Bevor Julie Beischel mit dem Windbridge Institute den höchsten Verblindungsgrad in der Mediumsforschung etablierte, gab es eine andere Adresse, an der das Thema akademische Heimat fand: das Labor von Prof. Gary E. Schwartz an der University of Arizona. Schwartz, in Harvard promovierter Psychologe und ehemaliger Yale-Professor, gründete dort Anfang der 2000er-Jahre das VERITAS Research Program – benannt nach dem lateinischen Wort für „Wahrheit", zugleich der Wahlspruch Harvards. VERITAS war eines der ersten universitär verankerten Programme im englischsprachigen Raum, das die Überlebenshypothese des Bewusstseins systematisch testete. Es schuf den Boden, auf dem später Julie Beischels strengere Methodik wachsen konnte.
Wer ist Gary Schwartz?
Gary Schwartz, geboren 1944 in Mineola, New York, promovierte 1971 in Psychologie an der Harvard University. Es folgten fünf Jahre als Assistant Professor in Harvard, bevor er 1976 als Professor für Psychologie und Psychiatrie an die Yale University wechselte. 1988 ging er an die University of Arizona, wo er bis heute lehrt – mit Anbindungen an die Fakultäten Psychologie, Medizin, Neurologie, Psychiatrie und Chirurgie. Schwartz leitet zudem das Laboratory for Advances in Consciousness and Health (LACH), in dessen Rahmen VERITAS organisatorisch verankert war.
Diese Vita ist im Kontext der Mediumsforschung wichtig: Schwartz brachte mit Harvard- und Yale-Stempel akademische Reputation in ein Feld, das in den USA bis dahin überwiegend in privaten Stiftungen und parapsychologischen Vereinen organisiert war.
VERITAS: Wahrheit als Programm
Das VERITAS Research Program konzentrierte sich auf eine einzige, präzise Frage: Können hochbegabte Medien unter kontrollierten Bedingungen spezifische und korrekte Informationen über Verstorbene liefern, ohne dass diese Informationen über normale Wege bekannt waren? Schwartz arbeitete dabei eng mit der Psychologin Linda G. S. Russek zusammen, die bereits zuvor mit ihm das theoretische Konzept eines „Living Energy Universe" entwickelt hatte – ein Versuch, Bewusstsein und Information als nicht-lokale Phänomene wissenschaftlich rahmbar zu machen.
Die Studien: vom „Silent Sitter" zum Mehrfach-Blinddesign
VERITAS arbeitete sich methodisch vom einfachen zum komplexen Setup vor. Die wichtigsten Versuchsanordnungen:
- Single-blind, Sichtschirm: Medium und Sitter saßen durch eine Trennwand voneinander abgeschirmt. In den ersten Minuten herrschte komplette Stille (silent sitter) – das Medium durfte nur „lesen", ohne irgendeine verbale Rückmeldung. Erst in der zweiten Phase durfte der Sitter mit Ja/Nein antworten.
- Doppelblind am Telefon: Medium und Sitter waren räumlich vollständig getrennt; das Medium kannte den Sitter nicht und konnte ihn nicht hören. Die Auswertung erfolgte über die schriftlichen Reading-Protokolle.
- Triple-blind, Transkript-Bewertung: Die Reading-Protokolle wurden von verblindeten Bewertenden eingestuft, die nicht wussten, welches Reading welchem Sitter galt. Genau dieses Design wurde später von Julie Beischel zur fünffach-blinden Methodik weiterentwickelt.
Die Medien: bekannte Namen unter Laborbedingungen
Im VERITAS-Programm arbeiteten unter anderem prominente US-Medien mit – Schwartz wollte explizit Personen testen, deren Bekanntheitsgrad sie unabhängig von der Studie auf Authentizität verpflichtete:
- John Edward (Moderator der TV-Sendung Crossing Over)
- Allison DuBois (Inspiration für die NBC-Serie Medium)
- Suzane Northrop, George Anderson, Anne Gehman, Laurie Campbell, George Dalzell u. a.
Das zentrale Ergebnis
Die wohl wichtigste peer-reviewed Veröffentlichung erschien 2001 im Journal of the Society for Psychical Research:
Schwartz, Russek, Nelson & Barentsen (2001): „Accuracy and replicability of anomalous after-death communication across highly skilled mediums", JSPR 65/1, S. 1–25.
Fünf Medien wurden mit einer Sitterin getestet, die in den vorausgegangenen zehn Jahren sechs nahestehende Menschen verloren hatte. Die Trefferquoten lagen deutlich über dem Zufallsniveau. Schwartz' Schlussfolgerung – sachlich formuliert: „Es gibt eine Klasse hochbegabter Medien, die etwas Außergewöhnliches tun."
Bücher für die breite Öffentlichkeit
Parallel zu den wissenschaftlichen Publikationen brachte Schwartz seine Forschung in mehreren Büchern einer breiten Leserschaft näher:
- The Living Energy Universe (Hampton Roads, 1999, mit Linda Russek)
- The Afterlife Experiments: Breakthrough Scientific Evidence of Life After Death (Pocket Books / Simon & Schuster, 2002, Vorwort: Deepak Chopra)
- The Truth About Medium (Hampton Roads, 2005)
- The G.O.D. Experiments (Atria, 2006)
- The Energy Healing Experiments (Atria, 2007)
- The Sacred Promise (Atria, 2011)
Kritik – und wie damit umgegangen wurde
VERITAS war von Beginn an umstritten. Skeptiker wie der Psychologe Ray Hyman (University of Oregon) und Richard Wiseman kritisierten Aspekte der frühen Studien: nicht-standardisierte Bewertungsmaße, mögliche sensorische Lecks bei den Setups mit Sichtschirm, statistische Wahlfreiheiten in der Auswertung. Diese Debatte wurde unter anderem im Skeptical Inquirer (2003) ausgetragen.
Schwartz selbst antwortete auf einen Großteil der Einwände öffentlich; einige Kritikpunkte – etwa was die strikte Trennung von Versuchsleitung und Bewertung angeht – nahm die nachfolgende Forschung jedoch sehr ernst. Genau hier setzte Julie Beischel an: Ihr Quintuple-Blind-Protokoll am Windbridge Institute lässt sich als methodisch konsequente Antwort auf die Kritik an VERITAS lesen.
Vom VERITAS zum SOPHIA – und zu Windbridge
Im Juni 2006 erweiterte Schwartz die Forschung um das SOPHIA Research Program (von altgriechisch sophía, „Weisheit"), das nicht nur Kommunikation mit Verstorbenen, sondern auch mit höheren spirituellen Ebenen – Geistführer, Engel, „göttliche" Quellen – untersucht. VERITAS selbst lief 2008 als eigenständiges Programm aus, doch die wissenschaftliche Linie wurde ohne Bruch fortgesetzt: Julie Beischel, die als William James Post-Doctoral Fellow bei Schwartz gearbeitet hatte, gründete im selben Jahr das Windbridge Institute und entwickelte dort genau jene strengere Methodik, die heute als Maßstab gilt.
Einordnung
Gary Schwartz ist im Verhältnis zu Beischel das, was die Glasgow-Studie von Roy & Robertson zu beiden ist: der wegbereitende Pionier mit institutioneller Reputation. Seine VERITAS-Arbeiten sind methodisch nicht so streng wie Beischels Quintuple-Blind-Designs, aber sie haben drei Dinge geleistet, die nicht zu unterschätzen sind:
- Sie haben die Mediumsforschung als legitimes universitäres Forschungsfeld in den USA etabliert.
- Sie haben mit prominenten Medien gearbeitet und so öffentliche Sichtbarkeit erzeugt.
- Sie haben mit dem triple-blind Transkriptverfahren das methodische Skelett geliefert, aus dem Beischel das fünffach-blinde Vollprotokoll entwickelt hat.
Wer die heutige Mediumsforschung verstehen will, muss VERITAS kennen – nicht trotz, sondern wegen der Diskussionen, die es ausgelöst hat. Genau diese Diskussionen haben die Disziplin schärfer gemacht.
Quellen:
• G. E. R. Schwartz, L. G. S. Russek, L. A. Nelson & C. Barentsen, Accuracy and replicability of anomalous after-death communication across highly skilled mediums, Journal of the Society for Psychical Research 65/1 (2001), S. 1–25.
• G. E. Schwartz, The Afterlife Experiments: Breakthrough Scientific Evidence of Life After Death, Pocket Books / Simon & Schuster, 2002.
• G. E. Schwartz, The Truth About Medium, Hampton Roads, 2005.
• Laboratory for Advances in Consciousness and Health: VERITAS Research Program.
• Psi Encyclopedia (SPR): Gary Schwartz.
Mehr zur wissenschaftlichen Mediumsforschung findest Du in unseren Beiträgen zu Julie Beischel und dem Windbridge Institute, zur Glasgow-Studie von Roy & Robertson, zur EREAMS-Studie von Oliver Lazar, zu Jeffrey Longs NDERF-Forschung und zur Meta-Analyse von Patrizio Tressoldi, die diese Studien zusammen auswertet.
