Wer im deutschsprachigen Raum eine Nahtoderfahrung gemacht hat, steht damit oft erstaunlich allein da. Ärzte wissen selten, was sie mit dem Bericht anfangen sollen, das Umfeld reagiert ratlos oder ungläubig – und die Erfahrung selbst lässt die Betroffenen nicht mehr los. Genau für diese Situation gibt es seit über zwanzig Jahren eine Adresse: das Netzwerk Nahtoderfahrung e.V. In unseren Beiträgen taucht der Verein immer wieder am Rande auf – hier stellen wir ihn einmal selbst vor.
Wie das Netzwerk entstand
Gegründet wurde der Verein 2004, und die Gründungskonstellation ist bezeichnend: ein Betroffener und ein Wissenschaftler.
Alois Serwaty hatte während eines medizinischen Eingriffs selbst eine Nahtoderfahrung und beschäftigte sich seither intensiv mit den wissenschaftlichen und geisteswissenschaftlichen Fragen, die dieses Erlebnis aufwirft. Er führte den Verein von 2004 bis 2016 als Vorsitzender und gab mehrere Tagungsbände mit heraus.
Prof. Dr. Günter Ewald (1929–2015) war Mathematikprofessor, lehrte in den USA und an der Ruhr-Universität Bochum. Nach seiner Emeritierung 1994 widmete er sich der Nahtodforschung im größeren Zusammenhang von Naturwissenschaft und religiösem Weltbild und schrieb mehrere Bücher zum Thema, darunter Auf den Spuren der Nahtoderfahrungen: Gibt es eine unsterbliche Seele? Ein Naturwissenschaftler also, der das Phänomen ernst nahm, ohne es vorschnell zu deuten – diese Doppelnatur aus Erfahrung und Wissenschaft prägt den Verein bis heute.
Was der Verein will
Das Selbstverständnis ist zweigeteilt, und beide Hälften sind gleich wichtig: Der Verein will in der Öffentlichkeit sachlich über Nahtoderfahrungen informieren – und er will Menschen, die eine Nahtoderfahrung hatten, einen geschützten Rahmen bieten, in dem sie sich mit anderen Betroffenen austauschen können. Der Verein ist gemeinnützig anerkannt und zählt derzeit rund 310 Mitglieder aus Deutschland, Österreich und der Schweiz – Betroffene, Angehörige, Interessierte und Wissenschaftler gleichermaßen.
Dabei steht das Netzwerk nicht allein: Es versteht sich als Teil der weltweiten Familie der International Association for Near-Death Studies (IANDS) in den USA – jener Organisation, die Forscher wie Bruce Greyson mit aufgebaut haben, um die Nahtodforschung auf eine wissenschaftliche Grundlage zu stellen.
Angebote für Betroffene
Das praktische Herzstück des Vereins sind seine Ansprechpartner: Kontaktpersonen, an die man sich mit Fragen zu Nahtoderfahrungen, zu Nachtodkontakten oder zu religiösen und spirituellen Aspekten des Erlebten wenden kann. Dazu kommen Regionalgruppen, in denen sich Betroffene persönlich treffen, sowie Newsletter, Literaturhinweise, Videos und Podcasts.
Warum das nötig ist, hat der Neurologe Prof. Wilfried Kuhn – heute stellvertretender Vorsitzender des Vereins – in einem ausführlichen Interview beschrieben: Eine Nahtoderfahrung verändert Menschen. Sie werden spiritueller, weniger materialistisch, gewichten ihr Leben neu – und genau das führt häufig zu Konflikten mit dem Partner und dem sozialen Umfeld, in dokumentierten Fällen bis zur Scheidung. Was die Forschung über diese Nachwirkungen und Verwandlungen weiß, haben wir in einem eigenen Beitrag zusammengefasst. Der Verein wurde ausdrücklich auch dafür gegründet: als Anlaufstelle, für Beratung – und um Psychotherapeuten vermitteln zu können, die mit dem Phänomen vertraut sind und es nicht reflexhaft pathologisieren.
Jahrestagungen und Tagungsbände
Seit den Anfangsjahren veranstaltet das Netzwerk regelmäßig Jahrestagungen, bei denen Betroffene, Seelsorger, Mediziner und Forscher zusammenkommen. Einige Stationen:
- Im Frühjahr 2007 fand in der Landvolkshochschule Freckenhorst die Tagung statt, aus der der Band Nahtod und Transzendenz – eine Annäherung aus Wissenschaft und Erfahrung hervorging.
- 2011 erschienen die Tagungsbeiträge unter dem Titel Nahtoderfahrungen – Impulse für das Leben, herausgegeben von Alois Serwaty und Joachim Nicolay.
- Die Jahrestagung 2018 in Freckenhorst stand unter dem Thema Nahtoderfahrung, Religion und christlicher Glaube.
- Im März 2025 veranstaltete der Verein im Benediktushof ein Symposium mit dem programmatischen Titel Nahtoderfahrung – Herausforderung für das materialistische Weltbild.
Dazu kommt ein YouTube-Kanal mit Interviews und Vorträgen. Eines dieser Gespräche haben wir bereits ausführlich vorgestellt: das Interview mit dem Aachener Arzt Prof. Walter van Laack, der dort erklärt, warum er als Naturwissenschaftler vom Weiterleben des Bewusstseins überzeugt ist.
Wissenschaftlich verankert
Dass der Verein kein esoterischer Zirkel ist, zeigt ein Blick auf die Personen. Den Vorsitz führt heute der Psychologe Dr. Joachim Nicolay, der seit vielen Jahren zu Bewusstseinsphänomenen in Todesnähe publiziert. Sein Stellvertreter ist Prof. Dr. Dr. Wilfried Kuhn, Chefarzt der Neurologie am Leopoldina-Krankenhaus Schweinfurt – ein Kliniker, der das Phänomen aus dem Alltag der Intensivmedizin kennt. Dem Vorstand zur Seite steht ein wissenschaftlicher Beirat.
Diese Mischung ist der eigentliche Wert des Netzwerks: Es nimmt die Erfahrungen der Betroffenen ernst, ohne die wissenschaftliche Sorgfalt aufzugeben – und es hält die Deutungsfrage offen, statt sie in die eine oder andere Richtung zu entscheiden. Kuhn selbst formuliert das im Interview so: Weder die organische These noch die These vom hirnunabhängigen Bewusstsein sei bewiesen – die Möglichkeit sei völlig offen.
Einordnung
Rund 310 Mitglieder – das klingt nach wenig, gemessen daran, dass repräsentative Umfragen davon ausgehen, dass etwa vier Prozent der Bevölkerung schon einmal eine Nahtoderfahrung gemacht haben. Allein in Deutschland wären das mehrere Millionen Menschen. Die allermeisten von ihnen schweigen – aus Angst, für verrückt gehalten zu werden. Dass es seit 2004 einen Ort gibt, an dem niemand schweigen muss, an dem Neurologen, Psychologen und Betroffene am selben Tisch sitzen, ist deshalb mehr als eine Fußnote der deutschen Vereinslandschaft. Es ist ein Stück Infrastruktur für ein Phänomen, das in Universitäten und Schulen bis heute praktisch nicht vorkommt.
Quelle: Website des Vereins, netzwerk-nahtoderfahrung.org (Der Verein, Vorstand, Tagungen; Mitgliederzahl Stand 2026), ergänzt um die dort verlinkten Tagungsbände sowie unsere Beiträge zu Wilfried Kuhn und Walter van Laack.
Mehr zum Thema findest Du in unserer kuratierten Wissen-Sammlung – dort sind weitere Beiträge zur NTE-Forschung (u. a. Wilfried Kuhn, Walter van Laack und Bruce Greyson) verlinkt.
