wer war Schrenck-Notzing?

Albert Freiherr von Schrenck-Notzing (1862–1929) war Arzt und Psychiater in München. Bekannt wurde er zunächst auf einem ganz nüchternen Gebiet: der Hypnose- und Suggestionsforschung. Er untersuchte, wie sich Erinnerungen durch Suggestion formen und verfälschen lassen, und gilt durch ein Gutachten in einem Mordprozess 1896 manchen als einer der ersten forensischen Psychologen überhaupt. Das ist wichtig für das Verständnis seiner späteren Arbeit: Schrenck-Notzing kam nicht als naiver Gläubiger zur Mediumforschung, sondern als Fachmann für genau die Mechanismen – Suggestion, Täuschung, Selbsttäuschung –, die seinen Gegenstand bedrohten.

Von der Hypnose zur Materialisation

Um die Jahrhundertwende verlagerte sich sein Interesse auf die spektakulärsten Phänomene der Séance: die Materialisation, das angebliche Austreten einer formbaren Substanz aus dem Körper des Mediums. 1914 erschien sein Hauptwerk, die Materialisations-Phänomene (englisch 1920 als Phenomena of Materialisation) – ein dickes, mit zahlreichen Fotografien bebildertes Buch. Genau hier lag seine Neuerung: Wo Crookes noch beschrieb, dokumentierte Schrenck-Notzing mit dem Apparat. Die Kamera sollte festhalten, was das Auge im Halbdunkel kaum fassen konnte.

Bemerkenswert ist seine theoretische Vorsicht. Anders als die Spiritualisten deutete er das Ektoplasma nicht als Werk von Geistern Verstorbener. Er prägte den Begriff der „Ideoplastie": Das Medium forme, so seine Hypothese, mit den Kräften des eigenen Unbewussten Bilder in eine reale, aber unbekannte Substanz. Eine erstaunlich moderne, psychologische Erklärung – und ein Versuch, das Phänomen ohne Jenseits zu fassen.

Eva C. und das Ektoplasma

Sein berühmtestes Studienobjekt war Eva C. – das Pseudonym von Marthe Béraud, jenes Mediums, das schon Charles Richet untersucht hatte. Über Jahre arbeitete Schrenck-Notzing mit ihr, in München und im Pariser Haus ihrer Gefährtin und Mitorganisatorin Juliette Bisson. Es entstanden die ikonischen, heute oft reproduzierten Bilder: Eva C., aus deren Mund oder Händen helle, fetzige Gebilde quellen, in denen Gesichter erscheinen.

Die Kritik – ehrlich betrachtet

Gerade diese Fotos wurden Schrenck-Notzing zum Verhängnis. Die Kritik ist gewichtig und lässt sich nicht wegwischen:

  • Die „Le Miroir"-Ausschnitte. Mehrere der „materialisierten" Gesichter wirken flach und zweidimensional – und auf der Rückseite einer Aufnahme war der Schriftzug einer Zeitschrift zu erkennen. Kritiker, darunter der SPR-Forscher Donald West, identifizierten die Gesichter als ausgeschnittene Porträts aus der französischen Illustrierten Le Miroir, teils mit sichtbaren Falzkanten.
  • Eingeschmuggelte Nadeln. Schrenck-Notzing räumte selbst ein, dass Eva C. bei mehreren Gelegenheiten heimlich Nadeln in den Sitzungsraum gebracht hatte – mit denen sich Stoffgebilde befestigen lassen.
  • Die Nachstellung. Der Bühnenmagier Carlos María de Heredia zeigte, dass sich solches „Ektoplasma" mit einfachen Mitteln – einem Kamm, Gaze und einem Taschentuch – täuschend nachbilden lässt.

Wie stichhaltig diese Einwände im Einzelnen sind, ist bis heute umstritten – und keineswegs zugunsten der Skeptiker entschieden. Die Le-Miroir-Zuordnung betrifft einzelne Aufnahmen, nicht das gesamte Material, und ist ihrerseits angezweifelt worden; viele der Gebilde lassen sich nicht ohne Weiteres als flache Papierschnitte erklären. Schrenck-Notzing arbeitete zudem mit erheblichen Kontrollen: körperliche Untersuchung Eva C.s vor den Sitzungen, Einnähen in eng anliegende Kleidung, Beobachtung aus nächster Nähe. Er deutete die Erscheinungen als vom Unbewussten geformt (Ideoplastie) – eine Ähnlichkeit mit gedruckten Bildern beweise daher noch keinen eingeschmuggelten Ausschnitt. Ein zweifelsfreier Beweis fehlt in beide Richtungen: Weder ist der Betrug lückenlos gezeigt, noch die Echtheit. So bleibt es ein Lehrstück über die Grenzen auch sorgfältiger Beobachtung im Dunkeln.

Die Brüder Schneider

Reicher und schwerer zu erklären ist sein zweites großes Kapitel: die österreichischen Brüder Willi und Rudi Schneider aus Braunau am Inn. Willi nahm Schrenck-Notzing ab 1919 in regelmäßige Untersuchung, den jüngeren Rudi ab 1925. Hier verschärfte er die Kontrollen erheblich – die Phänomene (Bewegungen unberührter Objekte, kühle Windstöße, Berührungen) sollten unter Bedingungen auftreten, die Betrug ausschlossen:

  • Das Medium wurde verschnürt und mit Leuchtnadeln oder phosphoreszierenden Streifen an Händen und Füßen markiert, sodass jede Bewegung im Dunkeln sichtbar blieb.
  • Kontrolleure hielten Arme und Beine des Mediums fest und kontrollierten sich gegenseitig – die „deutsche Schule" der Halte-Kontrolle, die der Überblicksartikel beschreibt.
  • Geladene Zeugen aus Wissenschaft und Öffentlichkeit sollten die Sitzungen unabhängig bestätigen.

Zuletzt arbeitete Schrenck-Notzing sogar an einem elektrischen Kontrollsystem, das eine Bewegung des Mediums automatisch registriert hätte – die konsequente Fortführung des deutschen Gedankens, physikalische Medialität messbar zu machen. Doch bevor das geplante Programm durchgeführt werden konnte, starb er 1929 nach einer Blinddarmoperation. Die Methode der elektrischen Kontrolle blieb anderen überlassen.

Was nach seinem Tod geschah

Die Schneider-Mediumschaft blieb auch danach ein Brennpunkt. Anfang der 1930er Jahre setzte der Pariser Forscher Eugène Osty am Institut Métapsychique Infrarotstrahlen ein, um Rudi Schneiders unsichtbare „Substanz" zu erfassen – mit aufsehenerregenden, aber bis heute umstrittenen Ergebnissen. Wenig später nährte eine in Harry Prices Londoner Labor entstandene Fotografie, die einen scheinbar freien Arm zeigte, den Betrugsverdacht. Wie schon bei Palladino steht damit auch hier am Ende kein klares Urteil: mehrfach kontrolliert, nie restlos aufgeklärt.

Einordnung

Schrenck-Notzing ist die zwiespältigste Figur des Feldes – und gerade darum lehrreich. Auf der einen Seite ein ernsthafter Arzt, der die physikalische Medialität ins Labor holte, fotografierte, fesselte, maß und sie psychologisch statt spiritistisch zu erklären versuchte. Auf der anderen Seite der bis heute umstrittene Fall Eva C., in dem die einen einen gründlich getäuschten Forscher sehen, die anderen einen, dessen Befunde sich nicht so leicht abtun lassen. Beides gehört zusammen: Sein Werk ist kein Beweis für das Phänomen, aber auch kein bloßer Skandal – es ist die ehrlichste Mahnung, wie schwer dieses Feld zu kontrollieren ist. Wer den größeren Bogen sucht, findet ihn im Überblick zur physikalischen Medialität und in den Porträts von Crookes, Richet und den Pariser Palladino-Séancen. Wie dieselbe Methodik – Halten, Messen, Kontrolle – heute aussieht, zeigt der Forscher Eckhard Kruse; das jüngste große Kapitel ist das Scole-Experiment.

Quellen:
• Albert von Schrenck-Notzing, Materialisations-Phänomene, 1914; Phenomena of Materialisation (engl. 1920).
• Albert von Schrenck-Notzing, Experimente der Fernbewegung, 1924.
• Donald J. West und andere SPR-Forscher zur Eva-C.-Kritik.
• Encyclopedia.com / Wikipedia, „Albert von Schrenck-Notzing" (biografische Übersicht).

Mehr zum Thema in unserer kuratierten Wissen-Sammlung und der Artikelreihe zur Geschichte und Wissenschaft der Medialität.