Patrizio Tressoldi: Die große Meta-Analyse zur Mediumsforschung

Veröffentlicht am 2026-05-08 · Aktualisiert am 2026-05-08 · Lesezeit ca. 10 Minuten

Wenn man die wichtigsten Mediumsstudien der letzten zwei Jahrzehnte – Schwartz/VERITAS, Beischel/Windbridge, Roy & Robertson/Glasgow, Lazar/EREAMS – auf einen Blick zusammenfassen wollte, käme man an einer Person nicht vorbei: Dr. Patrizio Tressoldi von der Università degli Studi di Padova. Der italienische Psychologe und Bewusstseinsforscher hat 2020 mit Kollegen eine Meta-Analyse publiziert, die genau das tut: Sie aggregiert 18 Mediumsexperimente aus 14 peer-reviewed Veröffentlichungen der Jahre 2001 bis 2019 zu einem statistischen Gesamtbild. Das Ergebnis ist eine Zahl, die kaum noch zu ignorieren ist:

p < 10⁻⁹

Die Wahrscheinlichkeit, dass die in dieser Forschungslandschaft beobachteten Effekte rein zufällig zustande gekommen sind, liegt also unter eins zu einer Milliarde.

Wer ist Patrizio Tressoldi?

Patrizio Tressoldi ist Senior Researcher an der Università degli Studi di Padova – einer der ältesten Universitäten Europas, gegründet 1222 und einst akademische Heimat von Galileo Galilei. Seine wissenschaftliche Verankerung liegt in der Mainstream-Psychologie; sein Forschungsfeld in den Grenzgebieten des Bewusstseins. An der Universität leitet er die Science of Consciousness Research Group (auch Studium Patavinum), die mit experimenteller Strenge anomale psychische Phänomene untersucht.

Tressoldi forscht weit über Mediumsforschung hinaus: zu Präsentiment (physiologische Vorausreaktion auf zukünftige Reize), Remote Viewing, außerkörperlichen Erfahrungen und seit Kurzem auch zu Geteilten Sterbeerfahrungen (Shared Death Experiences). Diese Breite ist methodisch wichtig – sie macht ihn zum übergreifenden Beobachter eines ganzen Forschungsfeldes, nicht nur eines Einzelphänomens.

Was ist eine Meta-Analyse – und warum ist sie hier zentral?

Eine Meta-Analyse fasst die Ergebnisse mehrerer Einzelstudien systematisch zusammen und berechnet aus ihren Effektstärken einen Gesamteffekt. Statt eine einzelne Studie isoliert zu betrachten, fragt man: Was zeigt die Datenlage als Ganzes? Dieses Verfahren ist der Goldstandard etwa in der evidenzbasierten Medizin – es entscheidet, ob ein Medikament zugelassen wird oder nicht.

In der Mediumsforschung war eine solche Aggregation lange überfällig. Jede Einzelstudie – auch eine sehr saubere wie die Quintuple-Blind-Studie von Beischel – kann theoretisch noch durch zufällige Konstellationen oder eine glückliche Stichprobe erklärt werden. Erst die Bündelung mehrerer unabhängiger Experimente zeigt, ob ein konsistentes Signal vorliegt.

Die Meta-Analyse 2020

Die Studie „Anomalous information reception by mediums: A meta-analysis of the scientific evidence" erschien 2020 im peer-reviewed Journal EXPLORE: The Journal of Science and Healing. Tressoldi und seine Co-Autoren analysierten:

  • 14 peer-reviewed Veröffentlichungen zwischen 2001 und 2019
  • 18 unabhängige Experimente
  • Studien mit doppelt-, dreifach- und sogar fünffach-blinden Protokollen

Das aggregierte Ergebnis: ein Gesamteffekt mit einer Zufallswahrscheinlichkeit von p < 10⁻⁹. Damit liegt der Effekt auf einem Niveau, das in der medizinischen oder psychologischen Mainstream-Forschung als „overwhelming evidence" gelten würde – Wirksamkeit eines Medikaments mit p < 10⁻⁹ würde unverzüglich zur Zulassung führen.

Publication Bias entkräftet

Skeptiker werfen positiven Forschungsfeldern oft vor, sie würden unter Publication Bias leiden – also: Negative Studien wandern in die Schublade, nur die positiven werden veröffentlicht. Tressoldi hat genau diesen Vorwurf adressiert. Mit zwei standardisierten statistischen Tests prüfte er auf Anzeichen selektiver Publikation. Beide Tests fanden keine Hinweise auf systematische Verzerrung.

Damit ist eine der zentralen Skeptiker-Antworten – „es gibt sicher viele negative Studien, die nie veröffentlicht wurden" – innerhalb der Datenlage entkräftet. Das Gesamtergebnis lässt sich nicht mehr mit dem Hinweis auf eine versteckte Schublade voller Misserfolge wegerklären.

Die OMEGA-Studie 2022

Tressoldi belässt es nicht bei der Meta-Analyse. Mit eigener experimenteller Forschung erweitert er die Datenbasis fortlaufend. Eine besonders bemerkenswerte Studie erschien 2022 im OMEGA – Journal of Death and Dying: „Is There Someone in the Hereafter? Mediumship Accuracy of 100 Readings Obtained with a Triple Level of Blinding Protocol" (Tressoldi, Liberale & Sinesio):

  • 28 Medien
  • 100 Readings unter dreifach-blinden Bedingungen
  • Sitter mussten echte Readings von Decoy-Readings unterscheiden
  • Ergebnis: p = 0,000048 – also rund 1 zu 20.000

Survival statt nur Psi

In einer früheren Studie aus 2021 („Mediumship accuracy: A quantitative and qualitative study with a triple-blind protocol") stellte Tressoldi noch eine zusätzliche, philosophisch heikle Frage: Stammt die Information telepathisch von den Sittern, oder kommt sie tatsächlich von den Verstorbenen? Neun Medien produzierten 38 Readings zu 38 Verstorbenen, wobei das Medium nur den Vornamen kannte. Die qualitative Auswertung – Spezifität auf konkrete biographische Details der Verstorbenen statt auf die emotionale Lage der Sitter – führte zu einer im Forschungsfeld bemerkenswerten Folgerung:

Die Daten stützen die Survival-Hypothese stärker als die reine Psi-/Telepathie-Hypothese.

Damit positioniert sich Tressoldi mutiger als etwa Beischel, die mit ihrem „Anomalous Information Reception"-Begriff ja gerade die Survival-Frage offenlässt. Tressoldi sagt: Die Spezifität der Treffer auf die Verstorbenen – nicht auf die anwesenden Sitter – zwingt dazu, die Survival-Erklärung ernst zu nehmen.

Einordnung: Der Capstone der Reihe

Tressoldis Arbeit hat eine andere Funktion als die der bisherigen Forscher in dieser Reihe. Schwartz, Beischel, Roy/Robertson und Lazar haben Medien einzeln untersucht – Tressoldi schaut auf die Forschungslandschaft als Ganzes:

  • Schwartz/VERITAS lieferte den methodischen Ausgangspunkt.
  • Roy & Robertson/Glasgow brachten größere Stichproben.
  • Beischel/Windbridge verschärften die Verblindung auf fünf Ebenen.
  • Lazar/EREAMS ergänzte eine deutsche, qualitativ-hermeneutische Linie.
  • Tressoldi aggregiert sie alle – und zeigt: Das Signal ist konsistent, robust und unabhängig vom individuellen Bias der einzelnen Forschungsgruppen.

Mit p < 10⁻⁹ über 18 unabhängige Experimente in zwei Jahrzehnten ist die Mediumsforschung in einem Zustand, den man von einem Phänomen erwartet, das real existiert – nicht von einem, das durch akkumulierten Selbstbetrug oder Publication Bias zustande käme. Die wissenschaftliche Frage hat sich damit verschoben: Nicht mehr „gibt es da etwas?", sondern „wie erklären wir, was da ist?"

Quellen:
• P. Tressoldi et al., Anomalous information reception by mediums: A meta-analysis of the scientific evidence, EXPLORE: The Journal of Science and Healing (2020).
• P. Tressoldi, L. Liberale et al., Mediumship accuracy: A quantitative and qualitative study with a triple-blind protocol (2021).
• P. Tressoldi, L. Liberale & F. Sinesio, Is There Someone in the Hereafter? Mediumship Accuracy of 100 Readings Obtained with a Triple Level of Blinding Protocol, OMEGA – Journal of Death and Dying (2022).
Psi Encyclopedia (SPR): Patrizio Tressoldi.
University of Padova: Patrizio Tressoldi.

Die einzelnen Studien, die Tressoldi in seiner Meta-Analyse zusammenführt, findest Du in unseren Beiträgen zu Gary Schwartz und VERITAS, Roy & Robertsons Glasgow-Studie, Julie Beischel und dem Windbridge Institute sowie zur EREAMS-Studie von Oliver Lazar.