Die Glasgow-Studie: Archie Roy und Tricia Robertson

Veröffentlicht am 2026-05-08 · Aktualisiert am 2026-05-08 · Lesezeit ca. 10 Minuten

Wenn ein Astrophysiker beginnt, Medien wissenschaftlich zu testen, hört die akademische Welt zumindest hin. Genau das taten Prof. Archie Roy (1924–2012, Lehrstuhl für Astronomie an der University of Glasgow) und seine Kollegin Tricia Robertson zwischen Mitte der 1990er- und Anfang der 2000er-Jahre. Ihre über fünf Jahre entwickelte Versuchsreihe – heute oft als Glasgow-Studie oder Robertson-Roy-Protokoll bezeichnet – gilt als eine der methodisch saubersten Untersuchungen medialer Arbeit, die je veröffentlicht wurden. Das Ergebnis lässt aufhorchen: Die Wahrscheinlichkeit, dass die Treffer der Medien rein zufällig zustande kamen, lag bei rund eins zu einer Million.

Wer waren Roy und Robertson?

Archie Roy war keine Esoteriker-Figur. Er war seit 1977 Professor für Astronomie an der University of Glasgow, Spezialist für Astrodynamik, Himmelsmechanik und Archäoastronomie, später Professor Emeritus. Über Jahrzehnte hinweg engagierte er sich zudem in der Society for Psychical Research (SPR) – einer 1882 in London gegründeten wissenschaftlichen Gesellschaft, deren erklärtes Ziel die methodisch saubere Untersuchung paranormaler Phänomene ist. Tricia Robertson, ebenfalls langjähriges SPR-Mitglied und heute Präsidentin der Scottish Society for Psychical Research, entwickelte mit ihm gemeinsam ein Versuchsdesign, das den klassischen Skeptiker-Einwand frontal angehen sollte.

PRISM: Der Ausgangspunkt

Hintergrund war die PRISM-Initiative (Psychical Research Involving Selective Mediums), mit der die SPR Mitte der 1990er-Jahre damit begann, ausgewählte Medien unter kontrollierten Bedingungen zu untersuchen. Roy und Robertson übernahmen den methodischen Lead und verfeinerten das Versuchsprotokoll über fünf Jahre hinweg schrittweise – von einfach- über doppelt- bis hin zu dreifach-blinden Anordnungen. Ihre Ergebnisse erschienen 2001 und 2004 im Journal of the Society for Psychical Research (JSPR).

Die Hypothese: der Forer-Effekt

Die Studie testete eine zentrale Skeptiker-Hypothese in präziser Form:

„Alle Aussagen von Medien sind so allgemein, dass sie auf jeden Menschen zutreffen könnten."

Das ist der sogenannte Forer- oder Barnum-Effekt, bekannt aus Horoskopen: Vage Aussagen wie „Sie sind manchmal unsicher" oder „Es gab einen wichtigen Verlust in Ihrer Familie" lassen sich auf fast jedes Leben übertragen. Wenn diese Hypothese stimmt, müssten Personen, die ein Reading erhalten haben, die Aussagen genauso oft auf sich beziehen wie Personen, denen das Reading gar nicht galt. Genau das wurde getestet.

Das experimentelle Setup

Das Protokoll lief schematisch so ab:

  1. Ein Medium gab in Anwesenheit eines Empfängers (Recipient) eine Sitzung – in den blindierten Varianten ohne den Empfänger sehen oder direkt sprechen zu können (sensorische Abschottung, getrennte Räume).
  2. Sämtliche Aussagen des Mediums wurden vollständig protokolliert.
  3. Das Protokoll ging anschließend an den eigentlichen Empfänger und an mehrere Nicht-Empfänger (Non-Recipients) – Personen, denen das Reading nicht galt.
  4. Beide Gruppen mussten unabhängig voneinander bewerten, wie viele Aussagen auf ihr eigenes Leben zutrafen.

In den späteren Versuchsreihen wussten weder Medium noch Bewertende, wer der eigentliche Empfänger war (doppelblind), in einigen Konfigurationen waren auch die Versuchsleiter beim Auswerten verblindet (dreifach-blind). Damit waren typische Cold-Reading-Hinweise – Mimik, Gestik, Stimmreaktionen, Vorabwissen – konsequent ausgeschlossen.

Die Zahlen

Die zentralen Veröffentlichungen umfassen über mehrere Versuchsreihen hinweg:

  • 10 Medien
  • 44 Empfänger in der ersten Studie, 407 Nicht-Empfänger als Vergleichsgruppe
  • In der finalen Versuchsreihe rund 300 Teilnehmer und 73 Readings über etwa 2,5 Jahre

Das Ergebnis

Die Empfänger der Sitzungen erkannten in den Protokollen einen signifikant höheren Anteil der medialen Aussagen als für ihr eigenes Leben zutreffend, verglichen mit den Nicht-Empfängern – obwohl alle sensorischen Hinweise durch das blinde Setup ausgeschlossen waren. Die statistische Wahrscheinlichkeit, dass dieses Ergebnis allein durch Zufall zustande kam, lag laut den Autoren bei rund 1 zu 1.000.000. Damit war die Forer-Hypothese unter den Bedingungen der Studie nicht haltbar.

Die Veröffentlichungen

Die Hauptergebnisse erschienen in drei Publikationen im Journal of the Society for Psychical Research:

  • JSPR 65/2 (April 2001), S. 91–106: „A preliminary study of the acceptance by non-recipients of mediums' statements to recipients."
  • JSPR 65/3 (2001), S. 161–174: „A double-blind procedure for assessing the relevance of a medium's statements to recipients."
  • JSPR 2004: „Results of the application of the Robertson-Roy protocol to a series of experiments with mediums and participants."

Einordnung

Die Glasgow-Studie ist – wie etwa die NDERF-Arbeit von Jeffrey Long oder die EREAMS-Studie von Oliver Lazar – kein Laborexperiment im naturwissenschaftlichen Sinn; sie kann nicht beweisen, wie Medien an ihre Informationen gelangen. Was sie aber zeigt, und das mit hoher statistischer Robustheit: Die einfache Skeptiker-Erklärung „alles bloß Allgemeinplätze" trägt nicht. Wer das Phänomen wegerklären will, muss alternative Hypothesen entwickeln, die sowohl die blinden Bedingungen als auch das Trefferniveau erklären – einfache Forer-Argumentation reicht nach den Roy-Robertson-Daten nicht aus.

Roy selbst, dessen Hauptberuf ihn naturwissenschaftlich diszipliniert hatte, betonte zeitlebens, er bevorzuge keine Hypothese aus weltanschaulichem Grund. Was zähle, sei die Datenlage. Genau diese Haltung macht die Studie auch heute – über zwei Jahrzehnte nach ihrer Veröffentlichung – zu einem Schlüsselargument in der seriösen Mediumschaftsforschung.

Quellen:
• A. E. Roy & T. J. Robertson, A preliminary study of the acceptance by non-recipients of mediums' statements to recipients, Journal of the Society for Psychical Research 65/2 (April 2001), S. 91–106.
• A. E. Roy & T. J. Robertson, A double-blind procedure for assessing the relevance of a medium's statements to recipients, JSPR 65/3 (2001), S. 161–174.
• T. J. Robertson & A. E. Roy, Results of the application of the Robertson-Roy protocol to a series of experiments with mediums and participants, JSPR 2004.
Psi Encyclopedia (SPR): Archie Roy.
• Tricia J. Robertson, Things you Can do When You're Dead bzw. More Things you Can do When You're Dead (White Crow Books).

Mehr zu wissenschaftlicher Mediumschaftsforschung findest Du in unseren Beiträgen zu Gary Schwartz und dem VERITAS-Programm, zur Quintuple-Blind-Forschung von Julie Beischel und dem Windbridge Institute, zur EREAMS-Studie von Oliver Lazar, zu Jeffrey Longs NDERF-Forschung und zur Meta-Analyse von Patrizio Tressoldi.