Remote Viewing: die Methode, das Protokoll, die Zahlen

Veröffentlicht am 2026-08-06 · Lesezeit ca. 13 Minuten

Über Remote Viewing gibt es viele Geschichten: der abgestürzte sowjetische Bomber, das Geheimprogramm der CIA, die Silber-Futures an der Börse. Was in diesen Geschichten meist untergeht, ist das Unspektakulärste daran – und zugleich das Entscheidende: das Verfahren. Remote Viewing ist nämlich weniger eine Begabung als ein Regelwerk. Wer es ernst nimmt, arbeitet mit Zielpools, blinden Beteiligten, standardisierten Stufen und einer Auswertung, die der Viewer selbst gar nicht beeinflussen kann. Dieser Artikel erklärt, wie eine Sitzung tatsächlich abläuft, wie sie ausgewertet wird, was die zusammengefasste Datenlage hergibt – und wo die Kritik ansetzt, die man kennen muss.

Was Remote Viewing ist – und was nicht

Remote Viewing bezeichnet den Versuch, Informationen über einen Ort, eine Person oder ein Ereignis zu gewinnen, zu dem der Beschreibende keinen sinnlichen Zugang hat. Der Begriff wurde in den 1970er Jahren am Stanford Research Institute (SRI) geprägt, und er wurde bewusst nüchtern gewählt: Man wollte einen Ausdruck, der weder nach Okkultismus noch nach Weltanschauung klingt, sondern nach einer Aufgabe im Labor.

Der Unterschied zu benachbarten Begriffen liegt weniger im Erleben als in der Umgebung. Hellsehen beschreibt eine Fähigkeit; Remote Viewing beschreibt eine Fähigkeit unter Protokoll. Und im Unterschied zur Mediumschaft geht es nicht um Kontakt zu Verstorbenen, sondern um eine sachliche Zielbeschreibung – wobei manche Praktizierende beides tun. Das Porträt von Birgit Fischer zeigt diese Doppelrolle aus der Innenperspektive.

Wichtig ist auch, was Remote Viewing nicht behauptet. Es ist keine Aussage darüber, wie die Information zustande kommt. Ob man das Bewusstsein für nicht lokal hält oder eine unbekannte physikalische Kopplung vermutet – das Protokoll ist von dieser Frage unabhängig. Es misst nur, ob Beschreibungen besser zu ihren Zielen passen, als der Zufall erlaubt.

Der Kern: das Protokoll, nicht die Begabung

Die eigentliche Leistung der SRI-Physiker Harold Puthoff und Russell Targ war nicht, außergewöhnliche Menschen zu finden, sondern eine Anordnung zu bauen, in der niemand versehentlich schummeln kann. Vier Bauteile tragen das Verfahren:

  • Der Zielpool. Vor der Sitzung wird eine Menge möglicher Ziele festgelegt – etwa hundert Orte im Umkreis. Für den Durchgang zieht jemand ein Ziel zufällig heraus. Nur so lässt sich später sinnvoll rechnen: Man weiß, gegen wie viele Alternativen die Beschreibung antritt.
  • Die Blindheit. Der Viewer kennt das Ziel nicht. Im strengen Fall (doppelblind) kennt es auch die Person nicht, die im Raum sitzt und die Sitzung führt – sonst kann sie es ungewollt durch Tonfall, Nachfragen oder Körpersprache verraten. Genau an diesem Punkt setzt fast jede ernstzunehmende Kritik an.
  • Der Zugriff auf das Ziel. Historisch gab es zwei Wege. Beim Outbounder- oder Beacon-Verfahren fährt ein Mitarbeiter zum gezogenen Ort und hält sich dort auf, während der Viewer beschreibt. Später kam das Coordinate Remote Viewing hinzu, bei dem der Viewer nur geographische Koordinaten oder gar nur eine bedeutungslose Zufallsnummer erhält. Die Nummer ist der radikalere Ansatz: Sie enthält nachweislich keine Information über das Ziel.
  • Das Feedback. Nach der Sitzung erfährt der Viewer, was das Ziel war – meist durch einen Besuch vor Ort oder ein Foto. Praktiker halten das für lernnotwendig. Methodisch ist es heikel, weil Feedback aus früheren Durchgängen die späteren beeinflussen kann; deshalb wird der Zielpool zwischen den Durchgängen üblicherweise nicht wiederverwendet.

Ein fünfter Begriff taucht in der Praxis ständig auf: Frontloading. Damit ist jede Vorabinformation gemeint, die der Viewer über das Ziel bekommt – etwa „es handelt sich um ein Gebäude". Im operativen Einsatz ist ein wenig Frontloading manchmal unvermeidlich. Für die Beweisführung ist es Gift, weil sich Treffer danach nicht mehr sauber vom Vorwissen trennen lassen.

Die sechs Stufen des Coordinate Remote Viewing

Zwischen Mitte der 1970er und Mitte der 1980er Jahre führte Ingo Swann am SRI die Entwicklung einer lehrbaren Methodik an. Das Ergebnis war das Coordinate Remote Viewing (CRV), später oft Controlled Remote Viewing genannt. Der Grundgedanke: Das Problem beim Beschreiben eines unbekannten Ziels ist nicht der Mangel an Eindrücken, sondern das vorschnelle Deuten. Wer aus einer Linie sofort „Brücke" macht, hat die Sitzung schon verloren. Die Stufen zwingen deshalb dazu, erst rohe Wahrnehmung zu protokollieren und Bedeutung so lange wie möglich hinauszuzögern.

StufeWas dort geschieht
IIdeogramm – eine spontane Stiftbewegung auf das Ziel hin, dazu die grobe Gestalt (Land, Wasser, Struktur, Bewegung).
IISinnesqualitäten: Farben, Temperaturen, Texturen, Geräusche, Gerüche – einzeln notiert, ohne Zusammenfassung.
IIIDimensionen und Skizzen: hoch, breit, tief, offen, geschlossen – die erste räumliche Anmutung.
IVOrdnung der Eindrücke in einer Matrix, inklusive der ausdrücklichen Trennung von Wahrnehmung und eigener Deutung.
VGezieltes Befragen einzelner Eindrücke, um analytische Aussagen über das Ziel zu gewinnen.
VIDreidimensionale Modellierung – der Viewer baut oder skizziert das Ziel und die Lage seiner Teile zueinander.

1983 und 1984 wurden sechs Angehörige der Militäreinheit in Fort Meade nach diesem Verfahren geschult; das Trainingshandbuch, das Tom McNear 1985 daraus schrieb, liest sich wie ein Arbeitsbuch mit Sitzungsprotokollen und Randnotizen. Wichtig für die Einordnung: Die Stufen sind eine Disziplinierungstechnik, kein Wirksamkeitsnachweis. Ob CRV bessere Ergebnisse liefert als freies Beschreiben, ist bis heute nicht sauber gegeneinander getestet worden.

Die Auswertung: warum das Ranking der eigentliche Trick ist

Hier liegt der Punkt, an dem Remote Viewing sich von jeder Wohnzimmer-Demonstration unterscheidet. Eine Beschreibung wie „etwas Rundes, Metall, Wasser in der Nähe" klingt immer irgendwie treffend, wenn man das Ziel schon kennt. Genau deshalb darf am Ende niemand urteilen, der das Ziel kennt.

Das Standardverfahren ist die Rangordnungs-Auswertung (rank-order judging). Ein unabhängiger Beurteiler, der weder die Sitzung noch die Zuordnung kennt, bekommt das Transkript und alle Ziele aus dem Pool – zum Beispiel fünf Orte. Er besucht sie oder sieht Fotos und bringt sie in eine Reihenfolge: Welcher Ort passt am besten zur Beschreibung, welcher am zweitbesten? Trifft der erste Rang häufiger zu, als bei fünf Alternativen zu erwarten wäre, ist das statistisch fassbar. Der Viewer kann dieses Ergebnis nicht beeinflussen, und der Beurteiler kann nicht zugunsten eines Ziels verrutschen, das er nicht kennt.

Der berühmteste frühe Durchgang dieser Art betraf Pat Price. Fünf SRI-Wissenschaftler, die sonst nicht beteiligt waren, besuchten neun Orte unabhängig voneinander und ordneten die Transkripte zu; in sechs von neun Fällen fiel die Mehrheitszuordnung richtig aus. Veröffentlicht wurde das 1974 in Nature – der Grund, warum das Thema überhaupt in der regulären Wissenschaft ankam.

Neben der Rangordnung gibt es das Bewerten einzelner Aussagen und Skizzen auf einer Skala, oft zusätzlich vom Viewer selbst. Das liefert feinere Werte, ist aber anfälliger für Auslegung – und wird deshalb meist nur ergänzend berichtet.

Associative Remote Viewing: die Abzweigung für Ja-oder-Nein-Fragen

Das Protokoll kann nur beschreiben, nicht antworten. Fragt man einen Viewer direkt, ob der Silberpreis steigt, hat man keinen Zielpool und keine saubere Auswertung mehr – und die Erfahrung im Feld ist, dass direkte Ja-oder-Nein-Fragen kaum funktionieren.

Die Umgehung heißt Associative Remote Viewing (ARV). Man koppelt jedes mögliche Ergebnis vorab an ein Objekt: Steigt der Preis, bekommt der Viewer hinterher einen Tannenzapfen zu sehen, fällt er, eine Muschel. Beschrieben wird also nicht der Markt, sondern das Feedback-Objekt der Zukunft. Wie das in der Praxis aussieht – und woran es scheiterte, als man es hochskalieren wollte –, steht ausführlich im Artikel über Delphi Associates und die Silber-Futures von 1982.

Was die Datenlage hergibt

Seit 2023 gibt es erstmals eine zusammenfassende Auswertung des gesamten Feldes. Patrizio Tressoldi und Debra Katz haben alle bis Ende 2022 auffindbaren Remote-Viewing-Studien gesichtet und nach Einschlusskriterien 36 Studien mit 40 Effektstärken ausgewertet. Das Ergebnis nach Ausschluss von Ausreißern: eine mittlere Effektstärke von 0,34 (95-%-Konfidenzintervall 0,22–0,45), ohne Anzeichen für einen Publikationsbias und mit nur geringem Rückgang über die Zeit. In Rohwerten übersetzt entspricht das einer Trefferquote von 19,3 Prozent über der Zufallserwartung (Konfidenzintervall 13,6–25 Prozent).

Das ist eine erklärungsbedürftige Zahl. Sie besagt nicht, dass ein Viewer ein Ziel „sieht" – sie besagt, dass über fünf Jahrzehnte und mehrere Labore hinweg die Zuordnungen systematisch besser ausfallen als erwartbar. Tressoldi und Katz ziehen daraus den Schluss, dass das Remote-Viewing-Protokoll im Vergleich zu anderen Versuchsanordnungen der außersinnlichen Wahrnehmung überdurchschnittlich gut abschneidet. Derselbe Forscher hat übrigens auch die Meta-Analyse zur Mediumsforschung vorgelegt.

Der zweite Bezugspunkt ist älter und war folgenreicher. Als die CIA 1995 das Regierungsprogramm bewerten ließ, beauftragte das American Institutes for Research zwei Gutachter: die Statistikerin Jessica Utts und den Psychologen Ray Hyman. Utts kam zu dem Schluss, der Effekt sei nach den Maßstäben, die man in anderen Wissenschaftsgebieten anlegt, hinreichend belegt. Hyman bestritt das. Bemerkenswert ist, worin beide übereinstimmten: dass die Effektstärken der späteren Studien konsistent waren und dass die Ergebnisse sich nicht durch die üblichen methodischen Standardeinwände wegerklären ließen. Hymans Einwand lief darauf hinaus, dass ein statistisch stabiler Effekt ohne Mechanismus und ohne unabhängige Replikation außerhalb des Feldes noch keine wissenschaftliche Tatsache ist. Diese Debatte ist im Artikel zum Stargate-Programm ausführlich dargestellt.

Die Gegenseite, ernst genommen

Wer sich für Remote Viewing interessiert, sollte die drei stärksten Einwände kennen – nicht als Pflichtübung, sondern weil sie den Blick dafür schärfen, was ein sauberes Protokoll leisten muss.

Hinweise in den Transkripten (1978). Die Psychologen David Marks und Richard Kammann versuchten, die SRI-Ergebnisse zu wiederholen, und fanden dabei etwas Unangenehmes: In den veröffentlichten Transkripten standen Nebenbemerkungen, aus denen sich die Reihenfolge der besuchten Orte erschließen ließ – Datumsangaben, Verweise auf frühere Durchgänge. Ein Beurteiler konnte damit richtig zuordnen, ohne dass irgendeine Wahrnehmung im Spiel war. Marks und Kammann veröffentlichten das 1978 in Nature, Marks legte 1981 nach. Die Gegenseite (Tart, Puthoff und Targ) ließ die Transkripte daraufhin bereinigen und neu beurteilen und berichtete, das Ergebnis bleibe bestehen; die Kritiker bestritten wiederum die Sorgfalt dieser Nachbesserung. Aufgelöst wurde der Streit nie vollständig. Sein bleibender Ertrag ist eine Regel, die heute selbstverständlich ist: Transkripte, die an Beurteiler gehen, müssen von jeder Kontextinformation befreit sein.

Informationslecks im Nachfolgeprogramm (1998).Richard Wiseman und Julie Milton nahmen sich das erste Experiment des SAIC-Programms vor – jener Studien also, die Utts und Hyman für die saubersten hielten – und beschrieben mögliche Wege, auf denen Information doch zum Beurteiler gelangt sein könnte. Edwin May widersprach; Wiseman und Milton antworteten. Wer die Debatte liest, merkt schnell, dass es nicht um Betrug geht, sondern um die Frage, wie viele unwahrscheinliche Kanäle man ausschließen muss, bevor ein Ergebnis zählt.

Die Lücke zwischen Statistik und Anwendung. Der ehrlichste Einwand kommt aus dem Programm selbst. Ein Effekt von rund 19 Prozent über dem Zufall ist wissenschaftlich hochinteressant und nachrichtendienstlich trotzdem schwierig: Wenn eine Beschreibung im Einzelfall richtig oder falsch sein kann und man vorher nicht weiß, welches von beidem, taugt sie nicht als alleinige Entscheidungsgrundlage. Genau das war 1995 der praktische Grund für die Einstellung – nicht der Nachweis, dass nichts da sei. Auch die spektakulären Einzelfälle, etwa die von Joseph McMoneagle, ändern daran nichts, denn Einzelfälle lassen sich nicht rückwirkend verblinden.

Was bleibt

Remote Viewing ist der wohl am besten dokumentierte Versuch, ein umstrittenes Phänomen in ein prüfbares Verfahren zu übersetzen. Der Ertrag ist eine Methodik, die viele andere Bereiche der Bewusstseinsforschung sich abgeschaut haben: Zielpool, blinde Beteiligte, unabhängige Beurteilung, Auswertung durch Rangordnung. Der zweite Ertrag ist eine Zahl, die klein, aber über fünf Jahrzehnte stabil ist.

Was fehlt, ist ein Mechanismus – und die Fähigkeit, im Einzelfall zu sagen, ob eine Beschreibung stimmt. Beides ist keine Kleinigkeit. Aber es ist eine andere Lage als die, die man gemeinhin annimmt: nicht ein widerlegtes Feld, sondern ein Befund ohne Theorie.

Quellen:
• R. Targ & H. Puthoff, Information transmission under conditions of sensory shielding, Nature 251, 602–607 (1974).
• H. Puthoff & R. Targ, A Perceptual Channel for Information Transfer over Kilometer Distances: Historical Perspective and Recent Research, Proceedings of the IEEE 64(3), 329–354 (1976).
• D. Marks & R. Kammann, Information transmission in remote viewing experiments, Nature 274, 680–681 (1978); D. Marks, Sensory cues invalidate remote viewing experiments, Nature 292 (1981).
• R. Wiseman & J. Milton, Experiment One of the SAIC Remote Viewing Program: A Critical Re-evaluation, Journal of Parapsychology 62(4), 297–308 (1998).
• J. Utts, An Assessment of the Evidence for Psychic Functioning, Gutachten für das American Institutes for Research (1995).
• P. E. Tressoldi & D. Katz, Remote Viewing: A 1974–2022 Systematic Review and Meta-Analysis, Journal of Scientific Exploration 37(3), 467–489 (2023).
Coordinate Remote Viewing Training Manual (Fassung nach dem SRI-Training, T. McNear 1985).

Die Geschichte hinter der Methode erzählen unsere Beiträge zum Stargate-Programm der CIA und zu den beiden SRI-Physikern Harold Puthoff und Russell Targ. Zu den einzelnen Viewern gibt es Porträts von Ingo Swann, Pat Price und Joseph McMoneagle. Angewandte Fälle behandeln die Silber-Futures von Delphi Associates, der Bolivien-Einsatz von Martin Zoller (dazu auch sein Porträt) sowie Birgit Fischer über Remote Viewing und die CIA. Wie es in anderen Ländern lief, steht unter Psi-Programme weltweit.