An einem Freitagabend Ende März 1848, in einem hölzernen Bauernhaus in Hydesville bei Rochester im Bundesstaat New York, ereignete sich eine kleine Szene, die in den folgenden dreißig Jahren die religiöse, intellektuelle und mediale Landschaft des Westens umgestalten sollte. Eine Mutter ruft in die Stube hinein, ob jemand die Geräusche, die seit Wochen das Haus erschüttern, antworten möge. Ihre elfjährige Tochter Kate schnipst mit den Fingern, eins, zwei, drei — und im selben Rhythmus klopft es zurück. Aus diesem Moment entsteht die wichtigste mediumistische Bewegung des 19. Jahrhunderts, der moderne Spiritismus, mit Millionen Anhängern in den USA und Europa, mit Wirkungen bis in die Frauenrechtsbewegung, in die Gründung der Society for Psychical Research 1882 und in jede heutige akademische Mediumforschung. Wer Beischel, Schwartz oder Tressoldi heute liest, liest in einer Tradition, deren Geburtsdatum in dieser Stube in Hydesville liegt. Dieser Beitrag rekonstruiert die Geschichte quellenkritisch — mit Geständnis, Widerruf, Knochenfund und allem, was Skeptiker und Verteidiger seit anderthalb Jahrhunderten gegeneinander stellen.
Die Familie
Das Haus in Hydesville, ein zweistöckiger Holzbau am Rande des Weilers (heute zur Gemeinde Arcadia, Wayne County, NY), wurde im Dezember 1847 von der Familie Fox bezogen. John D. Fox, ein Schmied, seine Frau Margaret Fox und die beiden jüngsten Töchter — die älteren Kinder waren bereits aus dem Haus. Die beiden Mädchen, deren Namen die Geschichte schreiben werden:
- Margaretta („Maggie") Fox, geboren 1833 in Kanada, also vierzehn Jahre alt im März 1848
- Catherine („Kate") Fox, geboren 1837 ebenfalls in Kanada, also elf Jahre alt
Eine ältere Schwester, Leah Fox (geboren 1813, im März 1848 35 Jahre alt, von ihrem ersten Mann Bowman Fish verlassen), lebte als Klavierlehrerin in Rochester, knapp dreißig Kilometer entfernt. Sie wird in unserer Geschichte die Managerin und die Auslöserin des öffentlichen Ruhmes werden — und zugleich später, in Maggies Anklage von 1888, die böse Geistererfinderin, die alles aus Profitgier inszeniert habe.
Die Geräusche, der 31. März 1848
Seit Mitte März, so die spätere Zeugenaussage der Mutter, hatten sich nächtliche Geräusche im Haus eingestellt — ein Klopfen, ein leises Rumoren, gelegentlich ein Geräusch wie das Verschieben von Möbeln. Die Familie hatte zunächst an Ratten, Wind, eine vorbeiziehende Kutsche gedacht. Am Freitag, dem 31. März 1848, wurden sie laut und unüberhörbar. Mrs. Fox' Affidavit vom 11. April 1848 — eines der frühesten und schriftlich noch existierenden Dokumente — schildert die Szene:
„Die Kinder, die im selben Zimmer mit uns geschlafen hatten, hatten es zuerst gehört, und es hatte uns alle aufgeweckt. Es wiederholte sich. … Cathie sagte: ‚Mr. Splitfoot, do as I do', schnipste mit den Fingern, und das Geräusch ahmte ihr nach. Sie schnipste zweimal, dreimal, das Geräusch antwortete jedes Mal in der entsprechenden Zahl."
Aus dem Schnipsen wurde ein systematisches Frage-Antwort-Spiel. Auf die Frage, ob es ein Mensch sei, kam ein Schlag (Nein). Auf die Frage, ob es ein Geist sei, kamen zwei Schläge (Ja). Mithilfe eines vereinbarten Codes — eine bestimmte Anzahl Schläge für jeden Buchstaben des Alphabets — gab das „etwas" eine Identität an: ein Hausierer namens Charles B. Rosna, der einige Jahre zuvor in diesem Haus ermordet und im Keller verscharrt worden sei.
Die Nachbarn — David Fox (John's Bruder), William Duesler, Mrs. Redfield und andere — wurden noch in derselben Nacht und in den folgenden Tagen einbestellt. Duesler, ein methodischer Mann, schrieb in seiner Affidavit-Aussage:
„I am wholly unable to solve the mystery, and to account for it on any other ground than that it is supernatural."
Er und andere Nachbarn versuchten, das Phänomen physisch zu erklären, durchsuchten Wände und Boden, hörten aber das Klopfen weiter, auch wenn die Mädchen still hielten. Im Keller wurde gegraben — Berichte über aufgefundene Knochen und Haarfetzen kursieren bereits 1848, sind aber dokumentarisch nicht hart belegbar.
Intelligentes Klopfen — Geräusche, die auf Fragen antworten, Codes einhalten, Rhythmen wiedergeben — ist kein Hydesville-Unikum. Es gehört zum wiederkehrenden Repertoire physikalischer Mediumschaft und wird bis heute berichtet, etwa in den Sitzungen von Kai Mügge und der Felix Experimental Group. Was in Hydesville 1848 wirklich geschah, lässt sich aus bald zweihundert Jahre alten Quellen kaum noch rekonstruieren. Da dieselben Phänomene aber von heutigen physikalischen Medien berichtet werden, wäre es deutlich einfacher, sie unter modernen Bedingungen zu untersuchen — statt endlos über historische Akten zu streiten.
Rochester und die ersten öffentlichen Sitzungen
Im Mai 1848 wurden die beiden Mädchen zu ihrer Schwester Leah nach Rochester geschickt — teils um sie vor dem inzwischen aufdringlichen Trubel zu schützen, teils weil das Klopfen sie auch dorthin „begleitete", wie alle Beteiligten berichteten. Leah erkannte das ökonomische und ideelle Potenzial. Sie führte die Schwestern in den Kreis ihrer Quäker-Freunde Amy und Isaac Post ein, langjähriger Abolitionisten und liberaler Reformer. Die Posts wurden früh überzeugt — und damit war eine entscheidende Brücke gebaut: Über ihr Netzwerk wurde Hydesville nicht zur Anekdote ungebildeter Landleute, sondern zur ernsthaften Sache, mit der sich das gut vernetzte amerikanische Reformerbürgertum beschäftigte. Genau diese soziale Verankerung in einer respektierten Bildungsschicht gab den Schwestern die Glaubwürdigkeit und Reichweite, die ein bloßer Dorfvorfall nie erreicht hätte.
Am 14. November 1849 hielt Leah die erste öffentliche Demonstration in der Corinthian Hall in Rochester ab — einem der größten Säle der Stadt. Eintritt 25 Cent, Publikum mehrere hundert Menschen. Eine Bürgerkommission wurde eingesetzt, drei Frauen aus dem Publikum durchsuchten die Mädchen körperlich, untersuchten Kleider und Schuhe. Das Klopfen ging weiter. Eine zweite und dritte Kommission, mit zunehmender Strenge, wiederholten die Untersuchung — alle drei kamen zu demselben Ergebnis: kein Betrug erkannt, das Phänomen nicht erklärbar. Die Rochester-Berichterstattung in Horace Greeleys New York Tribune — Greeley war einer der einflussreichsten Publizisten der USA — machte die Schwestern landesweit bekannt.
Buffalo 1851 – die erste skeptische Erklärung
Im Februar 1851, also rund drei Jahre nach Hydesville, veröffentlichten drei Mediziner der University of Buffalo — Austin Flint, Charles A. Lee, C. B. Coventry — einen Brief im Buffalo Medical Journal: die Klopfgeräusche seien das Resultat des willkürlichen „cracking" von Kniegelenken. Sie hätten die Geräusche zum Verstummen gebracht, indem sie die Schwestern in einer Position fixierten, in der die Knie nicht bewegt werden konnten. Aus diesem Brief stammt die noch heute populärste skeptische Erklärung: Toe-and-knee-cracking.
Die Sache ist methodisch dünner, als sie klingt. Die Buffalo-Doktoren beobachteten an einer Sitzung, hielten die Knie der Schwestern, das Klopfen verstummte — schlossen daraus: die Knie waren die Quelle. Was sie nicht ausschlossen: dass eine Sitzung unter solchen Bedingungen psychologisch anders verläuft, dass das „Medium" nicht arbeiten kann, wenn es so gehalten wird; dass die spontane Variabilität des Phänomens (es klopfte nicht in jeder Sitzung gleich stark) ohnehin Schwankungen produzierte.
Es ist methodisch derselbe Kurzschluss wie im klassischen Frosch-Witz: Der Mediziner sagt „Frosch, hüpf!" — der Frosch hüpft. Er schneidet ihm die Beine ab und sagt wieder „Frosch, hüpf!" — der Frosch hüpft nicht. Schlussfolgerung: der Frosch hört mit den Beinen. Ein Eingriff verändert das Beobachtete, aber daraus folgt nicht, was die Quelle war; es folgt nur, dass der eingegriffene Teil an der Manifestation beteiligt war. Genau diese Logik liegt vor, wenn aus dem Knie-Festhalten der Buffalo-Doktoren auf den Sitz der Klopfgeräusche geschlossen wird — oder, parallel dazu, wenn aus Anästhesie- oder Hirnläsions-Daten auf das Gehirn als Produzent des Bewusstseins geschlossen wird.
Trotzdem wurde der Buffalo-Bericht über Jahrzehnte die kanonische Skeptiker-Antwort und wird bis heute in Wikipedia-Artikeln zitiert.
Crookes 1874 – die naturwissenschaftliche Prüfung
Mehr als zwei Jahrzehnte nach Hydesville untersuchte der britische Physiker William Crookes — Entdecker des Thalliums, Erfinder der Crookes-Röhre, Fellow der Royal Society seit 1863, später deren Präsident (1913–1915) — die Klopfphänomene unter kontrollierten Bedingungen. Kate Fox war 1872 nach London gezogen, nachdem sie den englischen Anwalt Henry Jencken geheiratet hatte, und kam so in Crookes' Blickfeld. Crookes, der bereits Daniel Dunglas Home mit Federwaage und verschlossenem Akkordeon-Käfig geprüft hatte, war kein Spiritist, sondern ein Experimentator, der in der physikalischen Messtechnik zu Hause war.
Die Sitzungen mit Kate Fox fanden in Crookes' eigenem Haus in der Mornington Road 20 in London statt — nicht in einem Séance-Salon des Mediums, sondern unter Bedingungen, die der Untersucher kontrollierte: sein Raum, seine Möbel, seine gewählten Zeugen, gutes Licht. Crookes führte nicht eine einzelne Sitzung durch, sondern eine Reihe von Experimenten über mehrere Monate. Sein Bericht im Quarterly Journal of Science (Juli 1874), später zusammengefasst in Researches in the Phenomena of Spiritualism, dokumentiert drei Klassen von Phänomenen:
- Klopfgeräusche: Deutlich hörbare Schläge an Tischen, Böden und Wänden, die auf Fragen intelligent antworteten und Buchstaben-Codes einhielten — während Kates Hände und Füße vollständig sichtbar waren und teilweise von Crookes oder anderen Anwesenden gehalten wurden.
- Automatisches Schreiben: Ein Bleistift schrieb Worte und ganze Sätze auf Papier, das Crookes selbst in der Hand hielt, ohne dass eine sichtbare Hand den Stift berührt hätte.
- Leuchtende Hand: Eine materialisierte, selbstleuchtende Hand erschien, nahm einen Bleistift und schrieb — ein Phänomen, das Crookes unter Bedingungen beobachtete, in denen Kate Fox' eigene Hände kontrolliert waren.
„I have heard delicate ticks, … under the most absolute test conditions … I have witnessed, in some cases, the writing of words and even of whole sentences on paper held by myself, and where no mortal hand could have approached the pencil."
Diese Berichte wurden zu Crookes' Lebzeiten und danach Gegenstand intensiver Kritik. Die übliche skeptische Antwort — Crookes sei von Florence Cook getäuscht worden — greift hier nicht: die Kate-Fox-Untersuchungen sind von der Cook-Kontroverse unabhängig, zeitlich getrennt und methodisch anders aufgebaut. Was Crookes bei Kate Fox beschreibt, sind keine Dunkelkammer-Séancen, sondern Beobachtungen bei Licht, in seinem eigenen Haus, mit kontrollierten Händen und Füßen des Mediums. Unter diesen Bedingungen ist Toe-cracking als Erklärung für die beobachteten Phänomene schwer haltbar.
Die professionelle Karriere und der Verfall
Zwischen 1850 und den 1880er Jahren waren Maggie, Kate und Leah die berühmtesten Medien der Welt. Sie führten Sitzungen vor Präsidenten, Schriftstellern, europäischen Aristokraten. Kate lebte seit ihrer Heirat mit Henry Jencken in London und arbeitete dort u.a. für Crookes. Maggie hatte eine lange, tragische Beziehung mit dem Arktisforscher Elisha Kent Kane, der sie nach seinem Tod 1857 finanziell versorgte, dessen Familie aber ihre Heirat nicht anerkannte. Beide Schwestern verfielen in den 1870er und 80er Jahren dem Alkohol — eine in der zeitgenössischen Berichterstattung gut dokumentierte Tragödie. Leah, die sich ein bürgerliches Leben aufgebaut hatte (Heirat mit dem wohlhabenden Versicherungsmanager Daniel Underhill), zog sich von ihren Schwestern zurück.
Das Geständnis vom 21. Oktober 1888
An einem Sonntagabend, dem 21. Oktober 1888, betrat Margaret Fox die Bühne der New York Academy of Music, eines der größten Theater Manhattans. Vor 2.000 Zuschauern erklärte sie, alles sei Betrug gewesen. Sie demonstrierte das Knacken ihrer Zehengelenke, in Strümpfen auf einem hölzernen Pult. Ärzte aus dem Publikum kamen auf die Bühne und bestätigten die Geräusche. Reuben Briggs Davenport, der Reporter der New York World, hatte ihr für das Geständnis 1.500 Dollar gezahlt (heute etwa 50.000 USD). Maggie war zu diesem Zeitpunkt mittellos, alkoholabhängig und tief verbittert über ihre Schwester Leah, die sie für die Ausbeutung ihrer Kindheit verantwortlich machte.
Der Text des Geständnisses, in der World vom 22. Oktober 1888 abgedruckt, enthält jedoch einige bemerkenswerte Sätze, die in der populären Skeptiker-Rezeption fast nie zitiert werden. Maggie behauptete, sie sei zur Zeit der Hydesville-Ereignisse acht Jahre alt gewesen, Kate fünf. Beides ist nachweislich falsch — Mrs. Fox' Affidavit von 1848 nennt vierzehn und elf, ebenso Census-Aufzeichnungen, Grabsteine, alle unabhängigen Quellen. Wenn eine 55-jährige Frau in einem Geständnis die zentralen Lebensdaten falsch angibt, ist mit dem Rest des Geständnisses Vorsicht geboten.
Der Widerruf 1889
Bereits ein gutes Jahr später, im November 1889, widerrief Maggie das Geständnis schriftlich. Sie sei unter dem Einfluss von Alkohol und unter dem Druck katholischer Geistlicher gestanden, die den Spiritismus bekämpften; das Geld habe sie aus existenzieller Not angenommen; die Klopfgeräusche seien nicht von ihr erzeugt worden. Sie kehrte zum Mediumsberuf zurück. Maggie starb 1893, Kate ein Jahr zuvor 1892, beide arm und alkoholabhängig.
Die Skeptiker-Tradition liest den Widerruf seitdem als nachträgliche Korrektur unter Druck der Spiritisten und ignoriert ihn. Die Spiritisten-Tradition liest das Geständnis als Verzweiflungstat einer alkoholkranken Frau und behält den Widerruf bei. Beide Lesarten haben ihre Logik. Was bleibt: die Quellenlage ist unsauber, und keine der beiden Seiten kann den Streit auf der Basis der Maggie-Aussagen allein entscheiden.
Der Knochenfund 1904
Im November 1904 — sechsundfünfzig Jahre nach den ersten Hydesville-Klopfgeräuschen — wurde das Haus in Hydesville renoviert. Bei Reparaturen im Keller stürzte eine vorgesetzte Steinwand ein. Hinter der Wand, in einem zugemauerten Hohlraum, wurden menschliche Knochenfragmente und eine Blechdose gefunden. Das Boston Journal vom 22. November 1904 berichtete, der Fund stütze die Hydesville-Erzählung: hier seien die Reste von Charles B. Rosna, dem ermordeten Hausierer, dessen Geist 1848 zu sprechen begonnen hatte.
Die polizeiliche Untersuchung war kurz und ergebnislos. Ein Arzt, der die Knochen prüfte, fand eine Mischung aus menschlichen und tierischen Knochen, darunter Hühnerknochen. Niemand verfolgte den Fall weiter. Ein vermisster Hausierer namens Charles B. Rosna ließ sich in keinem zeitgenössischen Vermisstenregister nachweisen. Auch der Knochenfund taugt also weder als Bestätigung noch als Widerlegung.
Was heutige Historiker sehen
Die ernsthafte historische Aufarbeitung ist relativ jung. Vier Werke sind für jede Quellenarbeit unverzichtbar:
- Barbara Weisberg, Talking to the Dead: Kate and Maggie Fox and the Rise of Spiritualism, HarperCollins 2004 — die wissenschaftliche Standardbiographie, materialreich und vorsichtig urteilend.
- Ann Braude, Radical Spirits: Spiritualism and Women's Rights in Nineteenth-Century America, Beacon Press 1989 (erweiterte Neuauflage 2001) — der Klassiker zur sozialen und feministischen Dimension der Bewegung; zeigt, wie eng der amerikanische Spiritismus mit dem Abolitionismus und dem frühen Feminismus verflochten war.
- Robert McLuhan und KM Wehrstein, „Fox Sisters", in der Psi Encyclopedia der Society for Psychical Research (London, online aktuell gehalten) — die methodisch sauberste Aufarbeitung der Pro- und Contra-Argumente, mit allen Originaldokumenten verlinkt.
- Reuben Briggs Davenport, The Death-Blow to Spiritualism, New York 1888 — die zeitgenössische Skeptikerschrift, die Maggies Geständnis in den Kontext setzt; mit Vorsicht zu lesen, aber als Primärquelle zur Geständnisszene unverzichtbar.
Die heutige Aufteilung der Bewertungen läuft etwa so: die Mehrheit der akademischen Historiker geht von einem ursprünglichen Streich der beiden Mädchen aus, der von Leah professionalisiert wurde — ohne aber zu behaupten, dass jede einzelne Sitzung der nächsten vier Jahrzehnte erklärbar ist. Eine substanzielle Minderheit — vor allem in der parapsychologischen Forschungstradition (SPR, Psi Encyclopedia) — hält die Quellenlage für offen: zu viele unabhängige Beobachter, zu viele kontrollierte Bedingungen (Corinthian Hall, Crookes), zu viele methodische Schwächen der Buffalo-Erklärung. Beide Positionen kommen zu derselben Sekundärschlussfolgerung: das Geständnis von 1888 ist wegen der internen Inkonsistenz keine entscheidende Quelle, der Knochenfund von 1904 ist keine Bestätigung.
Die historische Wirkung
Was die Fox-Schwestern wissenschafts- und geistesgeschichtlich tatsächlich auslösten, ist von der Frage „Echt oder Betrug?" unabhängig:
- Innerhalb von zwei Jahrzehnten entstanden in den USA und Europa hunderte spiritistischer Zirkel; um 1870 nannten sich nach zeitgenössischen Schätzungen mehrere Millionen Amerikaner Spiritisten.
- Allan Kardec in Frankreich systematisierte die Bewegung in seinem Livre des Esprits (1857) und gründete die heute in Brasilien millionenstarke kardezianische Tradition.
- 1882 wurde in London die Society for Psychical Research gegründet — mit Henry Sidgwick, Frederic Myers und später William Crookes, Oliver Lodge, J. J. Thomson, Lord Rayleigh als Präsidenten. Die SPR ist die Mutter der wissenschaftlichen Parapsychologie und damit die institutionelle Wurzel jeder heutigen akademischen Mediumforschung.
- William James investigierte ab 1885 die Boston-Medium Leonora Piper und schrieb einen der einflussreichsten methodischen Texte des Genres.
- Die heutige Mediumforschung der Reihe Beischel/Windbridge, Schwartz/Veritas, Roy/Robertson Glasgow, Tressoldi-Meta-Analyse und Lazar/EREAMS steht in einer ununterbrochenen institutionellen Linie, die in Hydesville beginnt.
Was wir methodisch mitnehmen
Drei Punkte, die der Fox-Fall jedem heutigen Beobachter ins Stammbuch schreibt:
- Eine populäre Geständnis-Szene ist nicht automatisch eine methodisch saubere Quelle. Maggies 1888er Auftritt wurde als „endgültige Entlarvung" gefeiert, enthält aber falsche Altersangaben und wurde unter Geldzahlung und im Zustand alkoholischer Verzweiflung gemacht. Wer ihn ohne den Widerruf zitiert, arbeitet selektiv.
- Eine einzelne physiologische Erklärung ersetzt nicht eine Vier-Jahrzehnte-Phänomenserie. Toe-cracking erklärt, was Toe-cracking erklärt — aber nicht jede Crookes-Sitzung von 1874 oder jede Corinthian-Hall-Untersuchung von 1849.
- Die kulturhistorische Wirkung ist unabhängig von der Echtheitsfrage. Auch wenn jede Klopferei in Hydesville Trickserei gewesen sein sollte, hätte sie trotzdem die Bedingungen geschaffen, unter denen die SPR, William James, die akademische Parapsychologie und schließlich die heutige Mediumforschung entstehen konnten. Geistesgeschichte arbeitet mit Wirkungen, nicht nur mit Ontologien.
Wer heute eine Sitzung bei Beischel oder Schwartz mit Skepsis betrachtet — zu Recht skeptisch sein darf, soll, muss —, sollte die Geschichte der Fox-Schwestern kennen. Sie zeigt: die Behauptung des Phänomens und die Mühe der Untersuchung sind in dieser Tradition gleich alt. Wer heute „aber das ist doch widerlegt" sagt, sagt etwas, das die methodische Quellenlage so nicht hergibt. Wie viel an Voltaire'schem Tonfall dabei mitspricht und wie wenig an tatsächlicher Auseinandersetzung mit den Akten, haben wir im Voltaire-Sanssouci-Beitrag nachgezeichnet.
Quellen: Barbara Weisberg, Talking to the Dead: Kate and Maggie Fox and the Rise of Spiritualism, HarperCollins 2004 (wissenschaftliche Standardbiographie). Ann Braude, Radical Spirits: Spiritualism and Women's Rights in Nineteenth-Century America, Beacon Press 1989, erweiterte Neuauflage Indiana University Press 2001. Robert McLuhan und KM Wehrstein, „Fox Sisters", Psi Encyclopedia, Society for Psychical Research, London — online aktuell gehalten unter psi-encyclopedia.spr.ac.uk/articles/fox-sisters. Mrs. Margaret Fox, Affidavit vom 11. April 1848 (abgedruckt u.a. in E. E. Lewis, A Report of the Mysterious Noises Heard in the House of Mr. John D. Fox, Canandaigua, NY 1848). William Duesler, Affidavit, in derselben Quelle. Austin Flint, Charles A. Lee, C. B. Coventry, „Discovery of the source of the Rochester knockings", Buffalo Medical Journal, Februar 1851. William Crookes, „Notes of an Enquiry into the Phenomena called Spiritual", Quarterly Journal of Science, Juli 1874; ders., Researches in the Phenomena of Spiritualism, London 1874. Reuben Briggs Davenport, The Death-Blow to Spiritualism, G. W. Dillingham, New York 1888 (mit Maggies Geständnistext). New York World, 22. Oktober 1888 (Bericht über den Auftritt in der New York Academy of Music). New York Herald, 20. November 1889 (Bericht über den Widerruf). The Boston Journal, 22. November 1904 (Bericht über den Knochenfund). Janet Oppenheim, The Other World: Spiritualism and Psychical Research in England, 1850–1914, Cambridge University Press 1985 (zur britischen Rezeption und SPR-Vorgeschichte). Bret E. Carroll, Spiritualism in Antebellum America, Indiana University Press 1997.
