Das Scole-Experiment (1993–1998)

Veröffentlicht am 2026-06-05 · Lesezeit ca. 12 Minuten

Das Scole-Experiment ist die letzte große, ernsthaft begleitete Untersuchung physikalischer Medialität – und zugleich ihr ehrlichstes Lehrstück. Von 1993 bis 1998 produzierte eine Gruppe von Sitzern im Keller eines Farmhauses in Norfolk ein ganzes Repertoire an Phänomenen: schwebende Lichter, Bilder, die auf versiegelten Filmen erschienen, Apporte, Stimmen aus der Dunkelheit. Drei namhafte Forscher der Society for Psychical Research begleiteten es über Jahre. Ihr Bericht fand keinen Betrug – und bewies trotzdem nichts. Warum, das ist die ganze Geschichte.

Was war das Scole-Experiment?

Im Januar 1993 begann der ehemalige RAF-Pilot Robin Foy (1943–2022) mit seiner Frau Sandra Foy und den beiden ortsansässigen Trance-Medien Alan und Diana Bennett regelmäßig im Keller ihres gemieteten Farmhauses im Dorf Scole zu sitzen. Aus diesem festen Zirkel – der „Scole Group" – entwickelte sich über fünf Jahre eine Sitzungsreihe, die in der Geschichte der Mediumforschung ihresgleichen sucht. Ab 1996 wurden auch öffentliche Sitzungen gegen Gebühr abgehalten; Interessierte aus aller Welt reisten an.

Das Besondere: Anders als die einsamen Medien des 19. Jahrhunderts trat hier ein eingespieltes Team auf, das behauptete, mit einer Gruppe verstorbener „Kommunikatoren" zusammenzuarbeiten – darunter angeblich ganze Wissenschaftler-Teams der „anderen Seite", die technische Anweisungen gaben. Gearbeitet wurde, wie in der Tradition üblich, in völliger Dunkelheit.

Die Forscher der SPR

Was Scole von hunderten privater Heimzirkel unterscheidet, ist die Beteiligung der Society for Psychical Research – jener 1882 gegründeten Gesellschaft, in der schon William Crookes, Oliver Lodge und Lord Rayleigh die physikalische Medialität untersucht hatten. Drei erfahrene Mitglieder führten die Untersuchung:

  • Montague Keen (1925–2004), langjähriger SPR-Forscher und Sprecher des Untersuchungsteams.
  • Arthur Ellison (1920–2000), Ingenieurprofessor und zweifacher SPR-Präsident.
  • David Fontana (1934–2010), Psychologieprofessor und Autor zahlreicher Bücher zur Überlebensfrage.

Zwischen Oktober 1995 und August 1997 begleiteten die drei die Sitzungsreihe: Der Scole Report nennt 18 Sitzungen, bei denen die Untersucher anwesend waren; insgesamt kamen Keen, Ellison und Fontana – einzeln, zu zweit oder gemeinsam – auf 36 Sitzungen. Hinzu kam eine lange Liste prominenter Besucher aus der akademischen Parapsychologie – unter ihnen Donald West, Robert Morris, Archie Roy, Bernard Carr, John Beloff, Tony Cornell, Alan Gauld und der Biologe Rupert Sheldrake. Eines der frühen Gruppenmitglieder, Ken Britten, war Techniker am Arthur Findlay College, der „Weltakademie der Mediumschaft".

Die Phänomene

Die Bandbreite war groß – und genau das macht den Fall zugleich eindrucksvoll und angreifbar:

  • Lichter. Weiße, rote und grüne Leuchtpunkte, die mit hoher Geschwindigkeit durch den Raum schossen, schwebten oder Sitzern auf die Handfläche tippten.
  • Bilder auf versiegelten Filmen. Das Markenzeichen von Scole: In ungeöffneten, teils unter Verschluss gehaltenen Filmrollen erschienen nach den Sitzungen Schriftzeichen, Diagramme, Porträts und rätselhafte Muster.
  • Apporte. Feste Objekte, die „aus dem Nichts" auftauchten – eine Churchill-Krone-Münze, Schmuck, eine alte Tageszeitung von 1944.
  • Direkte Stimme. Stimmen, die den verstorbenen Kommunikatoren zugeschrieben wurden und frei im Raum zu sprechen schienen.
  • Berührungen und Geräusche. Glockenklänge, Schritte, plätscherndes Wasser, das Antippen von Händen.

Arthur Ellison berichtete, einen Kristall vor sich materialisieren gesehen zu haben, der sich auflöste, als er danach griff. Es sind genau die Erzählungen, die im 19. Jahrhundert um Eusapia Palladino kreisten – nur ein Jahrhundert später.

Der Scole Report (1999)

1999 veröffentlichten Keen, Ellison und Fontana ihre Ergebnisse als Scole Report – ein 452 Seiten starkes Dokument in den Proceedings of the Society for Psychical Research. Der Kern ihrer Aussage war vorsichtig formuliert und gerade deshalb stark: Sie hätten in den von ihnen persönlich beobachteten Sitzungen keinen direkten Hinweis auf Betrug oder Täuschung finden können. Zugleich stellten sie klar, dass diese Untersuchungen nicht ausreichten, um ein Überleben des Bewusstseins nach dem Tod zu beweisen – dafür müssten weitere Untersuchungen folgen. Kein Beweis also, aber auch keine Entlarvung – ein Befund, der niemanden zufriedenstellte und alle herausforderte.

Die Kritik – ehrlich betrachtet

Hier verläuft die eigentliche Lehre des Falls. Die Kritik setzt nicht daran an, einen bestimmten Trick nachzuweisen, sondern an einem einfacheren Punkt: Die Bedingungen schlossen normale Erklärungen nicht stark genug aus, um außergewöhnliche Schlüsse zu rechtfertigen.

  • Völlige Dunkelheit. Es wurde im Finstern gearbeitet; Infrarotkameras, Restlichtverstärker und Videoaufnahmen waren nicht erlaubt.
  • Keine Kontrolle der Medien. Die Sitzer wurden vor und nach den Sitzungen nicht durchsucht und nicht fixiert – anders als in der strengen Tradition eines Crookes oder Schrenck-Notzing.
  • Gruppeneigenes Equipment. Ein Großteil der Apparate stammte von der Scole Group selbst, nicht von den Untersuchern.
  • Abgelehnte Verschärfungen. Als die Forscher strengere Kontrollen vorschlugen – etwa Infrarotfotografie oder etwas Restlicht –, wurden diese von den „Kommunikatoren" wiederholt verweigert. Skeptisch auftretende Besucher wurden teils von weiteren Sitzungen ausgeschlossen.

Dazu kamen konkrete Einwände. Der erfahrene Spuk-Ermittler Tony Cornell zeigte, dass sich die beweglichen Lichter mühelos mit LEDs an Stäben oder Fäden nachstellen lassen. Donald West und Alan Gauld hielten eines der angeblichen Geister-Fotos – ein Bild, das Arthur Conan Doyle zeigen sollte – für die manipulierte Kopie eines bekannten Porträts. Und der entscheidende Punkt traf das Markenzeichen selbst: Die versiegelten Film-Behälter erwiesen sich bei näherer Prüfung – unter anderem an der University of Nottingham – als nicht wirklich manipulationssicher; ein Konstruktionsdetail erlaubte es, an den Inhalt zu gelangen, ohne das Schloss anzutasten. Damit war die stärkste Säule des Scole-Beweises eingeknickt.

Einordnung

Das Scole-Experiment endete im November 1998, nachdem die Gruppe nach eigenen Angaben den Kontakt zu ihren Kommunikatoren verloren hatte. Was bleibt, ist kein Beweis – aber ein Musterfall für die Haltung, die der Überblicksartikel zur physikalischen Medialität empfiehlt: weder gläubige Übernahme noch reflexhafte Ablehnung. Drei seriöse Forscher haben über Jahre nichts entlarvt – und genau die eine Bedingung, die jede strenge Prüfung verhindert (die Dunkelheit, die abgelehnten Kontrollen), ist auch die, unter der Täuschung am leichtesten fällt. Scole ist damit das moderne Echo der Sitzungen mit Palladino und der Befunde von Charles Richet: faszinierend, unaufgeklärt, aber nicht beweiskräftig. Wer das Feld heute weiterführt und worauf es methodisch ankäme, zeigt der Forscher Eckhard Kruse; warum solche Forschung am Rand bleibt, behandelt der Beitrag über verborgenes Wissen und Machtlogik.

Quellen:
• M. Keen, A. Ellison, D. Fontana, The Scole Report, Proceedings of the Society for Psychical Research, Vol. 58, 1999.
• Grant & Jane Solomon, The Scole Experiment, 1999.
• Psi Encyclopedia (SPR), „The Scole Circle".
• Kritische Diskussion u. a. von Alan Gauld, Donald West und Tony Cornell innerhalb der SPR.

Mehr zum Thema in unserer kuratierten Wissen-Sammlung und der Artikelreihe zur Geschichte und Wissenschaft der Medialität.