In unseren Beiträgen taucht sein Name ständig auf – beim britischen Spiritualismus, beim Scole-Experiment, in der SAGB, wo eine Halle nach ihm benannt ist und sein Stuhl steht. Erklärt haben wir ihn nie. Das holen wir nach – und korrigieren dabei die Geschichte, die über ihn am häufigsten erzählt wird.
Die Legende
Sie geht so: Arthur Conan Doyle, Erfinder des kühlsten Rationalisten der Weltliteratur, verlor im Ersten Weltkrieg seinen Sohn – und wurde aus Trauer zum Spiritisten. Der Schöpfer von Sherlock Holmes, gebrochen vom Verlust, glaubt plötzlich an Geister.
Das ist eine gute Geschichte. Sie hat nur den Nachteil, dass Doyles eigene Bücher etwas anderes sagen.
Was er selbst schrieb
Sein Sohn Kingsley starb am 28. Oktober 1918 an einer Lungenentzündung, nachdem er 1916 an der Somme verwundet worden war. Im selben Jahr 1918 erschien Doyles Buch „The New Revelation" – sein öffentliches Bekenntnis zum Spiritualismus. Und dort schildert er seinen Weg selbst, in einer Ausführlichkeit, die keinen Zweifel lässt.
Nach dem Abschluss seines Medizinstudiums 1882, schreibt er, sei er „wie viele junge Ärzte ein überzeugter Materialist" gewesen, was das persönliche Weiterleben betraf. Um 1886 las er die Erinnerungen des amerikanischen Richters Edmonds über den Kontakt zu seiner verstorbenen Frau – „mit Interesse und absoluter Skepsis". In Southsea, wo er praktizierte, suchte er den Rat von General Drayson, einem der frühen britischen Spiritualisten.
Und dann die Stelle, an der die Legende zerbricht. Doyle erzählt, wie er in der spiritualistischen Zeitschrift Light auf eine Rubrik stieß, die abdruckt, was dreißig Jahre zuvor erschienen war:
Als ich diese Spalte kürzlich las, erschrak ich, als ich meinen eigenen Namen sah und den Nachdruck eines Briefes las, den ich 1887 geschrieben hatte und in dem ich einige interessante spirituelle Erfahrungen aus einer Séance schilderte.
Im selben Absatz datiert er seine endgültige Überzeugung – und zwar vor Kingsleys Tod: Es sei „erst in den letzten ein, zwei Jahren", dass er sich vom Beweismaterial überzeugt erklärt habe, weshalb man ihm nicht vorwerfen könne, voreilig geurteilt zu haben. Geschrieben 1918, veröffentlicht 1918 – der Sohn starb im Oktober desselben Jahres.
Doyles Interesse ist also mindestens einunddreißig Jahre alt, als er sich öffentlich bekennt, und seine Überzeugung reicht in die Zeit vor dem Verlust zurück. Der Krieg spielt eine Rolle, aber anders als erzählt: Er brachte massenhaften, plötzlichen Tod in fast jede britische Familie – Doyle verlor neben Kingsley auch seinen Bruder Innes, zwei Schwäger und zwei Neffen. Das Thema wurde drängend. Seine Position hatte er da schon.
Man kann das für falsch halten, was er glaubte. Aber die bequeme Erklärung, ein trauernder Vater habe den Verstand verloren, ist schlicht nicht das, was passiert ist. Bei Oliver Lodge liegt der Fall anders – dessen Sohn Raymond fiel 1915, und sein Buch darüber erschien 1916. Die beiden werden gern in einen Topf geworfen. Sie gehören nicht hinein.
Der Missionar
Was danach kam, war kein stiller Privatglaube. Doyle schrieb „The Vital Message" (1919), „The Coming of the Fairies" (1922) und die zweibändige „History of Spiritualism" (1926). Er reiste 1920 nach Australien und Neuseeland, um für die Sache zu werben, und hielt bis zu seinem Tod Vorträge in Großbritannien, Europa und den USA. Er setzte seinen Ruhm als meistgelesener Autor seiner Zeit vollständig für ein Thema ein, das ihm Spott eintrug.
Zu diesem Einsatz gehört auch der peinlichste Teil: Doyle veröffentlichte 1922 fünf Fotografien zweier Mädchen aus Cottingley, die angeblich Feen zeigten, und hielt sie für echt. Sie waren gefälscht – aus einem Kinderbuch abgezeichnete Figuren, mit Hutnadeln gestützt. Die beiden gaben es Jahrzehnte später zu. Wer Doyle verteidigen will, kommt an dieser Geschichte nicht vorbei, und er sollte es auch nicht versuchen.
Der Bruch mit Houdini
Die bekannteste Episode seines spiritualistischen Lebens ist der Zerfall einer Freundschaft. Harry Houdini, der berühmteste Entfesselungskünstler der Welt, und Doyle kannten sich seit Houdinis Auftritten im Brighton Hippodrome; die Houdinis waren bei den Doyles in Crowborough zu Gast. Beide mochten einander aufrichtig.
Am 17. Juni 1922 waren die Houdinis im Ambassador Hotel in Atlantic City bei den Doyles zu Besuch. Sir Arthur bot eine Séance an: Seine Frau Jean, die automatisch schrieb, habe das Gefühl, es könne eine Botschaft durchkommen. Houdinis Ehefrau blieb auf ausdrücklichen Wunsch draußen.
Was Houdini zwei Jahre später in „A Magician Among the Spirits" darüber schrieb, ist einer der genauesten Séance-Berichte, die wir haben. Der Tag sei ihm besonders wichtig gewesen, notiert er – es war der Geburtstag seiner Mutter. Und er kam nicht als Feind:
Ich war entschlossen, den Spiritualismus anzunehmen, wenn es Beweise gäbe, die stark genug wären, die Zweifel niederzuringen, die sich seit dreißig Jahren in meinem Kopf drängen.
Lady Doyle wurde, so Houdini, von einem Geist ergriffen, ihre Hände schlugen auf den Tisch, Sir Arthur versuchte sie zu beruhigen. Dann setzte sie ein Kreuz an den Kopf der Seite und begann zu schreiben; Sir Arthur riss die Blätter ab und reichte sie Houdini. Dessen Urteil ist nüchtern und traurig zugleich:
Ich saß gelassen durch das Ganze hindurch, hoffend und wünschend, ich möge die Gegenwart meiner Mutter spüren. Es gab nicht einmal den Anschein davon.
Sein sachlicher Einwand wog schwerer als das Gefühl: Seine Mutter habe, obwohl fast fünfzig Jahre in Amerika, weder Englisch sprechen noch lesen noch schreiben können – die Botschaft aber war in fließendem Englisch verfasst. Doyles Antwort darauf hält Houdini ebenfalls fest: Ein Geist werde gebildeter, je länger er hinübergegangen sei, und seine Mutter habe im Himmel Englisch gemeistert.
Es folgte eine Szene, die das Grundproblem beleuchtet. Doyle riet ihm, zu Hause selbst automatisch zu schreiben. Houdini nahm einen Bleistift und schrieb – nach eigener Aussage vollkommen bewusst und aus eigenem Antrieb – den Namen „Powell". Doyle sprang auf: Das sei sein verstorbener Mitstreiter Ellis Powell, „wahrlich, Saul ist unter den Propheten". Houdini erklärte, er habe an seinen Bekannten Frederick Eugene Powell gedacht, einen amerikanischen Zauberkünstler, mit dem er gerade in Geschäftskorrespondenz stand. Doyle blieb dabei; drei Tage später schrieb er ihm: „Nein, die Powell-Erklärung geht nicht."
Danach wurden aus Freunden öffentliche Gegner. Doyles eigener Ton in den Briefen, die Houdini abdruckt, bleibt dabei bemerkenswert menschlich – „Ich hasse es, mich mit einem Freund öffentlich zu duellieren, aber was soll ich tun, wenn du Dinge sagst, die nicht stimmen". Houdinis Urteil über ihn ist genauso treffend wie hart:
Er ist ein großer Leser, der aufnimmt, was er liest – aber er glaubt, was er gedruckt sieht, nur dann, wenn es dem Spiritualismus günstig ist.
Was bleibt
Doyle starb am 7. Juli 1930 in Windlesham Manor in Crowborough, einundsiebzigjährig, an einem Herzinfarkt. Er hatte die letzten zwölf Jahre seines Lebens einer Sache gewidmet, die ihn Ansehen kostete und die er trotzdem für die wichtigste seines Lebens hielt.
Für uns ist er weniger interessant als Kronzeuge – ein prominenter Gläubiger beweist nichts – denn als Fallstudie darüber, wie schnell eine eingängige Erzählung eine belegbare Geschichte verdrängt. Die Version vom trauernden Vater ist erzählbar in einem Satz. Die belegte Version braucht drei Jahrzehnte, einen Brief von 1887, einen Richter Edmonds und einen General in Southsea. Sie ist unbequemer. Sie ist aber die, die in seinen Büchern steht.
Quellen: Durchgehend die Bücher der Beteiligten selbst. Arthur Conan Doyle, The New Revelation (1918) – Kapitel „The Search", im Project Gutenberg im Volltext; ebenso The Vital Message (1919, dort) und The Coming of the Fairies (1922, dort). Die Séance vom 17. Juni 1922, die Zitate Houdinis und Doyles Briefe nach Harry Houdini, A Magician Among the Spirits (Harper & Brothers, 1924), ebenfalls im Volltext. Übersetzungen der Zitate von uns.
Mehr dazu in unserer kuratierten Wissenssammlung – und in unserem Beitrag über William Crookes, den Naturwissenschaftler, dem es ganz ähnlich erging.
