Daniel Dunglas Home (1833–1886)

Veröffentlicht am 2026-06-05 · Lesezeit ca. 12 Minuten

Daniel Dunglas Home (1833–1886, gesprochen „Hume") war eines der bekanntesten physikalischen Medien des 19. Jahrhunderts. Ihm wurde ein breites Repertoire an Phänomenen zugeschrieben – von Klopflauten bis zur Levitation –, vieles davon bei Kerzenlicht statt in völliger Dunkelheit. Bemerkenswert ist, dass Home nie eindeutig des Betrugs überführt wurde; ebenso wenig wurden seine Phänomene je unter Bedingungen vorgeführt, die heutigen Maßstäben genügen. Entsprechend weit gehen die Urteile bis heute auseinander – von William Crookes, der ihn ernsthaft prüfte, bis zu Kritikern, die ihn für einen geschickten Schwindler hielten.

Wer war D. D. Home?

Home wurde im März 1833 bei Edinburgh geboren und als Kind zu einer Tante in die USA gegeben. Schon als junger Mann traten in seiner Umgebung die typischen Phänomene des frühen Spiritualismus auf – Klopflaute, sich bewegende Möbel. Zeitlebens litt er an Tuberkulose; 1855 übersiedelte er nach England. Dort, und später quer durch Europa, wurde er zum gefragten Gast in den höchsten Kreisen – Aristokraten, Künstler und gekrönte Häupter luden ihn ein. Anders als viele Berufsmedien nahm er für seine Sitzungen kein festes Geld, sondern lebte von der Gastfreundschaft seiner Gastgeber.

Die Phänomene

Das Home zugeschriebene Repertoire ist umfangreich:

  • Klopflaute und Objektbewegungen – bis hin zum Anheben schwerer Tische und ganzer Klaviere.
  • Musikinstrumente, die ohne Berührung spielten, allen voran das Akkordeon.
  • Geisterhände – sichtbare, fühlbare Hände, die Gegenstände reichten.
  • Elongation – die angebliche Verlängerung seines Körpers um mehrere Zentimeter bis über einen Fuß.
  • Feuerproben – das Hantieren mit glühenden Kohlen, ohne sich zu verbrennen, wobei er die Unverletzlichkeit zeitweise auf andere übertragen haben soll.
  • Levitation – das freie Schweben von Gegenständen und, am spektakulärsten, seiner selbst.

Vieles davon soll nicht in völliger Dunkelheit, sondern bei Kerzenlicht oder am Tag geschehen sein – anders als bei den späteren Kabinett- und Rotlicht-Séancen. Verteidiger werten das zu seinen Gunsten; ein Beweis liegt darin nicht.

Die Levitation im Ashley House (Dezember 1868)

Der berühmteste Einzelvorfall ereignete sich im Dezember 1868 in einer Londoner Wohnung am Ashley House. Drei Zeugen aus dem Adel – Lord Adare, der Master of Lindsay und Captain Wynne – berichteten übereinstimmend, Home sei in Trance aus dem Fenster des einen Zimmers hinaus- und durch das Fenster eines benachbarten Zimmers wieder hereingeschwebt, mehrere Stockwerke über der Straße. Der Vorfall ist bis heute umstritten: Skeptiker verweisen auf die schlechten Lichtverhältnisse und mögliche Verwechslung der Fenster; Verteidiger auf die Übereinstimmung dreier unabhängiger, gebildeter Zeugen. Beweisen lässt sich, anders als bei einem Laborversuch, hier naturgemäß nichts.

Crookes nimmt ihn ins Labor (1871)

Am besten dokumentiert sind die Versuche des Chemikers und Royal-Society-Mitglieds William Crookes, der Home 1871 mit zwei selbst gebauten Apparaten unter eigenen Bedingungen prüfte:

  • Das Akkordeon im Käfig. Crookes setzte das Instrument in einen mit Kupferdraht umwickelten Holzkäfig. Home hielt es nur am unteren Ende, weit weg von den Tasten, durch eine Öffnung, die zu klein war, um die Tasten zu erreichen. Beobachter auf beiden Seiten sahen das Akkordeon sich bewegen – und es erklangen Töne, schließlich ganze Tonfolgen.
  • Der Federwaagen-Test. Ein Mahagonibrett lag mit einem Ende auf dem Tisch, das andere hing an einer Federwaage. Als Home nur die Fingerspitzen auf das tischseitige Ende legte, stieg der an der Waage gemessene Druck weit über das hinaus, was ein bloßes Drücken aus dieser Position je hätte erzeugen können.

Crookes fand keinen Hinweis auf Betrug und schloss auf eine bis dahin unbekannte „psychische Kraft". Seine Fachkollegen reagierten mit Spott; zurückgenommen hat er seine Befunde nie. Kritiker halten dem entgegen, dass auch Crookes' Kontrollen nicht so lückenlos waren, wie sie klingen, und dass ein einzelner Beobachter täuschbar bleibt (mehr dazu im Crookes-Porträt).

Nie überführt – und nie bewiesen

In über dreißig Jahren öffentlicher Tätigkeit wurde Home kein einziges Mal zweifelsfrei beim Tricksen erwischt – anders als etwa Eusapia Palladino, die mehrfach ertappt und dennoch unter Kontrolle Phänomene produzierte. Das heißt umgekehrt aber nicht, dass seine Phänomene je positiv nachgewiesen worden wären. Die einzige juristische Niederlage Homes betraf nicht seine Mediumschaft: Eine wohlhabende Witwe, Mrs. Lyon, hatte ihm zunächst ein Vermögen geschenkt und es dann gerichtlich zurückgefordert; das Gericht gab ihr 1868 recht – wegen unzulässiger Beeinflussung, nicht wegen erwiesenen Betrugs.

Die Skeptiker – ehrlich betrachtet

Bewunderung war nicht die einzige Reaktion. Der Dichter Robert Browning, der einer Sitzung beigewohnt hatte, hielt das Ganze für Schwindel und verewigte Home bissig im Gedicht Mr Sludge, „the Medium" (1864). Und der SPR-Forscher Frank Podmore, Homes hartnäckigster Kritiker, suchte nach normalen Erklärungen für jede Sitzung. Ihr stärkstes Argument ist methodisch: Home steuerte die Bedingungen, das Licht war oft nur Kerzenschein, und eine kontrollierte Wiederholung im modernen Sinn gab es nicht. Umgekehrt mussten manche Kritiker auf weitreichende Annahmen zurückgreifen – Podmore etwa auf eine kollektive Hypnose aller Anwesenden. Eine zwingende normale Erklärung für jeden Einzelfall hat bislang niemand vorgelegt – so wenig wie einen Beweis für das Paranormale.

Einordnung

Daniel Dunglas Home bleibt ein Grenzfall. Er trat oft im Licht und vor kritischen Zeugen auf, wurde von einem ernsthaften Wissenschaftler geprüft und nie entlarvt; zugleich genügen die Bedingungen des 19. Jahrhunderts modernen Ansprüchen nicht, und ein positiver Nachweis fehlt. Für die einen ist er damit einer der am schwersten erklärbaren Fälle des Feldes, für die anderen ein besonders geschickter Schwindler – die Quellen lassen beides zu. Wer den größeren Zusammenhang sucht, findet ihn im Überblick zur physikalischen Medialität; die Untersucher-Seite zeigen die Porträts von Crookes, Richet und Schrenck-Notzing, das betrugsbelastete Gegenstück das Palladino-Porträt, und das jüngste große Kapitel das Scole-Experiment.

Quellen:
• Daniel Dunglas Home, Incidents in My Life, 1863.
• Lord Adare, Experiences in Spiritualism with Mr. D. D. Home, 1869.
• William Crookes, Researches in the Phenomena of Spiritualism, 1874.
• Frank Podmore (kritische Sicht); Psi Encyclopedia (SPR), „Daniel Dunglas Home".

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