Zwischen Ende 1982 und Anfang 1983 führte die kalifornische Firma Delphi Associates eine der ungewöhnlichsten dokumentierten zivilen Anwendungen von Remote Viewing durch: neun aufeinanderfolgende Silber-Futures-Trades auf der COMEX, alle neun nach einem präzisen Protokoll vorhergesagt, alle neun korrekt, mit einem dokumentierten Gewinn von rund 120.000 US-Dollar für die beteiligten Anleger. Die Methode, die das ermöglicht hat – Associative Remote Viewing (ARV) –, ist konzeptionell so interessant, dass sie auch fast vierzig Jahre später noch in akademischer und semi-akademischer Literatur diskutiert und wiederholt wird. Der Beitrag rekonstruiert das Experiment Schritt für Schritt, beschreibt das anschließende Scheitern bei der Skalierung und ordnet die Lehre ein.
Wer war Delphi Associates?
Im Herbst 1982 verließ Russell Targ das Stanford Research Institute, an dem er zehn Jahre lang gemeinsam mit Harold Puthoff das Remote-Viewing-Programm aufgebaut hatte (siehe das Puthoff-Targ-Porträt und den SRI-Geller-Experimente-Beitrag). Zusammen mit dem Psychologen und Sensitiven Keith Harary – ebenfalls ein erfahrener Viewer – gründete er in Kalifornien Delphi Associates, eine kleine Beratungs- und Anwendungsfirma mit dem expliziten Ziel, die am SRI entwickelte Methodik in zivile Felder zu übertragen. Hauptfinanzier und Investor des Silber-Futures-Programms war Paul Temple, ein texanischer Unternehmer und langjähriger privater Geldgeber psi-Forschung.
Die Konstellation war ungewöhnlich: zwei wissenschaftlich ausgebildete Praktiker (Targ als Physiker, Harary als Psychologe), ein Investor mit echtem Risikokapital und ein Markt, der eine objektive, finanziell verifizierbare Auswertung erlaubte. Anders als bei Sitzungs-basierten parapsychologischen Versuchen war das Ergebnis nicht eine statistische Trefferquote im Labor, sondern die Frage, ob am Ende des Trades Geld da war oder nicht.
Das Grundproblem direkter psi-Marktvorhersagen
Wer in einem Remote-Viewing-Setting versucht, einen Markt direkt zu sehen – etwa „beschreibe, wie der Silberkurs morgen schließt" –, läuft in eine Reihe systematischer Probleme. Der Markt ist abstrakt; er hat keine sinnliche Gestalt, die ein Viewer erfassen könnte. Zahlen, Charts und Trends sind sekundäre Konstrukte, keine ursprünglichen Wahrnehmungsobjekte. Und das eigene Wollen des Viewers – Gewinn machen – ist ein direkter psi-missing-Auslöser: Sobald die Aufgabe instrumentell verfremdet wird, bricht die Trefferquote ein. Dieses Problem ist seit den ersten Versuchen mit Wigner-nahen Konfigurationen und seit den Sitzungsprotokollen der historischen Mediumforschung von William Crookes bis Charles Richet wohlbekannt.
Targs und Hararys Innovation war ein methodischer Trick, der den Viewer überhaupt nicht auf den Markt schauen lässt.
Associative Remote Viewing (ARV) – das Protokoll im Detail
Die Grundidee: Der Viewer wird nicht gebeten, die Marktbewegung vorherzusagen, sondern ein zukünftiges sinnliches Wahrnehmungsereignis zu beschreiben. Welches Wahrnehmungsereignis er später erleben wird, hängt vom Marktausgang ab – aber das weiß er nicht.
Schritt für Schritt durch einen Trial
- Auswahl der zwei Zielobjekte (Tag T, vor Trial-Beginn): Ein nicht am Viewing beteiligter Experimentator wählt zwei deutlich verschiedene physische Objekte – etwa eine raue Korkrinde und ein glattes Stoffstück, eine Feder und einen Stein, einen Plüschteddybären und einen Metallhammer. Eines der Objekte wird der Marktbewegung aufwärts zugeordnet, das andere der Marktbewegung abwärts. Welches für was steht, wird notiert und versiegelt; der Viewer erfährt nichts davon.
- Das Viewing (Tag T): Harary wird gebeten, seine Aufmerksamkeit auf ein zukünftiges, genau definiertes Wahrnehmungsereignis zu richten – beispielsweise „das Objekt, das du am folgenden Tag um 16:00 Uhr in der Hand halten wirst". Er beschreibt frei, was er „sieht": Formen, Texturen, Farben, Größen, Temperaturen.
- Schiedsrichter-Vergleich (Tag T): Ein dritter, ebenfalls am Viewing nicht beteiligter Schiedsrichter erhält Hararys Beschreibung und die zwei Zielobjekte und entscheidet, welchem der beiden Objekte die Beschreibung näher kommt. Damit ist die Marktprognose festgelegt.
- Trade (Tag T+1, vor Markteröffnung): Paul Temple führt den entsprechenden Silber-Futures-Trade auf der COMEX aus. Wenn der Schiedsrichter „aufwärts-Objekt" erkennt, wird long gegangen; bei „abwärts-Objekt" short.
- Marktauflösung (Tag T+1, Marktschluss): Der tatsächliche Tagesschluss wird festgestellt. Die zugehörige Marktbewegung wird mit dem versiegelten Zuordnungsschlüssel verglichen, und damit ist klar, welches der beiden Objekte das „echte Zielobjekt" dieses Trials war.
- Feedback (Tag T+1, nach Marktschluss): Harary wird genau dieses eine Objekt – und nur dieses – physisch gezeigt, in die Hand gegeben, beschrieben. Damit schließt sich der Wahrnehmungsbogen: Sein „Viewing" vom Vortag ist tatsächlich auf ein konkretes sinnliches Erlebnis zurückgekoppelt.
Der entscheidende Punkt: Harary sieht das jeweils nicht zutreffende Objekt zu keiner Zeit. Das schließt eine Reihe konventioneller Fehlerquellen aus:
- Er kann den Markt nicht direkt „sehen" und dafür „missen".
- Er kann keinen Lerneffekt zu „falschen" Feedbacks aufbauen, der spätere Trials verzerrt.
- Er weiß nicht, welcher Marktausgang welchem Objekt zugeordnet ist – die Zuordnung ist versiegelt.
- Sein eigenes finanzielles Interesse koppelt nicht direkt an die Aufgabe; die Aufgabe ist phänomenologisch, nicht kommerziell.
ARV ist damit ein elegantes Beispiel dafür, wie ein gutes Protokoll psi-Effekte sichtbar macht, indem es das, was den Effekt typischerweise zerstört (Druck, instrumenteller Eigennutzen, falsches Feedback), aus dem unmittelbaren Wahrnehmungsraum des Viewers entfernt.
Phase 1 – die neun-von-neun-Serie
Die erste Phase des Experiments lief über etwa neun Wochen, von Ende 1982 bis in das Frühjahr 1983 hinein. Pro Woche ein bis zwei Trades. Das Ergebnis ist in mehreren Quellen übereinstimmend dokumentiert: Neun aufeinanderfolgende Trades, alle neun korrekt. Die Zufallswahrscheinlichkeit für neun korrekte binäre Vorhersagen in Folge ist 1 zu 512 – also weniger als 0,2 Prozent. Der kumulierte Gewinn aus den entsprechenden COMEX-Trades lag bei rund 120.000 US-Dollar (in den damaligen Dollar; inflationsbereinigt für 2026 entspräche das ungefähr 400.000 US-Dollar).
Mit dieser Serie wurde der Fall auch in der Wirtschaftspresse rezipiert. Das Wall Street Journal berichtete kurze Zeit später ausführlich über das Experiment, und in den folgenden Jahren wurde der Fall in mehreren Investment-Magazinen, Talkshows und einer Vielzahl von Büchern zur angewandten Parapsychologie behandelt. Targ und Harary veröffentlichten ihre eigene Darstellung 1984 in dem Buch The Mind Race (Random House / Villard) – einer Primärquelle, die ein Jahr nach dem Experiment geschrieben wurde.
Phase 2 – das Scheitern bei der Skalierung
Nach dem Erfolg der ersten Serie versuchte das Delphi-Team, das Verfahren auszuweiten – mehr Viewer, mehr Trades, größeres Investitionsvolumen, mehr beteiligte Personen. Die Trefferquote brach ein. In den nachfolgenden Trials lag sie bei einigen Berichten sogar deutlich unter der Zufallserwartung – ein klassischer psi-missing-Effekt, den die parapsychologische Forschung seit J. B. Rhine in den 1930er Jahren regelmäßig beobachtet.
Targ und Harary haben diesen Einbruch später ausführlich diskutiert und auf mehrere ineinandergreifende Faktoren zurückgeführt:
- Gruppendynamik: Mehr Beteiligte bedeuteten mehr inkonsistente Erwartungen, mehr Konflikte über Trade-Entscheidungen und mehr emotionale Aufladung der einzelnen Sitzungen.
- Gier und Druck: Sobald der finanzielle Einsatz größer wurde, wurden auch die Sitzungen anders erlebt – ängstlicher, fokussierter auf das gewünschte Ergebnis, weniger entspannt-offen, was die Treffer der ersten Phase prägte.
- Skeptiker im Raum: Mit der Skalierung kamen Beteiligte hinzu, die methodisch zu Recht skeptisch waren, deren Skepsis aber in der Sitzungssituation als psi-hemmend wirkte – ein Effekt, den William Crookes bei Florence Cook und Charles Richet bei Eusapia Palladino bereits beschrieben hatten.
- Verlust des sauberen Protokolls: In der Praxis wurden Schritte abgekürzt, Feedback-Loops verändert, die ARV-Struktur aufgeweicht.
Das Experiment wurde im Lauf von 1983/84 schließlich beendet. Delphi Associates blieb als Beratungsfirma noch einige Zeit bestehen, übertrug sich aber zunehmend auf andere Forschungs- und Schulungsfragen.
Methodische Bewertung
Was das Delphi-Experiment wissenschaftlich so interessant macht, ist die Doppel-Lehre:
Was es zeigt
Phase 1 ist – methodisch sauber bewertet – ein gut dokumentierter Befund. Neun von neun korrekten binären Vorhersagen unter einem Protokoll, das die naheliegendsten konventionellen Erklärungswege ausschließt:
- Kein Lippenlesen, kein verbaler Hinweis – der Viewer kennt die Zuordnung der Objekte zur Marktbewegung nicht.
- Kein Insider-Wissen – die Objektwahl ist unabhängig von Marktinformation.
- Keine selektive Auswertung – jeder einzelne Trade wurde finanziell ausgeführt; man konnte nicht nachträglich die „guten" Trials auswählen.
- Keine subjektive Trefferbewertung – ein unabhängiger Schiedsrichter ohne Markt-Kenntnis bewertete die Übereinstimmung.
Was es nicht zeigt
Neun Trials sind statistisch eine kleine Serie. Ein 9-von-9-Ergebnis bei p = 1/512 ist signifikant, aber nicht ausreichend, um eine breite Hypothese wie „ARV funktioniert generell" tragfähig zu machen. Was es zeigt, ist: Unter sehr spezifischen Bedingungen war neunmal in Folge ein Effekt da, der nicht durch Zufall zu erklären ist. Die Phase 2 zeigt umgekehrt: Diese Bedingungen sind nicht einfach beliebig skalierbar.
Wie die Beteiligten es heute sehen
Russell Targ hat das Experiment in mehreren späteren Büchern – Limitless Mind (2004), The Reality of ESP (2012) – aus der Distanz mehrerer Jahrzehnte aufgearbeitet. Seine Selbstkritik ist konsistent: Phase 1 sei ein realer Befund, aber Phase 2 habe ihm gezeigt, dass psi-Effekte unter rein instrumentell-finanziellen Bedingungen empfindlich sind. „Wenn man psi nur dazu benutzen will, Geld zu verdienen, hört es auf zu funktionieren" – ein Satz, der in Targs späteren Vorträgen wiederkehrt.
Keith Harary hat sich aus der akademischen psi-Forschung später teilweise zurückgezogen und in andere Bereiche der angewandten Psychologie umorientiert. Auch Paul Temple hat sich aus dem Bereich zurückgezogen. Targ ist als einziger der drei bis heute, mit über neunzig Jahren, öffentlich aktiv und spricht regelmäßig über den Fall.
Folgen: PEAR und das Applied Precognition Project
Das Delphi-Protokoll war methodisch so überzeugend, dass es in der Folgezeit mehrfach nachgebaut wurde. Das PEAR-Labor in Princeton hat in den späten 1980er und 1990er Jahren eine Reihe von ARV-Studien durchgeführt, allerdings ohne die spektakulären finanziellen Ergebnisse der ersten Delphi-Serie zu reproduzieren – meist mit Trefferquoten knapp über Zufallserwartung, aber statistisch signifikant über vielen hundert Trials.
In den 2000er und 2010er Jahren entstand das Applied Precognition Project (APP), gegründet unter anderem von dem Pferdesport-Statistiker Marty Rosenblatt, das ARV systematisch für Finanzmarkt- und Sport-Wett-Anwendungen einsetzt. Das APP hat über Jahre statistisch signifikante, aber kleinere Effekte dokumentiert und damit den Hinweis aus Targs Phase 2 bestätigt: ARV liefert reproduzierbar oberhalb der Zufallserwartung, aber die Trefferquote der spektakulären Phase-1-Serie ist auf Dauer nicht haltbar.
Was bleibt
Die Silber-Futures-Serie von Delphi Associates ist eine der wenigen finanziell verifizierten Anwendungen einer parapsychologischen Methode: kein Labor-Effekt mit p-Werten, sondern reale COMEX-Trades mit realen Dollar-Beträgen. Sie ist methodisch durch das ARV-Protokoll auf eine Weise abgesichert, die konventionelle Erklärungen schwer macht. Und sie ist gleichzeitig durch ihre Phase 2 in der Skalierung gescheitert – auf eine Weise, die die Phase-1-Beobachtung nicht entwertet, aber sehr klar zeigt, unter welchen Bedingungen sie nicht funktioniert.
Wer sich mit der praktischen Anwendung von Remote Viewing beschäftigt, wird an dem Fall nicht vorbeikommen – weder als Beleg für die Möglichkeit noch als Lehrstück für die Grenzen.
Quellen: Russell Targ & Keith Harary, The Mind Race: Understanding and Using Psychic Abilities, Villard / Random House 1984 (Primärquelle der beiden Beteiligten). Jim Schnabel, Remote Viewers: The Secret History of America's Psychic Spies, Dell 1997 (Kapitel zu Delphi Associates, basierend auf Interviews aller Beteiligten). Russell Targ, Limitless Mind, New World Library 2004, sowie The Reality of ESP, Quest Books 2012 (Rückblick mit Selbstkritik). Lance Mungia, Third Eye Spies, Dokumentarfilm 2017 (Targ erzählt das Experiment selbst). Berichterstattung im Wall Street Journal 1984. PEAR-Replikationsstudien aus den 1990er Jahren, Journal of Scientific Exploration. Marty Rosenblatt et al., Applied Precognition Project (online, fortlaufend ab ca. 2007).
