Preußische Schulpflicht – Disziplin, Lesen, Schreiben und die Pfadabhängigkeit eines Lehrplans

Veröffentlicht am 2026-05-20 · 14 Min. Lesezeit

Die allgemeine Schulpflicht für alle 5- bis 13-Jährigen wurde in Preußen am 12. August 1763 durch Friedrich II. mit dem General-Land-Schul-Reglement für das ganze Königreich eingeführt. Sein Vater Friedrich Wilhelm I. hatte 1717 bereits eine Schulpflicht für die königlichen Domänen verfügt. Damit hatte Preußen rund hundert Jahre vor dem Rest Europas eine flächendeckende staatlich verordnete Schule. Die offiziellen Ziele waren bescheiden: Lesen, Schreiben, christliche Unterweisung. Die strukturellen Wirkungen – Verwaltungs-Personal, militärische Reserve, Disziplinierung der Bauernschaft, Wegführung vom „Aberglauben" hin zu einem aufklärerisch sanktionierten Weltbild – waren das eigentliche Programm. Dieses Programm wurde 1810 durch die Humboldt-Reform philosophisch überformt, aber die Form blieb: Stundentakt, Klassenverband, Lehrplan als Filter. Über Horace Mann ging das Modell 1843 in die USA und von dort in die meisten westlichen und ostasiatischen Schulsysteme. Der Beitrag stellt die historische Architektur dar und schließt mit dem Punkt, der für unsere Plattform relevant ist: Was in einem Lehrplan steht und was nicht, ist nicht zufällig so verteilt. Beides wird gefiltert – und zwar in dieselbe Richtung.

1717 und 1763 – wer hat was eingeführt

Der Vater, der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I., erließ am 28. September 1717 die sogenannte Verordnung wegen Einführung der allgemeinen Schulpflicht in Preußen. Sie galt zunächst nur für die königlichen Domänen und war in der Praxis sehr lückenhaft. Aber der Anspruch stand: Jedes Kind, dessen Eltern in der Reichweite des Königs lebten, sollte zur Schule gehen. Hintergrund war eine Mischung aus pietistischem Bildungsanspruch (jeder Christ muss die Bibel lesen können) und merkantilistischer Staatsvernunft (ein lese- und rechenfähiges Volk dient dem Staat).

Der Sohn, Friedrich II. „der Große", hat das Programm 46 Jahre später flächendeckend durchgesetzt. Das General-Land-Schul-Reglement vom 12. August 1763 (Volltext im Bestand der German History in Documents and Images, GHDI) verlangte in § 1 den Schulbesuch aller Kinder vom 5. bis zum 13. Lebensjahr und drohte in § 10 Sanktionen gegen säumige Eltern an. Es regelte ferner Lehrer-Ausbildung, Schulhäuser, Stundenplan, Lehrstoff und die finanzielle Verantwortung der Gutsherren und Gemeinden. Mit diesem Text – verfasst von dem schlesischen Reformpädagogen Johann Julius Hecker im königlichen Auftrag – beginnt die moderne deutsche Volksschule.

Was das Reglement wörtlich verlangte

Drei Lerngegenstände werden im Reglement ausdrücklich genannt: Lesen, Schreiben, christliche Unterweisung. Mehr nicht. Rechnen war im § 18 als wünschenswerter Zusatz vorgesehen, aber nicht Pflicht. Naturkunde, Geschichte, Geographie, fremde Sprachen, „freie Künste" – nichts davon stand im Pflichtprogramm der Volksschule. Das war Sache der höheren Schulen (Gymnasien) und der Universität, also einer dünnen elitären Schicht, die in keinem ernsthaften Verhältnis zur Gesamtbevölkerung stand.

Die Lehrer waren in der Frühphase fast immer ungelernte Handwerker, ausgediente Soldaten oder Küster, die nebenbei unterrichteten. Hecker richtete deshalb in Berlin 1748 das erste preußische Lehrerseminar ein, aus dem über Jahrzehnte hinweg ausgebildete Lehrkräfte für die Volksschulen kamen. Das war für die Zeit eine staatliche Großinvestition. Es ist wichtig zu sehen, dass Preußen hier nicht nur eine Pflicht erließ, sondern auch die Infrastruktur dafür mitbaute.

Was nicht im Reglement stand – die strukturellen Funktionen

Die offiziellen Lerngegenstände erklären nicht, warum ein absolutistischer Staat die Volksschule einführte. Die strukturellen Funktionen, die der Historiker James Van Horn Melton in seiner Cambridge-Studie Absolutism and the Eighteenth-Century Origins of Compulsory Schooling in Prussia and Austria (1988) als die eigentlichen Motive identifiziert, sind:

  • Verwaltung. Ein preußischer Beamtenapparat, der Steuern eintreibt, Akten führt, Patente vergibt und Heeresfolge organisiert, braucht ein lese- und rechenfähiges Volk. Ohne flächendeckende Alphabetisierung kein moderner Steuerstaat.
  • Militär. Friedrichs Heer war ab 1733 nach dem Kantonsystem organisiert: Jedes Regiment hatte einen festen geographischen Einzugsbereich, aus dem es seine Rekruten zog. Eine im Dorf alphabetisierte männliche Bevölkerung war für militärische Befehle, schriftliche Dienstvorschriften und Logistik deutlich besser zu gebrauchen als eine analphabetische.
  • Disziplinierung. Sechs Tage pro Woche, vier bis acht Stunden täglich, mehrere Jahre lang gewöhnt der Schultag das Kind an einen Rhythmus, der dem der Manufaktur, der Kaserne und der Behörde entspricht: feste Anfangszeit, Sitzen auf zugewiesenem Platz, Schweigen außer auf Aufforderung, Lehrer-Autorität, schriftliche Strafen bei Abweichung. Diese Form-Gewöhnung ist – unabhängig vom Lerninhalt – das prägendste Ergebnis preußischer Schule. Michel Foucault hat diese Logik in Überwachen und Strafen (1975) als moderne Disziplinarmacht beschrieben: Schule, Kaserne, Fabrik und Krankenhaus teilen sich dasselbe Bauprinzip.
  • Wegführung vom „Aberglauben". Die Aufklärung war Friedrichs Selbstverständnis. Was er als „Aberglauben" bezeichnete, umfasste reichlich Heterogenes: Volksfrömmigkeit, Hexenglauben, Geistererzählungen, magische Heilverfahren, populäre Astrologie, aber auch (und das ist heute oft vergessen) jeden religiösen Enthusiasmus, der sich der staatlichen Aufsicht entzog. Die Schule sollte nicht zu wissenschaftlichem Wissen führen – das war Universitätssache –, sondern zu einer staatlich sanktionierten, lutherisch-aufgeklärten Mitte. Das Reglement spricht im § 1 ausdrücklich davon, die Kinder „von der Unwissenheit und dem dabei oft eingewurzelten Aberglauben" zu erlösen.

Diese vier Funktionen sind nicht heimlich, sondern in der zeitgenössischen Verwaltungssprache offen ausgesprochen. Was historische Forschung im 20. Jahrhundert hinzugefügt hat, ist nur die nüchterne Analyse, dass diese Funktionen – nicht Lesen, Schreiben und Christentum allein – das eigentliche Strukturprogramm der Volksschule waren und dass die Form, in der Schule bis heute stattfindet, aus diesem Funktionsbündel hervorgegangen ist.

Der Humboldt-Bruch 1810 – andere Idee, gleiches Gerüst

Nach dem preußischen Zusammenbruch in der Schlacht bei Jena (1806) ordnet Wilhelm von Humboldt als Sektionschef im Innenministerium 1809/10 das gesamte Bildungswesen neu. Sein Programm ist humanistisch, anti-utilitaristisch, idealistisch. Bildung ist für Humboldt Selbstzweck, nicht Staatsdienst. Sie soll den Menschen zur „höchsten und proportionierlichsten Ausbildung seiner Kräfte" führen, nicht zum brauchbaren Subjekt. Das Gymnasium wird in seiner heutigen Form ausgebaut, die Berliner Universität (heute Humboldt-Universität) 1810 gegründet, das Abitur als Hochschulzugang formalisiert.

Inhaltlich ist das ein scharfer Bruch mit Friedrich. Strukturell ist es keiner. Die Volksschule bleibt achtjährig, sechs Tage pro Woche, Klassenverband, Stundentakt, Notenskala. Humboldt ändert das Warum, nicht das Wie. Der Schultag, in den ein deutsches Kind 1850, 1900, 1950 und 2020 hineinwächst, ist im Wesentlichen die preußische Form von 1763, mit humanistisch akzentuiertem Inhalt im oberen Schichtsegment. Wer das System ändern will, muss diese doppelte Schicht sehen: ein idealistisches Bildungsideal über einem absolutistischen Disziplinargerüst.

Diese Form-Stabilität hat sich gegen mindestens vier ideologische Überformungen behauptet: Wilhelms II. Schulerlass 1889 und Lehrplanreform 1892 als nationalistisch-antisozialistische Aufladung; die Weimarer Reichsschulkonferenz 1920 und die preußischen Richtlinien 1925 unter Carl Heinrich Becker als reformpädagogisches Öffnungsfenster; die nationalsozialistische Gleichschaltung ab 1933 als ideologische Vereinnahmung; und nach 1945 der scharfe Bruch zwischen dem zentralistischen DDR-Einheitssystem (Bildungsgesetz 1965) und dem föderalen BRD-Modell mit Methodenfreiheit der Lehrer, das nach dem PISA-Schock 2000 in die heutige Kompetenz-Orientierung mit KMK-Bildungsstandards (ab 2003) übergegangen ist. In keiner dieser Phasen wurden Klassenverband, Stundentakt, Notenskala und Lehrplan-als-Filter angetastet.

Der internationale Export – Horace Mann 1843

1843 reist der amerikanische Schulreformer Horace Mann, Sekretär des Massachusetts Board of Education, sieben Monate durch Europa und studiert vor allem das preußische System. Sein Reisebericht – der berühmte Seventh Annual Report (1844) – wird die Blaupause für die Einführung der US-amerikanischen common schools: staatliche, kostenlose, gemischtkonfessionelle, pflichtbasierte Schulen für alle. Bis 1918 hatten alle US-Bundesstaaten die Schulpflicht. Die Form war: die preußische.

1872 übernimmt das Meiji-Japan in der Gakusei-Reform fast wörtlich das preußische Modell als Teil seines Modernisierungsprogramms; preußische Bildungsexperten beraten direkt in Tokio. Über die USA und Japan, und über die direkte preußische Nachfolge im Deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik, ist das Modell zur weltweiten Standardform geworden. Die UNESCO-Schulpflicht-Standards der Nachkriegszeit beruhen organisatorisch im Kern auf derselben Form. John Taylor Gatto hat in The Underground History of American Education (2001) diesen Importweg ausführlich nachgezeichnet.

Was bis heute geblieben ist

Ein deutsches Schulkind 2026 sitzt im Klassenverband (preußisch), folgt einem festen Stundentakt mit 45-Minuten-Einheiten (preußisch in der Variante, in der sie sich seit etwa 1880 verfestigt hat), wird in einer Notenskala 1–6 bewertet (preußisch, formalisiert im 19. Jahrhundert), bewegt sich altersgleich durch eine vorgegebene Jahrgangsstufung (preußisch), erhält einen weitgehend zentral genormten Lehrplan (preußisch, heute Sache der Länder, aber Idee und Form identisch), und wird beim Verlassen des Systems durch ein staatlich anerkanntes Zeugnis qualifiziert (preußisch, im 19. Jahrhundert formalisiert). Diese sechs Form-Merkmale sind Teil dessen, was man institutionelle Pfadabhängigkeit nennt: Sie sind so tief in die Architektur eingegossen, dass sie nicht mehr als „Entscheidung" wahrgenommen werden, sondern als „Schule selbst".

Reformbewegungen seit Maria Montessori, Rudolf Steiner, der Reformpädagogik der 1920er Jahre, der antiautoritären Schule der 1970er, der Freinet- und Sudbury-Schulen haben jeweils versucht, eines oder mehrere dieser Form-Merkmale zu durchbrechen. Sie konnten sich als Ersatzschulen (Art. 7 Abs. 4 GG) etablieren – in Deutschland heute rund 3.700 staatlich anerkannte Ersatzschulen plus rund 1.900 Ergänzungsschulen, zusammen etwa 10 % des Schulwesens. Der Hauptkörper aber bleibt preußisch.

Anschluss an das 1906er Pattern – was gekürzt wird und was fehlt

Für unsere Plattform ist die historisch interessante Frage nicht, was ein staatlicher Lehrplan vermittelt, sondern wie er filtert – und zwar in beide Richtungen. Wir haben in unserer Reihe Das 1906er Pattern gezeigt, dass die akademische Wissenschaft im engen Fenster 1906–1910 das Thema „Bewusstsein und nicht-materielle Wirklichkeit" institutionell aus dem Kanon entfernt hat – nicht durch neue Daten, sondern durch institutionelle Pfadabhängigkeit. Im Schulbuch zeigt sich diese Filterung in zwei Gestalten: bei den Vor-1906-Kanonfiguren in Form gekürzter Biographien, bei den Nach-1906-Stimmen als fehlende Biographien.

Vor 1906 – die Biographien stehen drin, aber gekürzt

Die Spitzen-Naturwissenschaftler des 16. bis 19. Jahrhunderts sind in jedem deutschen Schulbuch präsent. Was in der Schulversion praktisch durchgehend fehlt, ist diejenige Hälfte ihres Werks, die sich heute als „metaphysisch", „religiös", „hermetisch" oder „okkult" einordnen ließe – obwohl sie zeitgenössisch nicht nur dazugehörte, sondern teils sogar volumenmäßig den größeren Teil ausmachte. Das ist nicht ein Randdetail, das aus Stoff-Gründen wegfiel:

  • Kepler: drei Planetengesetze im Schulbuch; nicht im Buch: rund 800 Horoskope, die Hofastrologen-Stellen in Prag und bei Wallenstein, die Verteidigung der eigenen Mutter im Hexenprozess von Leonberg. Siehe Kepler – Hofastrologe und Begründer der modernen Astronomie.
  • Newton: Mechanik, Gravitation, Optik im Schulbuch; nicht im Buch: rund eine Million Wörter in eigener Hand zu Alchemie, Apokalyptik und hermetischer Tradition – mehr als Principia, Opticks und mathematische Schriften zusammen. Siehe Newton – Alchemist und Magier hinter dem Mathematiker.
  • Boyle: Boyle-Mariotte-Gesetz im Schulbuch; nicht im Buch: seine testamentarisch gestifteten Boyle Lectures zur öffentlichen Verteidigung des Christentums gegen den Atheismus, deren erste Reihe 1692 in London stattfand und die bis heute fortgeführt werden. Siehe Boyle – Chemie, Alchemie und die Boyle Lectures.
  • Faraday: elektromagnetische Induktion und Feldbegriff im Schulbuch; nicht im Buch: seine lebenslange Zugehörigkeit als Ältester einer kleinen christlichen Splittergruppe (Sandemanians) und seine Ablehnung des angebotenen Royal-Society-Präsidentenamts aus religiösen Gründen. Siehe Faraday – Sandemanianer und der Feldbegriff.
  • Maxwell: die vier Maxwell-Gleichungen im Schulbuch; nicht im Buch: seine Antritts-Vorlesung als Cavendish-Professor (Oktober 1871), in der er das physikalische Modell ausdrücklich nicht mit der ganzen Wirklichkeit verwechselt sehen wollte – die entsprechenden Passagen sind in praktisch allen Standardauszügen der Rede gestrichen. Siehe Maxwell – Theologie und Elektrodynamik.
  • Kelvin: zweiter Hauptsatz der Thermodynamik und Kelvin-Skala im Schulbuch; nicht im Buch: sein expliziter, lebenslanger Glaube und seine eigene Begründung der thermodynamischen Argumentation aus diesem Glauben. Siehe Kelvin – Thermodynamik und Glaube.
  • Pierre Curie: Nobelpreis 1903 mit Marie Curie und Becquerel für die Radioaktivität, Piezoelektrizität, Curie-Temperatur im Schulbuch; nicht im Buch: seine intensive Teilnahme an den Palladino-Sitzungen am Institut Général Psychologique in Paris 1905/06 (zusammen mit Charles Richet, Henri Poincaré, Jean Perrin), sein Brief an Georges Gouy mit dem Satz, hier öffne sich „ein ganzes Gebiet neuer Tatsachen", sein Tod am 19. April 1906 als Anker des gesamten 1906er Patterns. Siehe Pierre und Marie Curie und das Medium Eusapia Palladino.

In allen sieben Fällen handelt es sich nicht um Randdetails. Es handelt sich um Werkanteile, die zeitgenössisch zentral waren, in einigen Fällen den volumenmäßig größeren Teil des Werks ausmachen, und die heute systematisch im Schulbuch fehlen – über Jahrhunderte, Disziplinen und Konfessionen hinweg, bei den unbestrittenen Kanonfiguren der modernen Naturwissenschaft. Die zweite Hälfte der Biographie wurde nicht vergessen; sie wurde gefiltert. Pierre Curies Todesdatum 1906 markiert dabei den unmittelbaren Übergang in die nächste Schicht des Patterns – jene, in der die Biographien überhaupt nicht mehr im Buch stehen.

Nach 1906 – die Biographien fehlen ganz

In einem deutschen Gymnasial-Physikbuch der Sekundarstufe II 2026 finden sich Heisenberg, Schrödinger, Bohr, Einstein, Planck, ggf. Feynman. Was sich praktisch nie findet, sind die Schriften, in denen dieselben Physiker das Bewusstseinsproblem behandelt haben:

  • Max Plancks Observer-Interview vom 25. Januar 1931 mit J. W. N. Sullivan („I regard consciousness as fundamental. I regard matter as derivative from consciousness") und sein Vortrag Religion und Naturwissenschaft (Baltikum, Mai 1937, Druckschrift Barth Leipzig 1938 ff.) – im Lehrplan nicht vorhanden.
  • Erwin Schrödingers Vedanta-Schriften Meine Weltansicht, What is Life?, Mind and Matter – im Lehrplan nicht vorhanden.
  • Werner Heisenbergs autobiographisches Werk Der Teil und das Ganze und die Schrift Ordnung der Wirklichkeit über die „zentrale Ordnung" – im Lehrplan nicht vorhanden.
  • John Eccles' Nobel-prämierte Synapsen-Arbeit ist im Bio-LK; sein dualistisches Spätwerk The Self and Its Brain (mit Karl Popper, 600 Seiten) und sein quantenmechanisches Mind-Brain-Modell von 1992 (PNAS) – im Lehrplan nicht vorhanden.
  • Roger Penrose' Nobelpreis 2020 für die Singularitätstheoreme ist im Lehrplan; seine Orch-OR-Theorie des Bewusstseins von 1996 mit Stuart Hameroff – nicht vorhanden.
  • William James'Principles of Psychology sind die Geburtsurkunde der akademischen Psychologie; seine 25-jährige Untersuchung der Mediumin Leonora Piper, sein zweimaliges SPR-Präsidentenamt und sein Aufsatz The Final Impressions of a Psychical Researcher (1909) – im Lehrplan nicht vorhanden.

Die Curriculum-Filterung ist nur einer von mehreren parallelen Mechanismen, mit denen sich das 1906er Pattern institutionell durchgehalten hat. Helen Duncans Verurteilung 1944 unter dem britischen Witchcraft Act von 1735, das CIA-Stargate-Programm (1972–1995, später rund 12 Millionen freigegebene Seiten) und die akademische Marginalisierung der psi-Forschung bis Cardeña 2018 sind drei weitere – wir behandeln sie in unserem Beitrag Mediumschaft und Macht: Helen Duncan, CIA-Stargate und die akademische Marginalisierung. Der vorliegende Beitrag behandelt die Schule als eine vierte Spielart des gleichen institutionellen Musters.

Das ist keine Verschwörung. Es ist eine Filterung durch akkumulierte institutionelle Entscheidungen. Lehrpläne werden von Fachdidaktikern, Schulbuchverlagen und Kultusministerien entworfen. Diese drei Instanzen orientieren sich am akademischen Kanon ihrer Disziplin. Der akademische Kanon ist seit 1906 so beschaffen, dass die genannten Themen darin nicht vorkommen. Die Schule reproduziert diese Filterung mit zwei Generationen Verzögerung. Das ist genau die Pfadabhängigkeit, die Foucault als „Wahrheitsregime" und Bourdieu als „symbolische Reproduktion" beschrieben hat – jeweils nicht durch böse Absicht, sondern durch eine sich selbst verstärkende institutionelle Logik.

Für die Frage „Warum weiß meine Tochter aus dem Bio-LK, dass Eccles den Nobelpreis bekommen hat, aber nicht, dass er Substanz-Dualist war?" gibt es also keine kurze konspirative Antwort. Es gibt aber eine längere strukturelle: Weil 1909 in Harvard institutionell entschieden wurde, dass akademische Psychologie nichts mehr mit psychical research zu tun haben darf. Weil 1953 in der DDR-Pädagogik und 1965 in der BRD-Pädagogik der dialektische Materialismus bzw. der wissenschaftliche Realismus die metaphysisch interessanten Schriften der eigenen Nobelpreisträger aus dem Schul-Kanon herausgenommen hat. Weil Schulbuchverlage in den 2010er Jahren keinen institutionellen Anreiz haben, das zurückzuholen. Das ist die Antwort. Sie ist nüchterner als jede Verschwörungstheorie und in den allermeisten Fällen unangenehmer, weil sie nicht auf einzelne Schuldige zeigt, sondern auf eine ganze Architektur.

Was bleibt

  • Die preußische Schule ist real. 1717 unter Friedrich Wilhelm I., 1763 flächendeckend unter Friedrich II. Sie war für ihre Zeit ein außerordentliches Werk und hat den preußischen Aufstieg im 18. und 19. Jahrhundert mit ermöglicht.
  • Die Funktionen waren mehrschichtig. Lesen und Schreiben offiziell, Verwaltungs- und Militärtauglichkeit strukturell, Disziplinierung in der Form, „Wegführung vom Aberglauben" als aufklärerisches Selbstverständnis. Alle vier Schichten sind in der historischen Forschung gut belegt.
  • Die Form hat den Humboldt-Bruch überlebt. Klassenverband, Stundentakt, Notenskala, Lehrplan als Filter – das ist die preußische Architektur. Das humanistische Bildungsideal Humboldts liegt darüber wie eine zweite Schicht.
  • Das Modell ist global geworden. Über Horace Mann 1843 in die USA, über Meiji-Japan 1872 nach Ostasien, von dort in den Rest der Welt. Wer heute „Schule" sagt, sagt im Wesentlichen „preußische Volksschule mit lokalen Adaptionen".
  • Die Filterung wirkt fort. Lehrpläne reproduzieren mit zwei Generationen Verzögerung den akademischen Kanon. Was die akademische Wissenschaft seit 1906 aus ihrem Kanon entfernt hat – das Bewusstseinsthema in seiner ernsthaften, mit Spitzenphysik und Spitzenpsychologie verbundenen Form –, ist in heutigen deutschen Lehrplänen entsprechend nicht zu finden. Das ist keine Verschwörung, sondern Pfadabhängigkeit. Die Curriculum-Filterung ist dabei nur einer der parallelen Mechanismen – Staatsgewalt, Geheimhaltung und akademische Marginalisierung sind drei weitere; siehe Mediumschaft und Macht.

Quellen

  • Friedrich II., Königlich-Preußisches General-Land-Schul-Reglement, Berlin 12. August 1763 – Volltext bei German History in Documents and Images (GHDI).
  • Wikipedia: Generallandschulreglement – Übersicht, Paragraphen, Wirkung.
  • James Van Horn Melton, Absolutism and the Eighteenth-Century Origins of Compulsory Schooling in Prussia and Austria, Cambridge University Press 1988 – das akademische Standardwerk zu Funktion und Motivation der preußischen Schulpflicht.
  • Wolfgang Neugebauer, Absolutistischer Staat und Schulwirklichkeit in Brandenburg-Preußen, de Gruyter 1985 – preußische Bildungsgeschichte aus archivarischer Perspektive.
  • Michel Foucault, Surveiller et punir (dt. Überwachen und Strafen), Paris/Frankfurt 1975 – Schule, Kaserne, Fabrik als gemeinsame Disziplinarform.
  • Pierre Bourdieu / Jean-Claude Passeron, La reproduction. Éléments pour une théorie du système d'enseignement, Paris 1970 (dt. 1971) – Schule als symbolische Reproduktion.
  • John Taylor Gatto, The Underground History of American Education, New York 2001 – Horace Manns Preußen-Reise und der amerikanische Import.
  • Hartmut von Hentig, Die Schule neu denken, München 1993 – deutsche Reformpädagogik aus dem Inneren des Systems.
  • Tagesspiegel, „Lesen, Schreiben und Beten – 250 Jahre Volksschule in Preußen", 12. August 2013 – journalistische Würdigung zum Jubiläum.
  • Heaven Connect: Das 1906er Pattern – wie die akademische Wissenschaft das Bewusstsein verlor – die These der institutionellen Filterung nach 1906, auf die der Schluss dieses Beitrags aufsetzt.