Wer sich durch die seriöse Forschung zu Mediumschaft, Nahtoderfahrungen und Nachtodkontakten liest, stößt früher oder später auf einen Namen, der in keiner der Studien im Mittelpunkt steht und trotzdem fast überall auftaucht – im Kleingedruckten, in der Danksagung, in der Zeile über die Finanzierung: Fundação BIAL. Die portugiesische Stiftung ist einer der wenigen Geldgeber weltweit, die Psychophysiologie und Parapsychologie systematisch und über Jahrzehnte fördern. Dieser Artikel erklärt, wer dahintersteht, wie viel Geld tatsächlich fließt, welche der hier vorgestellten Studien davon leben – und was Kritiker dagegen einwenden.
Eine Stiftung zwischen Pharmaunternehmen und Universitäten
Die BIAL-Stiftung wurde 1994 gegründet, und zwar nicht von einem Privatmann allein, sondern von zwei Seiten gemeinsam: vom portugiesischen Pharmaunternehmen Bial und vom Rat der Rektoren der portugiesischen Universitäten (Conselho de Reitores das Universidades Portuguesas). Beide Institutionen stellen bis heute Vertreter in die Leitung. Diese Konstruktion ist wichtiger, als sie klingt: Die Stiftung ist dadurch keine reine Firmenstiftung, sondern institutionell an das portugiesische Universitätssystem angebunden.
Ihre erklärte Aufgabe formuliert sie selbst denkbar weit: die wissenschaftliche Erforschung des Menschen „sowohl aus physischer als auch aus spiritueller Perspektive" zu fördern. Der Mann hinter dieser Formulierung ist Luís Portela, Arzt, von 1979 bis 2021 Präsident des Unternehmens Bial und heute Präsident der Stiftung. Portela macht aus seiner persönlichen Motivation keinen Hehl: Das Interesse an Spiritualität und Parapsychologie habe ihn überhaupt erst zur Medizin gebracht, sagt er in Interviews, und er hat mehrere Bücher zum Thema veröffentlicht. Genau dieser Punkt – ein Stifter mit weltanschaulichem Eigeninteresse – ist später der Kern der Kritik. Dazu unten mehr.
Das Förderprogramm in Zahlen
Das Herzstück der Stiftung ist ein alle zwei Jahre ausgeschriebenes Stipendienprogramm für Forschungsprojekte in Psychophysiologie und Parapsychologie. Die Zahlen, die die Stiftung selbst mit Stand September 2025 veröffentlicht, geben ein ungewöhnlich klares Bild:
- Bis 60.000 Euro Fördersumme pro Projekt.
- 3.722 Anträge insgesamt, davon 946 bewilligte Projekte.
- Beteiligt waren rund 1.900 Forscherinnen und Forscher aus 31 Ländern.
- In der jüngsten Ausschreibung lag die Bewilligungsquote bei 19 Prozent – vier von fünf Anträgen werden also abgelehnt.
- Aus der Förderung von 1994 bis 2024 gingen 2.141 Artikel in indexierten Fachzeitschriften hervor, rund die Hälfte davon in Q1-Journals, also im obersten Viertel ihres Fachgebiets.
Wie viel davon auf Parapsychologie im engeren Sinn entfällt, beziffert die Psi Encyclopedia der Society for Psychical Research: „Etwa 30 % der Stipendien gehen in die Parapsychologie, weitere 19 % liegen zwischen Parapsychologie und Psychophysiologie." Rechnerisch heißt das: Knapp die Hälfte der Fördermittel einer Stiftung, die insgesamt im Millionenbereich arbeitet, fließt in ein Feld, das an den meisten Universitäten kein reguläres Budget hat.
Und der Rest ist bemerkenswert konventionell. Die Stiftung vergibt daneben mehrere klassische medizinische Preise: den Prémio Bial de Medicina Clínica (120.000 Euro, seit Mitte der 1980er Jahre in 21 Ausgaben verliehen), den 2018 gestifteten Bial Award in Biomedicine (350.000 Euro, seit 2019 alle zwei Jahre), den Maria de Sousa Award für junge portugiesische Forschende gemeinsam mit der portugiesischen Ärztekammer und die Nuno Grande Doctoral Scholarships. Wer die Stiftung auf Parapsychologie reduziert, beschreibt nur den kleineren Teil ihrer Tätigkeit.
„Behind and Beyond the Brain"
Seit 1996 richtet die Stiftung alle zwei Jahre ein Symposium mit dem programmatischen Titel Behind and Beyond the Brain aus – hinter das Gehirn und über es hinaus. Die Reihe entstand ursprünglich aus einem praktischen Bedürfnis: Die Stipendiatinnen und Stipendiaten sollten einen Ort haben, an dem sie ihre Projekte vorstellen und diskutieren können. Daraus wurde eine der wenigen Konferenzen, auf denen Hirnforschung und Grenzgebietsforschung im selben Saal sitzen.
Das zeigt die Rednerliste deutlicher als jede Selbstbeschreibung. Neben Parapsychologen wie Dean Radin, Edwin May, Robert Morris, Ian Stevenson und Peter Fenwick standen dort Neurowissenschaftler vom Rang eines António Damásio, des Traumforschers Allan Hobson, des Harvard-Psychologen Stephen Kosslyn oder des Schlafforschers Robert Stickgold auf der Bühne. Die Themen der einzelnen Ausgaben spiegeln dieselbe Doppelnatur: Exceptional Experiences, Consciousness and Brain, Memory, Sleep and Dreams, Intuition and Decision-making, Mind-matter Interactions, Placebo effects, Healing and Meditation, The Mystery of Time, zuletzt Creativity.
2014 kam ein Dokumentationszentrum dazu: eine öffentlich durchsuchbare Datenbank aller geförderten Projekte seit 1994, mit den zugehörigen Arbeiten und Symposiumsbeiträgen zum Herunterladen. Wer wissen will, was mit dem Geld tatsächlich geschehen ist, kann es nachschlagen – eine Transparenz, die in diesem Feld nicht selbstverständlich ist.
Warum das für die Mediumsforschung zählt
Der Grund, warum die Stiftung auf HeavenConnect immer wieder auftaucht, ist einfach: Ohne sie gäbe es einen erheblichen Teil der Studien nicht, über die wir hier schreiben.
- Windbridge. Als Julie Beischel 2008 gemeinsam mit Mark Boccuzzi das Windbridge Institute gründete, gehörte ein BIAL-Stipendium zur Anschubfinanzierung. Auch später wurden Windbridge-Projekte aus dem Programm gefördert.
- Die EEG-Studie von 2013. Arnaud Delorme, Julie Beischel, Leena Michel, Mark Boccuzzi, Dean Radin und Paul J. Mills untersuchten die Hirnaktivität von Medien während des subjektiv erlebten Kontakts – erschienen in Frontiers in Psychology (Band 4, Artikel 834). Im Finanzierungshinweis steht wörtlich: „This study was supported by a research bursary from the Bial Foundation." Sie ist damit eine der Vorarbeiten zu dem, was Jeffrey Tarrant später mit bildgebenden Verfahren vertieft hat.
- Die ADC-Studie. Das internationale Forschungsprojekt zu spontanen Nachtodkontakten um Evelyn Elsässer, Chris Roe, Callum Cooper und David Lorimer – mit über 1.300 Teilnehmenden in sechs Sprachen die größte Erhebung ihrer Art – wird unter anderem von der BIAL-Stiftung und der Society for Psychical Research getragen.
- Nahtodforschung.Bruce Greyson gehört zum engeren Kreis der eingeladenen Referenten der Symposienreihe; das ausführliche Porträtvideo über seine Arbeit an der University of Virginia stammt von der Stiftung selbst und ist in unserer Wissen-Sammlung verlinkt.
Dasselbe Muster ließe sich für andere Namen fortschreiben: Etzel Cardeña, Chris Roe und Christine Simmonds-Moore etwa finden sich in den Bewilligungslisten der jüngeren Ausschreibungen. Wer in diesem Feld eine Studie mit Kontrollgruppe, Verblindung und Vorregistrierung durchführen will, braucht Geld dafür – und die Zahl der Adressen, an denen man es beantragen kann, ist überschaubar.
Was Geld strukturell verändert
Man kann die Bedeutung einer Förderstiftung leicht unterschätzen, weil sie in keiner Fußnote eine These vertritt. Tatsächlich entscheidet Finanzierung aber darüber, welche Fragen überhaupt in einer Form gestellt werden können, die methodisch standhält. Ein fünffach-verblindetes Protokoll mit bezahlten Probanden, geschulten Auswertern und statistischer Vorregistrierung kostet ein Vielfaches dessen, was ein interessierter Einzelforscher aus eigener Tasche aufbringt.
Genau hier liegt der eigentliche Effekt: Die Stiftung koppelt ihre Mittel an wissenschaftliche Standards. Anträge durchlaufen ein Auswahlverfahren mit hoher Ablehnungsquote, geförderte Projekte sollen publiziert werden, und die Bilanz wird an der Zahl indexierter Veröffentlichungen gemessen. Dass rund die Hälfte dieser Arbeiten in Q1-Zeitschriften erscheint, ist ein Qualitätsmerkmal, das sich nicht durch Wohlwollen erzeugen lässt – über die Annahme entscheiden Fachgutachter, die mit der Stiftung nichts zu tun haben.
Für ein Feld, das an Universitäten kaum institutionalisiert ist, bedeutet das etwas Bestimmtes: Die Forschung ist nicht verschwunden, sie ist verlagert. Private Geldgeber sind in der Wissenschaft dabei nichts Ungewöhnliches – Industriedrittmittel, Auftragsforschung und Stiftungsprofessuren gehören an jeder Hochschule zum Alltag. Der Unterschied ist, dass privates Geld dort zur Grundausstattung hinzukommt, während es hier an ihre Stelle tritt: Wo es keine Lehrstühle, keine Institutsetats und kaum öffentliche Forschungsförderung durch DFG und vergleichbare Einrichtungen gibt, bleibt eine Handvoll privater Stiftungen als einzige Adresse übrig. In Deutschland ist das vergleichbar mit der Rolle, die das IGPP in Freiburg spielt.
Die Gegenseite
Die Stiftung hat prominente Kritiker, und ihre Einwände verdienen es, genau benannt zu werden. Der bekannteste ist der Physiker Carlos Fiolhais (Universität Coimbra), einer der einflussreichsten Wissenschaftsjournalisten Portugals, der die Förderung im Blog De Rerum Natura öffentlich angegriffen hat. Seine Argumente laufen auf drei Punkte hinaus:
- Die von Portela verwendeten Begriffe seien unscharf – die „Energie", von der in dessen Büchern die Rede sei, habe „nichts mit der Energie der Physik zu tun".
- Phänomene wie Telepathie oder Kommunikation mit Verstorbenen seien wissenschaftlich nicht belegt, und viele der angeführten Arbeiten hätten nicht genug Belastbarkeit.
- In der Parapsychologie habe es historisch viel Betrug gegeben – ein Einwand, den Portela selbst nicht bestreitet, sondern auf das 19. Jahrhundert bezieht und mit dem Hinweis beantwortet, dass in der Psychologie ebenfalls betrogen werde.
Der erste Einwand trifft eine reale Schwäche, allerdings eine der populären Bücher des Stifters, nicht der geförderten Studien: Wer physikalische Begriffe metaphorisch verwendet, muss sich Nachfragen gefallen lassen. Der zweite Einwand ist die eigentliche Streitfrage und lässt sich nicht per Verdacht entscheiden, sondern nur an den Daten – etwa an der Meta-Analyse von Patrizio Tressoldi, die genau diese Frage quantitativ stellt. Der dritte Einwand gilt und gilt zugleich für jedes Feld mit hohem Publikationsdruck.
Bleibt der strukturelle Verdacht, der in solchen Debatten meist mitschwingt: Ein Geldgeber mit weltanschaulichem Eigeninteresse könnte Ergebnisse in eine Richtung ziehen. Das ist ein legitimer Punkt – nur wird er dadurch beantwortet, wie das Geld vergeben wird, nicht dadurch, wer es gibt. Ein Antragsverfahren mit 19 Prozent Bewilligungsquote, unabhängiges Peer-Review bei der Veröffentlichung und eine öffentliche Projektdatenbank sind genau die Instrumente, mit denen sich dieser Verdacht prüfen lässt. Wer der Stiftung Ergebnissteuerung vorwirft, müsste sie an diesen Stellen nachweisen. Umgekehrt wäre es unredlich, so zu tun, als wäre Industriefinanzierung anderswo in der Medizin ein gelöstes Problem.
Fazit
Die BIAL-Stiftung ist kein Forschungsinstitut und vertritt keine These. Sie ist Infrastruktur – und sie ist der Grund, warum ein Teil der Fragen, um die es auf dieser Seite geht, überhaupt unter Laborbedingungen untersucht wird statt nur diskutiert. Wer die Studienlage zu Mediumschaft, Nahtoderfahrungen und Nachtodkontakten ernsthaft prüfen will, sollte wissen, wer sie bezahlt; das gehört zur Beurteilung dazu. Und wer sie prüft, wird feststellen: Die Bedingungen, unter denen dieses Geld vergeben wird, sind strenger als der Ruf des Feldes vermuten lässt.
Quellen:
• Fundação BIAL, An overview of the Bial Foundation (Informationsblatt, Stand September 2025) sowie Grants for Scientific Research, fundacaobial.com.
• Society for Psychical Research, Psi Encyclopedia, Eintrag Bial Foundation, psi-encyclopedia.spr.ac.uk.
• Arnaud Delorme, Julie Beischel, Leena Michel, Mark Boccuzzi, Dean Radin & Paul J. Mills, Electrocortical activity associated with subjective communication with the deceased, Frontiers in Psychology 4 (2013), Artikel 834, doi:10.3389/fpsyg.2013.00834.
• Carlos Fiolhais, Sobre a parapsicologia apoiada pela Fundação Bial, Blog De Rerum Natura (2018).
• Interviews mit Luís Portela, u. a. Diário de Notícias und Revista Líder (Portugal).
Mehr zum Thema findest Du in unserer kuratierten Wissen-Sammlung – dort sind Interviews und Studien zu medialer Forschung, Nahtoderfahrungen und der wissenschaftlichen Debatte verlinkt.
